Bei unrast:
Michael Koltan: Exile on Main Street
Auszug aus:
Einleitung Natürlich war der Vorschlag, in einer Reihe zum Thema »Exil« einen Vortrag über Exile on Main Street zu halten, ursprünglich nicht ganz ernst gemeint. Angesichts derer, die aufgrund widriger politischer Umstände ins Exil getrieben wurden und dabei oft genug nur das nackte Leben mitnehmen konnten, muss es zynisch erscheinen, das Exil der Rolling Stones Anfang der 70er Jahre in Südfrankreich damit in einem Atemzug zu nennen. Während der Aufnahmen von Exile on Main Street 1971 gab Keith Richards für seinen Lebensunterhalt wöchentlich 7000 Dollar aus: 2500 Dollar für die Miete der Villa an der Côte d’Azur, 1000 Dollar für Essen, 1000 Dollar für Alkohol und noch einmal 2500 Dollar für Drogen – und das war immer noch weniger als ein Drittel seines wöchentlichen Einkommens.1 Diese, man kann es nicht anders bezeichnen, Dekadenz gehört eigentlich in eine Reihe mit dem Exil abgesetzter Diktatoren, die von ihren rechtzeitig angelegten Schweizer Nummerkonten leben. Und natürlich war das den Stones auch bewusst: Das Doppelalbum heißt schließlich nicht einfach Exile, sondern Exile on Main Street . Die Band, die Anfang der 60er Jahre als Rythm’n’Blues-Kapelle angefangen hatte, zu einer Zeit, als in England außer ihnen selbst höchstens eine Hand voll Leute auch nur den blassesten Schimmer hatte, was denn Rythm’n’Blues überhaupt sein sollte, diese Band war inzwischen aus den finsteren Hinterhöfen herausgekrochen und auf der Hauptstraße angekommen. Doch war sie damit glücklich? Das Stück Happy auf Exile on Main Street beschreibt recht präzise die Selbstbefindlichkeit der Band (oder zumindest die von Keith Richards) Anfang der 70er Jahre. Es ist kaum möglich, das Wort »happy« verzweifelter als in diesem Stück herauszuspucken. Angesichts der mühsam gezügelten Aggressivität über das angebliche »zwanglose, euphorische Durcheinander« der Musik zu schwadronieren, wie dies Steve Appleford gemacht hat, kann, mit Verlaub, eigentlich nur ein Tauber. […] Das Imperium schlägt zurück Im Herbst 1966 beendeten die Stones die praktisch seit 1963 ununterbrochene Auftrittsserie, um, von einigen wenigen kontinentaleuropäischen Shows im Frühjahr ’67 einmal abgesehen, erst wieder im November 1969 auf Tour zu gehen. Dazwischen liegt ein personeller und musikalischer Niedergang der Band und eine der erstaunlichsten Wiederauferstehungen der Rockgeschichte. Um die Gründe für den Niedergang der Band zu benennen, genügt eigentlich ein Wort: Drogen. In der ersten Hälfte der 60er-Jahre hatten Drogen, von Alkohol einmal abgesehen, noch kaum eine Rolle gespielt, zumindest nicht in dem Milieu, in dem sich die Stones tummelten, oder um es mit den Worten von Bommi Baumann zu sagen: »Zu der Zeit hast du auch viel gesoffen, is viel getrunken worden. Dope gab’s ja echt nicht, 65, hat niemand gekannt.«23 Doch dann, in der zweiten Hälfte der 60er, waren Drogen auf einmal überall: klassische Musikerdrogen wie Marihuana oder Kokain, neue synthetische Drogen wie LSD und schließlich die Renaissance von Heroin prägten die jetzt einsetzende »psychedelische« Ära. Die Stones wurden in zweierlei Hinsicht Opfer dieses Drogenbooms. Zum einen direkt, durch den Konsum. Das Ende des Tourneestresses hinterließ eine Leere, die gefüllt werden wollte; besonders die beiden Vollblutmusiker Brian und Keith, deren sonstige Interessen etwas begrenzt waren, erwiesen sich als anfällig, während sich Mick Jagger in der Künstlerbohème und mit diversen Filmprojekten ein neues Betätigungsfeld suchte. Nicht, dass Jagger keine Drogen genommen hätte, aber sie drückten seinem Leben nicht den Stempel auf wie das bei Brian oder Keith der Fall war. Brian hingegen befand sich auf einer abschüssigen Bahn: Das im frühen Morgengrauen geschossene Cover von Between the Buttons , dem ersten in aller Ruhe eingespielten Stones-Album, zeigt einen debil grinsenden, offensichtlich bis in die Haarspitzen zugedröhnten Brian Jones zwischen den unausgeschlafenen Gesichtern der restlichen Bandmitglieder. Brian, der ursprünglich der Kopf der Band gewesen war, der dann mit seinen Instrumentationskünsten auf dem ersten Höhepunkt in der Karriere der Stones den Stücken von Keith und Mick seinen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt hatte, dieser talentierte Musiker wurde immer mehr zu einem unzuverlässigen, psychotischen Junkie, der die Band nur noch belastete. Im Juni 1969 wird sich die Band, zu deren Musik Jones schon lange nichts mehr beigetragen hat, von im trennen; wenig später wird man ihn dann ertrunken in seinem Swimmingpool finden. Genauso schlimm wie die persönlichen Verwüstungen, die die Drogen in der Band anrichteten, waren die öffentlichen Reaktionen. Denn die Drogengeschichten gaben jetzt der empörten Öffentlichkeit die Chance, ihren erklärten Feinden an den Karren zu fahren. Sensationspresse und Polizei arbeiteten Hand in Hand, um die Band, wo es nur ging, zu schikanieren. Und die Stones begingen den Fehler, sich auf einen Krieg einzulassen, den sie – noch nicht – gewinnen konnten: Den Krieg mit der Boulevardpresse. Man kann die Bedeutung der Boulevardpresse, was die öffentliche Meinungsmache gegen die zaghaft aufbegehrende Jugend betraf, gar nicht hoch genug einschätzen. Und was in Deutschland die Bild -Zeitung war, waren in Großbritannien Blätter wie Daily Mirror oder News of the World, die sich als Volkes Stimme aufspielten. Angefangen hatte die ganze Sache am 22. Februar 1967 mit einer Fernsehshow names Sunday Night at the London Palladium, einem Fernsehevent, wie man heute sagen würde, erster Güte. Die Show, die jede Woche von ungefähr 10 Millionen Zuschauer gesehen wurde, endete regelmäßig damit, dass sich alle beteiligten Künstler auf einer sich im Kreis drehenden Bühne zusammenfanden und freundlich ins Publikum winkten. Die Stones verweigerten sich dieser altehrwürdigen Tradition mit der Begründung, sie würden sich nicht zu einer Zirkusnummer degradieren lassen. […] Kehren wir lieber zurück zu harten Fakten: Am 6. Februar 1971 kündigten die Stones an, dass sie Großbritannien den Rücken kehren würden; Keith mietet in Südfrankreich eine Villa an, in der dann die Aufnahmen von Exile zu Main Street stattfinden werden. War Sticky Fingers eher Micks Platte gewesen, so ist Exile on Main Street ganz klar Keiths Baby. Während Mick der Londonor Bohème den Rücken kehrt, heiratet und hinfort das Leben der Reichen und Berühmten führt, wirft sich Keith voller Inbrunst seinen beiden großen Lieben in die Arme: Der Musik und dem Heroin. Was die Zukunft betraf, war diese menage à trois nicht sonderlich glücklich; doch während der Aufnahmen von Exile wirkte sich das Heroin zumindest nicht störend auf Keiths musikalische Kreativität aus. Exile ist musikalisch das glatte Gegenteil von Sticky Fingers : Das Doppelalbum enthält praktisch keinen Hit, von Tumbling Dice vielleicht einmal abgesehen, aber als Ganzes hinterlässt es einen überwältigenden Eindruck. Der Sound ist verwaschen, der nuschelige, kaum verständliche Gesang fast schon in den Hintergrund gemischt, die Texte, wieder mit Ausnahme von Tumbling Dice , kommen ohne die üblichen Provokationen aus. Statt dessen ist überall von Verzweiflung, Düsternis und Verfall die Rede. Schon das erste Stück, Rocks Off , gibt das Thema vor: »Mir geht nur noch einer ab, wenn ich träume, mir geht nur noch einer ab, wenn ich schlafe.« Sweet Virgina beginnt mit den Worten: »Du schleppst dich durch den öden, stürmischen Winter und da ist nicht ein Freund, der dir da durchhilft. Du versuchst, die Wogen hinter deinen Augäpfeln zu glätten und wirfst deine Roten, wirfst deine Grünen und Blauen ein.« […] Zurück zum Titel: |