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Beschreibung

DISS - Backlist

Im Jahre 7 nach dem Fall der Mauer ist eine Rechtsdrift der Bundesrepublik nicht mehr zu übersehen. Inzwischen erheben selbst konservative Politiker wie Heiner Geißler (1994) oder Friedbert Pflüger (1994) ihre Stimme und warnen vor undemokratischen Entwicklungen allgemein, besonders aber auch in den eigenen Reihen.

Solche Stimmen erhalten jedoch bislang kaum nachhaltigere öffentliche Resonanz. Im Gegenteil: Es ist zu beobachten, daß die Bemühungen um eine Normalisierung deutscher Geschichte und Gegenwart kontinuierlich an Boden gewinnen. Dies geschieht dadurch, daß auf nahezu allen gesellschaftlichen Ebenen erhebliche ideologische und zugleich sehr konkrete Umbaumaßnahmen stattfinden, bei denen destruktive Kräfte als konstruktiv und völlig normal und notwendig dargestellt werden. Das Buch will neue Einblicke in Forschungen geben, die sich das Ziel gesetzt haben, gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland zu analysieren und Gegenstrukturen sichtbar zu machen.

Mit Beiträgen von: Astrid Beermann, Andrea Dorothea Bührmann, Christoph Butterwegge, Richard Faber, Ute Gerhard, Brigitta Huhnke, Margret Jäger, Siegfried Jäger, Rainer Jogschies, Helmut Kellershohn, Jürgen Link, Peter Christian Löwisch, Wolfgang Luutz, Jobst Paul, Karin Putzker, Martin Ramstedt, Sebastian Reinfeldt, Daniel Weimer / Mark Galliker.

Zu diesem Band
Im Jahre 7 nach dem Fall der Mauer ist eine Rechtsdrift der Bundesrepublik nicht mehr zu übersehen. Inzwischen erheben selbst konservative Politiker wie Heiner Geißler (1994) oder Friedbert Pflüger (1994) ihre Stimme und warnen vor undemokratischen Entwicklungen allgemein, besonders aber auch in den eigenen Reihen.
Solche Stimmen, geschweige denn weitergehende Warnungen aus dem Raum der sich politisch artikulierenden Wissenschaft, erhalten jedoch bislang kaum nachhaltigere öffentliche Resonanz. Im Gegenteil:
Es ist zu beobachten, daß die Bemühungen um eine Normalisierung deutscher Geschichte und Gegenwart kontinuierlich an Boden gewinnen.
Dies geschieht dadurch, daß auf nahezu allen gesellschaftlichen Ebenen erhebliche ideologische und zugleich sehr konkrete Umbaumaßnahmen stattfinden, bei denen destruktive Kräfte als konstruktiv und völlig normal und notwendig dargestellt werden. Schlagworte und Konzepte wie Abbau des Sozialstaats, Militarisierung, Wiederbesinnung aufs Nationale, Reinigung des Volkskörpers, Zurückdrängung der Emanzipationsbestrebungen von Frauen, Austrocknung des Bildungswesens, Schwächung der Gewerkschaften, Angriffe auf die Tarifautonomie, die allzumal an Konzepte eines Völkischen Nationalismuserinnern, wie er von der Konservativen Revolution diskutiert und in mehr oder minder entfalteter Weise im Dritten Reich praktiziert worden ist, umschreiben diese Tendenzen recht gut.
Nennenswerter Widerstand gegen solche Entwicklungen ist nicht zu sehen. Die Sozialdemokratie ist mit sich selbst beschäftigt und scheint sich jenseits des politischen Raumes einen internen Turnierplatz ausgeguckt zu haben, auf dem offenbar die Klingen im Ringen um die Ermittlung des nächsten Kanzlerkandidaten gekreuzt werden, statt sie dazu zu verwenden, die bloßliegenden Wurzeln der verdorrenden Regierungseiche zu kappen. Die Grünen unter Joschka Fischer scheinen, wenn viele auch widerstrebend, offenbar einen politischen Mittelweg einzuschlagen, der sie bereit macht, sich um einen - wie wir meinen - zu hohen Preis an der parlamentarischen Regierungs-Macht zu beteiligen. Sie verkennen völlig, daß dies nicht der einzige Ort gesellschaftlicher Macht ist bzw. - mit Foucault zu sprechen - , daß die Macht nicht allein von oben kommt, sondern "von allen Seiten" und nicht zuletzt "von unten". Insofern stehen sie in der Gefahr, eine Gegenwehr gegen die Rechtsdrift der BRD allein unter diesen parlamentarischen Machtgesichtspunkten zu verfolgen.
In dieser Situation halten wir es für notwendig, auf die Gefahren solcher schleichender Normalisierungen aufmerksam zu machen, die insgesamt darin bestehen, daß die Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten einzelner eingeschränkt werden und nicht-demokratische Strukturen entstehen lassen bzw. verstärken. Allerdings wollen wir diese Aufmerksamkeit nicht (allein) durch ein Erheben des berühmten kritischen Zeigefingers erzielen, sondern - aus dem wissenschaftlichen Raum heraus - durch Analysen der derzeitigen Entwicklungstrends und - in Verbindung damit - durch Hinweise darauf, ob, wie und wo Gegentrends ausfindig gemacht werden können, wie diese gestärkt werden können, um - zumindest in einigen Bereichen - zu neuen Ansätzen von Opposition zu gelangen.
Der hier vorgelegte Band präsentiert die überarbeiteten Beiträge eines weiteren wissenschaftlichen Colloquiums, das das DISS, zusammen mit der Diskurswerkstatt Bochum und in Verbindung mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, im Dezember 1995 durchgeführt hat - erweitert um einige Gastbeiträge. In den für diesen Band überarbeiteten Artikeln geht es darum, neue Einblicke in Forschungen zu geben, die sich das Ziel gesetzt haben, gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland zu analysieren und Gegenstrukturen sichtbar zu machen.
Die Beiträge lassen sich drei Abteilungen zuordnen. Unter dem Stichwort "Extremismus der Mitte" wird im ersten Teil der Versuch gemacht, die derzeitige politische Entwicklung der BRD daraufhin zu befragen, ob und inwiefern - wie vielfach befürchtet wird - ein Rechtstrend dieses Landes zu beobachten ist. In der zweiten Abteilung werden in der Regel empirisch vertiefende Arbeiten vorgelegt, die die Effekte von Ausgrenzungen und Stereotypisierungen untersuchen. Im dritten Teil geht es um die Aktualität von "Biopolitik" und darum, wie dieser Komplex öffentlich diskutiert wird.
Unter Biopolitik verstehen wir eine Politik, bei der nicht so sehr mittels direkter Zwangsmaßnahmen eine Herrschaft über "Seelen" und "Körper" der Menschen ausgeübt wird, sondern die mit Konzepten arbeitet, bei denen die "Seelen" insofern zum "Gefängnis der Körper" (Michel Foucault) gemacht werden, als sie Bevölkerungen zur Akzeptanz von Regulierungen drängen, die durch reine Repression ohne Widerstände nicht zu erreichen wäre.
Zur Vorbereitung auf die Diskussion hatten wir den ReferentInnen (und TeilnehmerInnen) zwei Thesen vorgegeben, auf die sie sich in ihren Beiträgen mehr oder minder direkt beziehen sollten bzw. könnten. Diese Thesen wurden vom DISS und der Diskurswerkstatt Bochum formuliert und sind teilweise sehr kontrovers aufgenommen worden. Die von uns vorgegebene These zum "Extremismus der Mitte", wie sie - bei mancherlei Unterschieden im Detail - etwa von Hans-Martin Lohmann, Wolfgang Kraushaar, Kurt Lenk oder auch von Heribert Prantl vertreten wird, wird in den Beiträgen des ersten Teils mehr oder minder direkt diskutiert. Sie lautete:
Das Auftauchen von Kernideologemen eines "Völkischen Nationalismus" in der Mitte der Gesellschaft auf den verschiedensten Diskursebenen (Politik, Medien, Alltag) erklärt sich nicht daraus, daß "die Mitte" auf einen Druck von Rechts reagiert hätte, etwa um verlorengegangene Wählerstimmen zurückzugewinnen. Diese Ideologiebestandteile sind vielmehr immer bereits Bestandteil dieser Mitte gewesen, die allerdings bis Mitte der 70er Jahre in den Hintergrund geraten waren. Wenn heute neo-rassistisches, sexistisches, militaristisches, nationalistisches, biopolitisches, rechtspopulistisches, also insgesamt "völkisch-nationalistisches" Gedankengut sich im Diskurs stärker zu artikulieren weiß, dann erklärt sich dies daraus, daß sich Konservative heute zunehmend auf die Ideologie der Konservativen Revolution der Weimarer Zeit zurückbesinnen und diese auf die heutigen Verhältnisse transformieren. Daß sie dies können, ist nicht zuletzt auch dadurch möglich geworden, daß Blockaden, die durch den Faschismus im Diskurs vorfindbar waren, abgebaut wurden, u.a

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