Bei unrast:

Olivier Morel:Die Abwesenheit der Exilierten

Oder die geheime Ankunft des Unkenntlichen

Auszug aus: jour fixe initiative berlin (Hg.): Fluchtlinien des Exils

Für Sami Beji

»Im Leiden liegt die Abwesenheit jeglicher Zuflucht. Sie setzt den Menschen den anderen Menschen direkt aus. Sie besteht in der Unmöglichkeit zu fliehen und sich zurückzuziehen. Der ganze Schmerz des Leidens liegt in dieser Unmöglichkeit des Rückzuges. Sie ist das Resultat des in die Enge Treibens. In diesem Sinne ist das Leiden die Unmöglichkeit des Nichts.«
Emmanuel Lévinas, Le temps et l’autre, 1946

»Historisch beispiellos ist nicht der Verlust der Heimat, wohl aber die Unmöglichkeit, eine neue zu finden. Jählings gab es auf der Erde keinen Platz mehr, wohin Wanderer gehen konnten, ohne den schärfsten Einschränkungen unterworfen zu sein, kein Land, das sie assimilierte, kein Territorium, auf dem sie eine neue Gemeinschaft errichten konnten.«
Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, 1950

Es gibt keine Kultur ohne Gastfreundschaft,1 eine Öffnung für den Anderen, für den Gast. Alle Kultur ist eigentlich eine Kunst des Gebens und Erhaltens, das heißt, auch eine bestimmte und mysteriöse Kultur des Todes, die genauso gut gegeben wie empfangen sein kann, die man erwartet. Man erwartet die Ankunft, analog zu einem Untertitel eines starken Textes von Jacques Derrida, Apories, dessen Zeilen für die, die warten können, nachhallen. Es handelt sich um eine Unterbrechung. Es gibt keine Ankunft ohne die Drohung einer radikalen Unterbrechung, einer Unterbrechung, die das Gesicht des Anderen erscheinen lässt, den Empfang des Gastes. Eine Unterbrechung, die das großzügige Öffnen der Tür ebenso beinhaltet wie eine Entführung, eine Geiselnahme, die, um es ohne Umwege zu sagen, die Möglichkeit des Todes beinhaltet, der gegeben oder erhalten wird... Dies wäre der richtige Moment, unsere Kultur der Gastfreundschaft zu hinterfragen oder dies könnte auch Ausdruck einer bestimmten Krise der Gastfreundschaft innerhalb unserer Kultur sein.

Wir befinden uns in einer Grenzstadt, die mit zahlreichen check-points an die Geschichte Europas erinnert. Eine Stadt, die weiß, was es bedeutet, den Übergang zu verweigern oder ihn zu befehlen. Erlaubt mir anzukommen, »ohne Geschichten zu machen«, wie es auf französisch heißt... Keine Geschichten machen, hieße, umständlich gesagt, ich würde nicht ankommen, das Exil nicht thematisieren, es nicht zu »meiner Sache« machen. Dass davon keine Rede wäre... Wenn ich ankomme, halte ich – so gut es mir gelingt – das Versprechen, dass ich meinen Freunden vor einigen Monaten gegeben habe... Das Versprechen zu kommen, durchzugehen, anzuhalten in dieser Stadt, die nicht irgendeine Stadt in unserer Geschichte ist und genauso wenig in der Geschichte der Übergänge, der Passierscheine, der Pässe und der »Eintrittskarten«, die mehr oder weniger fehlten – und das während langer Zeit. Das Versprechen, das heute eingelöst wird. Denn die Bedingung einer derartigen Zusage beinhaltet hier einen besonderen, sehr seltenen Passierschein, einen Pass, der durch den Kampf gewonnen wurde. Es ist kein Zufall, dass diese zögerliche, schwankende, strauchelnde Stimme ihren Ort genau hier findet, in diesem Land, in dieser Stadt und in diesem Raum... Der Fremde, der Exilierte, das da, ich müsste sagen, der da oder die da, kommt in diesen Mauern an, an diesem Ort, den ich gut kenne, in dieser fremden Stadt, die mir mehr als einmal Gastfreundschaft gewährte, der ich noch immer verpflichtet bin und wo ich vielen herzlichen Szenen der Gastfreundschaft beiwohnte, wie z.B. an dem Tag, als Zeev Sternhell von der Gruppe eingeladen wurde. Einige von euch werden sich daran erinnern. Was hier geschieht, hier in dieser Stadt und innerhalb dieser Mauern, ist auch eine bestimmte Geschichte der Ankunft, dessen, was man heute auf deutsch die Geschichte nennt, eine Geschichte der Geschichte, der Geschichte des Wissens und der Wissenschaft, dessen, »was geschieht«, die Geschichte dieser Gruppe, in diesem Laboratorium der Moderne, das Deutschland nach Auschwitz ist, kann ebenfalls als Geschichte derer, die ankommen, gelesen werden... Das Ereignis und der Ankommende, das Eintreffen des Ankommenden als Ereignis, was passiert, wenn der Gast, der Andere, der Exilierte oder der Flüchtling eintrifft. Dies hängt mit der Besonderheit Berlins als Grenzstadt damals und heute zusammen. Viele unterschiedliche und zum Teil tragische Episoden ihrer Geschichte, die uns in das Geschehen werfen, wenn etwas passiert, so das Wort, das aus dem Französischen kommt und hier wörtlich den »Schritt« benennt (le pas), die Übergänge von einer Sprache zur anderen, und das vielleicht von den vielen Übergängen (passages) herrührt, die in dieser Stadt besonders zahlreich sind, seit die »Exilierten« sich hier aufhielten und ihren Aufenthalts- und Zufluchtsort gefunden haben, verjagt durch die Verfolgung eines Staates, der sich durch die Verfolgung der Protestanten erschuf: sie flohen damals aus Frankreich. Dies würde bedeuten – um es kurz zu sagen –, ein Zeichen zu setzen für Sätze ohne Grammatik und Syntax, die sich in der Sprache einschreiben, gegen die Mauern und Denkmäler dieser Stadt, diese Sätze, diese Linien und diese Bücher sind ebenso Namen Berlins in unserer Geschichte wie die Ausdünnung »der Bevölkerung, die fehlt,« wie es Gilles Deleuze formulierte, das brausende und unsichtbare Schweigen der großen Abwesenden, deren Namen unsere Zeit und die Mauern Berlins heimsuchen, wie die unerfüllten historischen Möglichkeiten, die Walter Benjamin thematisierte... Es existiert ein unüberwindbarer Abstand zwischen dem bedingungslosen, zeit- und ortlosen Gesetz der Gastfreundschaft und den Gesetzen der Gastfreundschaft, die dazu führen, dass überhaupt keine Gastfreundschaft ohne Auflagen, ohne Regeln, ohne Verbote, kurz, ohne Eintrittsrechte, Pässe, Eintrittskarten, ohne Recht überhaupt, möglich scheint, egal, ob es sich um ein »Asylrecht« handelt, das konsequenterweise die Instanz der Gastfreundschaft schlechthin darstellt, oder auch um einen zweifelhaften, performativen Widerspruch, weil die Gastfreundschaft mit der – feindlichen – Gesetzesgewalt proklamiert wird, die es sich vorbehält, die Aufnahme zu verweigern... Jacques Derrida nannte diese Struktur »hosti-pitalité«, was auf deutsch so viel bedeuten könnte wie feindliche Gastfreundschaft. Außerdem setzt Gastfreundschaft ein »Bewusstsein« voraus, denn das Recht postuliert unter anderen massiven Verpflichtungen, wie ein verantwortliches Rechtssubjekt zu sein hat, das in der Lage ist, »ich« zu sagen, auf das Gesetz zu schwören, zu sagen, »ich sage die Wahrheit«, in seinem Namen zu unterschreiben, also die Sprache des Rechts zu sprechen und überhaupt eine Sprache zu können. Diese Gastfreundschaft postuliert, dass das Ich, dieses Ich, dieses Rechtssubjekt, das sich analog den Gesetzen der Gastfreundschaft verhält, »Herr in seinem eigenen Hause« sei, in dem Haus, das das Recht auf ein Zuhause ist, und die Fähigkeit »Ich« zu sagen bedeutet, Rechtsubjekt zu sein. Aber was heutzutage den Exilierten am meisten verweigert wird, ist genau dieses bestimmte Recht, »Ich« innerhalb eines bestimmten politischen Rahmens sagen zu können: des positiven Rechtes, das mittlerweile überall regiert. Diese tiefe Zerstörung des Subjektes ist zweifellos allen Fiktionen des »Ichs«, die sich in dem großen Archiv der Exilliteratur finden, nicht fremd. Die Moderne hatte die vollständige Auflösung des Registers zur Folge, das bisher zu leicht in die Kategorie »biographisch« oder »autobiographisch« passte. Aber das ist eine andere Geschichte, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte. Jedes Recht postuliert ein Aufenthaltsrecht, ein Recht des Bodens. Wenn dieses Aufenthaltsrecht jedoch verweigert wird, gibt es keine alternative Form des Asylrechtes in dem so genannten internationalen Recht. Dies ist ein Desaster, denn heute wird das Statut des Staatenlosen systematisch immer weiter verweigert, was bedeutet, dass das Asylrecht eine weltweite Krise von nie da gewesenem Ausmaß durchläuft. Damit seht ihr bereits die beträchtliche Anhäufung von Problemen, die mit den an Fremde zugestandenen Rechten verknüpft sind, den Aufenthaltsrechten und den Eintrittsrechten in die modernen Staaten, wenn die Fremden »ohne Dach«, ohne Adresse, ohne Vaterland sind und selbst der Status »ohne alles« nicht mal anerkannt wird.2 Es soll hier nochmals daran erinnert werden, dass alles, was die Anwendung der so genannten Ausländergesetze so schwindelerregend schwierig macht, daran liegt, dass die juristische Praxis einen Wohnort verlangt, eine Adresse, kurz, ein Haus, »einen Ort, wohin man gehen kann«. Nur das Echo von Freuds Satz »Das Ich ist nicht mehr Herr im eigenen Haus«3 öffnet hier einen Abgrund, dessen Tiefe unergründbar ist.

Ich sprach vom Ereignis und vom Eintreffenden, der Ankunft des Eintreffenden als Ereignis. Ich bezeichnete das, was geschieht, als Ankunft des Gastes, des Anderen, des Exilierten oder Flüchtlings, wenn das, was geschieht, das Echo derer ist, die ankommen. Berlin ist eine der Bezeichnungen dieses historischen Problems unserer Moderne und der Geschichte dieses Problems als Stadt: Berlin war während Jahrzehnten – und wahrscheinlich lange vor der »Mauer« – das Problem der Teilung. Dies stimmte natürlich von einem bestimmten sozialen, ökonomischen und politischen Standpunkt aus immer nur teilweise. Dies trifft auch immer mehr für alle großen Städte der Welt zu. Aber wenn ich diesen Punkt gleich zu Anfang anspreche, indem ich von »Berlin« rede – so ist dies auch meine Ankunftssituation in Berlin und auf dieser Veranstaltung – zu Beginn meines Vortrages. Von einem anderen Standpunkt aus handelt es sich um ein metaphysisches, ein metapolitisches, metahistorisches Problem. Blanchot formulierte es so: »Berlin ist nicht nur Berlin, sondern das Symbol der Teilung der Welt«.4 Und seiner Fragmentierung, würde ich hinzufügen, aber einer Fragmentierung, die von nun an weltweit ist. Sie ist die Welt selbst. Die Weltwerdung der Welt besteht in dieser Globalisierung der Fragmentierung zwischen einer weltweiten Vereinigung und ihrer rückwirkenden Fragmentierung. Berlin wäre einer der Orte dieser Welt, wo die Teilung, die Fragmentierung, das Zerstäuben der Stadt als Zufluchtsort sich globalisiert hat. Denn auch die städtische Erfahrung hat sich von nun an globalisiert, denn die Städte sind unkenntlich geworden (ich werde später auf den Begriff noch eingehen) aufgrund gewaltiger Mechanismen, ständiger Rückentwicklung und aller Katastrophen unserer Zeit. Und dieses Ereignis hat keine heterogene Beziehung zur Geschichte der Stadt, sondern es ist im Gegenteil konstitutiv für das, was wir, obgleich dieser Begriff überholt ist, noch »die Städte« nennen. Es ist eigentlich banal, aber der Krieg ist das eigentliche Prinzip der Stadtentwicklung. Vor allem die Globalisierung des Krieges. »Berlin: ein ›Punkt des Universums‹, der Ort, an dem sich die Reflexion über die Notwendigkeit und die Unmöglichkeit der Einheit in jedem Einzelnen, derer, die bleiben und derer, die da bleibend, nicht nur die Erfahrung eines Aufenthaltes vollendet, sondern einer Abwesenheit des Aufenthaltes«, schreibt Maurice Blanchot.5 Das Szenario der städtischen Teilung weist sowohl auf die unvergleichbare demographische Explosion der Städte und des ganzen Planeten hin, als auch auf die vielen Auflösungen, die Teile unserer Erfahrung der unbewohnbaren Städte durch ihre Phantome, wo der »Aufenthalt« zur »Abwesenheit des Aufenthaltes« wird, durchqueren. Durch eine Reihe von unkalkulierbaren Veränderungen, aber vor allem der Technologien, die auf Entfernung funktionieren, (Überwachungssysteme, Telefonnetze, Elektronik, Web-Kameras, Kino, Literatur etc.), wird die Stadt zum Phantom. Und die auf ihren Ruinen wieder aufgebaute Stadt, die Akkumulierung der Bauten, die die Stadt zerstören, alle städtischen Dekonstruktionen, die den Kaiserpalast unserer Zeit darstellen, all das führt zu einer Stadt, die von Phantomen heimgesucht wird. Und selbst die Einwohner gleichen immer mehr Phantomen, kaum wahrnehmbar, Vorübergehende, Unterdrückte, anonym, atomisiert, akulturalisiert und asozial: sie sind abwesend. Die Stadt wird von dieser Abwesenheit bewohnt, die die Abwesenheit des Wohnortes als Stadt ist. Unter anderen Potenzialitäten bedeutet diese Formulierung, dass ich, wenn ich dies sage, von der Abwesenheit tausender Einwohner Berlins und fast aller europäischer Städte, getötet durch Kriege und Verfolgungen, durchdrungen bin: Es gibt nicht eine Straße in Berlin, in der ich nicht daran denke, und es gibt Straßen, die uns besonders daran erinnern. Überall, wo unser Blick hinfällt, gibt es mehrere Schichten von Einschlaglöchern, von Kugeln, »Löchern« in der Stadtlandschaft und euch selbst. Die »städtischen« Kriege, die Berlin erlebte, sind untrennbar von den planetarischen Kriegen, die die Städte zum Einsatz des Krieges machen. Die universelle Explosion der alles erfassenden Städte, der Megalopole und anderer »Metropolis« und ihrer soziopolitischen und auch ästhetischen Konsequenzen, beteiligen sich an der Umwälzung unserer Wohnkultur. Jede Stadt würde auf ihrer Oberfläche die Stigmata der Zone der planetarischen Kriege tragen, die sich auf dem Maßstab der immer genaueren Kontrollsysteme entfalten, die die Städte rastern. Die Stadt wird heutzutage durch einen komplexen Knoten von Aufnahmetechniken erbaut und durchzogen, von Beobachtungen und Fallen, vor allem durch die Videoüberwachung. Es ist sogar möglich, die Stadt und ihre Einwohner auf Distanz zu betrachten, dort zu sein, ohne dort spazieren zu gehen, gleichzeitig Beobachter und Beobachteter zu sein, Überwacher und Überwachter, durch das weltweite panoptikum Internet und die Webkameras (über Internet kann man jederzeit und überall den Bahnhof Zoo oder den Alexanderplatz sehen). Die Wissenschaft der visuellen Stadteroberung (Poliocrétique) ist eine der aktuellsten Spezialitäten des modernen Krieges, der die panoptische Kontrolle der Städte durch Videoüberwachung darstellt. Die Kontrolle des Blickes kann sich in jedem Moment in ein Repressionsinstrument und in Zerstörung verwandeln. Die Prothesen des Blickes, die die Stadt permanent ergreifen, sind also auch Suchgeräte, die die zukünftige Zerstörung im Blick haben: Es ist der Blick, der tötet. Es gibt keinen Ort mehr, wo man hingehen könnte, ohne von den Unsichtbaren gesehen zu werden, diese Struktur dominiert unseren weltweiten Zeit-Raum: Man wird gesehen, ohne im öffentlichen Stadtraum (Straßen, U-Bahn, öffentliche Räume usw.) gesehen zu werden und man sieht diesen weltweiten öffentlichen Raum, ohne gesehen zu werden, während der private Raum des »Zuhauses« ins Internet geht oder im Fernseher erscheint. Umgekehrt ist der bisher diskret verhandelte private Raum zum kaum zu überbietenden Objekt der öffentlichen Werbung geworden: Ob durch das Internet oder das Fernsehen, die gesamte Fernsehaufzeichnung des »Zuhauses« ist der Einsatz aller radioskopischen Antriebe von Big Brother (BRD) oder Loft Story (dem französischen Äquivalent) oder ähnlicher Sendungen.6 Wenn es keinen geheimen Ort in der Stadt mehr gibt, der keine großen Gefahren in sich birgt, wenn die Stadt nicht mehr bewohnbar ist, ist sie es nicht mehr in einem klassischen Sinn. Keine Gastfreundschaft ist nun mehr möglich, wenn man voraussetzt, dass jegliche Gastfreundschaft, die ihren Namen verdient, dem Geheimnis einen Ort gibt, dem Unvorhergesehenen, dem Bruch, der Unterbrechung und dem Unsichtbaren, kurz, sowohl dem Ereignis, als auch den Eintreffenden. Die Herrschenden, wer sie auch sein mögen, haben dies gut verstanden, und die elektronischen Überwachungssysteme, die Telefonüberwachungen und andere mehr oder weniger »legale« Störungen der Intimität des Zuhauses, sind von nun an Teil der vorrangigen Ziele der Herrschaftsnetzwerke in den Kontrollgesellschaften.7 Die politische-polizeiliche Fiktion der modernen, vollständig kontrollierten und kontrollierbaren Stadt hat sich gegen ihre eigene Wahnvorstellung gekehrt: Nichts kann mehr passieren, denn nichts trifft mehr ein, was nicht schon festgehalten, gefangen, ergriffen, festgenommen, vorausgesehen wäre.8 Es handelt sich dabei nicht nur um einen Krieg mit Waffen und Militär. Auch nicht darum, dass unsere Art und Weise, in der Stadt zu leben, sich verändert, sondern dass die Explosion eine dominierende Form geworden ist, die Stadt zu bewohnen: Selbst wenn die Explosion nicht mit dem Krieg verbunden ist, findet sie statt und sie findet statt als Explosion des Wohnens, des Hauses, des Aufenthaltes. Die Stadt ist der typische Ort der zeitgenössischen Dekonstruktion des »Zuhauses«. Die Stadt hat sich soweit verändert, dass ein beschaulicher Aufenthalt niemals gewährleistet ist und dass der gewöhnlichste Aufenthalt der »Bewohner« die Abwesenheit des Aufenthaltes ist, wovon Blanchot in seinem Text über Berlin von 1964 beispielhaft schrieb. Man muss sich nur vergegenwärtigen, wie die Obdachlosen einen neuen Typus der »Bewohner« verkörpern, der in der modernen Stadt omnipräsent ist. Sie sind die Wahrheit der steigenden Unmöglichkeit, eine Stadt zu bewohnen, die von nun an keine Stadt und keine Bewegung auslassen wird, ob es sich um die Obdachlosenbewegung oder andere Wohnungslose handelt. Aber sie sind auch die Wahrheit über die radikale und neue Unmöglichkeit, die Wohnung als das, was ankommt, zu denken, an das zu denken, was mit den Wohnungen passiert in Zeiten, wo sie überall fehlen, selbst innerhalb des Wohnraums, des Ortes, des Hauses. Dies könnte eine Aufgabe für ein zukünftiges Kulturhaus sein, diese Explosion des Wohnens in der modernen Kultur zu denken, diese Explosionskultur, die die Häuser so stark betrifft. Diese Explosionskultur ist in jedem Punkt auch eine kulturelle Explosion. Die Abwesenheit eines Rechtes auf Wohnraum auf planetarischer Ebene, diese universelle Abwesenheit eines Wohnortes ist eine der wichtigen soziokulturellen Tatsachen der Gegenwart, mit der wir alle mehr oder weniger konfrontiert sind. Das Ausmaß ist im Moment noch nicht klar: Es wird eine nie da gewesene Veränderung unserer Art, in der Welt zu leben, und der Bedingungen von Gastfreundschaft in unserer »Kultur« bedeuten, die eine besondere »Kultur« des Wohnens und der Gastfreundschaft darstellt... Wir befinden uns dazwischen. Wir irren zufällig auf einer verwüsteten Erde herum, wie nach einem Erdbeben. Man kann versuchen, es zu ignorieren. Wir sind noch ziemlich weit entfernt von dem, was noch passieren wird, und wir sind uns vor allem der Chancen noch nicht bewusst, die diese Veränderung beinhaltet. Wir sollten uns aber bewusst machen, dass dieses Erdbeben jetzt stattfindet und dass wir, ob wir wollen oder nicht, ob wir davon Kenntnis haben oder nicht, Teil davon sind. Ich möchte in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Pierre Bourdieu und Abdelmalek Sayad über die Entwurzelung und die Abwanderung in die Städte im Algerien der sechziger Jahre empfehlen und auch die Texte von Germaine Tillion, die die Erschütterung der Städte in L’Algérie en 1957 (Algerien im Jahr 1957) beschreibt. Diese Zerrüttung produzierte eine große Anzahl von Entwurzelten (Bourdieu, Sayed), die zu einer Art »Penner« (Tillion) und Nomaden wurden. Es kommen noch welche aus den Kriegen hinzu. Diese Menschen sind so zahlreich geworden, dass sie die aktuellen »Aufnahme-Kapazitäten« der Staaten übersteigen und im schlimmsten Fall von diesen Staaten brutal ignoriert oder unterdrückt werden. Alles läuft so, als ob diese unkalkulierbare Produktion von Exilierten undenkbar wäre. Obendrein verweigert man sich der Abwesenheit der Exilierten und ihrer Kultur des Abschieds, sowie der Abwesenheit der Kultur des Eintreffens. Es geht um diese Abwesenheit, die ich zu begreifen versuche. Ich habe den Verdacht, dass die Konsequenzen des nicht Gedachten katastrophal sein werden. Das nicht Gedachte ist so katastrophal wie die historische Katastrophe, aus der es hervorgeht. Eines der Symptome dieser Blindheit kommt daher, dass bis vor kurzer Zeit die Wege der Exilierten und Flüchtlinge, »Migranten« genannt, nicht thematisiert wurden, vor allem die sozialhistorischen Dimensionen ihrer Wege. Es ist nicht erstaunlich, dass die Nationalstaaten und ihre öffentlichen Meinungen diese Bevölkerungsgruppen brutal behandeln, so als wären sie Verbrecher und Kriminelle, wie es kürzlich in dem Flüchtlingslager Sangatte und anderswo passierte. Die Staaten veranstalten unvergleichbare Hetzjagden, um die kriminalisierten Exilierten sozial unsichtbar werden zu lassen. Im November 2002 ging es weniger darum, das Aufnahmelager in Sangatte zu schließen, als den Bruch und die historische Niederlage unsichtbar werden zu lassen, die dieses Lager verkörperte. Es gibt heute von Roissy bis Ceuta, von Gibraltar bis Lampedusa, von Frankfurt/Oder bis Marseille, Tausende von Sangattes. Wenn ich von Brutalisierung spreche, so handelt es sich nicht um eine rhetorische Figur: Im Rekordjahr 1998 starben mehr als 1100 Personen an den Grenzen der Europäischen Union beim Versuch, nach Europa zu gelangen. Die Brutalisierung, die mit diesem Heimweh verbunden ist, beginnt früh. Auch hier möchte ich nochmals auf unsere Kultur des »Hauses« hinweisen. Noch nie wurde die weltweite Dekonstruktion des »Hauses« und ihrer juristischen Fiktionen so weit getrieben wie in dieser Zeit, wo sie die Bedingung sine qua non des »Eintritts und des Aufenthaltes« auf einem nationalstaatlichen Territorium darstellt. Dies ist kein Detail, wenn man in Rechnung stellt, dass das gesamte Rechtssystem der zeitgenössischen Staaten mit dem Land verbunden ist und genauer, mit dem Aufenthaltsort, dem Ort des Aufenthaltes, der Adresse, dem Wohnort, kurz, dem Haus, dem Wohnraum, Heim, Home, Homeland, Heimat. In allen heutigen Staaten konzentrieren sich fast alle Rechte eines Citoyens auf seine Adresse. Von da ausgehend, gibt es soziale Rechte, Arbeitsmöglichkeiten, Heiratsmöglichkeiten, die Möglichkeiten als Zeuge berufen zu werden oder zu erben… Man muss nur darauf achten, wie die Moderne ihre Nomaden »behandelt«, um zu begreifen, wie die Abwesenheit einer »festen Adresse« – das heißt das Fehlen einer Wohnung – an sich ein reales oder latentes Delikt für all die Staaten repräsentiert, die ohne zu zögern die Bevölkerungen des Globus unterdrücken, die ein nomadisches Leben führen.9 Auch hierüber kann ich mich nicht so auslassen, wie ich es gerne würde, und die schrecklichen Repressionsbeispiele benennen, die die nicht sesshaften Bevölkerungen der Erde erleiden müssen, wie z.B. die xenophoben Entladungen, die auch den widerständigen Rest betreffen, den verfluchten Teil der »Eintreffenden« der Welt und ihrer Nachkommen. Das Problem ist heutzutage, dass der »Rest«, dieses Resultat der gigantischen weltweiten Verbrennung und Zerstörung, die die Produktionsweise des posturbanen Kapitalismus kennzeichnen, dass dieser Rückstand in Form von Müll immer größere Teile der Weltbevölkerung in lebende Mülleimer verwandelt. Die Umgebung der großen Städte bietet besonders deutliche Zeichen dieser Unmöglichkeiten zu wohnen. Natürlich findet man auch traditionelle Nomaden, aber von nun an auch von schlechten Wohnbedingungen gekennzeichnete soziale Schichten und eine bestimmte Form von Heimweh, in der sich in der Erfahrung des Wohnens die Weigerung zu wohnen ausdrückt. Die oft von jungen Bewohnern vorgenommenen Zerstörungen können als Widerstand gegen diese Wohnformen, unter denen ein großer Teil der Weltbevölkerung lebt, interpretiert werden. Ob sie zuerst die Mülleimer anzünden, was vielleicht kein Zufall ist, oder sich gegen die erbärmlichen Zweitwohnsitze ihrer Eltern, die Autos, richten, mit deren Hilfe ihre Eltern sich »freiwillig« der Lohnsklaverei stellen, wenn sie das Privileg haben, einen Arbeitsplatz zu besitzen. Jedenfalls leben sie wirklich in den – wie man im Französischen sagt – »Banlieues«, den Orten, die aufgegeben wurden, den »verbannten Orten«, verbannt vom Zentrum, auf dem Boden des Exils, wo das, was passiert, die Abwesenheit des Ortes ist, eine Art von Posturbanismus, wo es weder einen Wohnort (Abwesenheit von Zuflucht), noch »einen Ort zum Hingehen« gibt, um zu entkommen. Die Revolten von Los Angeles im Frühjahr 1992, die in Vaulx en Velins in Frankreich und die in zahlreichen anderen Städten, wie Straßburg, sind einige der Prämissen des weltweiten Aufloderns, das mit der Abwesenheit der Exilierten zu tun hat, dem Nicht-Ort, der Abwesenheit des »Wohnortes«. Es ist kein Zufall, dass diese Revolten an den Punkten und in den Zeiten ausbrechen, wo die staatlichen Instanzen, die Polizei und die »Institutionen« (Feuerwehr, öffentliche Verkehrsmittel etc.) in den posturbanen Raum vordringen. Auf diesen städtischen Linien der Implosionen und der Explosionen wird eine neue Form der Stadt entworfen: Ein Zeichen davon ist, dass nicht mehr von den »Städten«, sondern den »banlieues« (Vorstädte), den »Zonen«, »Schranken« gesprochen wird. Ein Ort für die Phantome und die atomisierten, abwesenden Subjekte ohne Ort; ein Ort, der um die Abwesenheit der Stadt entworfen wurde, denn sie leben nicht mehr in einer Stadt, sie sind wie Exilierte der Stadt, außerhalb der Stadt. Sie wohnen aber in dieser »städtischen Zone«, in dieser kritischen Art und Weise, abwesend im Raum der Möglichkeiten. Sie sind aber die Bewohner dieser unerwünschten Zone, die man sich nicht mehr traut, »Stadt« zu nennen, selbst wenn sie einige historische Kriterien der Stadt aufweisen sollte. Ihr einziger Horizont ist die Abwesenheit des Horizontes.10 Diese außerhalb liegenden posturbanen Räume sind Laboratorien der Elendsverwaltung innerhalb der entwickelten Gesellschaften, d.h. der Kontrolle des Absinkens ganzer sozialer Schichten in das Elend. Diese Fast-Orte sind vor allem durch die soziale Instabilität und das Herumirren ihrer »Einwohner« gekennzeichnet. Sie sind die großen Abwesenden unserer Geschichte, wenn wenigstens die Geschichte in der Lage wäre, ihre Wege zu begreifen, wenigstens solange die Revolte noch kein festes Datum hat. Das durch die Schwierigkeiten des Wohnens produzierte Umherirren ist eines der größten weltweiten und städtischen Probleme unserer Zeit. Die ständig steigende Zahl der nomadisierenden Kinder ist eng mit dem gerade beschriebenen posturbanen Phänomen verbunden und beunruhigt die Staaten ungemein – im Norden wie im Süden, in Europa und überall in der Welt und vor allem in Afrika. Es gibt heute Millionen nomadisierender Kinder auf der Welt. Ein kürzlich erstellter Bericht schreibt, dass die Zahl von Kindern, die versuchen, klandestin nach Europa zu gelangen, ständig steigt. Damit fordern sie alle zur Verfügung stehenden staatlichen Rechtsgrundlagen heraus. Sie haben kein bestimmtes Alter, keinen Namen, keinen Geburtsort, keine Sprache, keine Religion und selbst der Zugang zu ihrer eigenen Exilgeschichte ist ihnen fast immer versperrt. Sie sind unterworfen, aber sie haben ein Gesicht. Ich weiß nicht, welcher Nacht entrissen, wahrscheinlich sind sie die großen Marranen (Zwangskonvertierte)11 unserer Zeit, denen ich diesen Text widmen möchte. Wie die Gesichter der Abwesenden, die Berlin noch heimsuchen... Die Stadt wird immer mehr zum Ort der Abwesenheit des Universums, zu dem, was Hannah Arendt unter anderen Umständen die Weltlosigkeit nannte. Und der Obdachlose, der Nomade und Exilierte sind die wichtigen Figuren des Wohnungswesens ohne Wohnungen, des Aufenthaltes, der durch die Abwesenheit des Aufenthaltes gekennzeichnet ist, in der planetarischen städtischen Explosion, wo ein sich ausbreitendes Aufenthaltsverbot regiert, ohne dass das Versprechen eines Ortes irgendwo gegeben würde. Die Abwesenheit jeglicher Zuflucht bedeutet Leiden. »Im Leiden liegt eine Abwesenheit jeglicher Zuflucht«, schreibt Emmanuel Lévinas 1946. Eine gemeinsame Eigenschaft dieser drei Subjekte – des Bewohners, des Citoyen, des Einwohners – besteht genau darin, dass die Eigenschaft, ein Subjekt zu sein, »Rechtssubjekt«, Wähler, Einwohner, Bewohner, ihnen verweigert wird. Es wird ihnen mit der Begründung verweigert, dass sie keine Erdenbewohner seien. Wo sind sie also? Sie sind hier und da, »hier«, der Platz, der Ort wird ihnen verweigert. Wenn der Nomadismus eines der wichtigsten Merkmale unserer Zeit darstellt, handelt es sich auch um ein historisches Konstrukt, das durch völlig überforderte staatliche Strukturen unterdrückt wird, weil sie die Bewegung nicht erkennen, die den Nomadismus produziert.

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