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Enzo Traverso: Eine Freundschaft im Exil. Teil II

Der Briefwechsel zwischen Adorno und Benjamin

Fortsetzung
Auszug aus: jour fixe initiative berlin (Hg.): Fluchtlinien des Exils

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Diese originelle Dialektik von Religiösem und Profanem, von Messianischem und Säkularem führt schließlich bei Benjamin zu einer neuen Sichtweise von Geschichte und Revolution. In seinen Thesen von 1940 – die wie durch ein Wunder über Hannah Arendt zu Adorno gelangten, der sie zwei Jahre später in New York in einem Heft des Instituts für Sozialforschung publizierte – nahm diese neue Sicht der Geschichte dunkle und apokalyptische Züge an. Die Berühmteste, die neunte These, stellt die Geschichte unter den erschrockenen Blick eines Engels, der durch einen Sturm zum Himmel getrieben wird, und identifiziert den Fortschritt mit einer ununterbrochenen Kette von Niederlagen der Unterdrückten. Es ist vor allem dieses »Denkbild«, das Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung, ihrem opus magnum der Kriegsjahre, wieder aufnehmen und reduktiv interpretieren.95 Aber für Benjamin lässt sich die Geschichte nicht auf dieses beängstigende Gefolge von berühmten Siegern reduzieren, von denen die Chronisten einer linearen, homogenen und leeren Zeit des Fortschritts zu berichten wissen. Sie enthält auch die Erinnerung an die Besiegten, das Gedächtnis der erlittenen Niederlagen und das Versprechen einer zukünftigen Erlösung. Dieses Versprechen siedelt sich im Einklang mit der jüdischen Tradition in der Zukunft an: »denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte.«96 Der historistischen Annäherung an die Vergangenheit stellt er eine messianische Sicht der Revolution gegenüber: den Beginn einer neuen Ära, die die Aneinanderreihung von Niederlagen und den Lauf der Geschichte unterbricht. Statt die Geschichte »vorwärts zu bringen«, soll die Revolution sie »aufhalten«. Im Unterschied zu Marx, der die Revolutionen als die »Lokomotiven der Geschichte« definiert, interpretiert Benjamin sie als »Notbremse«, die den Weg des Zuges in die Katastrophe, eine sich ewig erneuernde Katastrophe, anhalten kann.97 In dieser plötzlichen Unterbrechung der historischen Zeit tritt der Messianismus auf, der nicht die Vollendung, sondern den Ausstieg aus der Geschichte zum Ziel hat. Für Benjamin befriedigen die Revolutionen auch ein Bedürfnis nach Erinnerung. Er schrieb, dass die Revolutionen des 19. Jahrhunderts »Wunschbilder« in sich trugen, die an eine uralte Vergangenheit erinnerten: »Der Form des neuen Produktionsmittels, die im Anfang noch von der des alten beherrscht wird (Marx), entsprechen im Kollektivbewusstsein Bilder, in denen das Neue sich mit dem Alten durchdringt. Diese Bilder sind Wunschbilder (...) In dem Traum, in dem jeder Epoche die ihr folgende in Bildern vor Augen tritt, erscheint die letztere vermählt mit Elementen der Urgeschichte, das heißt einer klassenlosen Gesellschaft. Deren Erfahrungen, welche im Unterbewusstsein des Kollektivs ihr Depot haben, erzeugen in Durchdringung mit dem Neuen die Utopie, die in tausend Konfigurationen des Lebens, von den dauernden Bauten bis zu den flüchtigen Moden, ihre Spur hinterlassen.«98 Das Eingedenken löst hier eine utopische Spannung aus, die mit dem Messianismus und dem Surrealismus in das gleiche »magnetische Feld«99 mündet, das dem historischen Materialismus Benjamins Form verleiht.
Auch wenn Adorno die Dialektik zwischen Materialismus und Theologie, die Benjamin inspirierte, verstanden hatte, so war er doch weit davon entfernt, Benjamins revolutionäre Sehnsucht zu teilen. Benjamin folgte in diesem Fall Lukács und Korsch: »Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende unterdrückte Klasse selbst.«100 Für Adorno spiegelte sich in dieser Haltung seines Freundes nur der schädliche Einfluss Brechts wieder. Adorno zog sich in einen ästhetischen Marxismus zurück, der dem Klassenkampf fremd, wenn nicht feindlich gegenüber stand. In dem marxistischen Konzept des Proletariats sah er vor allem einen deus ex machina, der in Benjamins Essay über Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, zu oft vorkam und von dem man sich, so schnell es geht, verabschieden solle – »aber hier, genau, hier, liegt das Halt«,101 schrieb er am 20. Mai 1935. Eigentlich lehnte Adorno a priori jede Hypothese eines politischen Engagements ab, während Benjamin eine auf die Ästhetik reduzierte Kapitalismuskritik bereits als steril und ohnmächtig denunzierte. Im Schlusswort seines am meisten an Brecht angelehnten Essays »Der Autor als Produzent«, den er sich nicht an Adorno zu schicken traute – schrieb er, dass die letzte Schlacht den Kapitalismus nicht dem »Geist« gegenüberstelle, dass es sich nicht um einen Kampf zwischen metaphysischen Wesenheiten handele, sondern dass Kapitalismus und Proletariat soziale Kräfte seien.102
Vielleicht gelang es Benjamin mit Hilfe dieser originellen und nicht einzuordnenden Positionierung zwischen Kommunismus und Theologie, zwischen Revolution und Messianismus den Sackgassen der Marxismusinterpretationen zu entkommen, die ihn umgaben: dem Stalinismus, der sozialdemokratischen Evolutionslehre und der ästhetischen Verkürzung.103 Gefangen in dieser letzten Haltung blieb Adorno jedem Versuch gegenüber völlig verschlossen, seiner kritischen Theorie eine politische Übersetzung zu geben. Der Ursprung seiner Differenzen mit Benjamin, die sich in dem geschilderten Briefwechsel ausdrücken, ist im Grunde genommen derselbe, der ihn in den sechziger Jahren gegen die deutsche Studentenbewegung einnimmt. Herbert Marcuse, dem wir eine wesentlich radikalere Lesart der »Geschichtsphilosophischen Thesen« von Benjamin verdanken, zögerte nicht, Adorno seine konformistische und konservative Haltung vorzuwerfen.104
Der 1923 begonnene Austausch, der direkt aus der unruhigen und chaotischen Periode vor der Weimarer Republik entstanden war, wird im September 1940 in Port Bou am Beginn einer anderen katastrophalen Wendung der Geschichte tragisch unterbrochen. Benjamin richtete seine letzten Worte auf Französisch an Adorno, als er sich in einer »auswegslosen Situation« (une situation sans issue)105 befand. Diese Worte sind das letzte Zeugnis einer Freundschaft, die sich im Zuge einer unvollendeten Debatte konsolidiert hatte. Diese Briefe bleiben uns als Grabschrift einer der gehaltvollsten und dunkelsten Epochen der europäischen Kultur, als es Mitternacht schlug im letzten Jahrhundert.

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Aus dem Französischen von Elfriede Müller und Paola Traverso

Anmerkung zum Schriftbild: Hervorhebungen konnten hier nicht berücksichtigt werden.

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jour fixe initiative berlin (Hg.): Fluchtlinien des Exils