Markus Mohr (Hg.)

Legenden um Entebbe

Ein Akt der Luftpiraterie und seine Dimensionen in der politischen Diskussion

ISBN 978-3-89771-587-5
Erscheinungsdatum: Juni 2016
Seiten: 400
Ausstattung: softcover
19,80 €

Beschreibung

Am 27. Juni 1976 wurde eine Air-France Maschine auf dem Flug von Tel Aviv nach Paris gekapert und nach Entebbe in Uganda entführt. Über 250 Geiseln gerieten in die Verfügungsgewalt eines westdeutsch-palästinensischen Kommandos. Ziel war die Freipressung von 53 politischen Gefangenen in den Gefängnissen von Kenia, Israel, Frankreich, der Schweiz und der Bundesrepublik. Der Staatspräsident von Uganda, Idi Amin, besuchte mehrfach die Geiseln in dem alten Terminal des Flughafens. Nachdem ein Teil der Passagiere von den Luftpiraten freigelassen worden waren, wurde die Entführung in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli durch einen überraschenden Coup der israelische Armee beendet. Es gab viele Tote, an die hundert Geiseln wurden befreit.

Die Tatsache, dass zwei westdeutsche Guerillas der Revolutionären Zellen mitverantwortlich für die Entführung jüdischer und israelischer Geiseln waren, löst bis in die Gegenwart anhaltende Diskussionen aus. Kann Entebbe – wie vielfach behauptet – als ultimativer Beweis für den Antisemitismus der Linken gelten?

»Das Geiseldrama von Entebbe wird Gegenstand von Forschung, Dichtung und Legende sein.« – Yitzhak Rabin

Während die Ereignisse bisher kaum wissenschaftlich erforscht sind, ist ihre diskursive Bedeutung vielfältig aufgeladen. Die quellenkritisch fundierten Beiträge in diesem Buch hinterfragen das ›Selektionsnarrativ‹ und beleuchten die damit verknüpften Interessen damaliger wie gegenwärtiger Akteure. Das kann bedeuten, die Dinge noch komplizierter zu fassen, als sie ohnehin schon sind.

»ein Buch (...), das politische Kontroversen auslösen dürfte.« – Peter Nowak, Blog-Beitrag in ›derFreitag-Community‹, 10. August 2016

»Wer künftig über ›Entebbe‹ öffentlich reden oder schreiben will, wird um das Buch nicht herumkommen.«Jens Renner, analyse & kritik 619, 20. September 2016

Autor_innen

Markus Mohr

Markus Mohr kam etwa drei Monate, bevor Adolf Eichmann in Ramla gehenkt wurde, auf die Welt. Hat das in der Schule gelernte Lied »Hevenu shalom alejim« bis auf den heutigen Tag nicht verlernt. Verteidigte die besetzten Häuser in der Hamburger Hafenstrasse wie ein kleiner Satan, auch wenn ihm dort das wie die DDR zuvor in Anführungsstriche gesetzte »Israel« schon damals »spanisch« vorkam. Hatte deswegen mit einer begehrenswerten Genossin großen Krach. Demonstrierte Ende 1988 für die Intifada in den besetzten Gebieten Palästinas. Wünscht sich auch heute noch sehr, dass alle Christen, Juden und Muslime oder im Quantensprung noch besser: alle Ungläubigen in der Region Israel / Palästina, wenn auch nicht immer frei von Konflikten, so aber doch – ob mit oder ohne Staat – irgendwie notfalls auch im faulen Frieden und ohne jede Form von Apartheid leben können.


Gerhard Hanloser

Gerhard Hanloser hat Soziologie, Geschichte, Pädagogik und Deutsch studiert, lebt und arbeitet in Berlin und vertreibt sich die Zeit mit Privatstudien u.a. zum Antisemitismus, der Neuen Linken und dissidenten Strömungen der Arbeiterbewegung.


Alexander Sedlmaier

Alexander Sedlmaier ist Senior Lecturer für die Geschichte der Moderne an der Universität Bangor in Wales. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der sozialen Bewegungen, der politischen Gewalt und des Konsums. Sein Buch »Consumption and Violence: Radical Protest in Cold-War West Germany« (Ann Arbour: Michigan University Press, 2014) brachte die erneute Beschäftigung mit der Flugzeugentführung von Entebbe ins Rollen. Darüber hinaus ist er Co-Autor des unterhaltsamen Aufsatzes »›1968‹ als Katalysator der Konsumgesellschaft: Performative Regelverstöße, kommerzielle Adaptionen und ihre gegenseitige Durchdringung«, in: Geschichte und Gesellschaft 32 (2006): 238–267 (gemeinsam mit Stephan Malinowski). Gegenwärtig arbeitet er an einer Überblicksdarstellung zum Verhältnis von Krieg und Protest im 20. Jahrhundert.


Freia Anders

Freia Anders arbeitet am Historischen Seminar der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Sie forscht zur Geschichte der radikalen Linken, der politischen Gewalt und zur Geschichte des Nationalsozialismus und seiner juristischen Aufarbeitung. Zusammen mit Alexander Sedlmaier ist sie Herausgeberin des Bandes »Public Goods versus Economic Interests. Global Perspectives on the History of Squatting« (New York: Routledge, 2016). Derzeit (2016) widmet sie sich der Geschichte der Protestbewegung gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens und blendet dabei auch die Revolutionären Zellen nicht aus.


Vanessa Höse

Vanessa Höse ist promovierte Historikerin und hat in Köln und Buenos Aires zu lateinamerikanischer Geschichte geforscht. Sie interessiert sich für mediale Diskurse und Bildwelten, die sich global ausbreiten, interagieren und gesellschaftliche Wahrheiten herstellen.


Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann, 1949 in Tel-Aviv geboren, lebte zwischen 1960 und 1970 in Deutschland (Frankfurt am Main). Nach seiner Rückkehr nach Israel Studium der Soziologie, Politologie und Geschichte an der Universität Tel-Aviv. Lehrt seit 1990 am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas (TAU). 2000–2005 Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte (TAU). 2009–2013 akademischer Leiter der Sigmund-Freud-Privatstiftung in Wien. Forschungsschwerpunkte: Geschichte und Philosophie der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften; Frankfurter Schule; Ästhetische Theorie und Kunstsoziologie; der Einfluss der Shoah auf die politischen Kulturen Israels und Deutschlands.


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Hintergrundinfos

Zum Essay von Velten Schäfer, nd

»Im Vorwort zum Band […] entschuldigt sich der Herausgeber für sein Laientum. Doch seine Veröffentlichung blamiert Teile der akademischen Zeitgeschichte schon bei den einfachsten Details. ... Die ›Zunft‹ muss dieses Buch schon deshalb zur Kenntnis nehmen.« – Velten Schäfer, nd, 25./26. Juni 2016


Das Erscheinen des Buches ›Legenden um Entebbe‹ hat eine heftige Debatte ausgelöst: Jungle World, Disko,  Frühsommer 2017