Bei unrast:

Das Huhn Identität

Erwiderung auf Gottfried Oys Artikel in der Com.une.farce

Erwiderung auf Gottfried Oys Artikel in der Com.une.farce Nr. 0 /Sommer 1998 von Zybillja in commune farce 1/ 1998


Das Huhn Identität
Copyright 2002-2004 by warpturbine. Alle Rechte vorbehalten. Als vor ein paar Jahren die deutsche Ausgabe der Tagebücher von Christoph Columbus erschien, hielten die RezensentInnen daran vor allem eins für bemerkenswert: Columbus hatte nämlich keineswegs Amerika entdeckt, ja, er hatte Amerika im Grunde nicht einmal gesehen, als er als erster Europäer den Kontinent betrat, der heute diesen Namen trägt?, was er sah und beschrieb, waren nichts als die Erwartungen, Projektionen und Bewertungen, die er selbst an dieses neue Ufer mitgebracht hatte.... Eine andere Geschichte: EthnologIinnen, die Angehörigen einer afrikanischen Stammesgesellschaft ein Video zeigten, das menschenleere Technologiearrangements, Gegenstände, Straßen, Fabriken der modernen westlichen Welt zeigte, machten eine erstaunliche Entdeckung: Als sie die BetrachterInnen des Videos, die noch niemals etwas anderes als ihre Herkunftsumgebung und die Gerätschaften ihrer eigenen Tradition gesehen hatten, fragten, was sie denn auf dem Video gesehen hätten, antworteten alle unisono: Ein Huhn". Verdutzt schauten sich die WissenschaftlerIinnen den Film noch einmal an, und tatsächlich, irgendwo, ganz kurz, flitzte auf einer Einstellung, die eine Agrarfabrik zeigte, unten links ein Huhn durchs Bild. Die afrikanischen RezipientInnenn hatten auf dem Video nichts anderes wahrnehmen können, als dieses Huhn. Für alle anderen ihnen unbekannten Gerätschaften und Gegenstände, die das Video zeigte, fehlte ihrer Erfahrung die Auftreffstruktur, weshalb sie sie gar nicht wahrnehmen konnten. An diese Geschichten mußte ich denken, als ich in der Nullnummer der neuen Internetzeitschrift “Farce" G. Oys Rezension von Geronimos "Glut und Asche" (Unrast?Verlag, Münster 1997) las. Warum? Weil der Rezensent in dem Buch Dinge findet, die erst mal so gar nicht drinstehen, und weil er das, was drinsteht, auf eine Weise liest, die dem Autor Intentionen unterstellt, die dieser, so wie ich das Buch verstanden habe, gewißlich nicht gehabt hat.

Hegemonie auf dem Hühnerhof
Das Hulm, das der Rezensent in Glut & Asche entdeckt hat, ist die Identität". Sicherlich taucht das Wort tatsächlich irgendwo in Nebenbemerkungen des Buches auf, aber der Rezensent, der ganz wie Columbus Geronimos zornigen Abgesang auf eine "totgegangene" autonome Bewegung 'entdeckt', sieht dort einzig das, was ihn in seinem eigenen Kopf selbst besonders zu beschäftigen scheint: die Identitätsdebatte der von z. B. Richard Rorty u. a. in der TAZ vom 16.6.98 kritisierten cultural left. Um im Beispiel zu bleiben: Das, was für Columbus Amerika gewesen ist, das sind für den Rezensenten von Glut & Asche vor allem die Vorkomnisse während des Autonomie?Kongresses Ostern 1995. Der männliche Autor von Glut & Asche hatte bei dieser Gelegenheit eine relativ klägliche Figur abgegeben, als er sich bei einer Rede gegen szeneimanente “Benimmregeln”', d. i. gegen Verhaltensregelungen und Verbote aussprach, denen die Neigung anzusehen ist, die Vermeidung eines begrifflich sehr stark entgrenzten "Sexismus" über alle anderen politischen Anliegen zu stellen. Eine Frau hatte ihm daraufhin das Mikrophon weggenommen, man hatte ihm vorgeworfen, "sexistische Sache' zu sagen, und er war nicht in der Lage gewesen, darauf irgendwie intelligent zu reagieren. In Glut & Asche reflektiert er die Situation und phantasiert allerlei Reaktionen auf den Entzug des Mikrophons, die ihm im Nachhinein sinnvoll erscheinen. Der Rezensent nun liest diese ganze Situation auf der Folie einer Auseinandersetzung über Identitätspolitik und Identitätsfeminismus, die seit Winter 1997/1998 auch in der Interim sehr viel Platz beansprucht hat. Im letzten Absatz seiner Rezension bekräftigt er das Fazit seiner Auseinandersetzung mit einem von ihm selbst hinkonstruierten anti?PC? und anti?Identitätspolitik?Streiter Geronimo: "Eine Chance auf hegemoniale Positionen haben letztlich nur identitätspolitisch abgesicherte Interventionen." So weit so schulheftmäßig. Aber wenn man sich die Lage der emanzipatorischen Bewegungen in Europa ansieht, wird deutlich, daß die Vorstellung eines "Absichems" von Identitäten um "hegemonialer Positionen' willen spätestens seit 1989 völlig an der Realität vorbeigeht. Die Hegemonie ist schon eine ganze Weile bei der strammen Rechten, es kann für solche, die gerne eine auf Befreiung gerichtete revolutionäre Bewegung konstituieren würden, nicht in erster Linie darum gehen, irgend etwas abzusichern und zu bewahren; es geht darum, etwas zu erringen und zu erkämpfen; dazu ist es nötig, die Auseinandersetzung zu suchen, um die bestehenden widerwärtigen Verhältnisse anzugreifen. Und 'Angriff, das bedeutet nicht, von einem guten 'Innen' der 'Linken' auf das böse 'Außen' loszugehen, es bedeutet immer auch, den eigenen Selbstverständlichkeiten auf den Leib zu rücken. Erst in einem solchen Angriff kann sich doch das überhaupt herstellen, was der Rezensent hier 'absichern' mochte. Hegemonie erringt man nicht durch Einkapselung, sondern durch offene Auseinandersetzung. Der Rezensent bewegt sich in einem Politikparadigma, in dem dieser Angriff und eine Veränderung des Bestehenden, geschweige denn die Selbstveränderung, ohne die eine wirkliche Befreiung nicht möglich ist, offensichtlich gar nicht mehr vorkommen. Er interessiert sich einzig dafür, die richtige Ordnung des Denkens festzustellen. Er hat keine Perspektive über die Herstellung einer statischen Ordnung hinaus, in der den verschiedenen fest identifizierten Sorten von Leuten ihre Plätze zugewiesen sind. Das Ziel, die “hegemonialen Positionen”, verschwindet hinter dem Streben nach "identitätspolitischer Absicherung". Überhaupt habe ich den Verdacht, daß das zur Zeit übliche Denken in Kategorien wie "Hegemonie" usw. die Auseinandersetzungen irgendwie opportunistisch macht. Sie führt auf ein weltverdoppelndes Medialisierungsterrain, auf dem wir Positionen einnehmen, nicht weil wir sie haben oder einfach richtig finden, sondern weil wir glauben, daß sie 'funktionieren'. Man überlegt sich als 'Hegemonietheoretikerln' automatisch, 'die Leute da abzuholen, wo sie stehen', oder sie irgendwie zu manipulieren. Warum nicht einfach seinen Punkt vorlegen, ihn argumentativ begründen und in eine Auseinandersetzung treten? Der Rezensent interessiert sich für die Organisation und Absicherung von Führung ? denn Hegemonie heißt Führung ? ohne auch nur einen Gedanken darauf zu verschwenden, wohin denn die Führung führen soll.
Die Orientierung auf Identitätspolitik ist ein Rückzug in die schlechte Realität und zwar mit all seinen Implikationen von Herrschaft, Subjektlosigkeit und schlechtem Konservatismus. Draußen, in der großen Welt, bleibt alles so wie es ist, oder es wird sogar noch schlimmer?, in der Gesellschaft erstickt ein beispielloser backlash alle Ansätze von Emanzipation im Keim, Beispiel Frauenbewegung: die einst von Frauen angestoßene Befreiung wird durch einen zynischen Mix aus permissivern Kulturalismus (lesbisch, warum nicht?), Quotenpolitik, Mütterideologie und ökonomischen Zwang geschickt zurückgedrängt; währenddessen kämpft im eingefriedeten Gehege der 'Szene' ein aufgeriebenes und erschöpftes Häuflein, das von einstigen Bewegungen übriggeblieben ist, um Fragen des Reglements. Frauen/Lesben, Männer, MigrantInnen achten akribisch darauf, daß Sexismus und Rassismus in den eigenen Reihen vermieden werden. Die Dinge fehlerfrei zu machen und zu sagen ist wichtiger, als die Verhältnisse in Frage zu stellen. Was einst Motiv und Motor für Bewegung war, die Wünsche, Leiden, Hoffnungen und die Phantasie von Einzelnen, wird der Anstrengung geopfert, nicht unangenehm aufzufallen. Zugehörigkeit geht über Eigensinn, Veränderung, obwohl immer noch beschworen, wird stillschweigend nicht mehr für möglich gehalten. In diesem Zusammenhang ist es wirklich nützlich, sich noch einmal auf die Kritik des identifizierenden Denkens zu besinnen, die Adorno in der Negativen Dialektik von 1966 geübt hat: “Identität ist die Urform der Ideologie.", schreibt Adorno dort, "Sie wird als Adäquanz (d.h. Angleichung, d.A.) an die darin unterdrückte Sache genossen." (S. 15 1). Genauso ist es mit der Identität, auf der die IdentitätspolitikerInnen beharren, egal ob sie als konstruiert oder konstruierbar oder ob sie als ewig feststehend begriffen wird. Diese Struktur, die Adorno als "Geist gewordenen Zwang" beschreibt, steht jedem Wunsch, jedem Suchen nach etwas Anderem im Weg, das besser wäre als die alte Ordnung von Über? und Unterordnung mit wechselnden Rollen.

Gegen das affirmative "anti?"
Der Rezensent erweckt den Eindruck, als gehe es dem Autor von Glut & Asche um eine abstrakte Kritik eines ebenso abstrakten Identitäts? oder Politikbegriffes. Diese Darstellung verfehlt jedoch sowohl Inhalt wie Gestus des Glut & Asche?Buches vollständig: Dies Buch ist genau deshalb eine ziemliche Absonderlichkeit auf dem linksradikalen Markt der 90iger Jahre, weil es die Politik eben nicht auf einem Abstraktionsniveau verhandelt, das die Subjekte und 'das Subjektive' weit hinter sich läßt. Der Autor setzt mit seinen teilweise etwas wilden Reflexionen jeweils bei konkreten Geschehnissen an, und es gelingt ihm zuweilen, implizit vorausgesetzte Vorstellungen, Anordnungen und Selbstverständlichkeiten sichtbar zu machen, die in der jeweils verhandelten Situation wirksam gewesen sind. Diese Darstellungsweise ist gerade deshalb so fruchtbar, weil sie tendenziell dazu geeignet ist, die übermächtigen Dualismen von Theorie und Praxis, Form und Inhalt etc. zu unterlaufen und zu zeigen, daß Formen durchaus als Inhalte gelesen werden können, und daß in jedweder Praxis implizite oder explizite Theorien auf dem Spiel stehen, die von den Handelnden vorausgesetzt werden. Es geht eben nichts über das Handgemenge (i. e. die konkrete Praxis) als Ausgangs? und Fluchtpunkt des Denkens.
Glut & Asche versucht zu zeigen, welche Fluchtpunkte und Perspektiven sich aus einer Beschränkung der Politik auf die Herstellung und Bewahrung sauberer', antisexistischer, antirassistischer etc. Verhältnisse innerhalb des autonomen Milieus ergeben. Das theoretisch wie praktisch einleuchtende Ergebnis: Wenn sich Politik in dieser Weise reduziert, folgt daraus kein Angriff auf die Verhältnisse mehr, die 'uns' ja keineswegs so äußerlich sind, wie wir gerne glauben würden, keine Perspektive der Veränderung, sondern es ergibt sich eine statische und dualistische Ordnung, in der eine Verteidigungsmauer gegen ein als sexistisch, rassistisch etc. konstruiertes böses' Außen der autonomen Szene aufgerichtet wird, während im Inneren' der Szene darauf verzichtet werden kann, über Bestimmungen eines anderen, besseren, allgemeinen Gesellschaftsentwurfs nachzudenken. Die eigene Position bestimmt sich auf diese Weise ex negativo, und zwar nicht mehr als Projekt, als solidarische Ausmittelung des unbekannten Besseren, als Konflikt, sondern eben als 'Identität': "Wir sind die Guten", wie es so schön heißt, und zwar weil die da draußen die Bösen sind. 'Politik' kann sich unter diesen Umständen darauf beschränken, den äußeren Feind in der Perspektive der Vernichtung zu bekämpfen, 'Verräterhinen' in den eigenen Reihen aufzuspüren und die Sauberkeit der eigenen Strukturen aufrechtzuerhalten. Politik konstruiert sich auf diese Weise ausschließlich über das "anti?". Die Kritikperspektive von "Glut und Asche" steht quer zu dieser Ordnung. Sie ist weder auf irgendeine theoretische 'Lufthoheit' gerichtet, noch darauf, gegen das "anti?" eine abstraktes "pro?" zu propagieren, sondern sie versucht, Politik in bestimmten Wünschen und Bedürfnissen konkreter Subjektivität zu begründen. Die Chiffren "Glück und Befreiung", die der Autor mobilisiert, verweisen auf das, was in diesen Verhältnissen eben nicht für alle, sondern nur für wenige verwirklicht ist und zwar auf Kosten derer, denen entsprechende Wünsche buchstäblich aus dem Kopf geschlagen werden. Verdienst des Buches ist es, die Projektperspektive zumindest wieder ins Blickfeld gerückt zu haben. Die 'Politik', die es kritisiert, ist eine, die die schlechte Wirklichkeit in den eigenen Strukturen eher konserviert als sich an besseren Möglichkeiten zu versuchen, eine, die den eigenen Gesellschaftsveränderungsparolen nicht glaubt und die die oppositionellen Strukturen von Gegenmacht und Angriff klammheimlich in solche transformiert, die der bestehenden Ordnung problemlos eingefügt werden können. Denn die Orientierung auf ein bloßes Bewahren und Verteidigen von 'Errungenschaften' der Protestbewegungen der letzten 30 Jahre begräbt die Orientierung auf Gesellschaftsveränderung unter einem 'linken' Konservatismus, der ? das kann man schön bei Diederich Diederichsen beobachten ? vordergründig gegen den 'rechten' Konservatismus kämpft, unterschwellig aber mit fast noch größerer Verve auf jedwede Perspektive von Gesellschaftsveränderung einschlägt. Man glaubt, durch das Festhalten an dem, was in einem revolutionäreren Kontext erworben wurde, den Mangel an angreifenden Handlungsmöglichkeiten kompensieren zu können. Die fatale Dialektik, in der sich Bewegungen in bewegungsarmer Zeit verfangen, besteht aber darin, daß die 'Errungenschaften' gerade dadurch sauer und schal werden.

Konkurrenz um die 'linkere' bzw. 'linkeste' Position
Die Rezension von Glut & Asche läßt sich umstandslos in eine ganze Reihe von Texten einreihen, die seit den 80iger Jahren auf eine ganz spezifische Weise darum ringen, den Anspruch links, ganz links, ja linker als all die anderen zu sein, mit einem bequemen Arrangement mit der bestehenden Situation zu verbinden. Der vom Rezensenten bemühte Diedrich Diederichsen ist ein hervorstechender Produzent solcher Texte, die schon seit längerem ein intellektuelles Klima prägen, das es sogar Joschka Fischer erlaubt, sein völlig prinzipienloses Streben nach einer Position in den ganz hohen Rängen der bestehenden politischen Ordnung mit der Behauptung zu schmücken, er allein sei, im Gegensatz zu den immer noch system? und insbesondere kapitalismuskritischen 'Linken', viel mehr links, ja sogar linker als links. Diedrich Diederichsen organisiert mit den Mitteln der Ideologiekritik eine Umkehrung: Zunächst unterstellt er, daß die an Befreiung orientierten AktivistInnen und Intellektuellen mit der Kritik an einschränkenden 'Benimmregel'?Codes (von Diederichsen TC" genannt) schlicht ihr eigenes Streben nach Dominanz gegenüber den VerfechterInnen von 'Benimmregel'Codes kaschieren. In einem zweiten Schritt schließt er Befreiungs?'ldeologie' mit 'Revolutions?Eschatologie' kurz (Eschatologie heißt: Hoffnung auf ein jenseitiges Reich des Heils) (vgl. Diederichsen 1996, S. 175) und organisiert damit eine Engführung, in der jede/r Blöde, der/die noch über die bestehenden Verhältnisse hinaus und in ihnen etwas anderes, besseres erstrebt und Herrschaft kritisiert, als quasireligiöse/r SektiererIn dasteht, der/die gleichzeitig hauptsächlich danach strebt, diejenigen zu unterjochen und schlecht zu behandeln, die mit einer vom Rezensenten so genannten 'Identität' für sich schon ans Ende ihres persönlichpartikularen Befreiungsweges gelangt sind. Die Identitäts?InhaberInnen bzw. die, die sich in der Selbstsubsununierung unter eine Identität" genießen, geraten in diesem Diskurs zu HeldIinnen einer quasi implosiven <wahren' Befreiung, die Ähnlichkeiten zu älteren Befreiungsdiskursen aufweist, die äußerst bedenklich stimmen müssen. So sehr sich die IdentitätsvertreterInnen ihre jeweilige Gruppen?Identität auch als "konstruierte" zurechtnageln, ? sie tendiert eben doch sehr stark in die Richtung “Herkunft ist Zukunft'” In ihrem Sinne ist positiv, d. i. emanzipatorisch 'konstruiert' immer nur das jeweils schon Erreichte. Jede 'Konstruktion' über das Erreichte hinaus dagegen muß aus dieser Perspektive verteufelt werden, stellt sie doch die "identitätspolitische Absicherung" der erreichten Position nur wieder in Frage. Befreiung schlägt an diesem Punkt blitzschnell wieder in knallharte Restriktion gegenüber denjenigen um, die sich in der abzusichernden Identität eben immer noch nicht am Ende ihrer Geschichte fühlen.

Und ein letztes Mal "Das Private ist politisch"
Die Parole "Das Private ist politisch" ist nicht zu verstehen ohne den Kontext, in dem sie entstand. Als sie im Zusammenhang mit der Politisierung von Arbeits? Familien?, Sexualitäts?, Reproduktions?, ja Ernährungsverhältnissen aufkam (vgl. Foucault, "Gefängnisse und Gefängnisrevolten”, in: Dokumente: Zeitschrift für übernationale Zusammenarbeit, Nr. 2, S. 133?137, S. 135), war die marxsche Theorisierung der bürgerlichen Gesellschaft Allgemeingut der emanzipatorischen Bewegungen: Das scheinbar überhistorische "menschliche Wesen" war von Marx in der sechsten Feuerbachthese als das "Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" erkannt worden (vgl. MEW, Bd. 3, & 6). Mit dem Protest der 60iger Jahre wurde im Rückgriff auf die marxsche Kritik deutlich, daß die von rechts immer wieder als eine Art 'Naturordnung' verteidigte bürgerliche Gesellschaft mit ihrer Trennung von politisch?öffentlicher und natürlich?privater Sphäre in politischen Kämpfen entstanden und somit veränderbar ist. Die Parole "das Private ist politisch" griff die Vorstellung an, daß das Alltagsleben, das mit den gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen scheinbar nichts zu tun hat, politischer Veränderung nicht zugänglich sein sollte. Z. B. richtete sie sich gegen die Vorstellung, daß 'die Frau' von Natur dazu bestimmt sein sollte, im Haus zu bleiben und für die Reproduktion der Arbeitskraft 'des Mannes' und der Kinder zu sorgen. Entsprechend ergab sich aus der Parole die Forderung oder der Aufruf, diesen spontanen Vorstellungen andere entgegenzusetzen, was nicht bedeutete, das 'Private' abzuschaffen, sondern es in emanzipatorischer Perspektive zu transformieren. Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen. Die seit den Mittsiebzigern zumindest mit einer Gesetzgebung Aufgewachsenen, die die Gleichberechtigung der Geschlechter formal vorsieht, können sich eine Zeit, in der Frauen, um arbeiten zu gehen, die formale Genehmigung ihres Vaters oder Ehemanns einholen mußten, nicht mehr vorstellen. Deshalb besteht bei den heutigen NutzerInnen der Parole die Neigung, das "Private" allzu häufig auf das "Intime", vor allem auf die Gestaltung der sexuellen Beziehungen zu reduzieren, anstatt damit auch die Fragen um Ökonomie, Herrschaft und Arbeitsteilung auf die Tagesordnung zu setzen, die in diese Gesellschaft ebenfalls als 'privat' definiert und damit dem politischen Kampf um Veränderung ideologisch entzogen werden. Der richtige Gedanke, daß das Private politisch ist, sollte nicht auf die Gestaltung des Intimlebens beschränkt bleiben, sondern auch auf die Problematisierung von Eigentums? und Lohnarbeitsverhältnissen ausgedehnt werden. In der aktuellen Debatte um die Bedeutung der Parole "Das Private ist politisch" bleibt die Tatsache ziemlich unterbelichtet, daß diese gesellschaftlichen Verhältnisse ? obgleich sie öffentlich thematisierbar sind ? ebenso sehr als Privatverhältnisse verhandelt werden wie sexuelle Verhältnisse. Arm? und Reichsein ist in dieser Gesellschaft genauso se~ Privatsache wie die sexuelle Orientierung. Vielleicht sogar noch mehr. Denn heute scheint ? anstelle von politisch?ökonomischer Zusammenhängen ? viel mehr das vormals 'Intime' öffentlich thematisiert zu werden. Über den Verflechtungen von ökonomischer und politischer Herrschaft und Abhängigkeit liegt ein medialer Nebel aus Sexgeschichten. Nicht nur in der belgischen Dutroux?Aftäre und in den regelmäßigen Bulletins über die sexuelle Beziehungen des aktuellen amerikanischen Präsidenten zu einer Ex?Praktikantin, sondern auch im autonomen Milieu werden Fragen der sexuellen Orientierung, und 'Skandale' des Verhaltens im Intimbereich wesentlich ausführlicher öffentlich thematisiert und als 'politisch' verhandelt, als Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse im Bereich von Arbeit, Ökonomie und 'großer' staatlicher und gesetzlicher Politik. Mit der Beschränkung der 'politischen' Auseinandersetzung auf ein Teilsegment dessen, was in diesen Gesellschaften als 'privat' verhandelt wird, die Sexualität ? und etwas weiter gefasst die 'Identität', zieht sich 'linke', revolutionär?sein?wollende und vormals emanzipatorische Politik derzeit selbst den Stachel. Es ist zu hoffen, daß die eigentlich entsetzliche Tatsache der brutalen Wiederkehr der Wirklichkeit in die westlichen Demokratie~' nach dem Ende des sozialstaatlichen Kompromisses dafür sorg daß die, denen es dort um Befreiung nicht als bloß individuelle' Programm zu tun ist, wieder anfangen, sich Rir den gesellschaftlichen Zusammenhang zu interessieren.

Literatur
Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt am Main 1966.
Diederich Diederichsen, Politische Korrekturen, Köln 1996.
Geronimo, Glut & Asche ? Reflexionen zur Politik der Autonomen
Bewegung, Münster 1997.
=> Antonio Gramsci, Gefängnishefte Bd. 5, hg. Von Klaus Bochmann ut
W. F. Haug, Hamburg 1993.
Michel Foucault",Gef"angnisse und Gefängnisrevolten", in: Dokumei,
Zeitschrift für übernationale Zusammenarbeit, Nr. 2.
Karl MarxThesen über Feuerbach, Marx/Engels Werke, Berlin 197:
S. 533?535.