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Schnee auf schroffen Bergen

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13,00 €
Beschreibung

In einer bilderreichen und kunstvollen Sprache beschreibt Suzan Samançi das Leben der kurdischen Menschen, ihre Naturverbundenheit, ihre Feste und liebevollen Erinnerungen, aber auch den alltäglichen Terror und die permanente Angst. Als Zeitzeugin, die nach wie vor in Diyabakir – dem politischen Zentrum Kurdistans – wohnt, gelingt es ihr, ein aktuelles und realistisches Bild vom Alltag in der seit Jahrhunderten unterdrückten Region zu zeichnen.

"In ihren Kurzgeschichten beschreibt Suzan Samanci eindrucksvoll das Leben in der belagerten Stadt (Diyabakir) und dem besetzten Land. Sie zieht den Leser mit Schilderungen über das bunte Leben in der Stadt und die Schönheit der Natur in ihren Bann. Doch jedesmal brechen die Träume jäh ab. Ferne Explosionen, ein Düsenjäger oder das Rasseln der Panzerketten erinnern daran, daß in Kurdistan Krieg herrscht." Nick Brauns, Junge Welt

SuzanSamanci: "Wenn ich schreibe, stehe ich immer in einem Zwiespalt: Ich bin glücklich - aber auch unglücklich... Das Leiden macht den Menschen schöpferisch... In diesem blutigen Land kann ich meine Todesangst nicht verdrängen, die Herz und Verstand vergiftet... Es ist schwer Zeuge dieser Tage zu sein, keinen Ausweg zu finden, die Tradition zu bewahren, das Schicksal unserer Lebensumstände. Aber es ist so traurig, nur vom Leid und Schmerz zu schreiben - am Ende des 20. Jahrhunderts. Wo bist Du, Liebe! Wo bist Du, Frieden! Wo bist Du, Hoffnung!"


Leseprobe:
Diyarbakir vor Jahren

Der Sommerregen hat aufgehört. Die Bäume rascheln, die feuchte Wärme riecht nach Akazien. Der Mond mit seiner Aureole ist zum Greifen nah. Schweiß rinnt mir vom Nacken, es juckt. Meine Gelenke schmerzen. Ich gehe in die Küche hinüber. In den kalten Kräutertee träufle ich reichlich Zitronensaft und gehe ins Zimmer. Unablässig schalte ich durch die Fernsehkanäle. Da! Wieder der Südosten: Klagelieder steigen auf, Menschen mit dunkel verbrannter Haut schlagen sich vor Kummer, Blut und wieder Blut ...
Es war Mitte Juli, als ich zum ersten Mal nach Diyarbakir fuhr. Das Peitschenknallen der Kutscher, die schrillen Stimmen der Saftverkäufer, die Kurdisch sprechenden Einheimischen in Tschador und Pluderhosen, all das hatte mich fasziniert. Die Stadt war über die Stadtmauern hinaus gewachsen. Im Stadtteil Ofis mit seinen modernen Gebäuden hatten wir nicht Wohnen können, und so mieteten wir schließlich eine Wohnung auf der anderen Seite der Bahnstation, in Balar. Dieses Viertel wuchs unkoordiniert. Zwei- oder dreistöckige Backsteinhäuser, enge Gassen. Beamte und Angestellte lebten hier Seite an Seite mit Migranten vom Lande.
In den ersten Tagen waren wir sehr erschöpft, in uns ein Gefühl von Einsamkeit. Gegen Abend regte sich stille Geschäftigkeit: Gärten und Wege wurden mit Wasser besprengt, Musik von Langspielplatten klang von überallher. Bald darauf kam unter dem Kreischen der Kinder der Pferdewagen, der Filme vorstellte. Jugendliche mit Sehnsucht in der Stimme gaben durch ein Megaphon bekannt, welcher Film abends gespielt werden würde. Während die Mädchen voll heimlicher Träume die Filmplakate betrachteten, brieten die Frauen Auberginen oder rösteten Brot im Ofen. Männer mit hochhackigen Schuhen stolzierten großtuerisch umher. Die meisten hatten Melonen in den Händen. Nicht so sehr aus Gewohnheit hielten sie eine der riesigen Wassermelonen mit einer Hand, es war vielmehr ein heimliches Kräftemessen. Eines Abends schaute die Frau mit der tätowierten Stirn, die im Garten gegenüber Brotfladen im Tandir buk, zu uns herüber und lächelte schüchtern. Sie schickte uns einen Teller voll Içliköfte und Tandir-Brot. Mit großem Appetit ließen wir uns das süßliche Weizenbrot und die Içliköfte schmecken. ...


Die Autorin:

Suzan Samanci, 1962 in einem kurdischen Dorf bei Diyarbakir geboren, hat erst nach Umzug nach Ankara als Jugendliche Türkisch gelernt. Seit den 80er Jahren schreibt sie türkische Lyrik und Prosa. In ihren Kurzgeschichten und Romanen beschreibt sie einfühlsam den kurdischen Alltag und reflektiert die eigene Geschichte zwischen dörflichem Leben und türkischer Großstadt. Auf deutsch erschienen ihre Erzählbände "Helin roch nach Baumharz" (1997, Ararat-Verlag) und "Schnee auf schroffen Bergen" (1999, Unrast Verlag).

Die Autorin beschreibt Naturverbundenheit und Lebensgefühl der kurdischen Dorfgemeinschaften ihrer Kindheit, aber auch Entwurzelung und Sehnsucht, den alltäglichen Terror und die permanente Angst vor Vertreibung und Krieg. Als Zeitzeugin gelingt es ihr, ein aktuelles und realistisches Bild vom Alltag in der seit Jahrhunderten unterdrückten Region zu zeichnen.

Suzan Samanci erfährt neben dem Zuspruch ihrer Leser auch die Aufmerksamkeit der türkischen Literaturkritik. Doch ihr klares Bekenntnis zu ihrer kurdischen Herkunft handelte ihr wiederholt Sanktionen und Gerichtsverfahren ein. Gegenwärtig lebt sie wieder in Diyarbakir und äussert sich als Kolumnistin landesweiter Tageszeitungen immer wieder zu gesellschaftlichen Themen.



Zur Buchreihe:

Die von Yusuf Yesilöz herausgegebene Edition arArat ist die Fortführung des engagierten Schweizer Ararat-Verlages. Mit dieser neuen Edition verfolgen der Herausgeber und der Unrast Verlag das Ziel, anspruchsvolle kurdische Literatur im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen.

Haydar Isik – Die Vernichtung von Dersim
Mahmut Baksi – Dono
Suzan – Samanci – Schnee auf schroffen Bergen

Helîm Yûsiv – Der schwangere Mann

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