Bei unrast:
Encarnación Gutiérrez Rodríguez: Ort des Widerstands oder Überlebensstrategie?Zur Paradoxie emanzipativer Politik von Subjekten in der Diaspora
Auszug aus:
»The diaspora space is the site where the native is as much diasporian as the diasporian is the native.« Avtar Brah: The scent of memory: strangers, our own and Other, 2000 Es gehört zur Zeit zu den Imaginationen linker Theorie, Flucht und Migration, d.h. den Exodus von Menschen als die Praxis des ungezügelten und unkontrollierbaren Widerstands der Multitude zu interpretieren (vgl. Hardt / Negri 2000: 212 ff.). Mit dieser Betrachtungsweise wird die soziale und subjektive Dimension der Migration im Sinne der »Autonomie der Migration« betont (vgl. Mezzadra / Neilson 2003), so wie es die kritische und feministische Migrationsforschung seit den 70er Jahren getan hat. Die Aussage, dass die strukturellen Bedingungen von Migrationsregimen nicht allein die Praxisfelder der Akteure abbilden, die multipel sind und sich in einer rhizomatischen Dynamik von politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Netzwerken, Kommunikationsstrukturen und Praktiken ausbilden, gehört zum Grundverständnis jeglicher migrantischer Selbstorganisierung in der Diaspora. Denn das Feld der Migration ist von einem immanenten Widerspruch zwischen dem Versprechen eines »guten Lebens« und dem Dasein eines »nackten Lebens« geprägt, auf deren Grundlage die strukturelle Notwendigkeit nach transgressiven und subversiven (Über-) Lebensstrategien erwächst. Je nach legalem Status sind Subalterne im Kontext von Flucht, Exil und Migration mit unterschiedlichen Mechanismen und Praktiken der Ausbeutung und der Diskriminierung konfrontiert, die nicht nur in restriktiven Polizeikontrollen, unmenschlichen Arbeitsbedingungen und rechtlicher Entmündigung Ausdruck finden. Neben diesen Mechanismen struktureller Gewalt stellt sich die Position der Subalternität durch die Vereinnahmung, Marginalisierung und Unsichtbarmachung subalterner Praktiken her. Ein dominanter gesellschaftlicher Konsens wird so hergestellt, der nicht allein von den politischen und kulturellen Eliten getragen wird, sondern auch von weiten Teilen der Zivilgesellschaft.1 Demnach haben die sozialen Kämpfe in der Diaspora und der Migration nicht nur die Aneignung von ökonomischen und sozialen Netzwerken zum Ziel. Ihr Widerstand setzt einen kontinuierlichen Akt der Wi(e)derSprache auf den Ebenen der Repräsentation, der Performativität und der Intelligibilität voraus. Über Diaspora zu sprechen heißt demnach, Wissenstraditionen und Praktiken aufzuspüren, die in der offiziellen Theoriebildung nicht bemerkt, gesehen oder benannt werden. In diesem Sinne werden wir hier Diaspora in Anschluss an Paul Gilroy als »heuristisches Projekt« (1993) thematisieren. Dieses Projekt verfolgt die australisch-aborigene Schriftstellerin Doris Pilkington-Nugi Garimara2 in ihrem Roman Follow the rabbit-proof fence (1996). Pilkington-Garimara erzählt die Flucht ihrer Mutter (Daisy) und ihrer Tanten (Molly und Gracie) – Mitglieder der Nyungar – in den 1930er Jahren aus dem Moore River Native Settlement3. Dieses Umerziehungsheim wurde speziell für Kinder eingerichtet, deren Mütter aboriginal und deren Väter weiße Wanderarbeiter waren. Die Väter arbeiteten beim Bau des Kaninchentrennzaunes No. 1 Rabbit Proof Fence , der vom Nordwesten bis zum Südwesten des australischen Kontinents reichte. Ein Zaun, der die zur Plage gewordenen Kaninchen vom Ackerland fern halten sollte, zugleich jedoch ein Ausdruck der kolonialen Partialisierung Australiens war.4 Auf der Oberfläche scheint der Roman an einem kulturdifferentiellen Diskurs von Herkunft, Ursprung und Ethnizität anzuknüpfen, indem er die Naturverbundenheit der Nyungar als deren Wesensmerkmal darstellt. Ein romantisierender, ahistorischer und dekontextualisierter Blick auf indigene Lebens- und Wissenspraktiken wird eingenommen, der auch in überzogener Form in der Verfilmung von Phillip Noyce (2002) im Auftrag von Miramax Eingang findet.5 Erst bei der Demontierung dieses Blickes entdecken wir die unterschiedlichen Darstellungsschichten, die auf eine »contra-punctual-perspective« der Autorin verweisen, eine Perspektive, die von zwei Polen aus blickt, dem der hegemonialen und dem der subalternen Darstellungen. Pilkington-Garimara scheint auf der Grundlage eines »doppelten Bewusstseins« nach Paul Gilroy die Geschichte ihrer Vorfahren im Spannungsverhältnis von Tradition und Moderne zu rekonstruieren. Dieses Bewusstsein kreiert sich auf der Basis der paradoxen Situation einer »inside outsider«. Pilkington-Garimara erfährt durch die rassistische Segregationspolitik der australischen Gesellschaft einen Ausschluss, obwohl sie zugleich in ihr eingeschlossen ist. Sie wächst mit dem Wissen um die hegemoniale Logik und die subalternen Wissensproduktionen auf. Beide Logiken gestalten ihren Alltag und Umgang mit ihrer Umwelt. Aus dieser Position heraus nimmt sie die Funktion einer Übersetzerin ein, die um die Differenz eines anderen Wissens als das vorherrschende weiß. Eine Position, die dem Leben in der Diaspora immanent ist. Aus dieser Position heraus thematisiert Pilkington-Garimara Fragen nach der Zugehörigkeit und dem Ort des Seins. Die Auseinandersetzung mit diesem Roman versetzt uns in die Zeit der industriellen Kolonisierung Australiens. Der Roman Follow the rabbit-proof fence konfrontiert uns mit zwei Aspekten: dem der Erinnerung oder der Phantasmagorie der Zugehörigkeit, die in der Fixierung eines Herkunftsortes – in dem Wunsch nach Immobilität – Ausdruck findet; und dem der Gegenwart, Effekt der Mobilität, in der sich die Spuren einer Ursprungsgenealogie verwischen. […] Zurück zum Titel: |