Bei unrast:
Bernhard Jensen: Melancholie des Exils
Auszug aus:
»Die Melancholie verrät die Welt um des Wissens willen.« Walter Benjamin Melancholie des Exils – der Titel verbindet eine psychische Disposition und eine politische Kategorie. Das Verbindende zwischen Melancholie und Exil ist die Erfahrung eines Verlustes, der sich nicht aufheben lässt. In der Melancholie hat man Menschen oder Ideale verloren, ohne sich mit diesem Verlust abfinden zu können, so dass man von dem Blick auf das Verlorene gebannt auch die eigene Gegenwart und Zukunft zu verlieren droht. Und auch im Exil verliert man etwas, ohne es aufgeben zu wollen. Während der Verlust in der Melancholie eine zeitliche Dimension hat und das Wiederfinden des Verlorenen durch die Unumkehrbarkeit der Zeit blockiert wird, ist der Verlust im Exil zunächst an eine räumliche Dimension gebunden und bleibt aufgrund politischer Verhältnisse für den Vertriebenen versperrt. In der Melancholie des Exils verschränken sich die räumliche und zeitliche Dimension des Verlustes, so dass es – in den Worten Jean Amérys – »keine Rückkehr gibt, weil niemals der Wiedereintritt in einen Raum auch ein Wiedergewinn der verlorenen Zeit ist.«1 In der Psychoanalyse wird die Melancholie als eine pathologische Reaktion bezeichnet, die schließlich in die normale Reaktion der Trauer überführt werden soll, um das Verlorene durch etwas anderes ersetzen zu können. Der Flüchtling kann das Verlorene wiederfinden, indem er das Land, das ihm Asyl gewährt, als seine neue Heimat akzeptiert, oder in das Land zurückkehrt, aus dem er vertrieben wurde. Manche Flüchtlinge können ihre Herkunft auch vergessen, ohne irgendwo anzukommen. »Öfter als die Schuhe die Länder wechselnd«, wie Brecht es einst formulierte, nehmen sie dann vielleicht eine »hybride Identität« an, wie man heute sagt. Andere wiederum beginnen im Exil, den Ort ihrer Herkunft zu idealisieren und das Verlorene mit einem mythischen Schleier zu umgeben. Einige idealisieren auch das Gastland und verleugnen ihre Herkunft. Es gibt sehr unterschiedliche Reaktionen darauf, im Exil etwas aufgeben und an dessen Stelle etwas anderes annehmen zu müssen. Flüchtlinge, Migranten, Staatsbürger Einige Emigranten und Schriftsteller begreifen das Exil als Befreiung von alten Fesseln und genießen das einsame Umherschweifen in der Fremde. Sie verarbeiten ihre Exilerfahrungen auf produktive Weise zu interkulturellen Lernprozessen und schöpfen »Heimatländer der Phantasie«, so der Titel einer Aufsatzsammlung von Salman Rushdie.2 Ihre biografischen und literarischen Zeugnisse können dann zur Projektionsfläche für die melancholischen Sehnsüchte derjenigen werden, die ihre Heimat wirklich nur in der Phantasie verlassen und sich in den Metaphern des Exils wiedererkennen. Bei anderen Flüchtlingen wiederum entwickeln sich die Verfolgungserfahrungen und die Einsamkeit im Exil zu einem hartnäckigen Leiden, das in klinischen Begriffen zu beschreiben und therapieren wäre. Projektion und Pathologie zeugen von einer extremen Reichweite im Gebrauch des Exilbegriffs. Während sich die Pathologie auf konkrete Traumatisierungen und Depressionen bezieht, drückt die Projektion ein diffuses Unbehagen und Bedürfnis aus, den Zwängen der »verwalteten Welt« zu entkommen. In ihrer Unvereinbarkeit verweisen Projektion und Pathologie auf eine Konstellation, die gerade diejenigen betrifft, die den Ort ihrer Staatsbürgerschaft nicht verlassen mussten. Diese verkennen mit ihrer Projektion die Verfolgungserfahrung der Flüchtlinge und verlängern deren Exil auf einer imaginären Ebene. Doch der ohnmächtige Traum einer »Heimat ohne Grenzstein«, wie es in den Elementen des Antisemitismus bei Horkheimer und Adorno heißt, verkehrt sich leicht zur »pathischen Projektion«, wenn er auf die traumatische Flüchtlingserfahrung von Grenzsteinen ohne Heimat trifft: »denn auch der Haß führt zur Vereinigung mit dem Objekt, in der Zerstörung.«3 Das Exil bezeichnet eine konstitutive Leerstelle innerhalb politischer und kultureller Repräsentationen. Indem der Flüchtling diese Leerstelle verkörpert, macht er die politischen Rahmenbedingungen und psychischen Auswirkungen des Exils auch für diejenigen sichtbar, deren Identität durch einen Staat repräsentiert wird. Angesichts der Rechtlosigkeit und Isolation der Flüchtlinge droht das diffuse Unbehagen der Staatsbürger in rassistische Diskriminierungen umzuschlagen, um die eigene Entmündigung unter kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen zu verdrängen und als nationalstaatliche Identität zu behaupten. Als Subjekte einer realen Entortung und verlorenen Geschichte repräsentieren die Flüchtlinge die Verwerfungen und das Unbehagen der Mehrheitsgesellschaft. Ihr Exil verortet jenen Nicht-Ort der Repräsentation, den das staatsbürgerliche Subjekt immer schon aufgegeben haben muss, um politisch repräsentiert zu werden. Die Diskussionen um doppelte Staatsbürgerschaft und Sprachkurse für Migranten versuchen, die Situation des Exils als Gewinn- und Verlustrechnung der Einwanderungsgesellschaft zu verbuchen. Das bevölkerungspolitische Kalkül dieser Rechnungen liegt ebenso auf der Hand wie die Aufforderung an die Migranten, es in ihren individuellen Biografien umzusetzen. Die staatlichen Integrationsmaßnahmen erzeugen dabei eine paradoxe Verlusterfahrung, die im Diskurs der multikulturellen Gesellschaft kompensiert wird. Der Migrant hat zwar einerseits seine Heimat verloren, andererseits verliert sich im Zuge seiner Integration aber auch die Erfahrung, die ihn zum Verlassen derselben nötigte. Die verlorene Heimat des Migranten wird zur folkloristischen Bereicherung der Einwanderungsgesellschaft, ohne dass diese ihre nationalstaatlichen Institutionen und kulturellen Leitbilder revidieren müsste. Der Diskurs der multikulturellen Gesellschaft endet dort, wo kein ökonomischer oder symbolischer Mehrwert mehr erwartet wird. Der Verlust der Heimat setzt sich in der Situation des Asyls fort. Das Asylrecht fordert den Flüchtling auf, sich als Opfer einer politischen Verfolgung zu identifizieren, um seinen Aufenthaltsstatus zu rechtfertigen. In dieser Identifikation wird der Flüchtling zum Heimatlosen, dessen prekärer Status durch die Kategorien des Asylrechts definiert wird. Einerseits entkommt er der Verfolgung, andererseits verliert er seine Lebensperspektiven jenseits der Verfolgung. Als Überlebender wird er zum Objekt humanitärer Hilfe, während seine Heimat nicht nur verloren geht, sondern, mit einem Ausdruck von Jean Améry, zur »Feindheimat«4 wird. Während bevölkerungspolitisches Kalkül und soziale Integration das biopolitische Regime der Migration innerhalb des Nationalstaats bilden, erweitert der Diskurs der humanitären Intervention dieses Regime zu einer globalen Biopolitik, in der die Gewährung von Asyl präventiv durch militärische Interventionen ersetzt werden soll, um Flüchtlingsbewegungen zu stoppen oder umzulenken. In diesem Kontext degeneriert die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus zum selbstgefälligen Dekor eines humanitären Konsenses, der die Einschränkung des nach 1945 aufgrund der Erfahrungen der NS-Verfolgten im Grundgesetz verankerten Asylrechts mit der Rechtfertigung deutscher Kriegsbeteiligungen konfiguriert. Der Aufhebung des grenzüberschreitenden Exils im Rahmen einer globalen Biopolitik entspricht eine neue Form des innerstaatlichen Exils. Als zentrale Instanz für die Positionierung von Migranten und Flüchtlingen verlangt der Arbeitsmarkt auch von den Staatsbürgern eine Mobilität, ohne die sie als Arme und Arbeitslose innerhalb der Staatsgrenzen an Orte eines unheimlichen Exils verbannt werden. Der neoliberale Diskurs der Globalisierung verlangt von Flüchtlingen, Migranten und Staatsbürgern gleichermaßen, die mit ihrer Mobilität einhergehenden Verlusterfahrungen mit sozialen Integrationsgewinnen zu verrechnen. Um der sozialen Verbannung zu entgehen, müssen sie sich mit ökonomischen Notwendigkeiten identifizieren. Diese Identifikation erzeugt eine narzisstische Flexibilität und kompensiert den Mangel an sozialen Bindungen und politischem Engagement. Auf der Kehrseite der melancholischen Erstarrung hat der flexible Arbeiter nichts mehr zu verlieren, da er Orte, Beziehungen und Dinge von vornherein nur als befristet und austauschbar erfährt, bis er selbst ersetzt und ins Exil seiner eigenen Überflüssigkeit getrieben wird. Solange die Überflussgesellschaft den einen vorenthält, worüber die anderen verfügen, regiert das Gespenst der eigenen Überflüssigkeit. Staatsbürgerschaftsrecht und Asylgesetze etablieren ein rigides Regime der Trennung zwischen Flüchtlingen, Migranten und Staatsbürgern, um der Verteilungswillkür den Schein einer legitimen Ordnung zu geben. »Um von den vielen Kategorien, die im demokratischen Nationalstaat zu etwas berechtigen, nicht ausgeschlossen zu werden, muß der moderne Mensch immer wieder unter Beweis stellen, daß er legitimerweise dazugehört. Das Paar Ausweis/Kartei kennzeichnet den Übergang vom Zeitalter der Überwachung in das Zeitalter der Kontrolle.«5 Als Schnittpunkt unterschiedlichster Erfahrungen wird das Exil zu einem Fluchtpunkt, an dem die Kritik staatlicher Identitätspolitik eine Melancholie entdecken kann, von der Enzo Traverso sagt, dass sie »weder ohnmächtig noch resigniert ist, sondern eine Hoffnung und einen Kampf begründet, die mit der Erinnerung belastet, sich ihrer heilenden Absicht (Benjamin würde sagen: erlösenden) bewusst ist.«6 Die Last der Erinnerung besteht nicht zuletzt in dem, was sich nicht mitteilen lässt und bis zur Sprachlosigkeit führt, ohne als Gegenstand von Trauer in einer Geschichte des Fortschritts verrechnet werden zu können. […] Zurück zum Titel: |