Bei unrast:

Autonome – Die Spontis der 90er Jahre?

Peter Nowak
In: Schwarzer Faden Nr. 2 / 1998

Autonome – Die Spontis der 90er Jahre?

Die Zeiten, wo bei jeder größeren Demonstration ein autonomer Block für Schlagzeilen sorgte sind längst vorbei. Selbst der 1.Mai in Berlin macht eher durch innerlinke Streitereien als durch autonome Militanz von sich reden. Im Szenejargon wird schon von den Ex-Autonomen gesprochen. Zeiten der Bewegungsflaute sind Zeiten der Reflexion. So nahmen sich im letzten Jahr drei Autonome Zeit, Bücher über ihre Bewegung zu verfassen. Geronimo aus Berlin, Thomas Schultze und Almut Gross aus Hamburg.
Copyright 2002-2004 by warpturbine. Alle Rechte vorbehalten. Die beiden Diplompädagoginnen Gross und Schultze, die eine gekürzte Version ihrer Diplomarbeit als Buch herausgebracht haben, begeben sich auf das Feld der Soziologie und verorten die Autonomen bei den Neuen Sozialen Bewegungen (NSB), die als Ergebnis der Krise des fordistischen Wohlfahrtsund Sicherheitsstaat in den 70er Jahren entstanden sind. Anders als in der Arbeiterinnenbewegung fehlt die kollektive Mobilisierungsfähigkeit, die sich aus einer gemeinsamen sozialen Situation ergibt. Dafür tritt die individuelle Mobilisierungsfähigkeit durch moralisches Bewußtsein in den Mittelpunkt. Die Trägerinnen der Proteste kommen überwiegend aus dem Mittelstand. Aus den Durchmischungsprozessen der NSB Ende der 70er Jahre formierten sich deren radikale Kerne zur autonomen Bewegung. Als ein direkter Vorläufer der Autonomen werden die Spontis und BasisgrüpplerInnen der 70er Jahre benannt, die sich als Gegengewicht zu den damals nicht unbedeutenden K-Gruppen verstanden haben. Das Konkurrenzverhältnis setzte sich Ende der 70er Jahre dann als Machtkampf bei den Grünen fort. Führende Köpfe aus der Sponti-Hochburg Rhein?Main?Gebiet hatten bald die Nase vorn und demnächst könnte mit Joschka Fischer vielleicht sogar ein Autonomer der ersten Stunde Bundesminister werden. Er hatte in seiner militanten Phase noch gute Kontakte zu den Namensgebern der Autonomen, die den Meisten, die sich heute als solche verstehen, nicht mal mehr bekannt sind. Der Autonomia Operaia (Arbeiterautonomie) in Italien, in der sich seit Ende der 60er Jahre Zigtausende Arbeiterinnen und Studentinnen organisierten. Streiks, Sabotage und militante Aktionen waren ihre Mittel, eine Mischung aus Rätekommunismus und Anarchosyndikalismus ihr Ziel. Während der Schwerpunkt der autonomen Bewegung in Italien auf dem Produktionsbereich lag, war e , in der BRD der Reproduktionsbereich. Der enorme Einfluß der "italienischen Connection" auf die BRD?Linke zeigt sich auch daran, daß gleich zweimal eine Theoriezeitschrift mit dem Namen Autonomie erschienen ist. Während sich die 'Autonomie?AIteFolge' inden70er Jahren hauptsächlich mit Berichten über die Kämpfe in Italien befasste, war es Ziel der 'Autonomie ? Neue Folge' die Erfahrungen dieser Kämpfe einer neuen Politgeneration in den 80er Jahren zu vermitteln. Doch die ausgeprägte Theoriefeindlichkeit der damaligen Szene führte nach 14 Folgen zur Einstellung des Zeitungsprojekts. Auch die 'Karlsruher Stadtzeitung', die sich später in Wildcat umbenannte, scheiterte mit ihrem Versuch durch den Aufbau einer JobberInnenbewegung nach, italienischen Vorbild in den Produktionssektor zu intervenieren. Die Autorinnen räumen den beiden Publikationen viel Raum ein. Die Radikal hingegen wird nur kurz erwähnt. Dieses heute bekannteste autonome Publikationsorgan trat 1976 im Zeichen des historischen Materialismus 'an. Eine der Kuriositäten auf die die Autorinnen beim Streifzug durch die autonome Bewegung gestoßen sind.
Almut Gross beschäftigt sich mit der autonomen Frauenbewegung. Ihr Autonomiebegriff leitet sich nicht von der Autonomia Operaia ab sondern soll ihre Unabhängigkeit von Parteien, Staat und anderen Großorganisationen ausdrücken. Der Triple?Oppression?Ansatz, der Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat als eigenständige Unterdrückungsverhältnisse definiert, wird von den AutorInnen positiv rezipiert. Die Diskursbausteine von Triple?Oppression stammen hauptsächlich aus feministischen ,antirassistischen aber auch linkskommunistischen Zusammenhängen. Leider sind die Autorlnnen nicht auf Rezeption von Judith Butler in autonomen und feministischen Zusammenhängen eingegangen. Dabei ist der Dekonstruktivismus nicht nur bei "exautautonomen" VerfasserInnen des schon erwähnten Paul und Paula?Papiers in aller Munde.
Der Rückzug vieler AktivistInnen ins Private oder in die berufliche Karriere, ihre Schwierigkeiten, neue Mitstreiterinnen zu gewinnen und eine verbreitete Perspektivlosigkeit ist den gemischten autonomen Zusammenhängen und der autonomen Frauenbewegung heute gemeinsam. So bleibt Schultze/Gross am Schluss ein pessimistischer Ausblick: Es gibt heute, im Hinblick auf Rassismus, Sexismus, Sozialabbau und organisierten Faschismus weiterreihende gesellschaftliche Veränderungen als 1980181 zur `Hochzeit' der autonomen Bewegung, auf die reagiert werden müsste. Allein, es fehlt an Aktivisten, und eine offensive Bewegung kommt heute nicht zustande."
Dem kann sicher auch der Autor von Glut & Asche zustimmen, der unter dem Pseudonym Geronimo schon 1990 und 1992 autonome Geschichtsbücher "im Handgemenge" geschrieben hat, als Aktivist der Bewegung für die Bewegung. Bei dem Abschlußband seiner autonomen Geschichtstrilogie hat sich Seine Position allerdings verändert, wie er die LeserInnen wissen lässt: "Ich changiere zunehmend seltener zwischen einer Täter ? Zuschauer ? Opferrolle, bin immer häufiger das mittlere..."Seine Zuschauerrolle versteht Geronimo aber nicht als passiv. "Gemessen an meinen eigentlichen zwischenzeitlich erreichten Ansprüchen aber auch Bedürfnissen ist es unvermeidlich, die dadurch 'politisch gesetzten Grenzen' wahlweise auszulachen oder sie mit Leidenschaft mit aller Respektlosigkeit, und vor allem mit allen meinen intellektuellen Fähigkeiten – anzugreifen.” Geronimo ist hier durchaus der Prototyp vieler Autonomer, die das 3.L.ebensjauzehnt überschritten und ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Nicht nur auf dem kulturellen und kulinarischen Gebiet haben sich die Ansprüche geändert und Herr Frau (ex)?Autonom wissen, daß ihnen diese Gesellschaft noch manches bietet.. "Ich schreibe als jemand, der in Gegenwart und Zukunft versucht, sich immer alle Türen offen zu halten". Kein Wunder, daß sich Geronimo nicht mehr hinter einem Pseudonym verstecken will. Schließlich hilft es ja auch dem beruflichen und persönlichen Fortkommen, wenn man sich als Autor von drei nichtgerade erfolglosen Büchern outet.
In den Zitaten aus Geronimos Vorwort wird seine subjektivistische Herangehensweisedeutlich, die sich das gesamte Buch durchzieht. Lob und Tadel werden nicht nach inhaltlichen Kriterien sonder nach Sympathie verteilt. Besonders plastisch wird das bei seiner Beschreibung der Konflikte zwischen traditionellen "Revomaps" und autonomen "Automapl", so die Kürzel der beiden Vorbereitungsplenas der 1.Maidemonstration in Berlin. Die Anti?Olympia?Kampagne, in die Geronimo selber involviert war, wird hochgelobt. Alle anderen Ansätze werden niedergemacht, ob es sich um antiimperialistische Politik, Antifa?Organisierung oder die Selbstorganisierung von MigrantInnen oder Feministinnen handelt.
"Das sich selbst als MigrantInnengruppe bezeichnende CafB Morgenland" aus Frankfurt/M. konfrontierte nach den pogromartigen Auseinanderset7ungen von Hoyerswerda, Rostock etc. die 'deutsche Linke' mit der Selbstverständlichkeit, daß sie sich im Gegensatz zu den MigrantInnen einfach ins Privatleben zurückziehen können, wenn sie keinen Bock auf politische Arbeit mehr haben. Für Geronimo ist diese Aussage "Unfug", "geradezu makaber", "maßlos", "einer direkten Erwiderung nicht wert". Keinen Gedanken verschwendet er daran, daß diese Aussage vielleicht im Zusammenhang mit dem eliminatorischen Antisemitismus des NS steht, mit dem sich die GenossInnen vom 'Cafe Morgenland' gründlich auseinandergesetzt haben. Während aus Kommunisten in wenigen Monaten SAMänner werden konnten, war der jüdische Deutschnationale vor der Shoah nicht sicher. Und ist es nicht legitim, daran in einer Zeit zu erinnern, wo dem Pogrommob MigrantInnen zum Opfer gefallen sind, nur weil sie Nichtdeutsche waren, während viele Linken von der Flucht aus der Politik sprechen.
Ebenso ignorant zeigt sich Geronimo gegenüber der "sogenannten anti-sexistischen Politik". Feministische Zusammenhänge aus Hamburg übermittelten dem Autonomiekongress Ostern 1995 eine Kritik, die mit der alten Parole der Autonomia?Frauen endete: "Genossen auf der Straße, immer noch Faschisten im Bett". Dieses Papier "von beschämend schlechten Inhalt", dieses Konvolut ",von nicht zusammenhängenden Aussagen" hatte sich Geronimo "anhören müssen" und derart provoziert, "daß schon eine große Lust darauf da war, es mit polemischer Wucht anzugreifen". Was er sich damals verkniff, um den Kongressfrieden zu retten, holte er im Buch nach und reiht sich in die Anti?Political?CorrectnessFronde ein, wenn er gegen das Aufstellen von "Benimmregeln" agiert. An einer differenzierten Diskussion über PC?Politik ist ihm nicht gelegen.
Geronimos Vision ist eine autonome Bewegung, die wie Phönix aus der Asche aufersteht. Aber wird er dann noch dazugehören, oder wird er die politische Ebene verlassen um "notfalls das zu praktizieren, was Millionen Menschen heute sowieso tun: flüchten"? Die Fluchtmetapher taucht an verschiedenen Stellen im Buch auf. "Drei, vier Fragen gegen den Untergang und tausend Fragen bis zum nächsten Strand". Die Parallelen zur Spontibewegung und deren Tunixkongreß im Januar 1978 sind sicher nicht zufällig.
Das gefällt auch manchen bei der TAZ zwischengelagerten Altspontis. So spendet der Rezensent in dieser auf dem Tunix?Kongreß entstandenen Zeitung dem subjektiven Ansatz von Geronimo Lob. Gross/Schultze haben es da schwerer, beharren sie doch ganz altmodisch auf antirassistischer und antisexistischer Politik. Die beiden Bücher stehen für zwei unterschiedliche Ansätze in den autonomen Zusammenhängen. Was in Zukunft von dieser Bewegung bleibt, kann keine der drei AutorInnen sondern nur die Entwicklung der Kämpfe beantworten.

Gross Almut/Schultze Thomas, Die Autonomen ? Ursprünge, Entwicklung und Profil der Autonomen Bewegung, Konkret Literatur Verlag, 224 Seiten
Geronimo, Glut & Asche, Reflexionen zur Politik der autonomen Bewegung, Unrast Verlag, 248 Seiten