Bei unrast:

Lesebrobe - Eliten ohne Macht

Am Freitag kam er in die Charité, am Montag lag er bereits auf dem Operationstisch. Nach seiner Entlassung aus dem großen Haus der Leiden und der Heilung in jenem unzugänglichen Winkel Berlins, übernahm seine Augenärztin in Oberschöneweide die Nachkontrolle, zu einer Zeit, als die Demos in Leipzig in Gang kamen und an Zulauf gewannen, und über Prag und Ungarn die Leute der DDR davonliefen. Sie war kühl, unpersönlich und perfekt. »Kalt wie eine Hundeschnauze«, sagte sein Dramaturg, der ebenfalls bei ihr in Behandlung war. Er betreute Thomas Kabelangs Hörspiele auf souveräne und zugleich wunderbar kollegiale Weise. Thomas Kabelang hätte nach einigem Grübeln eher gemeint: »Kühl wie ein Weinkeller.« Aber das fiel ihm erst später ein. Sie waren sehr behutsam auf die Situation im Lande, auf die Demos, die Ausreisen, den Verlust an Fachleuten und Ansehen zu sprechen gekommen, wobei selbstverständlich die Frage hochkam, was diese Menschen, die ihr Auskommen in der DDR hatten und einer ungewissen Zukunft 'drüben' entgegengingen, was sie denn bewog, diesen Weg zu gehen. »Tja«, sagte sie da lakonisch, kühl, distanziert, wie es ihre Art war: »Der Mensch lebt nicht von Brot allein.«
Und genau das war es. Genau das war es, was die Männer an der Spitze nicht verstanden. Da erinnerte sich Thomas Kabelang an jene Leitungssitzung im Winter neunzehnhunderteinundsechzig/ zweiundsechzig. Das Datum wußte er nicht mehr genau. Im August war die Mauer gebaut worden, und sie alle hatten gesagt, daß es Zeit war, dem Aderlaß an Arbeitskräften über Westberlin ein Ende zu bereiten. Und überhaupt denen da drüben zu zeigen, daß man mit der DDR nicht umspringen konnte wie mit Kreti und Pleti.
Was da an der Grenze gemacht wurde, fanden alle in Ordnung. Doch kaum einer konnte sich vorstellen, welcher schlimme Bazillus sich damit in der Wirtschaft ausbreiten sollte, abgeschirmt gegen die Realitäten des Weltmarktes.
Doch zu jener Leitungssitzung war das überhaupt noch kein Thema. Es ging darum zu erörtern, 'wie der Sender in den Tagen der Grenzschließung und danach, bis nun zur Stabilisierung der Situation, seiner Aufgabe als grenzüberschreitendes Massenmedium gerecht geworden war und die Politik der DDR propagandistisch und agitatorisch wirkungsvoll unterstützt hatte'. Welch ein Satz! Wie mußte ein Gemüt beschaffen sein, das solche Formulierungen stanzte!
Zur Berichterstattung erteilte der Parteisekretär, ein verbindlicher, aber auch folgsamer Genosse, das Wort dem Intendanten. Wer, wenn nicht er, mußte kompetent sein, über die Arbeit des Senders zu berichten.
Schon bei anderen Gelegenheiten hatte Thomas Kabelang erfahren, wie brillant es der Intendant verstand, mit dem Wort umzugehen.
Der fand auf sehr verbindliche Art alles, was der Sender ausgestrahlt hatte, im wesentlichen richtig und treffend und wirkungsvoll und hervorragend. Sicher habe man qualitative Unterschiede im Programm nicht übersehen können, aber, Genossen, wo lebten wir denn, wenn es das nicht gäbe. Darauf wolle er sich im einzelnen auch gar nicht einlassen, die Redaktionen wüßten das selbst gut genug und hätten ja auch ihre Schlußfolgerungen für die Verbesserung ihrer Arbeit daraus gezogen. Aber insgesamt habe der Sender diese große Schlacht, die nicht nur an der Grenze der Republik, sondern an der heißen Nahtstelle zwischen Kapitalismus und Sozialismus und in außerordentlichem Maße auch im Äther geschlagen worden sei, siegreich bestanden. So sprach der Intendant. Sprach's und wußte nicht, wie die Redakteure am Sender die Dinge beurteilten oder wußte es, aber wußte auch, daß er deren Urteil nicht billigen durfte. Er stand hier für die Linie der Partei, die immer recht hatte.
Die Genossen und Kollegen in den Redaktionen waren trotzdem anderer oder doch zumindest geteilter Meinung. Geteilter Meinung hieß jedoch nicht halb und halb. Die meisten fanden den Tonfall der Berichte, Kommentare und Reportagen über die Schließung der Grenzen, nun, abstoßend wäre vielleicht zu grob ausgedrückt, aber doch nicht eben geeignet, von ihrer Tonart her Menschen anzusprechen. Sie meinten, in dieser Art fördere man bei den westdeutschen Hörern nicht das Verständnis für die Maßnahmen, sondern stoße sie vor den Kopf.
Es müsse doch aber wohl für ein grenzüberschreitendes Organ, wie es ihr Sender nun einmal sei, nicht darum gehen, das Publikum gegen sich und damit gegen ihre Republik aufzubringen, meinte Thomas Kabelang, der sich sofort nach dem Bericht des Intendanten zu Wort gemeldet hatte, sondern im Gegenteil darum, wenn schon nicht Zustimmung, so doch wenigstens Verständnis für eine so unpopuläre Aktion aufzubauen.
Sofort schob der Chefredakteur des Senders, Ben Brandenburger, der neben Thomas Kabelang saß, ein paar Sätze nach, die mit deutlicheren Ausdrücken die Worte seines Vorredners unterstützten. Er konnte sie sich erlauben. Er hatte in Spanien gegen Franco gekämpft, hatte Auschwitz und Buchenwald überstanden, trug einen Namen, der so goldig Deutsch wirkte, daß ihn nicht wenige für ihre vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten erfolgte Eindeutschung gewählt hatten, womit er dann zu einem Kennzeichen wurde ähnlich dem gelben Stern, den viele von ihnen zur Zeit der Judenverfolgung in Deutschland und in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten zu tragen hatten. Er halte, sagte er, diese Gedanken des jungen Genossen Thomas für sehr beachtenswert, was er im Wortsinn verstanden wissen wolle und nicht als Floskel, nämlich Wert, daß sie nicht nur vernommen, sondern auch beachtet werden sollten im Sinne einer Anleitung zum Handeln. Zu wenig habe in ihrem Programm, habe bei der Konzipierung der aktuellen wie der langfristigen Sendungen der Gedanke eine Rolle gespielt und sei daher auch nicht oder kaum zum Tragen gekommen, daß ja in Westdeutschland die Masse der potentiellen Hörer die sozialistische Entwicklung in der DDR ablehne, falschen Vorstellungen über die DDR unterliege, genährt durch die bürgerlichen Medien, durch ihre konservative Erziehung, ja sogar nachtrauernd der Vergangenheit unterm Hakenkreuz, unbelehrt die verlogene antikommunistische Propaganda in sich tragend. Und nun reißen diese Kommunisten Deutsche auseinander, reißen Familien auseinander, Freunde, Liebende! »Ja, Genossen, was meint ihr denn, was das für böses Blut gibt? Und die bürgerliche Presse drüben wäre doch blöde, würde ihren Klassenauftrag verfehlen, wenn sie nicht alles daransetzte, dieses böse Blut am Kochen zu halten. Was sie ja auch weidlich praktiziert. Von denen wird niemand ein Wort des Verständnisses für unsere Maßnahmen finden. Also müssen doch wir uns bemühen, durch Ruhe, Sachlichkeit, Freundlichkeit, ja, Herzlichkeit wenigstens Nachdenken zu erreichen. Das wär in dieser Situation schon sehr viel. Ich mache mir darüber auch keine Illusionen. Aber bemüht sein sollten wir schon.«
Der Chefredakteur gebot über die kräftige Stimme eines Volksredners, die er in diesem Kreis natürlich auf Zimmerlautstärke einpegelte, denn er war in gekonnter Weise anpassungsfähig und vermied es, die abgegriffenen Formulierungen aus dem Parteiapparat widerzukäuen. Er war am Sender wohl die markanteste Persönlichkeit, fordernd, vorwärtsdrängend, zupackend und dominierend. Er war einer, der auf die Leute zuging, mit ihnen redete, sie aufforderte, am Sozialismus mitzutun. Seine Bärenstimme, auch wenn sie zurückgenommen war, verschaffte ihm das nötige Gehör. Er war der geborene Revolutionär.
Wenn Thomas Kabelang von seinem Redaktionsleiter, der gerade eine andere Angelegenheit wahrnehmen mußte, in die gewichtige Programmsitzung beim Chefredakteur um zehn Uhr dreißig geschickt wurde, nahm er an dem großem Sitzungstisch immer direkt an der Ecke neben Ben Brandenburger Platz, der den Vorsitz führte und an der Stirnseite des Tisches agierte. Manche vermieden es, dort zu sitzen, und Thomas Kabelang verstand nicht, warum. Es gab, wie er meinte, keinen Grund dafür. Doch gab es einen Grund. Er bemerkte ihn nur nicht. Jedenfalls nicht gleich. Aber nach und nach fiel ihm doch auf, daß mancher in diesem erlauchten Kreis dem revolutionären Drängen des Chefredakteurs und späteren Intendanten Ben Brandenburger nicht oder nur widerstrebend zu folgen bereit war, sah man einmal von den Vertretern der peripheren Redaktionen ab wie Kultur, Literatur, Wissenschaft, Frauen, Jugend oder Sport, die in der aktuellen Politik einfach nicht up to date waren und befürchteten, ihr Informationsdefizit könnte ruchbar werden.
Thomas Kabelang hatte damit keine Probleme. Er gehörte zwar seit zwei Jahren zu den Kulturfritzen, hatte jedoch nach seinem ersten Bewährungsjahr in der aktuellen politischen Redaktion immer die Priorität der Politik akzeptiert. Das eben bewog ihn, sich auf eben jenen Platz an der Ecke zu setzen. Oben am Sitzungstisch neben Ben Brandenburger, wo auf der anderen Seite der Chefreporter saß, wenn er anwesend war.
Das Programm des Tages wurde in dieser Sitzung eigentlich nur pro forma durchgegangen, denn die Redaktionen hatten es schon vorher auf einem Blatt Papier vorgelegt. Der eigentliche Inhalt der Sitzung bestand im Austausch von Meinungen, Argumenten und Vorschlägen für die weitere Arbeit, bestand vor allem aber in der Übermittlung von Überlegungen und politischen Argumentationen durch den Chefredakteur, die dieser wiederum aus der Sitzung beim Vorsitzenden mitbrachte, welche zehn Minuten zuvor zu Ende gegangen war. Weshalb diese Sitzung beim Chefredakteur von allen nur als die 'Argu' bezeichnet wurde, eine Verkürzung des Wortes Argumentation.
Im Zentralen Apparat der Partei gab es eine Abteilung Agitation, von der aus die Grundrichtung aller Massenmedien gesteuert wurde. Die Kunst des Chefredakteurs bestand darin, die Argumente seinen Mitarbeitern so zu servieren, daß sie wirkten wie aus eigenen Überlegungen gewonnen. Wobei es darauf ankam, sie so in Worte und Formulierungen umzusetzen, als wären sie dem Vortragenden gerade eben eingefallen. Dazu bedurfte es schon einer gewissen Fähigkeit der Assimilation zugeführter Gedanken, so wie eine Pflanze aus Sauerstoff, Kohlendioxid, Wasser und Nährstoffen die ihr eigenen Assimilate hervorbringt, die doch aus nichts anderem bestehen als aus den Elementen, die ihr zugeführt wurden. Der Unterschied zur Pflanze bestand jedoch darin, daß deren Endprodukte von den zugeführten Stoffen qualitativ völlig verschieden waren. Das durfte bei einer politischen Argumentation natürlich nicht passieren. Es ging hier nur darum, den festgelegten Inhalt in die eigene Form zu bringen. Was so schwer auch wieder nicht war, befanden sich doch alle Beteiligten auf gleichen oder annähernd gleichen gedanklichen Positionen und vermochten zu den politischen Ereignissen auch gleiche Standpunkte einzunehmen. Nur die Art, wie diese Standpunkte den Redakteuren und den Hörern nahegebracht wurden, durfte unterschiedlich sein, sollte unterschiedlich sein. Vielfalt des Programms, Vielfalt der Gesichtspunkte, Vielfalt, Genossen, in allen Details, aber nur eine Linie, die Linie der Partei.
Darauf verstand sich der Chefredakteur Ben Brandenburger hervorragend. Er verstand auch hervorragend, zu diesem Zweck die Gedanken anderer zu seinen eigenen zu machen. Wenn Thomas Kabelang, neben ihm sitzend und nur für ihn hörbar einen Gedankenblitz hinwarf, mehr nebenher zur Verständigung, griff ihn Ben Brandenburger sofort auf, als wäre es sein Gedankenblitz. Es fiel ihm nicht ein, den Urheber des Gedankens zu nennen. So war er nun mal.
Dem jungen Redakteur Thomas Kabelang machte das nichts aus. Darin unterschied er sich von einem richtigen Journalisten. Es war doch unwichtig, meinte er, von wem ein Gedanke kam, wichtig war nur, daß er das Programm bereicherte, ihr gemeinsames Programm gegen den Kapitalismus. Doch diese Denkweise war völlig unjournalistisch. Jeder richtige Journalist ist darauf bedacht, seine oder eine Idee – es mußte ja gar nicht seine sein – so zu verkaufen, daß er als deren Urheber angesehen wurde und jeder ihn dafür bewunderte. Oder darum beneidete. In gleicher Weise unbekümmert, wie Thomas Kabelang seine Gedankenblitze dem Programm zur Verfügung stellte, griff Chefredakteur Brandenburger sie auf als wären es seine eigenen. Und nun hatte er in dieser Sitzung der Parteileitung dieses Senders wieder die Gedanken von Thomas Kabelang aufgegriffen und mit seinen eigenen Worten untermauert. Es waren diesmal jedoch auch seine eigenen Gedanken. Nur eben hatte Thomas Kabelang sie ausgesprochen, unbekümmert, wie er war. Im Gegensatz zu ihm wußte der Chefredakteur sehr wohl um die Brisanz, die darin steckte. Und jetzt, spürte er, mußte er nachhaken, jetzt hatte einer den Vorstoß gewagt, jetzt mußte wie bei einer Militärattacke nachgestoßen werden, um das Terrain auszubauen. Denn jeder Geländegewinn bedeutete nicht nur die Durchsetzung politisch richtiger Positionen, sondern zugleich auch die Destabilisierung der Position des Intendanten, des Zwerges, wie er nicht nur von unfreundlichen Mitarbeitern wegen seiner geringen Körpergröße genannt wurde.
Ben Brandenburger, nie ein Freund lauer Labereien, hieb also in die Kerbe und weitete den schmalen Brückenkopf aus, den der ahnungslose stellvertretende Redaktionsleiter aus der Kulturpolitik, Thomas Kabelang, eingehauen hatte. Ben Brandenburger wußte aber auch, wie die intelligenteren Burschen des Senders über die Lage dachten. Und er hatte sich nicht verrechnet. Sofort nach ihm ergriff der links von Thomas sitzende Chefreporter das Wort. Der führte die Worte sehr gesetzt, sehr gewählt, sehr honorig, sehr gewinnend, so wie er das später als berühmter Fernsehdokumentarist noch sehr wirkungsvoll tat. Er hätte nie von sich aus eine solche Diskussion vom Zaun gebrochen, verstand er doch sehr gut, daß es dazu einer stärkeren Position bedurfte, als er sie sich zutraute. Doch nun, unter der Deckung des Chefredakteurs, wagte er sich mit seiner eigenen Meinung hervor. In wohltönendem Bariton erklärte er, es seien doch auch die menschlichen Probleme dieser Trennung von Familien, von Verwandten, von Eltern und Kindern, von Brüdern und Schwestern zu berücksichtigen. Dafür Verständnis zu bekunden, mehr jedenfalls, als in einer kurzen Anmerkung vielleicht hier und da zum Ausdruck gekommen sei, das hätte ihnen wohl angestanden.
Nachdem Chefredakteur und Chefreporter Farbe bekannt hatten, hielten sich auch die anderen Leitungsmitglieder einschließlich des Parteisekretärs nicht mehr länger zurück und kamen zu dem Fazit, daß der Sender nicht seine volle Wirkungsmöglichkeit genutzt habe. Selbst jene Genossin, die Thomas und sein Freund Günter Sommer unter sich als die Frieda Simson aus Erwin Strittmatters berühmtem Roman Ole Bienkopp bezeichneten, selbst sie schwenkte auf die Seite der Mehrheit über.
Der Intendant teilte als einziger diese Meinung nicht. Er hob noch einmal die Bereitschaft aller Mitarbeiter hervor, in dieser großen Klassenschlacht alles zu geben und wenn es sein mußte, bis zur Erschöpfung Tag und Nacht auszuharren. Das war eine Aussage, die in allen Punkten stimmte, darüber gab es keinen Zweifel. Alle waren froh gewesen, daß endlich etwas Wirkungsvolles gegen die Kalten Krieger unternommen wurde. Es mußte ja etwas geschehen, wenn die Republik nicht verbluten sollte. Und etwas gegen den Übermut der Gegner drüben, die glaubten, eines Tages mit 'Preußens Gloria' durchs Brandenburger Tor einmarschieren zu können. Nein, da sollten sie sich verrechnet haben. In der Tat konnten sie das nicht. Vielmehr marschierten eines Tages die Massen durchs Brandenburger Tor nach Westen, mit erhobenen Armen. Wie Gefangene. Sie wußten es nur noch nicht.
»In dieser Klassenschlacht«, hob der Intendant hervor, »mußte es in erster Linie darum gehen, den Klassengegner aufs Korn zu nehmen, ihm Entschlossenheit und Standhaftigkeit und Zuversicht zu demonstrieren.« Ihm sei zu zeigen gewesen, betonte er, daß hier an dieser Grenze seine Macht endete. Keiner sollte es wagen, an dieser Grenze zu rütteln. Klar und unmißverständlich mußte zum Ausdruck gebracht werden, daß die Arbeiterklasse bereit war, ihren Staat bis zum äußersten zu verteidigen. Kein Zweifel, daß der Sender diesen Auftrag der Klasse erfüllt habe.
Das, meinten die Kontrahenten, dürfe man nur mit Einschränkung akzeptieren. Die Diskussion ging weiter und wurde nach vierstündiger Sitzung abgebrochen. Es wurde festgelegt, sie vierzehn Tage später auf der nächsten Leitungssitzung fortzusetzen. Der Intendant wollte dazu den Vorsitzenden einladen. Das war ein raffinierter Schachzug.
Der Vorsitzende genoß hohe Achtung und Anerkennung. Sein Ansehen war bei allen Mitarbeitern des Hauses ungeteilt, wenn man von den drei oder vier Leuten absah, die lediglich in subversiver Absicht unter der Belegschaft ihr Eigenleben führten. Er gehörte zu der Generation, die als Kommunisten in die Emigration gehen mußten, als Hitler von den großen Konzernen an Rhein und Ruhr die Macht übertragen wurde. Er ging nach China und sonstwohin, hatte Verbindung zu Richard Sorge, der von Japan aus an Stalin den Termin für den Überfall Hitlers auf die Sowjetunion gefunkt hatte, den Termin, den Stalin nicht akzeptieren wollte. Am Ende des Krieges fand er sich in Amerika wieder, wo ihn schließlich der McCarthy-Ausschuß verfolgte.
Der Vorsitzende war, wie man so sagt, ein gestandener Mann, ein Kommunist, einer, der sich niemals schonte. Wenn er noch vor halb acht Uhr ins Funkhaus kam, hatte er bereits das Material der Nachrichtenagenturen und den größten Teil der überregionalen Zeitungen aus Westdeutschland gelesen, die ihm per Kurier nachts ins Haus gebracht wurden. Es schien, als schlafe er niemals. Kein Komiteemitglied, kein Chefredakteur, kein Intendant wagte es, in die Sitzung um neun Uhr dreißig zu kommen, ohne die Kurzreferate der Informationsabteilung und die Schlagzeilen und Leitartikel der Westpresse zu kennen. Er fragte sie ab wie die Schuljungen. Und nicht selten gingen welche mit roten Ohren aus der Sitzung, um gleich darauf in ihrer 'Argu' am Sender um zehn Uhr dreißig als ihre neueste Information und Erkenntnis zu verkaufen, was ihnen eben 'der Alte' verkündet hatte.
Er war ein Mann des geschliffenen Wortes und zugleich auch ein Haudegen mit dem Wort. Es gab mit ihm und westlichen Journalisten im Fernsehen Diskussionen zu jener Zeit, da schlug er um sich, um keinen zu Wort kommen zu lassen, wenn er merkte, daß die anderen ihn in die Enge trieben. Niemals eine Niederlage zugeben, lautete sein Grundsatz. Es war der Grundsatz der Partei. Allerdings wußte auch keiner oder kaum jemand, daß er nach dem Kriege, nach seiner Flucht aus Amerika, einen Brief an Stalin richten mußte, in welchem er beteuerte, stets der politischen Linie des Generalissimus treu ergeben folgen zu wollen. Er war bei Stalin in Ungnade gefallen und mußte um gut Wetter bitten. Was er tat. Um der Sache willen. Thomas Kabelang erfuhr später davon, jedoch nicht, weshalb der Vorsitzende damals in Ungnade gefallen war.
Von all dem wußte Thomas Kabelang nichts, als der legendäre Altkommunist an der Stirnseite des Sitzungstisches neben Parteisekretär und Intendant Platz nahm, ein kleiner, freundlicher Herr mit kahlem, hartem Schädel, klugen Augen hinter einer blitzenden Brille und einem listigen Lächeln um die Mundwinkel, das an Brecht erinnerte.
Der Intendant legte noch einmal seinen Standpunkt dar. Der Chefredakteur und der Chefreporter trugen ihre Ansichten vor. Thomas Kabelang hielt sich zurück. Er hatte die Diskussion vor vierzehn Tagen in Gang gebracht, jetzt sprachen erfahrenere und wortgewandtere Leute als er, Leute mit Ansehen und Einfluß. Dagegen war er ein kleines Licht. Er war auch kein guter Redner und wußte es. Er konnte in einer Diskussionsrunde kurz seine Meinung sagen, aber ihm fehlte die rhetorische Fähigkeit, seine Ansichten und Meinungen auszuschmücken, aufzubauschen, so aufzubereiten, daß andere bereit waren, sie zu übernehmen. Und als sich vierzehn Tage zuvor der Chefredakteur darauf eingelassen hatte, war der sich selbst nicht ganz im klaren darüber gewesen, ob er von sich aus damit angefangen hätte. Er besaß jedoch ein Gespür für Solidarität, das ihm eingab, den Jungen jetzt nicht allein im Regen stehenlassen zu dürfen. Und dann war da noch seine kämpferische Natur, eine angeborene Risikobereitschaft, die Thomas auch dann noch an ihm schätzte, als der Chefredakteur ihm schlitzohrig den Schwarzen Peter zuschob.
Doch selbst Ben Brandenburger hatte vor vierzehn Tagen den Schachzug des Intendanten nicht durchschaut, die Diskussion zu vertagen. Denn auch er war wie alle hier Versammelten von der Partei auf die Einstimmigkeit von Leitungsentscheidungen programmiert, und dazu hätte es auch der Zustimmung des Intendanten bedurft. So hatte sie die Partei erzogen. Doch indem sie sich darauf einließen, die Sitzung zu vertagen und den Vorsitzenden einzuladen, hatten sie die Schlacht schon verloren.
Als der Vorsitzende das Wort ergriff, wog er die beiden Meinungen gegeneinander ab. Er äußerte in freundlicher Art sein Verständnis für die unterschiedlichen Standpunkte, wobei er es nicht an Humor fehlen ließ. Er war ja auch im Freundeskreis ein charmanter und einfallsreicher Plauderer. Und hier befand er sich, wie er betonte, im Freundeskreis. »Oder ist eine Zusammenkunft von Gleichgesinnten, wie sie in der Partei vereint sind, etwa kein Freundeskreis?« fragte er. »Also, müssen wir doch gemeinsam herausfinden, was richtig ist. Das kann uns niemand abnehmen. Woran orientieren wir uns dabei? Ich könnte es mir leicht machen und sagen, wir orientieren uns an den Beschlüssen unserer Partei. Es gibt aber keinen Parteitagsbeschluß darüber, wie wir Rundfunkarbeit zu machen haben. Das müssen wir selber wissen. Und wir haben nicht nur unsere journalistische Ausbildung und Erfahrung, wir haben auch unsere marxistisch-leninistische Weltanschauung als Richtschnur. Wir wissen, daß sich die kämpfenden Klassen unserer Epoche hier an der Nahtstelle zwischen Kapitalismus und Sozialismus hart gegenüberstehen. Genossen, wir sind Zeugen eines Kampfes um Sein oder Nichtsein. Natürlich ist es richtig, wenn da der Genosse Chefreporter sagt, man dürfe nicht unterlassen, auf die menschlichen Probleme Rücksicht zunehmen, die eine so entschiedene Maßnahme mit sich bringt. Richtig, Genosse Chefreporter. Und das dürft ihr auch nicht vergessen, wenn ihr eure Sendungen macht. Aber wißt ihr eigentlich, wie explosiv die Situation war, als wir die Grenze dicht machten. Wißt ihr nicht, wie sich die amerikanischen Panzer und die Panzer unserer sowjetischen Freunde in der Friedrichstraße oder am Brandenburger Tor Rohr an Rohr gegenüberstanden? Und es dauerte über ein Vierteljahr, bis sich die Lage einigermaßen stabilisiert hatte. Wir mußten und wir wollten auf alle Fälle verhindern, daß es zur militärischen Konfrontation kam. Wir sind doch nicht an einem neuen Weltkrieg interessiert. Deshalb mußte unser politischer und militärischer Gegner unbedingt begreifen, daß wir auch zum äußersten entschlossen waren. Das mußten wir ihm mit unseren Kommentaren und Berichten zeigen. Besser wir feuerten über den Äther volle Breitseiten, was er ja auch tat, als die Geschütze feuerten aus ihren Rohren menschen- und materialzerfetzende Granaten. Mag sein, daß die Hörer in Westdeutschland uns nicht immer verstanden haben. Aber der Gegner hat uns sehr gut verstanden. Das hat euer Intendant, so viele Fehler er auch sonst hat«, sagte er humorig, »und so klein er auch ist, noch kleiner als ich, das hat er in seinem Bericht an euch richtig herausgearbeitet. Es kann doch keine Frage sein, daß wir, nein, daß ihr gute und richtige und kämpferische Sendungen gemacht habt. Das ist ohne Zweifel. Jetzt aber kommt es darauf an, die Hörer in Westdeutschland bei der Hand zu nehmen und ihnen behutsam und einfühlsam zu erklären und zu erläutern, um was es uns geht. Das, Genossen, ist jetzt eure Aufgabe. Nein, Genossen, es ist unsere Aufgabe. Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit.«
Das war einfach gekonnt. Und Thomas Kabelang erlebte, wie innerhalb von drei oder vier Minuten, denn länger hatte der Vorsitzende nicht gesprochen, der Chefreporter umschwenkte (…).
Thomas Kabelang krempelte sich fast der Magen um. Er begriff, daß die Schlacht verloren war.