Bei unrast:

Was (anti-)deutsch ist

Rezension: terz.org

Zu: Sie warn die ANTI-deutschesten der deutschen Linken


Unter dem Buchtitel “Was deutsch ist” veröffentlichte der Cheftheo­re­tiker “Initiative sozialistisches Forum” (ISF) Joachim Bruhn in seinem Hausverlag seine Vorstellungen vom deutschen Wesen. Bruhn, ein intellektueller Kopf der so genannten Antideutschen, gab seiner Jüngerschaft die Leitlinie zur Positionierung im Nahost-Konflikt vor, die besagte: “Jede Kritik am Staat Israel ist antisemitisch”. Damit könnte eigentlich schon alles gesagt sein, was das Niveau antideutscher Moralimperative angeht und eine weitere Beschäftigung überflüssig werden lassen. Doch auch heute noch ist das antideutsche Sektenwesen trotz erheblicher innerer Gruppenkonflikte noch nicht implodiert und erweist sich gerade in jüngeren Antifa-Kreisen immer wieder als attraktives Identifikationsangebot.

Warum das so ist und wie dies bewegungsgeschichtlich, ideologisch und psychologisch zu erklären ist, lässt sich nun bequem in einem neu erschienenen Sammelband aus dem Unrast-Verlag nachlesen. Bernhard Schmid gibt dort einen lesenswerten Einblick in die antideutsche Genese vom Produkt der Linken in eine neo-autoritäre Sekte, während Markus Mohr und Sebastian Haunss den klassisch autonomen Moralhabitus der “Antideutschen” durchleuchten. Ebenfalls lesenswert sind Wolf Wetzels Untersuchungen zum antideutschen Bellizismus und Detlef Hartmanns Herleitungen der Funktion des Antiamerikanismus-Diskurses. Als Hintergrundartikel zum Nahost-Konflikt sind der Aufsatz von Moshe Zuckermann und das Interview von Gerhard Hanloser mit TERZ-Buchautor Michael Kiefer zu empfehlen. Moshe Zuckermann stellt aus linker Sicht die Frage: was heißt Solidarität mit Israel? Und hierbei benennt er die Gefahr einer sich philosemitisch gerierender Instrumentalisierungen durch Generalisierungen “des Jüdischen”, wie es bei den Antideutschen zur Methode gehört.

Michael Kiefer erläutert seinen Begriff des “islamisierten Antisemitismus” als Transfer eines ursprünglich europäischen Feindbildes und benennt die Gefahren dieses Antisemitismus.

Vier Autoren der “Marx-Gesellschaft” setzen sich mit dem Marx-Verständnis des ISF auseinander und interpretieren es als Affirmation des bürgerlichen Individuums. Ein paar nachdenkenswerte wie zugleich treffende Spitzen zur antideutschen Psychodynamik benennt Ilse Bindseil: “Mit dem Elan des Erfinders votierte er für das Bestehende, sprach sich mit Verve für oder gegen die geläufigen Konstellationen, Israel oder Palästina, USA oder Islam aus, als wären sie die Realität selbst, mehr noch ein begriffsgestüt­ztes wahres Sein, und man bräuchte sich nur zu entscheiden. Von nun an konnte er die Nichtveränderung auch praktisch betreiben, um derentwillen er sich zuvor enthalten musste, konnte er der ganz normale Konkurrent sein, der er in der hierarchischen Konstellation von kritisierter Praxis und theoretischer Kritik immer nur auf absurde, die gesamte Debatte eigentümlich umzentrierende, der Rätselhaftigkeit überantwortende Weise hatte sein können. Da er in einer fundamentalistischen Weise recht hatte, war es nicht einmal verdächtig, sich auf der Seite der Stärke wieder zu finden, Machtpolitik zu betreiben, à la Joschka Fischer, das heißt als zur bürgerlichen Vernunft gekommene 68er Politik, sondern als die unmittelbare Konsequenz aus den alten Ideen, als wie auch immer befremdliche Erscheinungsform der Verweigerung, unbeirrbare Treue zu den von der Vergangenheit auferlegten Prinzipien.”

Den Rest musst du selber lesen!

Ben H’ur

Gerhard Hanloser (Hg.): Sie warn die ANTI-deutschesten der deutschen Linken.
Zur Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik
Unrast-Verlag 2004, 292 S., 16 Euro

www.terz.org - 23.11.2004
http://www.terz.org/texte/texte_12_04/book.html