Bei unrast:

Weder Glut noch Asche

Probleme einer Geschichtsschreibung der Autonomen

Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 32 (Dezember 1997)

Bernd Hüttner
Weder Glut noch Asche. Probleme einer Geschichtsschreibung der Autonomen

Im der ersten Hälfte des Jahres 1997 erschienen drei Bücher, die alle “die Autonomen" zum Inhalt haben [1]. Da sie aus der schwer zugänglichen “grauen" Literatur von Autonomen herausragen, dürften sie das Bild der Autonomen als politisch-kultureller Bewegung in der interessierten Öffentlichkeit und in der Forschung zu den neuen sozialen Bewegungen nicht unwesentlich beeinflussen. Schon aus diesem Grund und dem weit wichtigeren der politischen Auseinandersetzung mit dieser Bewegung, ist eine kritische Beschäftigung mit diesen Büchern angezeigt.
In unterschiedlicher Weise behandeln die Veröffentlichungen die Autonomen als - und hier fangen die Probleme auch schon an, als was eigentlich? Als wichtigsten Bestandteil ausserparlamentarischer Politik der 80er Jahre? Als eine an ihr Ende gekommene soziale Bewegung? Als linksradikalen politischen Widerstand, dessen Ende schon oft konstatiert wurde (das erste Mal 1981/82), der aber, dank seines kulturellen “Unterbaues" das Ende der neuen sozialen Bewegungen überleben wird bzw. überlebte?
autonomie-kongress ist die Dokumentation des Autonomie-Kongresses, der 1995 in Berlin stattfand [2]. Bei diesem bundesweiten Treffen der radikalen undogmatischen Linken sollte es vorrangig um das “Innenleben" der autonomen Bewegung gehen. Die von der Kongreßvorbereitungsgruppe herausgegebene Dokumentation hat keinen Komplettheitsanspruch, versammelt aber das Protokoll der Auftaktveranstaltung und die wichtigsten Papiere des Kongresses und seiner Vorbereitung.
Hervorzuheben sind die Beiträge zur Diskussion um die Vorstellungen von Militanz und Organisierung, das sehr scharfe Kritikpapier am Kongreß einiger Hamburger Feministinnen und der Beitrag zum Verhältnis von Spaß und Politik, die alle die Debatten der radikalen Linken auf den Punkt bringen. Kritik gab es beim Kongreß von “Ost-" an “West-Autonomen, von jungen an Altautonomen, von Frauen an Männern, nicht zuletzt wurde das Fehlen von nichtdeutschen Menschen bemängelt. Die Vielfältigkeit der mittlerweile recht ausdifferenzierten (um nicht zu sagen: atomisierten)
autonomen Bewegungen werden in der Dokumentation zwar genannt, aber nicht in der vielleicht gebotenen Schärfe. Eine Dokumentation der Presseresonanz und der in der autonomen Bewegung schließt den Band ab. Die Kongreßvorbereitungsgruppe enthält sich einer direkten politischen Bewertung des Kongresses und seines Nachlaufes. Sie simuliert sich stattdessen als ideellen Gesamt-Autonomen Kreuzberger Prägung; als Teil der, so könnte man es nennen, autonomen Autonomen, die nach links (gegen die Antinationalen, gegen die Theoriefraktion allgemein) und rechts (gegen die traditionalistische Antifaschistische Organisierung) Kritik austeilt, ohne das eigene Politikverständnis zu reflektieren oder Vorschläge zu machen.
Thomas Schultz und Almut Gross legen in ihrem, aus einer überarbeiteten und aktualisierten politikwissenschaftlichen
Diplomarbeit entstandenen Buch Die Autonomen einen Abriß der Geschichte der autonomen Bewegung, der Entwicklung ihrer Theorie und Praxis und einen kleineren Abschnitt zur autonomen Frauen- und Lesbenbewegung vor. Eingeleitet wird der Text, bei einer akademischen Arbeit wohl unvermeidlich, mit einem theoretischen Teil, der die neuen sozialen Bewegungen regulationstheoretisch aus der Krise des fordistischen 'Modells Deutschland` ableitet. Dann werden die Autonomen organisations- und ideengeschichtlich und der operaistische Ansatz von Zeitschriften wie Autonomie (Neue Folge) und wildcat kritisch diskutiert. Hervorhebenswert an dem Band ist, daß große Teile autonomer Theorie abgedeckt und in ihrer historischen Herausbildung untersucht werden. Das subjektivistische Politikverständnis von Autonomen wird deutlich, ferner werden, wenn auch nicht lückenlos oder fehlerfrei, empirische Daten zu bestimmten Ereignissen, wie etwa großen Demonstrationen oder Kongressen
geliefert. Die beiden AutorInnen analysieren auch konstitutive Merkmale autonomer Politik (Identität, Militanz) und ihre
Erweiterungen (Bündnispolitik, Patriarchatskritik, Triple oppression) und ihre Ambivalenzen, etwa in Bezug auf Organisation. Interessant ist, daß die AutorInnen zur Illustration ihrer Darstellung der Autonomen Zitate einstreuen, die aus Texten aus heutigen Tagen stammen könnten. Sie sind aber aus den frühen 80er Jahren und beweisen, daß die heute geäußerten Kritiken und Selbstanalysen die autonome Bewegung schon immer begleitet haben.
Glut und Asche ist die dritte Veröffentlichung des unter Pseudonym schreibenden Berliner Autonomen Geronimo. Geronimo verfasste 1990 das mittlerweile in vierter Auflage verbreitete Buch Feuer und Flamme. Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen. In dem neuen Band erzählt er vier Beispiele linksradikaler Politik der beginnenden 90er Jahre nach: Die Kampagne gegen Berlin als Olympiastandort (Berlin - NOlymic City!), den Tod eines faschistischen Funktionär und die nachfolgende Repressionswelle, die Diskussion um den Spitzel, der den folgenreichen GSG 9-Einsatz in Bad Kleinen 1993 ermöglichte und schließlich den schon erwähnten Autonomie-Kongreß 1995. Der Autor geht dabei sehr detailliert vor, untersucht das Geschehen und seine Bearbeitung in autonomer Politik. Als Kondensat gewinnt Geronimo sein Anliegen einer Verteidigung “des Politischen", um Streit im, wie er es nennt, “heißen" Sinne des Wortes und nicht um platte “Benimmregeln". Diese entstanden aus dem durch die Frauenbewegung angestoßenen Grundsatz &quotDas Private ist politisch", das patriarchale Strukturen kritisieren sollte. Heute führt er aber dazu, &quotPolitik" mit richtigem &quotVerhalten" zu verwechseln. Eine “gesellschaftstheoretische Bankrotterklärung ersten Ranges" sei es, so Geronimo, wenn es von Seiten Autonomer nicht einmal mehr problematisiert werde, daß autonome Politik heute in der Verteidigung des status quo bestehe und kein “Platz für gesellschaftliche Gegenentwürfe" (S. 27) mehr bestünde.
Gross/Schultze unternehmen einen institutionen- und ideengeschichtlichen Zugang, der die Autonomen hauptsächlich aus der Krise fordistischer Vergesellschaftung ableitet und so das Gewicht von “Strukturen" zu stark macht. Geronimo demgegenüber gibt zu, daß seine Gewichtungen, in erster Linie seine, und damit nicht objektiv sind. Sein Anliegen ist in bezug auf “die Autonomen" die Verteidigung eines “Politischen", und im Hinblick auf die gesellschaftliche Totalität die Aufhebung einer “Krise des Politischen", das schon fast an die Forderungen zivilgesellschaftlich gewendeter Ex-Linker erinnert. Er setzt unter Bezug auf einen Politikbegriff, der dem Willen zum Handeln die Möglichkeit der Freiheit zuschreibt, auf “Selbstaufklärung", Spontaneität und die Bewahrung des &quotEigensinns", die anzustreben oder zu schützen seien. Gross/Schultze haben keine Perspektive anzubieten, die über Anforderungen an ein "Überleben" des “autonomen Widerstandes" (S. 216) hinausgehen.
Alle drei Bücher sind streckenweise schon veraltet, eine Positionierung der AutorInnen zu den auch aus einer Kritik an autonomer Theorie und Praxis entstandenen Strömungen der Kulturlinken oder der Antinationalen erfolgt nicht. Geronimo scheint zur oben schon angeführten “autonomen Mitte" zu gehören, während Thomas Schultze Redakteur der antinationalen Zeitschrift 17 Grad Celsius ist. Ein bißchen sind die Texte Geschichtsschreibung der Sieger. Die Verstummten, die Resignierten, die aus der Szene verschwundenen, die durch Ihre Zeit bei den Autonomen an Seele und Körper verwundeten und verletzten kommen nicht vor? Sie müssten, wenn mensch “die Autonomen" wieder an ihrem selbstgesetzten Anspruch der Abschwächung der Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit misst, erwähnt werden. Die Texte haben mit dem in den Sozial- und Geschichtswissenschaften immer noch nicht geklärten (und vielleicht auch nicht klärbaren) Widerspruch zwischen und dem Verhältnis von “Struktur" und “Handlung" zu kämpfen. Dies ist nicht weiter verwunderlich. Daß dieses Dilemma von den AutorInnen aber überhaupt nicht reflektiert wird, verwundert schon: die unterschiedlicher Sprechposition mit unterschiedlichen Absichten, Motivationen und Methoden werden nicht ausreichend reflektiert. Während sich Geronimo über seine Alltagsexistenz in vielleicht berechtigtes Schweigen hüllt, sind Gross/Schultze heute linker Buchhändler bzw. Sozialpädadgogin in einem Frauenprojekt. Sie haben damit den typischen Lebensverlauf der erfolgreichen Reste radikaler Oppositionsbewegungen hinter sich, der in einer Institutionalisierung in den Sektoren mündet, die durch die eigene Polit-Aktivität erst teilweise geschaffen werden. Diese Biographie ist von der der 68er oder der Grünen nicht verschieden und sollte Anlaß zur kritischen Betrachtung sein.
Weitere Beiträge zur Situation und den Perspektiven linksradikaler Politik am Ende diesen Jahrhunderts sind nötig. Vielleicht finden Sie den Weg “zwischendurch". Den Weg zwischen dem Reduzieren von Geschichte auf Ereignisse und Strukturen, einer Sichtweise, aus der dann auch keine Konfliktualität mehr entstehen kann und der gesetzten Annahme, wie bei Geronimo, daß aus der Asche autonomer Politik doch wieder ein Phönix entsteigt, der die Glut weiterträgt (S. 22), einer Sichtweise, die doch stark an das Pfeiffen im Keller erinnert. Die Autonomen sind weder 'Asche` noch 'Feuer und Flamme` und auch die Metapher der 'Glut` verdeckt, daß die Autonomen Produkt der Gesellschaft sind, wie auch die Gesellschaft Produkt der Autonomen ist. Wer an einer kritischen Auseinandersetzung mit autonomer Politik interessiert ist, und diese ist trotz aller Kritik immer noch nötig und interessant, dem/der sei die vergleichende und kritische Lektüre aller drei Titel empfohlen. So können die Defizite der Veröffentlichungen teilweise aufgefangen werden.

[1] autonomie-kongress. Standpunkte, Provokationen, Thesen. Unrast-Verlag Münster 1997. Almut Gross, Thomas Schultze: Die Autonomen. Ursprünge, Entwicklung und Profil der autonomen Bewegung; Konkret Literatur-Verlag Hamburg 1997. Geronimo: Glut und Asche. Reflexionen zur Politik der autonomen Bewegung auf dem Weg ins 21. Jahrhundert; Unrast Verlag Münster 1997. (zurück)
[2] Siehe auch den Kongreß-Bericht in Z. 23, S. 167-169, sowie weiterführend Z. 24, S. 100-105.

Erschienen in Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 32 (Dezember 1997) und wurde in seiner online-fassung ohne Wissen des Autors auch auf einer vermutlich koreanischen website namens waam.net veröffentlicht.


BdWi-Home Forum Wissenschaft Nr. 3 / 1997

Geschichte wird gemacht!

Zur Geschichtslosigkeit der Autonomen

Eine brauchbare Geschichtsschreibung der autonomen Bewegungen seit 1980 existiert bislang kaum. Dies ist kein Wunder – ist doch Geschichtslosigkeit eines der seit Jahrzehnten wiederkehrenden Bestandteile linksradikaler und autonomer Selbstkritik. Bernd Hüttner unternimmt eine erste Annäherung an den Stand und die Defizite der Geschichtsschreibung der radikalen Linken. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Die Geschichtslosigkeit resultiert aus dem Selbstverständnis autonomer Praxis, das vor allem von Spontaneität geprägt ist, geplante, strategische Politik sowie festere Organisationsformen lange Zeit ablehnte und Theorie (und damit auch Geschichte) vor allem als Legitimation der eigenen Praxis verstand.1 Hinzu kommt, dass historische Aufarbeitung – und sei es nur auf dem Niveau, dass Ereignisse und Debatten von vor fünf Jahren nachvollzogen werden – nur von Menschen erledigt werden kann, die entweder »dabei« waren und/oder sich für die Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Bewegung einsetzen und sich auch Zeit dafür nehmen. Dies kollidiert mit zwei gravierenden Tatsachen: Erstens ist die Zeitspanne, in der sich die meisten AkteurInnen in der linksradikalen Bewegung aufhalten, relativ kurz und reicht meist kaum über das »schwarz-rote Jahrzehnt« vom 17. bis 27. Lebensjahr hinaus. Dies hat zur Folge, dass ein Interesse für geschichtliche Aufarbeitung nicht entsteht und die »Nachfrage« nach geschichtlichen Themen relativ gering ist (was wiederum die Veröffentlichungspolitik der Verlage beeinflusst). Zweitens sind es nur Einzelpersonen und Kleingruppen wie politische Gruppen, die sich für die Aufarbeitung der Geschichte einsetzen. Auch die Bewegungsarchive machen jenseits der Betreuung ihrer wenigen NutzerInnen keine offensive historische Bildungsarbeit. Ein kollektives Gedächtnis kann sich so nur beschwerlich bilden.

Nostalgiefaktor

Bei den Publikationen, die versuchen, sich der Geschichte der linksradikalen Bewegungen in Buchform zu nähern, sind die zuerst zu nennen, die ihre Bedeutung allein schon dadurch erlangten, dass sie lange Zeit die einzigen waren, die es überhaupt gab. Am wichtigsten sind die Veröffentlichungen des Berliner Autonomen-Häuptlings Geronimo. Von ihm liegen zwei Bände zur Geschichte der Autonomen und der dritte Band seiner Trilogie vor.2 1997 erschien ein weiterer
fundierterer Beitrag über die Autonomen.3 Im Frühjahr 2001 ist eine Dissertation erschienen, die leider nicht mehr berücksichtigt werden konnte.4 Darüber hinaus gibt es zahlreiche Dokumentenbände (z.B. zur RAF, zu den Revolutionären Zellen / Rote Zora oder zur Frankfurter studentInnenzeitung diskus) und einige, größtenteils vergriffene, Bücher zu einzelnen Teilbereichsbewegungen, etwa zur Internationalismus- oder zur Anti-AKW-Bewegung.

Die vorliegenden Beiträge zur Geschichte der radikalen Linken handeln ereignis- und
politikgeschichtlich die großen Debatten, die Zeitschriften, Demonstrationen und Kampagnen ab –
oder sie sind als Nachdruck im Grunde eine Dokumentation. Dazu gehört z.B. das Buch über
linksradikale Plakate, das zwar stellenweise treffende Analysen enthält, aber seinen Verkaufserfolg
wesentlich dem Nostalgiefaktor verdankt.5

Die Defizite hängen auch mit der Quellenlage zusammen: Schriftliche Quellen sind die wichtigsten,
Diskurse sind später am leichtesten in ihrer verschriftlichten Form nachzuvollziehen. Die Quellenlage
ergibt aber unter Umständen ein schiefes Bild. So wird »die« Theoriebildung »der« Autonomen dann
oft anhand von Zeitschriften – wie etwa Autonomie (Neue Folge) – rekonstruiert, von deren
Existenz oder gar Inhalten die meisten Autonomen wenig bis keine Ahnung gehabt haben dürften.

Die bisherigen erwähnten Bücher sind notwendig, die Dokumentenbände unabdingbar – sie reichen
aber bei Weitem nicht aus, um die vielfältigen politischen Szenen und Strömungen, die persönlichen
Motivationen der (damals) Handelnden und ihre Alltagskultur sichtbar werden zu lassen. Die
schriftlichen Quellen spiegeln ja bei weitem nicht die vielfältigen Realitäten wider. Zwei bekanntere
literarische Versuche überzeugen wenig, da sie vor allem von der Spannung leben, die aus der
extremen polizeilichen Verfolgung der männlichen Protagonisten resultiert6 – eine Situation die kaum
repräsentativ ist – erst recht unter gender-Gesichtspunkten. Ein Roman von Michael Wildenhain ist
als eindrückliche, ja gar beklemmende Schilderung über die militante Bewegung der 80er Jahre und
ihren Niedergang von höherem Quellenwert.7 Er schildert den langsamen Zerfall eines autonomen
Zusammenhanges und die damit verbundenen psychischen Prozesse und Dynamiken.

Ein sehr gelungener Versuch einer Geschichtsschreibung »von unten« ist das Buch zum
Autonomie-Kongress 1995, in dem Angehörige verschiedener Altersstufen in Interviews über ihre
politischen Biografien reflektieren.8 Dadurch kommt viel von den individuellen Motivationen,
Deutungsmustern und Visionen an die Öffentlichkeit. Dies ist ebenfalls in einer Veröffentlichung über
verschiedene Strömungen der regionalen antirassistischen Szene der Fall – hier werden Interviews
mit 13 engagierten AntirassistInnen der Textanalyse hinzugefügt.9 Der Nachdruck der
Geschichtsserie aus der viel gelesenen autonomen Zeitschrift radikal ist ein beachtenswerter
Versuch, Geschichte ab der Weimarer Republik umfassend aus einer sozialrevolutionäreren
Perspektive zu schreiben und dabei für jüngere LeserInnen noch halbwegs verständlich zu bleiben.10
Die Serie "Gegen das Vergessen" endet jedoch Mitte/Ende der 50er Jahre und damit just an dem
Zeitpunkt, an dem eine Zeitgeschichte der radikalen Linken beginnen könnte.

Bücher als Quellen sind auch nach Jahren noch einigermaßen greifbar oder über Antiquariate und
szenenahe Versandunternehmen wie Anares-Medien, Che und Chandler oder das Antiquariat
Schwarzer Stern erhältlich.11 Anders sieht es mit dem weiten und unübersichtlichen Markt so
genannter grauer Literatur, vor allem Broschüren, aus. In dieser schnell vergänglichen Form gibt es
Dutzende von Textsammlungen, Interviews und anderen Texten zur Geschichte der linken und
linksradikalen Bewegungen. Das gleiche gilt für Einzeltexte, die jedoch noch schwerer greifbar sind,
da sie sich, etwa in autonomen Regionalzeitungen oder Themenzeitschriften, zwischen anderen
Artikel »verstecken«. Hinzu kommt, dass ältere Veröffentlichungen meist nur noch in Infoläden oder
Archiven12 zugänglich sind.

So gesehen steht die Geschichtsschreibung der radikalen Linken heute noch veraltet dort, wo die
Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung Mitte der 70er Jahre stand: vor der Neuerung durch die
Alltagsgeschichte13, die oral history. In den 80er Jahren gab es in der BRD eine relativ große
Bewegung von Geschichtswerkstätten, in denen sich feministische, gewerkschaftliche und anders
motivierte alternative (Hobby-)HistorikerInnen zusammengeschlossen hatten und die sich als Teil
der neuen sozialen Bewegungen verstanden. Sie brachten die Geschichte derjenigen Schichten und
Klassen in die Öffentlichkeit, die bislang von der etablierten Geschichtsschreibung ausgeschlossen
waren: Die sog. Unterschichten, Frauen, die nicht organisationsgebundenen Strömungen und
Aktionsformen der ArbeiterInnenbewegung usw. Dabei verwandten sie unter anderem die neue
Methode der oral history. Durch Befragungen von ZeitzeugInnen nutzten sie erfolgreich »andere«
Quellen der Geschichtsschreibung und rückten diese überhaupt erst als Quellen ins Bewusstsein. Die
traditionelle Geschichtsschreibung hatte vor allem geschriebene Dokumente, etwa (meist amtliche)
Akten aus Archiven oder Zeitungen als Quellen genutzt. Die AktivistInnen der
Geschichtswerkstätten setzten dem das Motto »Grabe (= forsche) wo du stehst« entgegen und
untersuchten die Geschichte ihres Betriebes oder Stadtteils.

Es ist höchste Zeit, das Defizit der linksradikalen Geschichtsschreibung in diesem Sinne aufzuheben,
sich von der tendenziell patriarchalen Ereignis- und Politikgeschichte zu verabschieden und z.B. eine
(Alltags-) Geschichte der linksradikalen Bewegungen in verschiedenen Regionen zu schreiben,
biografische Interviews als Quellen zu entdecken und so z.B. die individuell-kollektiven
Sozialisationsverläufe, Deutungsmuster und Motivationen zu erforschen. Die Geschichte(n) der
radikalen Linken in diesem Sinne sind erst noch zu schreiben.

Eine kleine Hilfe können dabei die mehr oder weniger akademischen Zeitschriftenprojekte sein, die
hier kurz vorgestellt werden. Sie werden entweder von sich als kritisch oder gar »links«
verstehenden WissenschaftlerInnen, meist HistorikerInnen, produziert und/oder widmen sich der
Geschichte der ArbeiterInnen(-bewegung), der Frauen und der »kleinen Leute«.

Arbeiterbewegung

Die erste der großen hier in Frage kommenden Zeitschriften ist die IWK. Internationale
wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung.14 Sie ist die
wichtigste sozialdemokratische Zeitschrift zum Thema und entstammt dem universitären Milieu. In
den 70er Jahren war die Beschäftigung mit der Geschichte der Arbeiterbewegung und der
Arbeiterkultur weiter verbreitet als heute, so dass die IWK ihre besten Zeiten bereits hinter sich
hat. Inhaltlich reicht das Spektrum von AnarchistInnen über Nationalsozialismus und ArbeiterInnen in
der DDR bis hin zu christlichen Gewerkschaften oder Genossenschaften. Die IWK veröffentlicht
regelmäßig eine Übersicht über Forschungsprojekte zur Geschichte der deutschen
Arbeiterbewegung.

Die Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 15 waren vereinfacht ausgedrückt das
inhaltlich-ideologische Pendant zur IWK in der DDR. Der entscheidende Unterschied war der, dass
die BzG vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED herausgegeben wurde und die IWK
weniger instutionelle Unterstützung erhielt und daher unabhängiger war. Nach dem Anschluss
existierte die BzG weiter und hat mittlerweile etliche Verlagswechsel hinter sich. Inhaltlich ist das
Themenspektrum der publizierten Beiträge enger als in der IWK, was unter anderem am
(Über-)Gewicht liegen dürfte, das pensionierte oder entlassene DDR-Historiker unter den AutorInnen
der BzG haben. Viele Beiträge a la "Die Holzarbeiter in Sachsen 1848-1878" (die es aber auch in der
IWK gibt) sind wirklich nur noch von historischem Interesse.

Der Marxistische Arbeitskreis zur Geschichte der Arbeiterbewegung bei der Historischen Kommission
der PDS gibt mit GeschichtsKorrespondenz16 ein kleines, aber nur bedingt brauchbares Periodikum
heraus, das kostenlos bezogen werden kann.

1999. Zeitschrift für die Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts ist die wichtigste, sich
ausdrücklich als kritisch-links verstehende historische Zeitschrift.17 1999 hat den zeitlichen
Schwerpunkt Nationalsozialismus und Nachkriegszeit, thematisch vor allem Wirtschafts- und
Sozialgeschichte. Sie wird von der früher in Hamburg und mittlerweile in Bremen angesiedelten
Stiftung für Sozialgeschichte herausgegeben. Diese Stiftung wird vor allem von Angelika Ebbinghaus
und Karl Heinz Roth getragen. Roth hat seit ca. 1967 eine lange Geschichte in der radikalen Linken
und galt in den 70er und 80er Jahren als einer der Vordenker der Spontis und später der Autonomen.
Die Hamburger Stiftung gab in den 80er Jahren, damals noch unterstützt von Jan Reemtsma,
wichtige Dokumentenbände etwa zur Geschichte von Daimler-Benz im Dritten Reich oder zu den
zaghaften Bemühungen einer us-amerikanischen antifaschistischen Politik im Nachkriegsdeutschland
heraus.

Als letzte ist die Zeitschrift ARCHIV für die Geschichte des Widerstands und der Arbeit zu nennen.18
Diese immer mehr das Gewicht eines Ziegelsteins annehmende Zeitschrift veröffentlicht Beiträge zu
unbekannten Strömungen, Aktionen und Personen der Arbeiterbewegung, aber auch Beiträge zur
aktuellen Auseinandersetzung um politische Perspektiven, z.B. zur Kritik der Werttheorie von Robert
Kurz. Sie enthält einen sehr umfangreichen Teil mit Buchbesprechungen, der einen guten und
kritischen Überblick über die erschienene relevante Literatur bietet. Ein Nachteil ist hierbei die
unregelmäßige Erscheinungsweise, die zur Folge hat, dass meist zwei oder drei Jahre alte Bücher
rezensiert werden. Der nicht ganz niedrige Preis ist beim ARCHIV aber sehr gut angelegt, da es mit
seiner linkskommunistischen Perspektive politisch sympathisch positioniert ist.

Geschichte von unten

Der Zusammenschluss der schon erwähnten Geschichtswerkstätten gab ab Mitte der 80er Jahre die
1992/93 eingestellte Zeitschrift Geschichtswerkstatt heraus. In einem unübersichtlichen Prozess
entstand 1992 daraus die noch heute erscheinende WerkstattGeschichte. Zeitschrift für
Alltagsgeschichte.19 Die Zeitschrift enthält im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin keine Beiträge von
NichtakademikerInnen und ist mittlerweile zu einem politisch harmlosen Forum universitätsbezogener
Publikationspraxis geworden. Es dürfte nicht sehr gewagt sein zu vermuten, dass die Umgründung
1992 vor allem von den Leuten betrieben wurde, die Interesse daran hatten, aus der damals kleiner
gewordenen Bewegung der Geschichtswerkstätten noch ein Pfund im Kampf um universitäre Posten
zu machen. Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass das immergleiche unkritische Wiederkäuen
einer alternativen Heimatgeschichte, wie die Geschichtswerkstättenarbeit vielerorts aussah, auch
nicht gerade politisch fortschrittlich und methodisch innovativ war. Die Innovationswirkung, die die
Alltagsgeschichte in der Geschichtswissenschaft hatte, hat sich mit der Zeit aufgebraucht, in
gewisser Weise hat sie heute ohnehin Eingang in den etablierten Kanon gefunden.

Für das Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 20 gilt dasselbe. Es wurde schon von
WissenschaftlerInnen gegründet, die Interesse an Bewegungsforschung (Das gibt es wirklich als
politikwissenschaftliche Forschungsrichtung!) hatten und entfernte sich zunehmend von ihren noch
halbwegs spannenden thematischen Heften der ersten Jahrgänge, die sich z.B. neuen sozialen
Bewegungen (nsB) und Medien oder nsB und Gewalt oder nsB im ländlichen Raum widmeten. Von
Zeit zu Zeit finden und fanden sich auch Artikel zur Geschichte der sozialen Bewegungen. Heute ist
das Journal vor allem eine Plattform für modische Teildisziplinen aus Politikwissenschaft, Soziologie
und Sozialpsychologie und gibt für eine Geschichtsschreibung der radikalen Linken nichts her.

An Medien-Projekten, die vorrangig lokale oder regionale Inhalte haben und einige der Endmoränen
der Bewegung für eine »Geschichte von unten« darstellen, sind zwei bekannt: Arbeiterbewegung
und Sozialgeschichte. Zeitschrift für die Regionalgeschichte Bremens erscheint in Bremen.21 Sie
enthält nur Beiträge zur Geschichte Bremens und wurde entgegen dem Trend des
Bedeutungsverlustes von Sozialgeschichte und kritischer Geschichtspolitik erst 1998 neu gegründet.
Geschichte quer ist die Zeitschrift der bayrischen Geschichtswerkstätten22 und steht in der
Tradition der Geschichtswerkstättenbewegung. Die Zeitschrift berichtet aus der Arbeit bayrischer
Geschichtswerkstätten in Metropole und Provinz. Es ist schade, dass es nicht auch für andere
Bundesländer oder Regionen vergleichbare Projekte gibt.

Feministische Geschichte

An Projekten zur Frauen- und feministischen Geschichte sind mir drei bekannt, die ich allerdings sehr unregelmäßig verfolge. Da ist zum einen Metis. Zeitschrift für historische Frauenforschung und feministische Praxis.23 Sehr akademisch ist L´homme. Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft.24 Beide Zeitschriften behandeln häufig Themen aus der Frühen Neuzeit oder dem Mittelalter und haben große Sympathie für kulturwissenschaftliche Ansätze. Ariadne schließlich ist der Almanach des Archivs der ersten deutschen Frauenbewegung25 und berichtet vor allem über die Frauenbewegung bis 1933 und feministische Archivarbeit.

Die bislang aufgezählten Projekte enthalten von Zeit zu Zeit Beiträge, die für eine Geschichte der (radikalen) Linken von Interesse sind. Zum einen, indem sie allgemeine Probleme der Geschichtsschreibung und der Geschichtspolitik diskutieren. Zum anderen, indem sie historische Vorläufer (soweit es sie gibt) der Linken vorstellen und nicht zuletzt, indem sie an der Geschichtsschreibung der Linken selbst mitwirken. Beim Schreiben dieses Textes wird nochmals deutlich, wie viele Zeitschriften zu historischen Themen es gibt – es dürften über 100 sein: Ein erster Überblick findet sich auf de Internetseiten von H-Soz-u-Kult, einem Netzprojekt halbkritischer akademischer Sozial-, Wirtschafts- und KulturgeschichtlerInnen. Dort sind auch detaillierte Inhaltsangaben einiger Jahrgänge der meisten Zeitschriften abrufbar.26

Nationalsozialismus
Da der Nationalsozialismus und seine Folgen für Ökonomie, Gesellschaft und Mentalitäten für die deutsche Geschichte sehr wichtig sind, sollen noch wenigstens fünf Zeitschriften dazu kurz vorgestellt werden. Sie bringen keine Beiträge zur Geschichte der (radikalen) Linken, aber öfter Beiträge zu kritischer Geschichtsarbeit und Geschichtspolitik. Das Fritz Bauer Institut, ein von der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen gesponsortes Forschungsinstitut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, gibt halbjährlich ein Bulletin heraus, das kostenlos bezogen werden kann und hauptsächlich aus Eigenwerbung besteht.27 Die Dachauer Hefte sind eine interessante Buchreihe mit Beitragen zum Konzentrationslager Dachau, aber auch zu anderen Lagern.28 Das aktuelle Heft widmet sich den vielfältigen Aspekten der Zwangsarbeit. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland werden von einigen Gedenkstätten im norddeutschen Raum herausgegeben.29 Sie veröffentlichen nicht nur Artikel zur Verfolgung, sondern auch zur Nachkriegszeit oder zu den Problemen von Gedenken und musealer Aufbereitung des NS heute. Die Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus hießen bis zur Nummer 15 noch Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik.30 Sie waren eine Zeitschrift einer kleinen Gruppe linksradikaler, in sozialrevolutionärer Tradition stehender HistorikerInnen (u.a. Susanne Heim, Götz Aly oder Ahlrich Meyer). Die Beiträge erforschen (ähnlich wie die erwähnte 1999) den Zusammenhang von Modernisierung und Vernichtung. Die Artikel lassen sich nicht mal eben im Vorbeigehen lesen, sondern sind schon relativ anspruchsvoll und detailliert und damit eher etwas für SpezialistInnen. Ob sich durch den mit Nr. 16 erfolgten Redaktions- und Namenswechsel auch eine inhaltliche Neuausrichtung ergeben wird, ist nach einer Ausgabe noch nicht zu entscheiden. Ein Überbleibsel der DDR-Geschichtswissenschaft ist das vor allen von ehemaligen DDR-Historikern betriebene Bulletin für Weltkriegs- und Faschismusforschung.31 Es ist das einzige Organ, das sich von einer ausdrücklich als links verstehenden Position mit dem zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus befasst. Es ist eher für SpezialistInnen geeignet, überzeugt aber durch seinen antikapitalistischen und antifaschistischen Anspruch.

Resümee
Als Resümee lässt sich festhalten: Die akademische Geschichtsschreibung ist mit Geschlechter-,Alltags- und Mentalitätengeschichte innovativer als die Geschichtsschreibung über die/aus den linksradikalen Bewegungen. Dies mutet erst recht vor dem Hintergrund, dass sich Linksradikale immer einer Sicht »von unten« und der Einheit von Politik und Alltag verschrieben haben, recht befremdlich an.
Während die 68er und 78er noch fleißig, anschaulich und bisweilen sehr amüsant ihre Anpassung an die Verhältnisse veröffentlichten32 und so interessante Dokumente lieferten, scheinen viele Autonome und andere Linksradikale ihre Biografien lieber vergessen oder kaschieren zu wollen. Sie möchten aus ihrer heutigen Position als Fremdenverkehrsmanager, Doktorandin, Drogenhilfe-Modellprojekts-Chef, Journalistin oder UniversitätspressestellenmitarbeiterIn wohl nicht mehr an die alten Zeiten erinnert werden.

Anmerkungen

1) zu Theorie und Praxis der Autonomen vergl. einführend Bernd Hüttner: Pfeifen im Keller. Stand, Bewegung, Differenzen und Aussichten autonomer und linksradikaler Politik. In: Forum Wissenschaft 4/1998 sowie grundsätzlich Geronimo: Feuer und Flamme. Zur Geschichte der Autonomen, 4. veränderte Auflage, Berlin 1995 (zuerst 1990)
2) Vgl. Geronimo 1995, ders.: Feuer und Flamme 2, Berlin 1992, ders.: Glut und Asche, Münster 1997
3) Almut Gross/Thomas Schultze: Die Autonomen, Hamburg 1997
4) Jan Schwarzmeier: Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung (Bezug über
www.die-autonomen.de ). Rezension vorauss. in FW 4/01
5) HKS 13 (Hrsg): hoch die kampf dem, Hamburg/Berlin 1999
6) Tomas Lecorte: Wir tanzen bis zum Ende. Die Geschichte eines Autonomen, Hamburg 1992; Raul
Zelik: Friss und stirb trotzdem, Hamburg 1997
7) Michael Wildenhain: Die kalte Haut der Stadt, zuerst Berlin 1991
8) noch erhältlich über AurorA, www.aurora.partisan.net
9) Sabine Hess/Andreas Linder: Antirassistische Identitäten in Bewegung, Tübingen 1997
10) GdV-Team (Hrsg.): Gegen das Vergessen, Münster 1999
11) www.anares.org/nord ; www.che-chandler.com ; www.free.de/gi/antiquariat
12) Zu Archiven, die sich der Sammlung von Dokumenten der Protestbewegungen verschrieben
haben, siehe Bernd Hüttner: Archive der neuen sozialen Bewegungen, in: Beiträge zur Geschichte
der Arbeiterbewegung 4/2000, S.109-114 oder www.archivbremen.de
13) Statt vieler: Ernst Bruckmiller (Hg.): Alltagserfahrungen in der Geschichte Österreichs, Wien
1998
14) www.hth-berlin.de/iwk ; seit 1965, vierteljährlich, 152 S., 20 DM, ermäßigt 15 DM, Adresse: FU
Berlin, OSI, IWK-Redaktion, Ihnestr. 22, 14195 Berlin; Auflage ca. 800
15) www.trafoberlin.de/geschichte-der-arbeiterbewegung , seit 1959, vierteljährlich, 148 S. A 5, 10
DM, Trafo Verlag Weist, Finkenstr. 8, 12621 Berlin
16) www.pds-online/marxistischer_arbeitskreis
17) seit 1986, halbjährlich, ca. 192 S., 35 DM, Verlag: Peter Lang AG, Jupiterstr. 15, CH-3000 Bern
15, Redaktion: Zeitschrift 1999, Postfach 101205, 28012 Bremen, Auflage ca. 800 Ex.
18) www.isf-freiburg,org ; seit 1980, unregelmäßig, zuletzt 2001, 876 S., 44 DM, Redaktion:
Wolfgang Braunschädel, Hustadtring 33, 44801 Bochum
19) seit 1992, 3 x jährlich, 132 S., 20 DM, Ergebnisse Verlag, Abendrothsweg 58, 20251 Hamburg
20) www.fjnsb.de , seit 1988, vierteljährlich, 136 S. A 5, 25 DM, Verlag Lucius & Lucius, Gerokstr.
51, 70184 Stuttgart
21) www.archivpaedagogen.de/bremen/aus6.htm , seit 1998, halbjährlich, ca. 88 S. A 5, 12 DM,
H.-G. Hofschen, Wielandstr. 17, 28203 Bremen
22)>/a> seit 1992, jährlich, 60 S. A 4, 10 DM, Alibri Verlag, Postfach 100361, 63703 Aschaffenburg
23) www.metis-online.de ; seit 1992, halbjährlich, ca. 140 S. A 5, Verlag Edition Ebersbach
24) www.univie.ac.at/Geschichte/LHOMME , seit 1990, halbjährlich, ca. 132-164 S., ca. 39 DM
25) www.uni-kassel.de/frau-bib/publikationen.htm , seit 1985, halbjährlich, 72 S., 24 DM
26) www.sozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschr.htm . H-Soz-u-Kult unterhält auch eine
Mailingliste, die über 4000 TeilnehmerInnen hat
27) www.fritz-bauer-institut.de
28) seit 1984, jährlich, ca. 226 S., 26 DM, Verlag Dachauer Hefte, Alte Römerstr. 75, 85221 Dachau
29) www.hamburg.de/Neuengamme/Publikationen/schriftenreihe.html ; seit 1994, jährlich, ca. 200
S., 19,90 DM, Verlag Edition Temmen, Hohenlohestr. 21, 28209 Bremen
30) www.beitraege-ns.com ; seit 1985, jährlich, ca. 188 S., 28 DM, Verlag Schwarze Risse,
Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin
31) seit 1993, halbjährlich, ca. 144 S. A 5, 15 DM, Argument-Vertrieb, Reichenbergerstr. 150, 10999
Berlin, Auflage ca. 200
32) Ich denke etwa an die Bücher von Matthias Horx oder an Reinhard Mohr: Zaungäste. Die
Generation, die nach der Revolte kam, Frankfurt 1992 über die Alterskohorte, die heute das
rot-grüne Regime trägt

Bernd Hüttner, Politologe, ist Gründer des Archivs der sozialen Bewegungen Bremen ( www.archivbremen.de ) und Mitglied des Beirats der Rosa-Luxemburg-Initiative, Bremer Forum für Bildung und Gesellschaftskritik.


Rezension : Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung

Jan Schwarzmeier: Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung; Libri books on demand 2001, 214 S., 32,90 DM, ISBN 3-8311-1098-0

Website zum Buch
Schwarzmeier versucht in seiner soziologischen Dissertation anhand der Geschichte der Autonomen nachzuweisen, dass "soziale Bewegungen nur Mobilisierungsfähigkeit erreichen, wenn es ihnen gelingt, politischen Protest mit Bewegungskultur zu verbinden" (S. 11). Dazu benutz der mit den Autonomen sympathisierende Schwarzmeier ein der politologischen Bewegungsforschung entstammendes Ablaufschema neuer sozialer Bewegungen (nsB), das aus drei Phasen besteht: Entstehung und Schaffung von Öffentlichkeit für das Thema, die Hauptphase mit Konflikten und Aktionen und schliesslich die Phase des Rückzugs auf mittlerweile entstandene Organisationsstrukturen. Die Bewegungsforschung geht davon aus, dass der Aufbau einer Problemdeutung in der Öffentlichkeit und das Angebot von Erlebnismöglichkeiten für eine soziale Bewegung wichtig sind. Nach Schwarzmeier treffen die allgemein gängigen Beschreibungen von nsB auch auf die Autonomen zu. Dies begründet er mit dem grossen Gewicht, das Formen der Selbstinszenierung wie Kampf, Massenaktion und symbolische Gewalt bei den Autonomen
einnehmen.
Im mit weitem Abstand umfangreichsten Teil des Buches versucht der Autor, die Geschichte der Autonomen nach dem oben angeführten Ablaufschema darzustellen. Der Bogen verläuft von ihrer Entstehung aus der, so der Autor, spontanen Militanz im Kontext von Hausbesetzungen und Aktionen der nsB über die Konsolidierungsphase Mitte/Ende der 80er Jahre und die Abschwungs- und Rückzugsphase ab Anfang der 90er Jahre (Stichworte sind hier Theoriediskusison und Organisationsdebatte) bis hin zur Auflösung ins Privatleben bzw. die neo-autonome Antifa und die postautonome Linke. Schwarzmeier führt etliche Orte (Berlin, Hamburg, Göttingen, Rhein-Main), Themen (Häuserkampf, Startbahn West, IWF, Arbeit), Kongresse (Libertäre Tage1987 und 1993, Autonomiekongreß 1995) und wichtige Debatten (u.a. Organisierung, Sexismus) an und referiert sie.
Er arbeitet als Charakteristika heraus, dass die Autonomem "in der Regel an Bewegungen teilnehmen, deren Problemdefinition bereits abgeschlossen ist" und deshalb wenig Einfluss auf die Interpretation der Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit einerseits, in der Bewegung andererseits haben ñ eine Ausnahme sei nur der Antifaschismus. Die Autonomen seien nicht auf ein Thema festgelegt, vielmehr gelinge nach dem Niedergang eines Themas das Aufgreifen neuer. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Autonomen keine Jugendsubkultur seien.
Die objektive Geschichte der Autonomen zu schreiben ist unmöglich, deshalb kann auch das hier vorliegende Werk nur als ein Versuch betrachtet werden. Ein Versuch der auf den ersten Blick Interesse weckt, das dann aber herb enttäuscht wird. Ich will dies an zwei Komplexen verdeutlichen: Zum einen nimmt Schwarzmeier politische und andere Wertungen vor, die mir fragwürdig erscheinen. So steht Schwarzmeier den "Theorieautonomen" nicht gerade freundlich gegenüber Der Wiedervereinigung samt ihren Folgen schreibt er keine Auswirkungen auf die Rahmenbedingungen autonomer Politik zu und definiert Autonome als "Stil" aus einem Crossover von Punk (!) und RockerInnen (!!). Die Autonomen sieht er in klarer Abgrenzung zur "Alternativbewegung" und nicht, was ja auch naheliegen könnte, als ihren letzten Ausläufer. Schlimm ist aber, dass er den Patriarchatsdiskurs der letzten Jahre als reine Machtfrage (welcher Diskurs ist denn bitteschön machtfrei?) auffasst und dies nach dem Motto "böse Feministinnen zwingen autonome Männer zur Selbstreflexion", was dann seiner Meinung nach nebenbei dazu führt, dass die autonome Subkultur an Attraktivität für Jugendliche verliere (S. 196).
Der zweite Komplex ist die Problematik der Quellen und der Literatur. Schwarzmeier verliert kein Wort über die Aussagekraft der von ihm zitierten, durchweg schriftlichen Quellen aus autonomen Periodika und Broschüren. Zwar erwähnt er selbst, dass es in den 80er Jahren "wenige autonome Publikationen" (S. 202) gegeben habe, aus denen er dann aber ausgiebig zitiert und sie als Diskussion "der" Autonomen darstellt. Inwieweit in den ja als theoriefeindlich geltenden autonomen Bewegungen Zeitschriften überhaupt eine Bedeutung zukommt, und wenn ja welche, das wäre wohl eine eigene Dissertation wert. Hinzu kommt, dass der Auto wie in jeder vergleichbaren Publikation fast durchgängig nur thematische Highlights und die drei, vier lokalen Hochburgen der autonomen Bewegungen darstellt. Die politische Arbeit in der Provinz (und sei es nur Hildesheim, Jena oder Regensburg) oder der meist sehr unspektakuläre Alltag der Gruppen, Infoläden und Zentren bleibt wiedereinmal im Dunkel der Geschichte. Dabei wäre dieser Alltag für die Überprüfung der Thesen des Autors vielleicht ergiebiger gewesen. Dann hätte der Fokus auch nicht sosehr auf die öffentliche (Selbst-) Darstellung der Autonomen (Vermummung, Gewalt) gerichtet werden müssen - schliesslich liefen die meisten Autonomen nur selten und manche nie vermummt herum.
Den Kampf gegen den Uni-Bluff, das Aufführen nie gelesener Literatur in einer aufgeblasenen Literaturliste in allen Ehren dass der Autor mit einer solch dürftigen Literaturauswahl und schlampigen Zitierweise für den vorliegenden Text die Doktorwürde, noch dazuhin an der ja nicht gerade als liberal geltenden Universität Göttingen erhielt, wird mir ein Rätsel bleiben.

Bernd Hüttner
Erschienen u.a. in Forum Wissenschaft Nr. 4/2001 (Oktober 2001).