Bei unrast:

Vorwort des Bildungswerks Stanislaw Hantz

Samuel Willenberg
Treblinka
Bericht einer Revolte
reihe antifaschistischer texte

In der Lobby des Marriott am Potsdamer Platz herrscht Hochbetrieb. Filmteams hasten mit ihren Kameras und Stativen an den Menschen vorbei. Polnische, russische, englische und hebräische Worte schwirren durch die riesige Halle. Morgen wird das Holocaust-Mahnmal in Berlin eröffnet. Historiker, Diplomaten, Museumsleiter und Politiker aus aller Welt sind angereist. Auch einige Hundert Überlebende aus Konzentrationslagern und ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sind eingeladen worden. Wir wollen Ada und Samuel Willenberg aus Tel Aviv treffen. Da wir bisher nur telefonischen Kontakt hatten, haben wir ein Erkennungszeichen verabredet. Frau Willenberg will die Jerusalem Post in der Hand halten, wir das englische Buch ihres Mannes Revolt in Treblinka. Also suchen wir nach einem älteren Ehepaar mit Zeitung. Ältere Ehepaare gibt es viele in der Lobby – nur die Willenbergs sind bisher nicht darunter. Schließlich kommt eine ältere Frau mit modischem Kurzhaarschnitt gefolgt von einem Mann mit schlohweißen Haaren durch die Drehtür. Beide schauen sich suchend um. Dann holt der Mann eine Zeitung aus seiner hellbraunen Ledertasche. Das müssen sie sein.
Ada und Samuel Willenberg sind zusammen mit ihrer Tochter nach Berlin gekommen. Vor unserem Treffen haben sie sich bereits das Holocaust-Mahnmal angeschaut. Mit dem Stelenfeld können sie wenig anfangen, aber die Ausstellung hat sie begeistert. Beiden ist die Reise nach Deutschland nicht leicht gefallen. Samuel Willenbergs Schwestern Ita und Tamara wurden von Deutschen umgebracht. Auch Ada Willenbergs Eltern wurden ermordet. Sie selbst überlebte das Warschauer Ghetto dank der Unterstützung einer polnischen Frau, die sie als ihr Kind ausgab. Noch am Ende des Krieges verschleppten die Deutschen sie – im Glauben sie sei katholische Polin – zur Zwangsarbeit auf einen Hof in die Nähe von Dresden. Jahrzehntelang war für die Willenbergs alles Deutsche tabu. Das Land, die Menschen, die Sprache, deutsche Autos. Einfach alles. Aber jetzt, 60 Jahre später, trinkt Samuel Willenberg seinen ersten deutschen Saft. Ihn reizt es, eine neue Generation von Deutschen kennen zu lernen. Gewissermaßen Pionierarbeit hat seine Tochter geleistet. Die Architektin der israelischen Botschaft in Berlin war schon häufiger im Land der Täter und hatte ihren Eltern vom neuen, demokratischen Deutschland berichtet. Heute sitzt sie neben ihnen in der Lobby des Berliner Hotels. Aufmerksam hören die drei unseren Vorschlag an, Samuel Willenberg für eine Vortragsreise zu gewinnen. Die Idee gefällt ihnen.
Und tatsächlich, schon wenige Monate später reisen Ada und Samuel Willenberg mit uns durch Deutschland. Auf Einladung des Bildungswerks Stanislaw Hantz spricht Samuel Willenberg in Göttingen, Bielefeld, Hamburg und Berlin über das Vernichtungslager Treblinka. Überall sind die Zuhörerinnen und Zuhörer sichtlich bewegt von den Erzählungen des 84-Jährigen. Samuel Willenberg berichtet vom Anfang des Krieges, seiner Deportation ins Vernichtungslager nach Treblinka, dem täglichen Kampf ums Überleben und dem Häftlingsaufstand. Als er in Göttingen von seinen Schwestern spricht, muss er abbrechen und seine Frau bitten, fortzufahren. Während er mit den Tränen kämpft, schildert sie stellvertretend für ihren Mann die Szene, die sich bei ihm so schmerzvoll ins Gedächtnis eingebrannt hat. Als Sklavenarbeiter der SS musste Samuel Willenberg in Treblinka die Kleidung der kurz zuvor Ermordeten sortieren. Denn die besten Stücke wurden regelmäßig »ins Reich« geschickt. Eines Tages hielt er den Mantel seiner Schwester Tamara in der Hand. Es gab keinen Zweifel. Die Ärmel des Mantels hatte seine Mutter mit einem farbigen Stoffteil verlängert. Und unter Tamaras Mantel entdeckte er auch noch den Rock seiner älteren Schwester Ita. Darüber hat Samuel Willenberg auch nach dem Krieg nie mit seinen Eltern sprechen können. Er brachte es nicht übers Herz, ihnen vom Schicksal seiner Schwestern zu erzählen.
Den roten Faden in Samuel Willenbergs Vortrag bilden seine Bronzeskulpturen, deren Bilder an die Wände projiziert werden. Als Rentner studierte Samuel Willenberg Malerei und Bildhauerei. Produkte seines künstlerischen Schaffens sind Plastiken, die alle etwas mit dem Ver­nichtungslager Treblinka zu tun haben. Jede Skulptur birgt eine eigene Geschichte. Der Scheißmeister, der Musiker Artur Gold und seine Band, eine junge Frau, die wahnsinnig vor Angst, ein Stück Brot wie einen Schatz umklammert, oder ein einbeiniger Mann, der auf seine Erschießung wartet. Auch die mit Gewehren und Granaten bewaffneten Häftlinge, Symbol für den jüdischen Häftlingsaufstand vom August 1943, hat er in einer Bronzeplastik abgebildet. Als Samuel Willenberg nach fast zwei Stunden seinen Vortrag beendet, stehen viele Zuhörer auf und applaudieren. Eltern kommen mit ihren Kindern zur Bühne und bedanken sich mit bebender Stimme dafür: »Sie hören zu dürfen.« Andere bitten um Autogramme oder fragen, ob es ein Buch über Samuel Willenberg und sein bewegtes Leben gibt. Ada und Samuel Willenberg strahlen über das ganze Gesicht. Sie sind froh darüber, dass sie diese Reise gemacht haben. Gerne würden sie wiederkommen – vielleicht, um Samuel Willenbergs Skulpturen in Deutschland zu zeigen.
Seit 1998 besuchen wir mit unseren Reisegruppen regelmäßig die Gedenkstätten der Vernichtungslager der »Aktion Reinhardt« Belzec, Sobibór und Treblinka; die Orte, an denen die SS mehr als anderthalb Millionen jüdische Menschen ermordete. Einmal im Jahr fahren wir auch nach Treblinka in die Nähe von Warschau. Schon seit vielen Jahren ist das Buch Revolt in Treblinka von Samuel Willenberg eines von zwei, drei Büchern, die es dort in einem kleinen Kiosk über das Vernichtungslager Treblinka zu kaufen gibt. Auch 65 Jahre nach der Errichtung des zweitgrößten NS-Vernichtungslagers nach Auschwitz-Birkenau ist Treblinka weitgehend eine publizistische Leerstelle geblieben. Dabei hat das Lager Treblinka, in dem fast 900.000 zumeist jüdische Menschen ermordet wurden, eine besondere Geschichte. Am 2. August 1943 gelang es den jüdischen Arbeitshäftlingen, einen Aufstand gegen die SS-Leute und deren ukrainische Wachmannschaften zu organisieren. Es war der erste bewaffnete Aufstand in einem NS-Vernichtungslager. Zwar wurde die Häftlingsrevolte wie später auch in Auschwitz-Birkenau und Sobibór blutig niedergeschlagen, doch einigen jüdischen Häftlingen gelang die Flucht. Heute kennt man die Namen von etwas mehr als 60 Überlebenden des Vernichtungslagers.
Wer etwas über Treblinka erfahren möchte, muss sich sein Wissen mühsam aus einigen wenigen Büchern zusammensuchen. In deutscher Sprache gibt es bisher nur ein einziges Buch eines Treblinka-Überlebenden: Die Falle mit dem grünen Zaun von Richard Glazar aus Prag. So stammt das, was wir heute über Treblinka wissen, überwiegend von den Tätern selbst. Zum Beispiel aus den Gesprächen der britischen Journalistin Gitta Sereny mit dem früheren Treblinka-Kommandanten Franz Stangl oder aus den Ermittlungsakten und Prozessunterlagen deutscher Staatsanwaltschaften. Deswegen ist es uns ein besonderes Anliegen, Überlebenden wie Samuel Willenberg eine Stimme zu geben und seine Erinnerungen für die Nachwelt zu erhalten.
Samuel Willenberg schildert in seinem Text sehr anschaulich und detailliert den Alltag und die Extremsituationen im Vernichtungslager Treblinka, in das er 1943 verschleppt wird. Zum damaligen Zeitpunkt ist Samuel Willenberg gerade einmal 20 Jahre alt. Das erlittene Leid und die traumatischen Erfahrungen im Lager Treblinka sind jedoch nur ein Teil des Buches. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Leben nach der Flucht. Mit klaren, präzisen Worten beschreibt er Beobachtungen und Erfahrungen, die er mit Deutschen, Polen und Ukrainern im besetzten Polen gemacht hat. Anhand seiner prägnanten Momentaufnahmen wird die doppelte Gefahr, denen Juden von deutscher und von nationalistisch-polnischer Seite ausgesetzt waren, offensichtlich. Seine beiden Schwestern wurden von polnischen Nachbarn bei den Deutschen denunziert, sein Vater musste seinen jiddischen Akzent vor seinen Mitmenschen verbergen, um nicht verraten und verhaftet zu werden. Jüdische Flüchtlinge und Widerstandskämpfer wurden von antisemitischen Polen erschlagen und ermordet. Die Tragik dieser Lebensumstände prägt Willenbergs Biografie. Zwar kämpfte er im (nicht-jüdischen) Warschauer Aufstand 1944 Seite an Seite mit polnischen Partisanen gegen die deutschen Besatzer. Doch seine jüdische Herkunft musste er vor den eigenen »Kameraden« verbergen und als jüdischer Partisan doppelt um sein Leben fürchten. Trotz dieser schrecklichen Situation vergisst Samuel Willenberg nicht zu differenzieren. Er erzählt auch von der Hilfe und Unterstützung durch katholische Polen. Ohne sie hätten er und sein Vater nicht überlebt.
Der vorliegende Text von Samuel Willenberg basiert auf seinen Erinnerungen, die unmittelbar nach dem Krieg im Rahmen eines längeren Interviews aufgezeichnet wurden. Im Anhang finden sich, neben einer Kurzbiografie von Samuel Willenberg, Bilder seiner Bronzeskulpturen und die Auszüge aus einem Gespräch zwischen Samuel Willenberg und dem polnischen Publizisten Pawel Spiewak. Weiterhin gibt es im Anhang einen Text zur Geschichte des Vernichtungslagers Treblinka.



Danksagung
Unser Dank gilt zuallererst Ada und Samuel Willenberg für ihre Geduld und die freundschaftliche Zusammenarbeit bei der Erstellung des Buches. Wir haben uns zudem sehr gefreut, dass Pawel Spiewak aus Warschau damit einverstanden ist, Teile seines Interviews nachzudrucken. Außerdem möchten wir uns bei der Heinrich-Böll-Stiftung sowie dem Trägerkreis Shoah-Gedenkstätten beim Kirchenkreis Bielefeld für die finanzielle Unterstützung des Projektes bedanken.

Bildungswerk Stanislaw Hantz, März 2009

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