Bei unrast:
Jörg Später: Die Kritik des »anderen Deutschland«Otto Lehmann-Rußbüldt, Karl Retzlaw und Hans Jaeger im Londoner Exil
Auszug aus:
Wenn zwei Emigranten sich in London trafen, galt die erste Frage nicht dem Wetter oder der Gesundheit. Sie hieß: Wie stehen Sie zu Vansittart? Otto Lehmann-Rußbüldt war erstaunt über diesen Umstand, über den »Entrüstungssturm« aus »jeder Richtung« im Londoner Exil. Die Emigranten, die ansonsten in jeder Frage ein Dutzend verschiedener Meinungen hätten, hielten in der Ablehnung und Verkennung Lord Vansittarts wie Pech und Schwefel zusammen. Dabei ließen sie außer Acht, dass der Weltfeind Nummer Eins nicht Hitler, »sondern der deutsche Militarismus, sein Geist und seine Materie« sei. Wozu aber ein »Meer von Tinte« über alle möglichen Dinge verschreiben, die Vansittart gar nicht behauptet habe, fragte er die Flüchtlingsgemeinde, wenn es doch eine einfache Möglichkeit gebe, Vansittart zu widerlegen. Die einzige mögliche Widerlegung Vansittarts – so hieß die Schrift, aus der hier zitiert wurde und die nie einen Publikationsort gefunden hat1 – sei die Tat, »Eure Tat«. Die Emigranten dagegen befürchteten den Untergang, die Vernichtung Deutschlands und sähen nicht, »dass das Deutschland Kants und Goethes« – also das vielfach beschworene »andere Deutschland« – »schon in Groß-Preußen aus Blut und Eisen untergegangen war und (...) Wilhelm II. ihm den Rest gegeben hat.« Was war eigentlich geschehen? Der ehemalige Chefdiplomat des Foreign Office, Lord Robert Vansittart, sorgte während des Zweiten Weltkrieges in Großbritannien mit markanten Thesen über die Deutschen und ihre Geschichte für eine emotional aufgeladene Debatte über den Charakter des Feindes und die zu errichtende Nachkriegsordnung in Europa. In seiner eine halbe Million Mal verkauften Broschüre Black Record zeichnete er das Bild eines von Neid, Selbstmitleid und Grausamkeit gekennzeichneten kriegerischen deutschen Volkes. Insbesondere wies er die Vorstellung eines »anderen Deutschlands« zurück: So startete er eine Kampagne, die beweisen sollte, dass die deutsche Sozialdemokratie, die deutschen Kirchen und die deutschen Kulturschaffenden kein Widerpart zur militaristischen und nationalistischen politischen Kultur seien, sondern Teil des »deutschen Problems«. Vansittarts Anklage der deutschen Nation, ihrer Taten, ihrer Geschichte und ihrer geistigen Besitzstände sowie seine These, der Nationalsozialismus sei in erster Linie »deutsch«, entfachte in Großbritannien eine höchst emotionale und hitzige Diskussion über den Charakter der Deutschen, aber auch über die vermeintlich extreme Deutschfeindlichkeit des ehemaligen Staatssekretärs. Die deutsche Frage und ihre Lösung standen im Zentrum des öffentlichen Räsonnements, aber auch hysterischen Fabulierens, in dessen Verlauf der Name Vansittart über den Begriff des Vansittartismus zu einer Metapher für einen Rassismus gegen die Deutschen wurde.2 Mit seiner Anklage der deutschen Nation, insbesondere der Kritik an der These vom »anderen Deutschland«, brachte Vansittart auch das deutsche Exil in London in Aufruhr. Vor allem innerhalb der sozialdemokratischen Community – etwas mehr als hundert Männer und Frauen – sorgte Black Record für große Aufregung. Die meisten der Sozialdemokraten waren über Prag und Paris nach Großbritannien geflohen, der Parteivorstand kam auf Einladung der Labour Party. Der Vorstand um Hans Vogel und Erich Ollenhauer hoffte, als »natürlicher Verbündeter« der Alliierten gegen Nazi-Deutschland behandelt zu werden. Den Krieg betrachtete man als »internationalen Bürgerkrieg« und nicht als ein Krieg zwischen Nationen, das deutsche Volk entsprechend als »Opfer der Nazi-Diktatur«. Umso empörter reagierten die meisten Sozialdemokraten, als Vansittart den Deutschen insgesamt den Prozess machte. Gleichwohl meldete sich auch innerhalb der Sozialdemokratie eine Gruppe zu Wort, die forderte, man müsse den Ort des Exils nutzen, um umzudenken und die deutsche Geschichte, insbesondere die der Sozialdemokratie, neu zu vermessen und zu reflektieren. Ihr Befund war: »Es gibt ein deutsches Problem«. Diese Aussage meinte, dass die Sozialisten die geistige Verfassung der deutschen Nation in den Mittelpunkt stellen und lernen sollten, die deutsche Frage mit den Augen ihrer europäischen Nachbarn zu betrachten. Doch die Adaption von Vansittarts Perspektive stieß auf schroffe Ablehnung und offene Feindseligkeit. Wie in der britischen Öffentlichkeit machte sich die »Vansittartitis« breit – nur entstand in der Exilszene ein noch giftigeres Klima von Verdächtigungen, Gerüchten und Intrigen. Gerade in der Debatte um den deutschen Nationalismus und den Vansittartismus – neben der Frage des Umgangs mit den Kommunisten die große Auseinandersetzung der sozialistischen Linken im britischen Exil – offenbarte sich eine besondere Reizbarkeit. Der Ort des Exils erwies sich als ein pathologischer, ein Raum, in dem politische Identitätskämpfe ausgetragen und alte Rechnungen beglichen, in dem Freundschaften aufgekündigt und Feindschaften gepflegt und in dem Verletzungen, Misstrauen und Hass gediehen – ohne dass man diesen Raum verlassen konnte. Der Streit um Vansittart führte zum Bruch zwischen dem Parteivorstand der emigrierten SPD und jener Gruppe von sechs Dissidenten um Walter Loeb, zu der mit Curt Geyer ein Vorstandsmitglied und Vordenker der Partei gehörte. Geyer definierte den Nationalsozialismus nicht als Faschismus, sondern als Ausdruck eines spezifisch deutschen Nationalismus, und ihn interessierten weniger die sozioökonomischen Verhältnisse, die dem Nationalsozialismus zugrunde lagen, als die geistige Verfassung einer seit 1914 sich auf Abwegen befindenden Nation. Vor allem in jener »Erblast von 1914« – der volksgemeinschaftliche Massenkonsens und der institutionelle Burgfrieden – sahen Geyer und seine Mitstreiter den »Fluch der bösen Tat« (Carl Herz) wirken: einerseits das Modell der nationalistisch-aggressiven Integration, auf das die Nationalsozialisten aufbauen konnten, andererseits das historische Versagen der SPD, das sich nun im Zweiten Weltkrieg zu wiederholen schien. Die Gruppe verlangte politisch die bedingungslose Unterordnung der Sozialdemokraten unter die Kriegsziele der westlichen Alliierten, und sie forderte ein deutliches Bekenntnis sowohl zur einseitigen Abrüstung, als auch zur materiellen Wiedergutmachung für die Schäden und das Leid, das Nazideutschland über Europa gebracht habe. Neben einem Garantiefrieden wollte sie aber auch eine geistige Erneuerung der Sozialdemokratie. Sie griff die nach ihrem Erachten unkritische Haltung der Sozialdemokratie gegenüber dem deutschen Volk an, bemängelte die Indifferenz gegenüber dem Nationalismus als wirkungsmächtigste Kraft der deutschen Geschichte und warf der SPD schlussendlich vor, selbst eine nationalistische Partei zu sein. Dieser auch von gewichtigen Teilen der Labour Party geteilte Vorwurf empörte die auf Einladung der britischen Schwesterpartei nach London gekommenen Sozialdemokraten. Aus ihrer Perspektive kam es einem Skandal gleich, dass sie nicht als »natürliche Verbündete« der Alliierten behandelt wurden, waren es doch die Sozialdemokraten gewesen, die vor dem NS-Regime hatten fliehen müssen. Während sie von Anfang an verkündet hätten, Hitler bedeute Krieg, habe der Westen eine Politik des Appeasement betrieben. In den Augen der Sozialdemokraten war der Krieg ein internationaler Bürgerkrieg zwischen Demokratie und Diktatur, dessen Front durch alle Nationen hindurch ging. Das Vordringen des Vansittartismus in die Labour Party und in die Sozialistische Arbeiter-Internationale betrachteten sie als den Sieg von Nationalismus, Hass und reaktionärem Denken, die Gruppe der Abweichler als Verräter. Mit den wachsenden Angriffen auf die Partei und ihre Geschichte verhärtete sich die Abwehrhaltung der Londoner Sozialdemokraten. Der Parteivorstand blieb in den Fragen von Abrüstung und Wiedergutmachung uneindeutig, bekämpfte bis 1943 die Forderung nach militärischer Besatzung Deutschlands und agitierte nach der Konferenz von Casablanca gegen die Formel der »Bedingungslosen Kapitulation«. Auch bestritt man, dass es überhaupt so etwas wie »ein deutsches Problem« gäbe. Die Forderung nach geistiger Erneuerung der Sozialdemokratie verwarf man als unbegründet. Die Gruppe der Dissidenten bildete nach dem Zerwürfnis mit der SPD-Führung in der Verlagsgesellschaft Fight for Freedom (FFF) einen eigenen Diskussions- und Forschungszirkel. Loebs Forschungsgruppe – im Exil bald als »Loeber Party« bekannt – erarbeitete historische Fallstudien, welche die These von der Kontinuität eines aggressiven deutschen Nationalismus, Militarismus, Imperialismus und einer antidemokratischen politischen Kultur als Kern historischer Entwicklung belegen sollten. Methodisch versuchte die Gruppe, gesellschaftliche Strukturen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik mit diesen nationalistischen Ideen zu vermitteln und materialistische Gesellschaftstheorie historisch, das heißt mit aus der Erfahrung geschöpften Inhalten, zu konkretisieren, getreu nach Kants Motto, dass Anschauungen ohne Begriffe blind und Begriffe ohne Anschauungen leer sind. In der Schriftenreihe wurden die von Nationalismus und Machtsstreben korrumpierte Geschichte des deutschen Liberalismus und politischen Katholizismus nachgezeichnet, die Besonderheiten deutscher Außenpolitik herausgearbeitet und die Sonderform des Kapitalismus in Deutschland analysiert. Fast paradigmatisch für alle Studien war eine Schrift von Carl Herz mit dem Titel The Straight Line.3 Herz verfolgte eine unheilvolle Melange von expansiver Ökonomie, militaristischem und bürokratischem Obrigkeitsstaat, deutschen Vorstellungen von Sozialismus und völkischem Pangermanismus durch die Geschichte Preußens und Deutschlands, die in einem spezifischen radikalen militaristischen Nationalismus, eben den Nationalsozialismus, gemündet sei. Hier deutete sich also eine Frühform der Sonderweg-Historie an, die eine Disharmonie zwischen einem expansiven ökonomischen System und einer militaristischen, noch halb-feudalen politischen Kultur und die geradlinige Ausrichtung der historischen Entwicklung auf 1933 behauptete und dabei den westlichen Normalweg idealisierte. Grundlegend für diese Interpretation deutscher Geschichte war die Überlegung, die kapitalistische Industrialisierung und der Nationalstaat hätten sich in Deutschland zu spät und zu schnell durchgesetzt, die »geistige Verfassung« der deutschen Nation sei über diese Entwicklung aus der Bahn geraten und Deutschland habe sich vom Westen und seiner auf griechischer Antike, Christentum und Aufklärung fußenden politischen Kultur abgesondert. Der Ort des Exils war also nicht nur ein Raum, in dem die politischen Flüchtlinge fremd gegenüber der »normalen« Öffentlichkeit blieben und in dem ihre angespannten Lebensverhältnisse, ihre angezweifelten politischen Identitäten und gepflegten Feindschaften zu neurotischen Ausbrüchen drängten. Das Exil konnte auch ein Ort sein, der produktiver geistiger Arbeit zu Gute kommen konnte, ein analytisch-produktiver Raum, in dem Intellektuelle, zum Müßiggang verurteilt, die deutsche Geschichte im Allgemeinen und die sozialdemokratische im Besonderen neu vermaßen, neue Fragen aufwarfen und – dort, wo man sich gegenüber den Einflüssen der englischen Diskussion nicht verhärtete – sich von alten Denkgewohnheiten verabschiedeten. Hilfreich dafür war eine gewisse kritische Distanz zu den großen Parteien der Weimarer Republik und zu dem Konformitätsdruck, den diese in ihrem Willen, die eigene Identität zu verteidigen, gerade im Exil ausübten. […] Anmerkung zum Schriftbild: Hervorhebungen konnten hier nicht berücksichtigt werden. Zurück zum Titel: |