Bei unrast:
Johann Most: Staat und Kommunismus
Kommunismus bedeutet völlige Gemeinschaftlichkeit, sozusagen Familiarisierung der Genußmittel, Gütergemeinschaft, Zurverfügungstellung der Erde mit allem Sachlichen, was drum und dran hängt, gegenüber einem jeden – unter der Voraussetzung, daß kein Arbeitsfähiger und Rechtschaffener sich weigern wird, irgendetwas zur Befriedigung der Gesamtbedürfnisse freiwillig beizutragen.
Der Staat ist hingegen eine Versicherungsgesellschaft, welche die besitzenden Klassen lediglich zu dem Zwecke ersannen und immer ungeheuerlicher entwickelten, die von ihnen abhängigen besitzlosen Klassen (abhängig weil besitzlos) mittelst gesetzlicher, polizeilicher und militärischer Apparate unterwürfig erhalten, eventuell züchtigen (einsperren, auspeitschen, aufhängen, köpfen usw.) zu können. Der Kommunismus birgt also allgemeine Gleichheit, gegenseitiges Wohlwollen, Regelung der Dinge durch solidarisches Handeln in sich, angeregt durch Edelsinn und Gerechtigkeitsgefühl, hervorgerufen etwa durch dementsprechende Agitationen und korrigiert durch Kundgebung der öffentlichen Meinung. Der Staat hingegen hat eine Gewaltseele. Er bedeutet die angemaßte Überhebung der einen und die erzwungene Unterordnung der anderen. Er stellt das Gegenteil eines freiheitlichen Zustandes dar. Er ist entstanden, als der ursprüngliche Kommunismus verschwand. Er hat sich in dem nämlichen Masse komplizierter und monströser gestaltet, in welchem die Institution des Privateigentums die Vermögensungleichheiten verschärfte. An dieser Tatsache haben jene anscheinend freisinnigen Blendwerke, wie allgemeines Stimmrecht, Republik etc., durch welche der Schein erweckt werden sollte, als seien es die Völker und nicht die herrschenden Klassen, nach deren Willen die Staatsmaschinen in Bewegung gesetzt werden, nie das Geringste geändert. Im Gegenteil hat gerade das Walten solcher Scharlatanerien in den betr. Ländern, indem sie in denselben keine anderen sozialen Zustände hervorbrachten als sie auch anderwärts, wo man nach alter Schablone regierte, existieren, bewiesen, daß sie lediglich bestimmt sind, den Völkern Sand in die Augen zu streuen. Alle Versuche, die Armen wider die Reichen zu schützen, sind überall kläglich gescheitert oder brachten höchstens diesbezüglich Spott und Hohn zutage. Umgekehrt stand bei jedem Streite zwischen Arm und Reich – ob dementsprechende gesetzliche, konstitutionelle oder ukashafte Bestimmungen vorherrschend waren oder nicht – der Staat ganz entschieden auf der Seite der Besitzenden und bekämpfte deren Gegner, die Besitzlosen, auf Tod und Leben mit eiserner Faust. Kurzum, die Geschichte aller Staaten ist nichts weiter als ein Protokoll über die Tag- und Nachtwächterstreiche, welche die bewaffneten und wohlorganisierten niedrigen, hohen und allerhöchsten Diener des Geldsäcklertums und der Bodenusurpatoren gegen die immer unterjochten, aber doch stets mehr oder weniger sich in irgend einer Form (vom einfachsten sogenannten Diebstahl bis zur Massenrebellion) dagegen empörenden Völker fort und fort sich zuschulden kommen ließen. Wieso, fragen wir nun, soll solch ein System der niederträchtigsten Anmaßung, ruppigsten Massenbefuchtelung, solch eine Ausgeburt der sozialen Ungleichheit berufen und geeignet sein, der Gleichheit und Freiheit, wie sie der Kommunismus bedeutet, auf die Beine zu helfen? Wollte man den Staat damit betrauen, den Kommunismus einzurichten und zu entwickeln, so würde man augenscheinlich den Bock zum Gärtner machen. Es würde sich die Geschichte der Fabel wiederholen, wonach die Frösche auf die Idee verfielen, sich den Luxus eines Königs zu gestatten, zu welchem sie einen Storch ausersahen, der sie natürlich nach und nach aufgefressen hat. Was vielleicht viel dazu beigetragen hat, die Begriffe in dieser Hinsicht zu verwirren, das ist wohl der Umstand, daß die verschiedenen Staaten bereits allerlei Unternehmungen betreiben, welche mit ihren eigentlichen Zwecken nichts zu schaffen haben, wie Schulen, Post, Telegraphie, Eisenbahnen, Bergwerke, Statistik, Tabak-und Zigarrenfabriken u. dgl. Diese Einrichtungen sind aber bekanntlich nur deshalb verstaatlicht worden, weil sie entweder (wie das hinsichtlich der Volks- und Hochschulen der Fall ist) die Disziplinierung und dem bestehenden Systeme entsprechende Drillung der Völker („Untertanen“) ungemein erleichtern oder aber eine beträchtliche Einnahmequelle zu Staatszwecken bilden, welche durch die herkömmliche Besteuerung nicht leicht in solchem Maßstabe hätte in Fluß gebracht werden können. Übrigens steht obendrein fest, daß der Staat, sobald er als Betriebsleiter von industriellen oder Verkehrsinstituten auftritt, noch strikter die Ausbeutung der Arbeiter betreibt als der Privatkapitalist. Wird ein Staatsarbeiter gemaßregelt, so ist er gleich für das ganze betreffende Land an die Luft gesetzt. Entweder muß er zur Auswanderung seine Zuflucht nehmen, oder einem anderen Berufe sich zuwenden, was leichter gedacht als getan ist. Wenn daher schon das bisherige ausnahmsweise diesbezügliche Gebaren des Staates solche Früchte gezeitigt hat, so kann man wahrlich nicht wünschen wollen, daß alles gewerbliche, landwirtschaftliche etc. etc. Weben und Streben in Staatshände übergeführt werde. Der Staat würde auf solche Art zu einem Riesenpolypen gemacht, welcher seine Saugrüssel gewissermaßen an den Adern aller sitzen hätte und dessen Fangarme eines jeden Hals umschlängen. Ein solches Verhältnis Kommunismus nennen zu wollen, dazu gehört wahrlich die Naivität eines Negerkindes. In seinen alten Tagen scheint das auch der sozialdemokratische Dalai Lama Engels eingesehen zu haben, indem er sagte, der Staat werde in der zukünftigen Gesellschaft hinfällig, schlafe ein usw., was aber die gewöhnlicheren Parteiklepper, selbst wenn sie vom Schlage eines Liebknecht sind, nicht abhält, nach wie vor von der „Errichtung eines Volksstaates“ und ähnlichem Krähwinkelismus zu faseln. Hieraus ist wenigstens zu ersehen, daß auch Leute, die bei der Demokratie in die Schule gegangen sind und deshalb die Majoritätsschulmeisterei und gesetzgeberische Reformschusterei nicht gänzlich aus den Schädeln studieren konnten, sich der Einsicht zuletzt nicht zu verschliessen mochten, daß die Staatlerei irgendwelcher Art zum Kommunismus nicht passe. Und was das sanfte Einschlafen der bösartigen Staatsbestie anbelangt, so wurde diese Phrase doch wohl lediglich deshalb angewandt, um den bis dahin gar sehr in Staatskommunismus Machenden eine glatte Eselsbrücke zu bauen, auf welcher sie zu vernünftigeren Agitationsargumenten gelangen sollten, was freilich, wie wir gesehen haben, noch immer nicht von allen, noch nicht einmal von allen „Maßgebenden“ hinlänglich begriffen worden ist. In der Tat aber wird der Staat sicherlich nicht so ohne Weiteres hinfällig, er schläft auch nicht in aller Gemütsruhe ein: er muß vielmehr zerstört, fast buchstäblich totgeschlagen werden. Denn der Staat ist es gerade, welcher dem Kommunismus im Wege steht. Soll der Letztere entstehen, so muß zuvor der Staat zu Grunde gehen. Die Zertrümmerung des Staates wird die negierende Tätigkeit der sozialen Revolution ausmachen, ihre positive Aktion bildet die Hervorrufung kommunistischer Verhältnisse. Solche können aber nicht erzwungen werden, sie müssen den Volksbedürfnissen entsprechen, sonst würden sie gar keinen rechten Halt gewinnen. Solche Bedürfnisse existieren aber bei der großen Volksmasse jetzt schon, sie können nur nicht befriedigt werden, weil eben der Staat mit Argusaugen wacht, daß solches nicht geschehe; daher die ewigen Reibereien zwischen den von kommunistischen Instinkten geleiteten Rebellen aus dem Volke und den Trägern der Staatsgewalt, welche, wie gesagt, als solche nichts weiter sind als die Stützen des Privateigentums. Ist einmal die Staatsgewalt gefallen und das Privateigentum in die Hände der Gesamtheit übergegangen, so müßte man ja förmlich einen neuen Staat errichten, wenn Staatskommunismus herrschen sollte. Man darf aber füglich annehmen, daß die nämlichen Menschen, welche schlau und tatkräftig genug waren, um unter Nichtachtung aller und jeder Autorität das bis dahin Bestandene total auf den Kopf zu stellen, kein Verlangen haben werden, sich mit aller Gewalt und ohne jeglichen Grund in neue Fesseln zu legen. Es braucht ja nur in Betracht gezogen zu werden, welchen Zwecken der Staat diente, und man wird sofort begreifen, daß, wenn solche Zwecke nicht mehr erstrebt werden, auch für den Staat kein Gebrauch mehr da ist. Weder kann in einer kommunistischen Gesellschaft eine Gesetzgebung existieren, noch eine Regiererei überhaupt. Freie und gleiche Menschen können einander nicht vorschreiben wollen, was sie morgen, in sechs Wochen oder in zwanzig Jahren zu tun und zu lassen haben, um so weniger, als die Gründe, welche bisher zu solcher Reguliererei geführt haben, dann gar nicht mehr existieren. Die ganzen Kriminalgesetze drehen sich im Wesentlichen um Privateigentumsschutz und um Schutz der staatlichen Autorität. Mit den Zivilgesetzen steht es ähnlich. Wo kein solches Eigentum mehr existiert, braucht auch keines mehr beschützt zu werden. Kommunisten begehen weder Diebstahl, noch Betrug, noch Wechselfälschung, noch Raub und Mord aus gewinnsüchtigen Motiven, noch machen sie Schulden, noch brauchen sie geschieden zu werden (weil sie gar nicht heiraten, sondern ihre geschlechtlichen Verhältnisse nach Belieben regeln), noch begehen sie Hochverrat oder Tyrannenmord (weil von vornherein kein Staatsphantom, das zu verraten sein, oder ein Tyrann, den man attackieren könnte, existiert), noch verüben sie Gotteslästerung (denn der Herrgott ist samt aller Religion und Pfafferei gelegentlich der Revolution in Rauch aufgegangen), noch usw. – Legislaturpfaffen, Gerichtspagoden, Schandarmen, Polizisten, Kerkermeister und Henker werden daher zur Zeit des Kommunismus höchstens noch als Raritätsungeheuer – in Spiritus gesetzt oder ausgestopft – im Altertumsmuseum (Abteilung „Zivilisations“-Barbarei) angetroffen werden. Sogenannte Leidenschaftsverbrechen aber, die immer als letzter Trumpf herhalten müssen, wenn von Abschaffung der Gesetze etc. die Rede ist. werden mit der zunehmenden Bildung, wie sie der Kommunismus ermöglicht, auch mehr und mehr verschwinden, ist es doch notorisch, daß fast alle Brutalitätshandlungen jetzt schon auf mehr oder minder starke Verwahrlosung der Betreffenden zurückzuführen sind. Der Rest beruht auf Geistesstörung, welche wiederum von dem unnatürlichen Leben herrührt, das heutzutage die meisten Menschen mehr oder weniger erzwungenermaßen führen, was wiederum unter vernünftigeren Gesellschaftsverhältnissen allmählich aufhört. Narren verfolgt man heutzutage schon nicht mehr kriminell, und wegen der Reste von Verwahrlosten, welche der Kommunismus von der heutigen Gesellschaft erben mag, lohnt es sich wahrlich nicht, den Teufel durch Beelzebub auszutreiben, d. h. ein Übel durch ein viel größeres Übel (Errichtung einer Züchtigungsautorität, die sich bald jedem gegenüber – gewählt hin, gewählt her – frech genug gebärden würde) beseitigen zu wollen, zumal es obendrein heute schon bekannt ist, daß weder angedrohte Strafen abschrecken noch auferlegte Züchtigungen bessern. Summa Summarum werden die Menschen ja überhaupt, sobald sie auf einen anderen Boden, auf kommunistische Basis, verpflanzt werden, ganz andere Wesen sein als jene Zweihänder, welche gegenwärtig in der Welt hausen, und die sich gegenseitig jeden Bissen Brot vor dem Munde wegschnappen möchten, weil sie das jetzige Privateigentums-System förmlich zwingt, einen wilden Daseinskampf aller gegen alle zu führen. Alle diese wüsten Eigenschaften, wie Neid, Geiz, Habgier, Hinterlist, Herrschsucht etc., welche heute förmlich mit der Muttermilch eingesogen werden, erlöschen ganz von selbst, wenn die Zustände der Gesellschaft darnach angetan sind, ihnen keine Nahrung mehr zu gewähren. Umgekehrt erweckt das brüderliche Verhältnis, in welchem kommunistische Menschen zu einander stehen, Menschen, welche im allgemeinen Wohlergehen ihr eigenes erblicken, einen solchen Grad von Edelsinn und Tugend, wie man sich wohl schwerlich im voraus vorzustellen vermag, aber immerhin als logische Konsequenz einer solchen Gesellschaft annehmen darf. Aus alledem ergibt sich, daß die Kommunisten keine Sittenwächter brauchen, weder Pfaffen noch Kriminalisten, weder einen Moral- noch Kriminalcodex, und daß sie nach eigenem Ermessen recht und billig handeln werden. Was aber die Erfüllung der verschiedenartigsten Lebenszwecke anbetrifft, die Produktions-, Landwirtschafts-, Verkehrs-, Wissenschafts-, Lehr- und sonstigen Verhältnisse, welche ein Zusammenwirken vieler oder weniger erheischen mögen – derenthalben an die Errichtung einer Staatsmaschinerie denken zu wollen, das kann nur demjenigen in den Sinn kommen, welcher, wie ein total verdrillter Soldat, in dem jetzigen Staatszwinger dermaßen entmündigt worden ist, daß er sich einredet, ohne Kommando könne kein Schritt nach rechts oder links gemacht werden, ohne daß dabei ein Unglück passiert. Die Regelung aller dieser Dinge wird sich in einer kommunistischen Gesellschaft nicht unter einer Diktiererei von oben herab vollziehen, sondern vielmehr unter dem Zutagetreten der verschiedenartigsten diesbezüglichen Bedürfnisse ganz von selbst durch die freieste Bewegung aller Kräfte und ein äußerst lebendiges öffentliches Leben (Meinungskundgabe durch Wort und Schrift etc.). Das Bild der kommunistischen Gesellschaft wird kein Kreis sein, von dessen Zentrum aus strahlenförmig alles dirigiert wird, sondern ein mannigfach verschlungenes Netzwerk, dessen Knotenpunkte die verschiedenartigsten Tätigkeitsgebiete darstellen. Nicht außergewöhnliche Alleswisser (Staatsgötzen) einerseits und gedankenlose Schlendriane, welche ohne Befehl nicht wüßten, was sie zu tun hätten, wird der Kommunismus hervorbringen, sondern Menschen, die im Vollbewußtsein ihrer Würde und ihres Wertes durch Ehrgefühl und Brudersinn veranlaßt werden, zum allgemeinen Besten nach Fähigkeit und Neigung, Lust und Kraft zu wirken – in unerzwungener Harmonie und im freien Vollgenusse alles dessen, was sie alle miteinander leisten, ohne alle Messerei und Knappserei, sondern einfach nach Bedarf. Näheres über dieses Gruppierungsverhältnis bringt ein Artikel in der nächsten Nummer. aus: Freiheit (NY) Jg. 21 Nr. 24, 17. Juni 1899, S. 2 Sp. 1–3. Zurück zum Titel |