Bei unrast:
Wir-Gefühl im VakuumGeorg Fülberth
Konkret 04/98, S. 32
Georg Fülberth Wir-Gefühl im Vakuum Die autonome Bewegung zieht Bilanz und will das Gejammer über den Zerfall der Szene beenden. Obwohl die Bewegung der Autonomen noch recht jung ist, zieht sie mittlerweile eine breite Papierspur hinter sich her. Einiges davon liest sich wie der Katalog einer Sammlung von aufgespießten und getrockneten Schmetterlingen. Leider gilt dies auch für das Buch Die Autonomen von Thomas Schultze und Almut Gross. Aufschlußreicher können Originaltexte sein, zum Beispiel die Dokumentation zu einem Autonomie-Kongreß, der 1995 in Berlin stattgefunden hat. Man wundert sich da allerdings manchmal über den gespreizten Stil, so etwa, wenn jemand sein Angelesenes (oder auch nur von ferne Gehörtes) spazierenführt: »Der von der Broschürengruppe so kritisierte Herbert Marcuse hat dazu bereits in den 30er Jahren Bahnbrechendes gesagt.« Ob manche Autonome am Ende gar lieber schlechte (nämlich sich derartig ausdrückende) Professoren geworden wären? Dabei hat es diese Bewegung doch sogar schon zu einem Klassiker gebracht. Ein Autor, der sich »Geronimo« nennt, veröffentlichte unter dem Titel Feuer und Flamme eine historische Darstellung, die 1997 die fünfte Auflage erreichte. Im selben Jahr kamen seine »Reflexionen zur Politik der autonomen Bewegung« heraus: Glut und Asche. Der gedämpfte zweite Titel klingt fast schon nach Abschied. Stellenweise erweckt der Autor den Eindruck, als habe er nicht übel Lust, sich das Adjektiv »autonom« patentieren zu lassen, damit es nicht von anderen unnützlich geführt wird. Er befürchtet Verfall, Epigonentum und Erbschleicherei. Fragen wir aber zunächst nach dem Original. »Wichtig ist uns, daß wir glücklich sein wollen. Und das können wir nur, wenn unsere Freiheit, d. h. die Freiheit des Einzelnen, in der Freiheit aller aufgeht. So etwas ließe sich wohl als Kommunismus bezeichnen, und da ist uns klar, daß wir diese wirkliche Bewegung der freien Assoziation aller Menschen auf der Welt im Bündnis mit dem aktuellen System nicht erreichen werden« (Glut und Asche, im folgenden: G&A, S. 192). Unsterbliches Manifest der Kommunistischen Partei! Marx und Engels! MEW 4, S. 482: »An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.« Freilich, der rocher de bronce, den die beiden Alten in ihrem Text plazierten: »Aufhebung des Privateigentums« (S. 475), fehlt bei dem Jüngeren. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht auch ist ihm etwas anderes wichtig: die »Unabhängigkeit von der jeweiligen Macht« (G&A, S. 130). Nicht zufällig hatten sich die Autonomen in ihrer Aufstiegsphase gern auf ein Buch des Frankfurter Professors Joachim Hirsch berufen: Der Sicherheitsstaat (1980). Da ging es um den Pakt von Unternehmern, Öffentlicher Gewalt, SPD und Gewerkschaften, der Kapital und Arbeit scheinbar versöhnte, während gegen alle, die entweder von vornherein nicht dazugehörten oder nicht mitmachen wollten, Repression teils angedroht, teils ausgeübt wurde. An den Bauplätzen für Atomkraftwerke und in bisherigen Wohngebieten, die plattsaniert werden sollten, wurden die Frontlinien sichtbar. In den Hausbesetzungen 1980-1982 hatte man beides: die Verteidigung gegen die Offensive der anderen Seite (»Widerstand«) und die Autonomie in einem begrenzten, wenngleich ständig gefährdeten eigenen Bereich. Hirsch seinerseits verwies gern auf Herbert Marcuses Thesen vom »Eindimensionalen Menschen« und von der »Großen Weigerung« die dagegenzusetzen sei. Den Autonomen gefällt das so, daß sie ihre aktuelle Tradition, soweit sie ausschließlich Deutschland im Blick haben, gern bis auf das Jahr 1968 zurückverfolgen. Damals hatte Marcuse dem akademischen Nachwuchs seine schon etwas älteren Stichworte massenhaft nahebringen können. (Eine zweite, eher illegitime Ahnengalerie richtete man sich in Italien ein.) Die Macht, der gegenüber Unabhängigkeit gewahrt werden sollte, war aber keine »jeweilige«, sondern eine ganz bestimmte: der sozialdemokratisch-keynesianische Staat. Ab 1982 kam er den Autonomen zumindest in der Form, in der sie ihn gekannt und gehaßt hatten, allmählich abhanden. An seine Stelle trat das neoliberale Modell. Darauf waren sie nicht gefaßt, und daraus entstand - mit einer Verzögerung von ein paar Jahren - ihre Krise, die sie heute selbst so gerne diskutieren.Längst schon hatte auch die CDU den Kampf gegen das sozialdemokratische Staatsmodell propagiert. 1975 verkündete sie die »neue soziale Frage« und warf sich zur Interessenvertreterin derer auf, die beim Pakt zwischen Kapital und Arbeit zu kurz gekommen seien. Sie meinte damit allerdings nicht die Freien und Gleichen, sondern wohl eher alle diejenigen, die nicht in der Gewerkschaft waren. Die zwischenzeitlich sozialliberale FDP wurde wieder marktradikal und hätte am liebsten den Staat abgeschafft, zumindest, soweit er Steuern erhob. Als dieses Programm ab 1982 allmählich eine Chance erhielt, erfaßte die Autonomen nicht etwa ein Gefühl grenzenloser Freiheit, sondern eher der Horror vacui. So etwas hatten sie nicht gewollt (und ja auch nicht gemacht): »Das aus den bitteren Repressionserfahrungen mit dem fordistischen )Sicherheitsstaat< (Hirsch) gespeiste Autonomen-Ressentiment von: >Weg mit dem Scheiß-Staat!< wird nun von den Etagen der Macht in Staat, Gesellschaft und Kapitalverbänden im Zusammenhang eines zunehmend entfesselten Konkurrenzprinzips in die mit Wucht exekutierte Praxis des >Sozial-Staat? Hau weg den Scheiß!< präzisiert« (G&A, S. 208). Der Verdacht erhärtete sich, daß unter dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, welches im Artikel 2 des Grundgesetzes garantiert ist, am Ende in erster Linie das ungehemmte Wirken der Unternehmer-Persönlichkeit verstanden werden muß. (Arbeitsgerichte der fünfziger Jahre hatten das allerdings auch schon gewußt.) Wo der Staat einmal nicht geräumt und geprügelt, sondern Zugeständnisse gemacht hatte, zeigte sich ein neues Problem: »Viele der geforderten Freiräume sind legalisiert und sind doch heute meistens Leerräume, mit denen wir gar nichts anzufangen wissen.« So liest man es in einem Papier des Kongresses von 1995. Während die Autonomen in den achtziger Jahren öffentlich deutlich sichtbar waren und an quantitativer Stärke gewannen, brach gleichzeitig ein Teil ihrer bisherigen politischen Geschäftsgrundlagen weg. Die Wende von 1989/90 hatte damit eigentlich gar nichts zu tun. Allerdings merkten damals die Letzten - und es waren nicht wenige -, daß inzwischen viel anders geworden war. Da die Abgrenzung entlang den alten Linien nicht mehr ausreichte, stellte sich die Frage nach der »Identität«. (Dies war ohnehin das Lieblings-Substantiv vieler linker »Zusammenhänge« und Organisationen in den achtziger Jahren.) Die Definition der Bewegungs-Inhalte landete bei den sogenannten Anti-Ismen: Anti-Rassismus, Anti-Nationalismus, Anti-Sexismus, Anti-Faschismus. Geronimo ist da mißtrauisch. Das seien Ersatzparolen, die sogar, ohne daß man im Einzelfall daran denkt, einer Vorschrift des Nazis Carl Schmitt folgen: Politik als die Scheidung von Freund und Feind. Zu den Konsequenzen gehöre die Haltung des Kriegers und der Gestus leerer Militanz, etwa dort, wo an der Haltung zum bewaffneten Kampf entschieden werden soll, wer dazugehört oder nicht. Wenn dann passiert, was man sinnvollerweise doch nicht beabsichtigt hatte, werden die Distanzierungen zu Verrenkungen: Man ist froh, wenn man sich als Phrasendrescher, den sein Geschwätz von gestern nicht interessiert, herausziehen kann. Geronimo diskutiert dies einleuchtend am Beispiel der Schüsse an der Startbahn West und der Tötung eines als Faschist bezeichneten Mannes namens Kaindl in Berlin. Eine nicht namentlich gezeichnete Kritik, nachlesbar in einem Kongreßpapier, geht da sehr weit: »Würden die IdealistInnen sich nicht als rein antirassistisch und antinationalistisch vortäuschen, wären sie schon im Lager des Feindes.« Unter »Idealismus« wird hier ein Bekenntnis zur Militanz verstanden, das die Bereitschaft zur Gewaltanwendung isoliert und es zentral stellt. Was ist in dieser Situation noch möglich? Vielleicht der Traum von der Großen Assoziation, die in Aktionen vorweggenommen wird. Wenn es gut geht, entsteht dabei mehr als Kampf, nämlich Freiheit und Kombination zugleich: »Autonomie ist selbstbestimmte Abhängigkeit« - diese Losung war auf dem Kongreß von 1995 prominent. Allerdings fragt sich dann, worin der Unterschied zum schieren Wir-Gefühl besteht. (Und tatsächlich findet sich dieser bedenkliche Ausdruck in den Druckschriften der Bewegung.) Zuweilen fahren »Frauen aus Hamburg« und anderswo dazwischen und erklären, die Sache sei männerdominiert, und sie könnten da nicht mitmachen. Es kommt dann zur Sezession, und im nachhinein freut man sich darüber, daß die Sexismus-Diskussion einen Kongreß gerettet habe, weil sie ihm ein Thema gab, um das man sich - wenngleich getrennt in Männer-, Frauen- und gemischte Plenen- versammeln konnte. Derlei Probleme beheben sich am ehesten, wo die »jeweilige Macht« sich aktuell so benimmt, wie man es gelernt hat (und wie sie im Kern ja auch ist). Wenn der Castor übers Land rollt, erneuert sich die autonome Bewegung. Und als es gelang, die Vergabe der Olympischen Spiele 2000 nach Berlin zu verhindern, erlebte Geronimo ' der 1998 immerhin auch schon sechsunddreißig wird, noch einmal »Kampagnenglück«. Das wird es immer geben, solange der Kapitalismus hobelt. Die Bewegung der Autonomen wird Krisen und Durchhänger haben, aber wohl so schnell kein Ende. Zu einer einigermaßen festen Habitus-Szene hat es inzwischen immerhin gereicht, auch wenn das Wort »Gegenkultur« wohl doch ein bißchen großsprecherisch ist. Zwei Sätze sind gleichermaßen wahr: Erstens: »In den 80er Jahren sind >die Autonomen< in der Öffentlichkeit teils zum Mythos, teils zum BürgerInnenschreck geworden, in den 90er Jahren - nicht unverschuldet - eher zur Karikatur« (Kongreß-Broschüre, S. 16). Und zweitens: »Wir denken, daß es nun auch an der Zeit ist, das ständige Gejammer über den Zerfall der Autonomen zu beenden« (»Interim« Nr. 328; ebd., S. 145). Die Beobachtung, es handele sich auch um ein Stück bürgerliche Jugendkultur in antibürgerlicher Absicht, wie einst der »Wandervogel«, der 1901 an einem Steglitzer Gymnasium entstand, muß nicht unbedingt als hämisch verstanden werden. So wie der Kapitalismus immer wieder seine Nachteile produziert, erzeugt er auch stets neue Dissidenz im Nachwuchs der von ihm begünstigten Klassen und Schichten. Dies geschieht besonders dann, wenn die rüstigen Alten an den Strukturen festhalten, welche ihnen nützen, immer größere Teile der Jungen aber ausschließen. Das wirkt natürlich noch viel schlimmer außerhalb der Bourgeoisie. Dort reagiert man teilweise anders. Zuzug ohne gymnasialen Hintergrund haben die Autonomen immer wieder einmal gehabt, auch wenn sie mit der von Karl-Heinz Roth entdeckten »neuen Proletarität« mehrheitlich nichts anfangen können. Die Siebzehnjährigen, die sich ihnen heute anschließen, treffen häufig auf Vierzigjährige, für welche sich die Welt in den vergangenen Jahren so schnell gedreht hat, daß sie nicht mehr mitkommen. Aber einiges läßt sich schon weitergeben - darunter die herrliche Parole von der freien Entwicklung eines (und einer) jeden als Bedingung für die freie Entwicklung aller. Gewiß: Viele verlassen den bürgerlichen Pferch nie völlig. Die meisten werden nach einem Jahrzehnt wieder zurückkehren. Aber eben nicht alle. Daß die Autonomen in höherem Maße eine Fließ- als eine Bestandsgröße sind, ist gut und nicht schlecht. Fortschrittliche Eltern sähen ihre Kinder lieber in der Jungen Union. Da könnten diese sich wenigstens noch nach links entwickeln. Literatur: Autonomie-Kongreß der undogmatischen linken Bewegungen. Standpunkte - Provokationen - Thesen. Herausgegeben und remixed unter wissenschaftlicher Betreuung des Instituts für Elbvertiefung, Bewegungslehre und Politikberatung Hamburg, Berlin, New York, o.0. o.J., Vertrieb: Unrast Verlag, Münster. Geronimo: Feuer und Flamme. Zur Geschichte der Autonomen. 5. Aufl., Berlin, Amsterdam, Edition ID-Archiv 1997. Geronimo: Glut und Asche. Reflexionen zur Politik der autonomen Bewegung. Münster, Unrast Verlag 1997. Thomas Schultze und Almut Gross: Die Autonomen. Ursprünge, Entwicklung und Profil der autonomen Bewegung. Hamburg, Konkret Literatur Verlag 1997. |