Bei unrast:
Vorwort:von Bernadette McAliskey
Obwohl nicht ganz so alt wie die Cailleach Bearach, hat die republikanische Ideologie ihren zeitlichen Ursprung ca. 1.000-2.000 Jahre vor Wolfe Tone – und sie hat auch keine irischen Wurzeln. Der moderne Republikanismus hat seine Wurzeln in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts – welches in der Analyse des 21. Jahrhunderts gar nicht so aufgeklärt gewesen sein mag, aber sicherlich stark genug war, einige bourgeoise Revolutionen auszulösen.
Republikanismus ist ein weites Feld und republikanische Perspektiven umfassen eine breite Meinungspalette, aber nichtsdesdoweniger enthält er Grundsätze und Prinzipien, die dem Republikanismus zugrunde liegen und definitorisch wirken und alle RepublikanerInnen vereinen. In intellektueller Hinsicht ging es in der Debatte des 18. Jahrhunderts, durch die sich der Republikanismus definierte, um die Herkunft und Natur des Menschen sowie die Ausübung von Autorität und Rechten. Das bedeutete in der Praxis eine Herausforderung der Monarchie, des Nepotismus [Vetternwirtschaft] und der etablierten Macht (durch die Gnade der Geburt, der Klasse, des Titels oder mittels Eroberung). Es war keine Debatte, die auf miteinander in Konflikt stehenden nationalen Identitäten beruhte. Natürlich hatte Thomas Paines Werk Rights of Man seine Grenzen. Gemessen am sozialen Kontext jener Zeit hatte Paine eine recht beschränkte Sichtweise des Bürgers, denn er definierte die meisten Mitglieder von Gruppen, die heute als ›sozial ausgegrenzt‹ bezeichnet werden würden, weiterhin eher als Abhängige denn als Gleichgestellte. Trotzdem stellte er eine Anzahl republikanischer Grundprinzipien auf, die den Lauf der Zeit bestanden haben. Paine stellte z.B. fest, dass alle Autorität/ Macht abgeleitet ist, dass sie also einen Ursprung hat; mehr noch: dass jede Macht, die über ein Volk oder im Auftrag eines Volkes ausgeübt wird und die nicht direkt auf den Konsens dieses Volkes zurückgeführt werden kann, in Wirklichkeit eine Usurpation der Rechte und der Autorität dieses Volkes darstellt. Er geht sogar noch weiter und argumentiert, dass der Lauf der Zeit diese Usurpation nicht legitimiert und das Volk sein individuelles und kollektives Recht zur Opposition, zum Widerstand und zur Beendigung dieser über ihn ausgeübten Autorität beibehält. Des Weiteren argumentiert Paine auch, dass eine wohlwollende Regierung die Aneignung der Rechte des Volkes weder entschuldigt noch legitimiert, noch zunichte macht. In der republikanischen Ideologie ist Selbstbestimmung ein fundamentales, individuelles Recht und Ausdruck kollektiver Freiheit. Transparenz, Verantwortlichkeit und Konsens sind Grundprinzipien. Republikanismus delegiert Verantwortung und fordert effektive Rechtsmittel und die Absetzung jener Führungspersonen, die die Autorität, mit der sie betraut wurden, überschreiten oder missbrauchen. Von der französischen Revolution inspiriert, argumentiert der Republikanismus irischer Ausprägung für die Ausweitung von Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit für die einheimische Bevölkerung. In dieser Haltung unterscheidet sich der irische Republikanismus vom nordamerikanischen. Die erste ›Spaltung‹ im irischen Republikanismus fand hauptsächlich aufgrund dieser Frage statt. Es mag einige überraschen herauszufinden, dass der irische Republikanismus nicht notwendigerweise eine militärische Philosophie ist. Er wird oft vereinfachend als rein militaristisch dargestellt, sogar von potentiellen Verbündeten; z.B. auf der einen Seite von solchen ›Feministinnen‹, die behaupten, dass Frauen von Natur aus pazifistisch seien, während der Republikanismus männlich und gewaltsam sei – oder auf der anderen Seite von NationalistInnen, die eher die Radikalität und den Egalitarismus des Republikanismus ablehnen als deren Bereitschaft, zur Waffe zu greifen. Tatsächlich hat nicht die Verpflichtung auf das Prinzip des Militarismus die irischen RepublikanerInnen auf den Pfad des bewaffneten Aufstands geführt, sondern die materiellen Umstände, die ihr Leben bestimmten. Tatsächlich waren es auch diese Umstände, die den Republikanismus zu einem Bündnis mit dem Nationalismus (dem bewaffneten sowie dem unbewaffneten) geführt haben, was nicht immer in seinem eigenen besten Interesse lag. Hierin besteht die unausgesprochene Wahrheit über die Spannung innerhalb des Republikanismus – der Republikanismus ist keine Ideologie der ArbeiterInnenklasse, die auf einer sozioökonomischen Analyse beruht. Seinem Wesen nach ist er eine bourgeoise, demokratische und liberale Philosophie, die für einen bestimmten Rahmen eintritt, in dem die Gesellschaft funktionieren soll. Den Republikanismus von einem sozialistischen Standpunkt aus als das zu betrachten, was er ist, macht ihn nicht zu einer schlechten Idee. In der gegenwärtigen Entwicklung des irischen Republikanismus geht es nicht darum, wer am meisten erlitten hat oder erleiden kann, noch darum, wer den längsten Krieg kämpfen kann. Dies entscheidet nicht darüber, ob die Prinzipien und Ideale des Republikanismus aufrechterhalten worden sind oder ob seine Ziele in der Praxis realisiert worden sind. Trotzdem stellen sich einige wichtige Fragen: Hat die Führung der Bewegung den Republikanismus aufgegeben, um das nationalistische Programm zu maximieren? Hat sie festgestellt, dass die Weiterführung des Krieges ein Hindernis für republikanische Ideale darstellt? Hat sie die republikanische Basis zu reinen NationalistInnen ideologisiert? Sind wir der Bildung einer unabhängigen Republik irgendwie näher gekommen? Haben die republikanischen Führer sich bewusst entschieden, das Ziel einer sozialistischen Republik aufzugeben? Dieses Buch behandelt einige dieser Fragen und soll einen Beitrag zur notwendigen Auswertung, Analyse und Diskussion der republikanischen Prinzipien und Praktiken darstellen. Es basiert auf Beiträgen von republikanischen Aktivisten, die mit ihrer eigenen Freiheit für diese Prinzipien und Praktiken – militärische wie politische Aktionen – bezahlt haben. Diejenigen, die eingeladen wurden, Beiträge beizusteuern, spiegeln eine Bandbreite verschiedener, oft entgegengesetzter Meinungen wider. Wie dem auch sei, es ist sehr traurig, dass einige potentielle Beiträger abgesagt haben oder bereits gelieferte Beiträge zurückgezogen wurden. Diese Entscheidungen wurden nicht getroffen, weil jene potentiellen Teilnehmer gegen das Konzept dieses Buches waren, oder dachten, dass ihre Ansichten unangemessen oder unfair in einem solchen Rahmen dargestellt werden würden, noch weil sie sich nicht in der Lage fühlten, eine bestimmte Position zu artikulieren und zu verteidigen. Diese Entscheidungen wurden aufgrund des Druckes getroffen, den die republikanische Bewegung auf sie ausgeübt hat. Potentielle Beiträger, die die gegenwärtige republikanische ›Mainstream‹-Linie der Führung eindeutig unterstützen, machten einen Rückzieher, weil sie gedrängt wurden, nicht mit einer ›dissidenten‹ Meinung assoziiert zu werden oder kritischer Diskussion Glaubwürdigkeit zu schenken. Dass sie diesem Druck wichen, ist jedoch nicht Ausdruck ihres mangelnden Mutes oder ihrer Integrität. Es sind Personen, deren Courage auf härterem, tieferem und einsamerem Terrain getestet wurde. Trotzdem spiegelt dieser Fakt die Tiefe der Krise des irischen Republikanismus wider. Es wird nicht zum Vorteil des irischen Republikanismus sein, wenn die interne Debatte Einschränkungen erfährt. Die Einbezugnahme von militärischen Praktiken wie Verschwiegenheit, unhinterfragter Loyalität, Gehorsam und Bestrafung (so wichtig diese Praktiken auch für eine sich im Krieg befindende, geheime, revolutionäre Armee sein mögen) als ein Mittel zur Festigung der politischen Führung in einer Nachkriegssituation schränkt die Diskussion innerhalb der republikanischen Bewegung stark ein. Man sollte sich auch daran erinnern, dass der gegenwärtige postmilitärische Kontext zu einem großen Teil das Werk der derzeitigen politischen Führung ist. Diejenigen, die sich an diesem Buch beteiligten, haben eine ehrenvolle Geschichte republikanischen Engagements während der 30 Jahre des bewaffneten Kampfes. Sie erklären mit entwaffnender Offenheit, wie sie die Menschen wurden, die sie sind, und warum sie so denken, wie sie denken. Ihre Meinungen und Analysen gründen fest in ihrer eigenen Erfahrung. Wenn diese Arbeit ein Angriff gegen den Republikanismus ist, was bedeutet dann Republikanismus in Irland in der ›Aufklärung‹ des 21. Jahrhunderts? |