Eine systematische Untersuchung des Antiziganismus in Deutschland seit 1989
Änneke Winckel

Antiziganismus

Rassismus gegen Roma und Sinti im vereinigten Deutschland

ISBN 978-3-89771-411-3
Erscheinungsdatum: September 2002
Seiten: 200
Ausstattung: softcover
14,00 €

Beschreibung

Änneke Winckel gelingt ein eindrücklicher Nachweis darüber, wie präsent die Bilder von den »Zigeunern« in Deutschland sind und wie tödlich deren Folgen auch heute noch sein können. Erstmals wird mit diesem Buch auf der Grundlage einer umfangreichen Auswertung von Tageszeitungen und Zeitschriften eine systematische Untersuchung des Antiziganismus in Deutschland seit 1989 vorgelegt. Ihre Analyse verdeutlicht anschaulich, wie sehr Kontinuitäten den heutigen Antiziganismus prägen.


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Klärung zentraler Begriffe
1.2 Literatur und Vorgehensweise
2. Historisch-theoretische Voraussetzungen des Antiziganismus
2.1 Ökonomischer Hintergrund der Entstehung des Antiziganismus im westlichen Zivilisationsprozess
2.2 Das religiöse Moment des Antiziganismus
2.3 Politischer Hintergrund der Entstehung des Antiziganismus im westlichen Zivilisationsprozess
2.4 Die Konstruktion des bürgerlichen Subjekts
2.5 Stabilisierung der ‚Zigeuner'-Konstruktion durch staatliche Politik
2.6 Psychologische Aspekte bei der Ausbildung des ‚Zigeuner'-Stereotyps
2.6.1 Einfache Sündenbockthese
2.6.2 Projektive Identifikation
2.7 Gemeinsamkeiten in der Entstehung von Antisemitismus und Antiziganismus
3. Geschichte des Antiziganismus in Deutschland zwischen 1871 und 1989
3.1 Abriss der ‚Zigeuner'-Sondergesetze und -Politik im Kaiserreich und in der Weimarer Republik
3.2 Nationalsozialistische Verfolgung und systematische Ermordung der europäischen Sinti und Roma
3.3 Staatsangehörigkeitsentzug, Sondererfassung, Nicht-Entschädigung: Politik gegen Sinti und Roma nach 1945
3.3.1 Sondererfassung
3.3.2 Nicht-Entschädigung
3.3.3 Entzug der Staatsangehörigkeit
3.3.4 ‚Zigeunerforschung' nach 1945
3.3.5 Die Situation der Sinti und Roma in der DDR
3.4 Resümee
4. Diskussionen, Auseinandersetzungen, Meldungen: Antiziganismus in Deutschland seit 1989
4.1 Staatliche Stellen
4.1.1 Bund, Länder, kommunale Einrichtungen
4.1.1.1 Blockaden, Besetzungen und Bettelmärsche: Der Kampf um das Bleiberecht
4.1.1.2 Der Kampf für die Anerkennung als Minderheit
4.1.1.3 Der Stellplatz Dreilinden in Berlin
4.1.1.4 Die ‚Verordnung zur Gefahrenabwehr' (Frankfurt/Main)
4.1.2 Justiz
4.1.2.1 Ein Mieturteil in Bochum
4.1.2.2 Prozesse gegen NS-Verbrecher, die an der Ermordung von Sinti und Roma beteiligt waren
4.1.3 Polizei
4.1.3.1 Polizeiübergriffe
4.1.3.2 Razzia in Köln 1990
4.1.3.3 Razzia gegen Roma-Frauen in Köln 1995
4.1.3.4 Datenbanken und Erfassungsbögen der bayerischen Polizei über Sinti und Roma
4.1.4 Kampf ums Geschichtsbild
4.1.4.1 Entschädigungsdebatte
4.1.4.2 Der Streit um ein ‚nationales Holocaust-Mahnmal' in Berlin
4.1.4.3 Der Kampf um eine Gedenktafel in Frankfurt/Main
4.1.4.4 Verweigerte Gedenkfahrten nach Auschwitz
4.1.5 Resümee
4.2 Die deutsche Mehrheitsbevölkerung
4.2.1 "Asozial, unzivilisiert und kriminell": Antiziganistischer Alltag
4.2.2 "1.000 DM für die Ergreifung": Steckbrief gegen eine Romni in Köln
4.2.3 "Wir wollen hier keine Zigeuner": Studien und Statistiken
4.2.4 Resümee
4.3 Zusammenfassung
5. Berichterstattung in den Medien
5.1 Die Situation der Roma in Osteuropa im Rahmen der Diskussion um die Asylrechtsänderung
5.2 Darstellung von RepräsentantInnen der Organisationen der Sinti und/oder Roma
5.3 "Giftsuppe" und Gerüchteküche: Höhepunkte journalistischer Reproduktion antiziganistischer Bilder
5.4 Rund um das "Sinti-und-Roma-Schnitzel": "Nachhilfe in politischer Korrektheit"
5.5 "Zigeunerin aus der Volksgruppe der Roma": Der Kampf um die Begriffe
5.6 "Behandelt wie der sprichwörtlich letzte Dreck": Mediale Kritik des Antiziganismus
5.7 Resümee
6. Motive und Motivationen des modernen ‚Zigeuner'-Bildes in Deutschland seit 1989
6.1 ‚Kriminalität'
6.2 ‚Betteln'
6.3 ‚Kinder'
6.4 ‚Hygiene'
6.5 ‚Aberglaube'
6.6 ‚Primitivität'
6.7 ‚Sippen'
6.8 ‚Zigeunerlager'
6.9 ‚Nomaden'
6.10 ‚Selbst schuld'
7. Fazit
Literatur



Rezensionen

"Durch kluges Argumentieren und der Kontrastierung mit Aussagen von Betroffenen entlarvt Winckel den Konstruktionscharakter der klischeehaften medialen Zuschreibungen."

Martin Holler, H-Soz-u-Kult

"... Winckel verweist auf den antikommunistischen Entstehungszusammenhang des deutschen Asylrechts und gibt einen Einblick in die personellen und strukturellen Kontinuitäten bei der Verfolgung von Sinti und Roma im postfaschistischen Deutschland. Sie betont dass der Antiziganismus genauso wie der Antisemitismus mit dem Rassismusbegriff nicht ausreichend erfasst werden kann. Winckel deutet auf die Momente autoritärer Rebellion und projektiver Identifikation im Antiziganismus hin und arbeitet Gemeinsamkeiten zwischen Antisemitismus und Antiziganismus heraus, ohne die zentrale Differenz einzuebnen: 'Der Antiziganismus halluziniert den >Zigeunern< keine derart unfassbare, allumfassende Macht wie der Antisemitismus den Jüdinnen und Juden.' ..."
Stephan Grigat, Context XXI

"Diskriminierung und Kriminalisierung. Zwei neue Bücher über (amtlichen) Rassismus in D von Ali Al Nasani. Mit der gesellschaftlichen und politischen Realität des Rassismus in Deutschland beschäftigen sich zwei Bücher, die trotz ihrer unterschiedlichen Aspekte zusammen gelesen werden sollten. Änneke Winckel schließt mit ihrer Studie über Rassismus gegen Sinti und Roma in Deutschland eine Lücke in diesem Forschungsbereich. Dabei konzentriert sie sich auf die Situation im vereinigten Deutschland, in dem rassistische und diskriminierende Stereotypen gegenüber „Zigeunern“, die ins 19. Jahrhundert und zum Teil bis ins Mittelalter zurück reichen, nahtlos weiter transportiert werden. Sie geht zu Recht davon aus, dass selbst „positive Stereotype“ wie z.B. zugeschriebene Musikalität, im Grunde nur eine Variante von Rassismus sind, da sie von Individuen abstrahieren und unveränderliche biologistische Gegebenheiten annehmen. Vor dem Hintergrund konkreter antiziganistischer Vorkommnisse in Berlin, Bochum, Köln oder Frankfurt beschreibt Winckel diese Funktionsweisen rassistischer Zuschreibungen. Sie beschreibt und dekonstruiert Motive wie Kriminalität, Betteln, Kinderreichtum oder Wanderschaft, mit deren Hilfe Ausgrenzung und Diskriminierung von Sinti und Roma bis heute funktionieren.Winckel schließt ihre Studie mit einer repräsentativen Untersuchung der deutschen Zeitungslandschaft zwischen 1987 und 2001 ab und weist nach, wie oft gegen besseres Wissen rassistische Stereotypen zur Meinungsmache in der Bevölkerung eingesetzt werden. Dahinter verbirgt sich auch ein politisches und gesellschaftliches Kalkül, da die Verantwortung für die historische Schuld auf Grund der Verbrechen im Nationalsozialismus gegenüber Sinti und Roma von Nachkriegsdeutschland bis heute nicht einschränkungslos übernommen wurde. Im Gegenteil, ihnen wurde sogar mit dem Hinweis, sie seien „asozial“, einerseits eine Entschädigungszahlung verweigert, andererseits die nationalsozialistische Zuschreibung weiterhin angeheftet. Diese auf Abwehr angelegte Politik zeigt sich derzeit ganz konkret in Nordrhein-Westfalen, wo eine Gruppe von mehreren hundert Sinti und Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien, die Ausweisung in die nicht mehr existente „Heimat“ vor Augen, seit Wochen für ihren Verbleib in Deutschland demonstriert. Vielen Familien droht eine Abschiebung in unterschiedliche Länder, weil der Vater aus Mazedonien stammt und die Mutter aus dem Kosovo (oder umgekehrt). [...]"

Autor_in

Änneke Winckel

Änneke Winckel, Jahrgang 1971, Politikwissenschaftlerin lebt und arbeitet in Köln.


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Hintergrundinfos

Interview unseres Autors Markus End mit der Deutschen Welle vom 11.01.2014: "Antiziganismus prägt Zuwanderungsdebatte"