Bei unrast:

Der zerteilte Blick. Differenzen zwischen Frauen.

Buchbesprechung

Der zerteilte Blick. Differenzen zwischen Frauen.
Über das Dilemma mit dem „postmodernen Feminismus“ und mögliche Wege der Befreiung
Buchbesprechung
von Sarah Althäuser
Rezension aus: Graswurzelrevolution Nr. 291, 33. Jahrgang, Juli 2004, www.graswurzel.net

Jutta Sommerbauer - Differenzen zwischen Frauen
Zur Positionsbestimmung und Kritik des postmodernen Feminismus br., 136 Seiten, 13,- Euro, Feministische Wissenschaft, Bd. 5. Unrast Verlag, Münster, 2003.

Nie zuvor war der Institutionalisierungsgrad der gleichstellungsorientierten Frauenpolitik, die professionell agiert, gezielt Lobbying betreibt und die Sache der Frauen bürokratisch verwaltet, so stark ausgeprägt wie heute. Der damit verbundene Trend zum „Staatsfeminismus“ bzw. „Berufsfeminismus“ beförderte, zumindest in den städtischen Ballungsgebieten, das Bestehen einer Vielzahl institutionalisierter Projekte, die jedoch weitgehend aus den Fußstapfen der Frauenbewegung herausgetreten sind. Feministinnen, die der autonomen Tradition der basisorientierten Frauenbewegung verbunden sind, haben diese Entwicklungen seit jeher kritisch beäugt.
Mittlerweile gibt es in den westlichen Gesellschaften eine große Anzahl an Frauenbüros, an Gleichstellungsbeauftragten, GleichbehandlungsanwältInnen, staatlichen Antidiskriminierungsstellen, Frauenförderplänen und Frauenquoten, Zentren für Frauenforschung an den Universitäten.
Auch das sogenannte Gender Mainstreaming hat sich inzwischen zur handlungsleitenden Perspektive im Gesetzgebungsprozess etabliert. Äußerlich betrachtet sind das progressive gesellschaftliche Entwicklungen. Es wirkt fast so, als habe die Gleichberechtigung, eine perfekte Vervollkommnung der gleichen Rechte für Frauen, überall Einzug gefunden. Aber dieser erste Blick täuscht.
Im Gegensatz zu den, zum Teil radikaleren sozialreformerischen und auch sozialrevolutionären Ansätzen der Frauenbewegung der 70er, 80er und frühen 90er Jahre, leisten die staatlich institutionalisierten Gleichstellungspolitiken nur ihren geringen Beitrag hinsichtlich emanzipatorischer, gesellschaftlicher Veränderungsprozesse.
Jutta Sommerbauer (1) kritisiert in ihrem Buch „Differenzen zwischen Frauen“ vor allem die neoliberalen Tendenzen dieser staatlich subventionierten Frauenpolitik. Der Bruch mit den feministischen, gesellschaftskritischen Utopien und den Ansätzen kooperativer Verwirklichung mit der Zielrichtung einer universalen „Schwesternschaft“ hat sich bereits seit langem vollzogen. Schon seit dem Beginn der 90er Jahre bildeten sich institutionalisierte Formen der Ent-Solidarisierung heraus. Im Mittelpunkt des heutigen Interesses von feministischen Theoretikerinnen steht der Blick auf die „multiplen weiblichen Identitäten“. Ein theoretischer Blick, der die Auseinandersetzung und Analyse mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit scheut und der die Ansätze „Feministischer Kritischer Theorie“ eindeutig vernachlässigt. (vgl. S. 12)

Kann der zerteilte Blick überhaupt noch befreiende, emanzipatorische Perspektiven freilegen?
Außerdem stellt sich die Frage, wie die einst von Teilen der Frauenbewegung erarbeitete Kritik- und Handlungsfähigkeit, auf die gesellschaftlichen Umstände der heutigen Zeitepoche bezogen, sinnvoll wiederbelebt werden kann. Der Hauptkritikpunkt Jutta Sommerbauers an den feministischen Differenz-DenkerInnen der Postmoderne ist, dass ihre Art des Diskurses und ihre Entwürfe einerseits zu einer endlosen Auseinandersetzung um die verschiedenen Identitätspolitiken wurden; andererseits habe die Beliebigkeit der „feministischen Debatte“ zu krassen Formen der Ent-Politisierung der Frauen geführt. „Hinsichtlich der politischen Praxis irren die Differenzen-Theoretikerinnen zwischen reformistischer Identitätspolitik, prekären Bündnissen und abstrakten Forderungen des Nicht-Zusammenschließens umher.
Zwischen den Rufen nach Anerkennung der Verschiedenheit und dem Bedürfnis nach Aufweichung/Vervielfältigung von Normen ist eine weiterreichende Orientierung ... abhanden gekommen.“ (S. 114) Aber welche Art von „weiterreichender Orientierung“ kann aus dem Phänomen der Zersplitterung der heutigen feministischen Theorien und ihrer praktischen Auswirkungen heraus helfen? Sind damit marxistische Orientierungen gemeint? Obwohl sich die Autorin zu einer neo-marxistischen Ausrichtung bekennt, in Anlehnung an Marcuse und Adorno, geht es ihr nicht um die Übernahme eines holistischen, universalistisch-gültigen Orientierungssystems. Um also Frauen nicht in die herrschenden Konzeptionen von Kapital, Staat oder Nation zu integrieren, da diese Konzepte die Formen der geschlechtsspezifischen Vergesellschaftung fortschreiben, ist es wichtig, eine Denkbewegung weg - von der Fixierung auf „positive Identitätsfindung“ - hin zu einer „negativ-kritischen Ausrichtung“ feministischer Theorie herauszubilden. (vgl. S. 119).

Plädoyer für eine feministische Gesellschaftstheorie und -praxis
Der Feminismus ist „... eine politische Theorie und Praxis, die die Befreiung von Unterdrückung, Ausbeutung und Marginalisierung der Frauen bzw. die umfassende Veränderung des von Herrschaft gekennzeichneten Geschlechterverhältnisses anstrebt.“ (S. 17) Diese von J. Sommerbauer verwendete Definition - in Anlehnung an die Thesen von Barbara Holland-Cunz (1996) und Elisabeth List (1989) - formuliert im Ansatz das, was unter einer „negativ-kritischen“ Gesellschaftstheorie zu verstehen ist.

„Feminismus ist ... sowohl in politisch-theoretischer als auch in praktischer Hinsicht Herrschaftskritik...“ (S. 17) Ein solches Verständnis von feministischer Politik arbeitet nicht mit den Methoden der Ausgrenzung und Herrschaft über die jeweils Anderen. Im Gegenteil: Es geht darum, „... jede Form von Unterdrückung zu überwinden, und nicht“... z. B. bestimmten „... Gruppen von Frauen innerhalb bestehender Strukturen mehr Raum zu verschaffen.“ (S. 17)
Dass es sich dabei um einen stark systemverändernden Ansatz kritischer Gesellschaftstheorie handelt, der basisorientiert ist und die Aspekte der herrschaftsfreien Kommunikation mit einbezieht, versteht sich dabei eigentlich von selbst.

Sarah Althäuser

Anmerkung:
(1) Die Autorin, Jutta Sommerbauer, geb. 1977 in Wien, Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Frauenforschung, arbeitet zur Zeit an einem Germanistischen Institut in Bulgarien. Veröffentlichungen in diversen Publikationen.

Rezension aus: Graswurzelrevolution Nr. 291, 33. Jahrgang, Juli 2004, www.graswurzel.net