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Beschreibung

Feministische Wissenschaft 3

Stefanie Krons genaue und sensible Recherchen und Textwiedergaben vermitteln einen umfassenden Einblick in Geschichte Gegenwart, Identitätsbildung und Widerstandsformen Afro-Deutscher Frauen.
Das Bild schwarzer Frauen ist von rassistischen, exotischen und sexistischen Stereotypen geprägt, deren massive Verbreitung in Deutschland während der Kolonialzeit begann. Für die Verbreitung dieser Negativbilder sind auch weiße Frauen verantwortlich.
Stefanie Krons genaue und sensible Recherchen und Textwiedergaben vermitteln einen umfassenden Einblick in Geschichte Gegenwart, Identitätsbildung und Widerstandsformen Afro-Deutscher Frauen.

aus dem Inhalt
Kapitel I
Ein veränderter Blick in die Geschichte
Realität und Bild Schwarzer Frauen in der deutschen
Geschichtsschreibung
AfrikanerInnen im Mittelalter und der Renaissance
Die Naturalisierung sozialer Unterschiede durch die Aufklärung
Das 19. Jahrhundert – Zur Verfestigung rassistischer und sexistischer Ideologien
Der deutsche Kolonialismus – Ein Stück verdrängte
deutsche Geschichte
Täterinnen – Weiße deutsche Frauen als Kolonialistinnen
Die kolonialisierte Frau – Zum Verhältnis zwischen weißen und Schwarzen Frauen in den deutschen Kolonien
Afro-Deutsche und AfrikanerInnen in der Weimarer Republik
und im Nationalsozialismus
Zeitgeschichte – Koloniales Erbe und faschistische Vergangenheit
Kapitel II
Postkoloniale Diskurse und feministische Literaturtheorie –
Überlegungen zur Rezeption afro-deutscher Frauenliteratur
Funktionsweise und Wirkung von Diskursen innerhalb
kolonialistisch geprägter Herrschaftsverhältnisse
Feministische Literaturtheorie – Wissenschaft westlicher
Prägung und Black Feminist Criticism
Was ist weibliche Ästhetik?
Zur Überwindung weiblicher Geschichtslosigkeit
Mit wem spricht die Stimme der Medusa?
Beispiel USA: Schwarze feministische Literaturtheorie


Black Female Literary Tradition – schwarze feministische
Literaturgeschichte
Schwarzes Bewußtsein und weibliche Ästhetik
Kapitel III
Das Schweigen brechen – Die Perspektive wechseln –
Zur politischen Bedeutung afro-deutscher Frauenliteratur
Produktionsbedingungen – Leben in einer weißen
Mehrheitsgesellschaft
Literaturproduktion im Kontext einer politischen Bewegung
Autobiographische Texte – Zur Entwicklung positiver Eigenbilder
oder Die Zwischenwelt als Chance
Geschichtsschreibung aus der Perspektive afro-deutscher Autorinnen
Sprache und Macht – herrschende Sprache und ausgeschlossene
Subjekte – Lyrik und radikale Subjektivität
Literatur afro-deutscher Frauen als Widerstandsliteratur?
Kapitel IV
Schlußwort
Abschied von May Ayim, von Orlanda Frauenverlag
Nachruf auf May Ayim, von Stefanie Kron

Leseprobe

Produktionsbedingungen – Leben in einer weißen
Mehrheitsgesellschaft

Nach Alice Walker ist die Untersuchung der Produktionsbedingungen eine der wichtigsten Punkte für die Analyse der Literatur und für das Literaturverständnis Schwarzer Frauen. Die Produktionsbedingungen afro-deutscher Autorinnen sind von denen der Afro-Amerikanerinnen hinsichtlich der Themenschwerpunkte und Inhalte verschieden. Deshalb sind auch die Themenschwerpunkte und Inhalte afro-deutscher Autorin-nen zum Teil von denen der Afro-Amerikanerinnen verschieden. Obwohl das Konzept des Black Feminist Criticism einen theoretischen Rahmen für das Selbstverständnis afro-deutscher Autorinnen bilden kann, ist er nicht ohne weiteres auf bundesdeutsche Verhältnisse und die Situation afro-deutscher Autorinnen übertragbar. Verkürzt läßt sich sagen: Sind die Produktionsbedingungen für afro-amerikanische Schriftstellerinnen schon schlecht, so sind sie für afro-deutsche Frauen noch schlechter.
Die Gründe dafür sind in den historisch begründeten ideologisch-politischen Spezifika der BRD zu suchen, wie z.B. in der auf rassisti-schen Kontinuitäten basierenden völkischen Deutschtumsdefinition, ei-nem sehr eurozentristischen Kulturbegriff und in sozialpolitischen Gege-benheiten, wie dem Fehlen von Rückzugsräumen im Sinne von commu-nities. Weiterhin spielen Rassismus in der Schule, in Kinder- und Ju-gendliteratur, die Dominanz des weißen Schönheitideals und die in der BRD weitverbreiteten abwertenden Stereotypen von Schwarzen Frauen eine wichtige Rolle für die psychische Situation der Frauen. Aus diesen Rahmenbedingungen ergibt sich eine Lebensrealtät für afro-deutsche Frauen, die von Isolation, Zerrissenheit, ‘Ortlosigkeit’ und Vereinzelung in einer weißen Mehrheitsgesellschaft gekennzeichnet ist. Damit gehen Identitätsprobleme einher, welche nach Alice Walker die Entfaltung kreativer Kräfte hemmen.
Die Geschichte von Schwarzen ist im Schulunterricht kaum Thema. Wenn die Geschichte Amerikas behandelt wird, bleibt meist die Tatsache außen vor, daß die Hälfte der Amerikaner, die die Verfassung entwarfen, Sklavenhalter waren und Schwarze von den festgeschriebenen Grund-prinzipien ausgeschlossen wurden. Die Geschichte Afrikas wiederum beginnt in deutschen Schulbüchern nur in Ausnahmefällen vor der ‘Ent-deckung’ des Kontinents durch die Europäer. So setzt sich weiterhin die Vorstellung fest, Afrika habe keine eigene – erwähnenswerte – Ge-schichte. Plünderung und Unterwerfung der heutigen Trikont-Staaten werden selten kritisch diskutiert. Der deutsche Kolonialismus und seine verheerenden Folgen für die afrikanische Bevölkerung nimmt in den Lehrplänen der Schulen nur sehr wenig Raum ein, die kolonialistische Ideologie setzt sich in verklärender Weise in Kindergedichten und -liedern fort:

„Heiß brennt die Äquatorsonne
auf die öde Steppe nieder
nur im Kraale der Ovambo
singt voll Wonne seine Lieder

Refrain:
Kalitschkakau, Katschulima
Kalitschkakaukatschulima
Kalitschkakau, Katschulima
Kalitschkakaukatschulima

Dazu singen alle: Wumba, wumba, wumba

Doch vorbei ist’s mit dem Singen
und im Kraale wird es leer
denn schon naht mit Keulenschwingen
seine Frau Ovambo her

‘Wart Dich will ich singen lehren’
hört man sie von ferne schimpfen
‘Hole Fressen für die Gören
in den Tanganyiakasümpfen!’

In den Sümpfen war die Schlange,
diese biß Ovambo sehr,
doch Ovambo war nicht bange,
und er sang sein Lied daher.

Ach, nun hat er ausgesungen,
eine Schaufel nahm das Weib
und sie warf mit ihren Jungen
in ein Grab Ovambos Leib.

Andere Fassung der Schlußstrophe:

Ach, nun hat er ausgesungen,
seine Haut zog ab sein Weib,
und sie fraß mit ihren Jungen
seinen fetten Negerleib.“
(Volksweise, zit. nach Fremgen 1984, S.76)


Der Fokus bei der argumentativen Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist, unter weitgehender Ausblendung der Verfolgung und Vernichtung anderer ‘Minderheiten’, auf die Massenvernichtung von sechs Millionen JüdInnen gerichtet. Dabei werden die Verbrechen nicht im Zusammen-hang mit ihrer Kontinuität von kolonialen und antisemitischen Denk- und Handlungsmustern interpretiert, sondern individualisiert, d.h. als isolier-tes „katastrophales Ergebnis der Tyrannei Hitlers (miß)gedeutet“. (Oguntoye/Opitz/Schultz 1991; S.134)
Historisch-gesellschaftlich gewachsene Unterdrückungs- und Abhän-gigkeitverhältnisse werden meist als ahistorische Phänomene, als biolo-gisch-naturbedingte Zwangsläufigkeiten vermittelt und nicht als struktu-relle politische Machtverhältnisse, hinter denen staatliche und ökonomi-sche Interessen stehen. Hervorgehoben werden lediglich die scheinbar uneigennützigen ‘Hilfeleistungen’ für die sogenannt

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