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Die Erinnerung darf nicht sterben...

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Beschreibung

„Vorbereitung zum Hochverrat, Abhören ausländischer Sender und Wehrkraftzersetzung“. So lautete der Haftbefehl, mit dem die damals 23jährige Hamburgerin Barbara Reimann 1943 gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater von der Gestapo verhaftet wurde. Ohne Prozeß, mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“, wurde Barbara Reimann und ihre Mutter wenig später ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt.
In »Die Erinnerung darf nicht sterben…« schildert die „Tochter einer typischen Hamburger Arbeiterfamilie“ ihren Weg in den Widerstand gegen das Naziregime, den alltäglichen Kampf ums Überleben in Ravensbrück und das Bemühen, nach 1945 einen politischen Neuanfang mitzugestalten. Die Biografie eines Frauenlebens, das eng mit der Geschichte der kommunistischen Bewegung in Deutschland verbunden und gleichzeitig immer von kritischer Distanz zu den jeweils Herrschenden geprägt war.

"Die Erinnerung darf nicht sterben" ist eine lebendige und fesselnde Lebensgeschichte einer engagierten Antifaschistin, die zu den Menschen des Widerstandes gehört, "über die es vor allem zu sprechen gilt, wenn vom Widerstand die Rede ist."
DÜ, aktuelles; Herbst-Winter 2000

Vorwort

Die erste Begegnung mit Barbara Reimann kam eher zufällig zustande. Für eine Artikelserie über Menschen, die in Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime aktiv gewesen waren, suchten wir zum 50. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus 1995 nach Überlebenden, die wir interviewen könnten. Eine Ravensbrück-Überlebende aus Dresden vermittelte eine Berliner Telefonnummer, und nach einem knappen Gespräch am Telefon mit dem unmißverständlichen Nachsatz – »eigentlich mache ich das nicht mehr so gerne, weil wir alle schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht haben« – gab Barbara ihre Zustimmung zu einem Interview.
Aus einem für zwei Stunden geplanten Interview im April 1995 wurde ein intensives Gespräch, das sich bis spät in den Abend hinzog. Es folgten weitere Treffen mit Kaffee und Kuchen, zu denen weitere Freundinnen und Freunde mitgenommen wurden. Sich Barbaras lebhafter Art, ihrem Humor, ihren energischen Nachfragen – »warum interessiert Euch das alles?« –, ihrem Wunsch nach Diskussionen – »und was haltet Ihr von der PDS?« – zu entziehen, war unmöglich. Was uns faszinierte, war die Offenheit, mit der die damals 75jährige Widersprüche und falsche Einschätzungen einräumte; aber auch ihr Festhalten an ihren politischen Überzeugungen. Barbara bestand darauf, daß wir ihr Leben als das »eines Kindes aus einer ganz normalen Hamburger Arbeiterfamilie« begriffen. Und genauso neugierig, wie wir auf die Geschichten dieser »ganz normalen Frau« waren, war sie auf unsere Einschätzungen tagespolitischer Entwicklungen und politischer Vorstellungen.
Nachdem der Artikel zum 50. Jahrestag der Befreiung geschrieben und von Barbara als »lesbar« abgesegnet worden war, wollten wir den Kontakt nicht abreißen lassen. Uns hatte der Wunsch gepackt, das Leben dieser Frau, mit der wir genauso intensiv über Kochrezepte, die wachsenden Aktivitäten von Neonazis in Berlin oder die Streitigkeiten zwischen den ehemaligen Häftlingsorganisationen und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten diskutierten, zu dokumentieren.
Nach einigem Zögern entschloß sich Barbara dazu. »Ich wollte nie im Mittelpunkt stehen«, war ihr erster Satz, als wir das Aufnahmegerät auspackten und zwischen Blumen und Papierstapel auf Barbaras Eßtisch stellten. Was folgte, waren Gespräche und Verabredungen zu Ausflügen in die Vergangenheit, die sich über fünf Jahre hinzogen. Gemütliche Abendessen, Fahrten nach Ravensbrück und ins Berliner Umland, Spaziergänge in Hamburg, Diskussionsveranstaltungen, Besuche von Barbara in unseren Wohngemeinschaften mischten sich mit kurzen Verabredungen, die mehr von wechselseitigen Alltag geprägt waren – von Barbaras sich verschlechterndem Gesundheitszustand, von Uniprüfungen, Auslandsaufenthalten, anderen politischen Projekten. Nicht immer verliefen die Gespräche stringent, mal war es ein Foto oder ein verschollenes Dokument, das unser sorgfältig durchdachtes Fragekonzept über den Haufen warf. Es gab Momente, in denen die Frau mit der Ravensbrücker Häftlingsnummer 37301 nur mühsam die Fassung bewahrte – wie an jenem Januartag 1997, als ihr eine Freundin aus Hamburg die Kopie einer Liquidationsliste geschickt hatte, auf der die Hamburger Gestapo die Namen jener Häftlinge vermerkt hatte, die noch kurz vor der endgültigen Niederlage Nazi-Deutschlands hingerichtet werden sollten. Über fünfzig Jahre nachdem Barbara gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Patentante 1944 mit dem Vermerk »Rückkehr unerwünscht« auf Transport nach Ravensbrück gegangen war, erinnerte diese Liste mit brutaler Deutlichkeit daran, wie knapp sie dem Tod entkommen war.
Unsere Motivation, Barbaras Leben in einem Buch zu veröffentlichen, setzt sich aus vielen Fragmenten zusammen: vor allem aus unseren Fragen, wie es kam, daß Menschen sich dazu entschlossen, Widerstand zu leisten. Wie war es möglich, Gestapohaft und Konzentrationslager zu überleben? Wie gehen Menschen mit dem Wissen um, von ehemaligen politischen Weggefährten, denen sie vertrauten, verraten und ins Gefängnis gebracht zu werden? Aus unserem Interesse, jenseits von Heldinnenverehrung und Mythen einen Lebensweg zu dokumentieren, den wir spannend, ungewöhnlich und zugleich auch repräsentativ fanden.
Dem Buch ist ein umfangreicher Anmerkungsteil angefügt, in dem geschichtliche Ereignisse und Personen, die Barbaras Leben gekreuzt haben, näher erläutert werden. Der Anhang mit mehreren Texten zur Lagergemeinschaft Ravensbrück und ein umfangreicher Bild- und Dokumententeil schließen das Buch ab.
Dieses Buch wäre ohne die Hilfe von vielen FreundInnen, ZeitzeugInnen und Überlebenden nicht möglich gewesen. Unser besonderer Dank gilt der Ehren-Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Ravensbrück Gertrud Müller, Irmgard Konrad, Ingrid Rabe, der Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Ravensbrück Rosel Vadehra-Jonas und der stellvertretenden Vorsitzenden Ursel Ertel-Hochmuth sowie Herbert Diercks, Carola Tischler und Christa Schikorra. Darüber hinaus möchten wir uns bei Ahlrich, Claudia, Klaus, Philipp, Ulrike, Viola und dem einen Berliner Freundinnenkreis für ihre Unterstützung sowie bei Patricia für das gründliche Lektorat bedanken.
Die Herausgeberinnen, Berlin im Frühjahr 2000








2

Barbara wurde am 16. Juni 1943 auf ihrer Arbeitsstelle verhaftet. Am gleichen Tag nahm die Gestapo auch ihre Mutter und ihren Stiefvater fest. In den Wochen zuvor hatte die Gestapo bereits Max Kristeller, Franz und Minka Heitgres und Liesbeth Rose verhaftet, mit deren Gruppe Barbara Kontakt gehabt hatte. Durch das Eindringen des V-Mannes Alfons Pannek in unterschiedliche illegale Widerstandszusammenschlüsse war es dem Hamburger Gestapo-Dezernat II A1 gelungen, mehrere Widerstandsgruppen oder –zusammenhänge in Hamburg und Umgebung aufzudecken und zu zerschlagen. Dazu gehörte ein Teil der »Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe« und die von der Gestapo als »Gruppe der Nichtvorbestraften« bezeichneten jüngeren KommunistInnen, die aufgrund ihres Alters erst nach 1933 politisch aktiv geworden waren. Am 16. Juni wurde auch Gerda Gromberg verhaftet, die zu diesem Zeitpunkt bei Barbara, deren Mutter und Stiefvater in der Bundesstraße wohnte. Sie hatte als Angestellte eines Fleischerladens die Familie des öfteren illegal mit Lebensmittelmarken versorgt. Gerda Gromberg wurde später von der Gestapo dazu gebracht, als Spitzel zu arbeiten.
»Wir hatten mitbekommen, daß es im Frühsommer 1943 eine Reihe von Verhaftungen in Hamburg gegeben hatte. Und wir hatten von meinem älteren Stiefbruder Hermann Claßen, der in Borgfelde mit einer kommunistischen Familie zusammenwohnte, die meine Eltern aus den Jahren vor 1933 kannte, erfahren, daß dort ebenfalls Verhaftungen durchgeführt wurden.

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