Bei unrast:

"Dieses Buch ist notwendig"

meint Tine Plesch über Jutta Sommerbauers "Differenzen zwischen Frauen" – eine Rezension

aus: raumzeit Nr. 26, Tine Plensch
http://www.raumzeit-online.de

Grundsätzliches gleich vorweg: Dieses Buch ist notwendig. Ist doch der Feminismus dabei, sich zwischen Gender Mainstreaming und einer Quasi-Postmoderne zu verlieren. Letztere kommt meist in Gestalt eines "Hab ich doch nicht mehr nötig" daherkommt und leichthändig Push-up Bras mit Karrierechancen innerhalb eines immer noch patriarchal-kapitalistischen Systems kombiniert. Haben wir aber nötig – und zwar mehr denn je. Feminismus ist nach wie vor ein politisch notwendiges Projekt. Ausgehend davon, dass der etablierte "Staatsfeminismus" in Gestalt der Gleichstellungsbeauftragten und der Gender-Mainstreaming-Referate ein "eigenständiges Feld politischen Handelns" geworden ist, das mit der einst autonomen Frauenbewegung wenig zu tun hat, ausgehend davon, dass der österreichische Sozial- und Frauenminister Herbert Haupt 2001 eine Abteilung für Männer einrichtete, stellt Jutta Sommerbauer fest: "Obgleich das – bei weitem nicht ausreichende – bürgerliche Versprechen der abstrakten Gleichheit noch nicht eingelöst wurde, wird es als politischer Bezugspunkt gestrichen." Gerade dieser Tage scheint es also wichtiger denn je, den Feminismus wieder zu beleben - und das durchaus als "Grosstheorie." Zuvor aber scheint es wichtig, die Lage zu sichten, Vergangenges zu reflektieren. Welche Strömungen und Diskussionen gibt es, was haben Feminismus und Postmoderne miteinander zu tun, was ist Identitätspolitik und worum geht es bei den titelgebenden Differenzen?
Der Feminismus hat sich zersplittert: in die genannten professionellen Bereiche - zu denen auch die Vertreterinnen der NGOs als globale Spielerinnen gehören -, in einen wissenschaftlichen Feminismus und in die mehr oder minder selbstausbeuterische Praxis der letzten autonomen Frauenräume zwischen Buchladen und Frauenhaus. Der "mediale dernier cri" ist der Postfeminismus, der es chic findet, Tabus zu brechen und damit gegenläufige Tendenzen verstärkt, eine "ideologische Wirkung, die sich nicht zufällig mit der erstarkenden neoliberalen Ausrichtung der Politik gut ergänzt(e)." Die Verbindung zwischen Feminismus und Popkultur in Form des "Postfeminismus" ist weitgehend schiefgegangen. Es bejaht ein sich Einrichten in den bekannten Verhältnissen, mit individuellen Ellenbogen und täuschender, rein konsumistischer Sexyness und kippt gar ins Antiemanzipatorische, wenn uns dann zu guter Letzt Margaret Thatcher als Heldengestalt des britischen Feminismus serviert werden soll. Das Betonen der Differenzen hat sich langfristig als negativ erwiesen.
Mythische Assoziation von Fortschrittlichkeit
Jutta Sommerbauer zeichnet die Entwicklung des Feminismus anhand der jeweils aktuellen Theorien nach, geht auf die Versuche ein, "Theorie –Ehen" z.B. zwischen Feminismus und Marxismus zu schließen, untersucht die unterschiedlichen Rezeptionen des postmodernen Feminismus in den USA und in deutschsprachigen Ländern und geht sehr ausführlich auf die Differenz-Debatte ein. Das ist sinnvoll, denn einiges scheint mittlerweile aus dem Blick geraten. Das führt zu Fehlinterpretationen, wie Sommerbauer am Beispiel der Ursprünge der "Differenzdebatte" zeigt: die frühen KritikerInnen eines weißen Feminismus – schwarze und farbige Frauen – plädierten nicht für mehr oder differenziertere Identitäten, sondern forderten die Integration ihrer Lebenswirklichkeit und ihrer Anliegen, damit der Feminismus seinem Universalitätsanspruch nachkommen könne – mit anfangs durchaus klassenkämpferischem Ansatz. Andererseits: nicht alles, was eilig als überholt erklärt wird – z.B. Frauen als politisches Kollektiv - ist wirklich sinnlos. Was nicht heißt, essentialistischen Bestrebungen Raum zu bieten. Dennoch: was da gerne als radikaler Differenzdiskurs daherkommt und Anspruch darauf erhebt, jedweder Identitätsmöglichkeit Raum zu geben, bis hin zu einer "dubiosen Vielheit", mag vielleicht radikal wirken, depolitisiert letztlich aber. Zumal jene "dubiose Vielheit", wie Sommerbauer anmerkt, problematische Identitäten wie die konservative alleinerziehende Mutter und solche ohne kulturelles Kapital wie die arbeitslose Underclass-Rassistin ausschließt. Also muss wohl die Postmoderne ihrer nahezu mythischen Assoziation von Fortschrittlichkeit entkleidet werden, um eine kritisch-feministische Perspektive einzunehmen, die über den different-dekonstruierten Identitäten nicht vergisst, dass "feministisches Engagement an der Zerstörung der hierarchischen Beziehungen zwischen Frauen und Männern" arbeitet. Andererseits müssen sich auch die Gleichheitsforderungen an ihrem emanzipatorischen Charakter messen lassen: "Geht die Anbindung an eine feministische Gesellschaftskritik verloren, bezwecken [Gleichheitsforderungen] lediglich eine gleichberechtigte Integration in den Prozess der – patriarchal strukturierten – kapitalistischen Verwertung, d.h. eine tendenzielle "Vergleichgültigung" der Geschlechter im Bestehenden." Wie fast alle linken Bewegungen und Theorien hat auch der Feminismus unter dem Eindruck des Zerfalls der alten Lager den Entwurf einer umfassenden, radikal gesellschaftsverändernden Perspektive aufgegeben. Das aber soll nicht so bleiben – im Nachwort deutet Sommerbauer an, wie eine sinnvolle Bündnispolitik funktionieren könnte: "... internationale Kampagnen wie die "Clean Clothes-Kampagne, die die schlechten Arbeitsbedingungen der mehrheitlich von Frauen dominierten internationalen Bekleidungsindustrie in der Peripherie zum Thema machte und versuchte, gesamtgesellschaftliche Analysen der ökonomischen Globalisierung mit der wachsenden Ungleichheit zwischen Frauen zusammenzudenken, sind ein Schritt in die richtige Richtung." Feminismus müsse gesellschaftskritisch begründet und ausgerichtet sein, ohne "pseudoradikale Forderungen an den Staat" zu stellen, meint Sommerbauer. Die Leserin und der Leser dürfen nach der Lektüre, die nicht ganz unanstrengend ist, aber immer lohnt, allerdings erstmal ihre eigenen Vorstellungen von Feminismus hinterfragen, überdenken und dann neue entwerfen. Das wäre doch fein!

Tine Plesch