Bei unrast:
EinleitungFluchtlinien des Exils
jour fixe initiative berlin
Aus: Das Exil ist ein Ort, der sich auf keiner Landkarte findet. Flüchtlinge durchkreuzen politische Grenzen und symbolische Ordnungen. Ihre Wege verbinden unterschiedlichste Orte der sozialen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse, deren Hierarchien sie auf der Flucht von einem zum anderen Land besonders drastisch erfahren. Als Fluchtpunkt dieser Erfahrungen wird das Exil einerseits zu einem möglichen Ort der Erkenntnis jener Hierarchien, andererseits bleiben aber die politische Marginalisierung und Rechtlosigkeit mit ihren zerstörerischen Konsequenzen für Leben und Psyche der Flüchtlinge bestehen. Darauf hat bereits Hannah Arendt unter dem Eindruck der displaced persons nach dem Zweiten Weltkrieg hingewiesen. Der damals schon diagnostizierte Niedergang des Nationalstaats, der Bürgerrechte zwar garantierte, aber nur für seine eigenen Bürger, hat sich im Zuge der Globalisierung weiter fortgesetzt. Nationalstaaten verlieren ihre Integrationskraft, treiben ethnisch-partikulare Identitäten hervor und treten nach innen wie nach außen als polizeiähnliche Interventionsmächte auf. Ist es unter diesen Bedingungen möglich, Emanzipation und Exil zusammen zu denken? Diese Frage bildete vor zwei Jahren den Ausgangspunkt einer Veranstaltungsreihe im Kulturhaus Mitte (Berlin), deren überarbeiteten Beiträge der vorliegende Band zusammen mit weiteren Aufsätzen zum Thema dokumentiert. Wie in den vorangegangenen Reihen haben wir die Frage nach einer emanzipatorischen Perspektive im Anschluss an die Kritische Theorie und den Poststrukturalismus gestellt, aber auch nach anderen Ansätzen gesucht, die den Fluchtlinien des Exils auf der Spur sind. Um das Verhältnis zwischen dem Exil als Erkenntnisort und als Deprivationserfahrung zu begreifen, untersuchen die in diesem Band versammelten Aufsätze politische Realitäten ebenso wie philosophische Denkfiguren, historische Beispiele und literarische Zeugnisse des Exils. In den 90er-Jahren haben die Bilder von »Überflutungen« und »Flüchtlingsströmen« die Politik des Schengener Abkommens und die Einschränkungen des Asylrechts begleitet. Fluchtbewegungen wurden und werden zu gigantischen Bedrohungen stilisiert, um daraus die Forderung abzuleiten, die Grenzbefestigungen noch undurchlässiger zu machen. Dem individuellen Grenzübertritt mit seinen traumatischen Erfahrungen stehen auf der einen Seite diese staatlichen Abwehrmaßnahmen gegenüber, auf der anderen manche sozialpsychologischen und biographischen Stilisierungen, die die reale Flucht als symbolische Grenzerfahrung verstehen. Auch die Populärkultur bedient sich des Exils als Projektionsfläche und spielt mit dem prekären Status der »migratorischen« Erfahrung: als Metapher für Identitätsfindung, als Distinktionsgewinn im multikulturellen Durcheinander oder auch als Codewort für das verkannte Genie. Zu fragen wäre, inwieweit diese Idealisierungen und Projektionen Leiderfahrungen abwehren und in eine kulturell akzeptable Form entsorgen. Gegenüber den konformistischen Übersetzungen einer als exotisch verstandenen Peripherie ins hegemoniale Zentrum wäre das Exil als Ort des Widerstreits zu behaupten, an dem das Zentrum in die Fluchtlinie der Peripherie gerät. Statt auf einer imaginären Ebene der Welt zu entfliehen, intensiviert das Exil dann eine »Flucht auf der Stelle«, um die »Welt und ihre Vorstellung in die Flucht zu schlagen«, wie Deleuze und Guattari es in ihrer Kafka-Studie formuliert haben. Während in der Antike die Verbannung ins Exil ebenso Strafe wie Schutz vor derselben bedeutete, bezeugt Kafkas »Prozeß« den Bann einer Souveränität, die das Subjekt aus der Gemeinschaft des Rechts verstößt, um es um so erbarmungsloser den Anordnungen dieser Gemeinschaft zu überantworten. Unter dem Bann dieses Ausnahmezustands gibt es keine Verantwortung mehr. Nicht einmal die disziplinierende Gewalt des Gefängnisses reicht aus, um an dem Verbannten ein Exempel zu statuieren. Josef K. geht weiter seinem Job in der Bank nach, bis sein Urteil vollstreckt wird. Im 20. Jahrhundert werden Lager für die Ausgestoßenen errichtet, in denen der Bann von der Internierung über die Verwertung bis zur Vernichtung reicht. Giorgio Agamben spricht vom »Lager als biopolitischem Paradigma der Moderne«. Die Kritik an der Ausgrenzung der Individuen und ihrer Degradierung zu »Exemplaren« verbindet die Kritische Theorie und den Poststrukturalismus. Nachdem Adorno und Horkheimer im Exil das »beschädigte Leben« reflektiert und dabei aufgedeckt hatten, wie die Aufklärung sich schließlich gegen sich selbst wendet, verfolgten Foucault, Deleuze und Guattari Fluchtlinien einer Politik, die die »Heterotopien« der Lager und das »Erkenntnisprivileg des Exils« (Enzo Traverso) in deterritorialisierende Energien verwandeln. In den neomarxistischen Worten der Analyse des »Empire« bei Michael Hardt und Antonio Negri: »Ein Gespenst geht um in der Welt, und sein Name ist Migration.« Anders als »Migration«, »Exodus« oder »Diaspora« bezieht sich der Begriff des Exils in erster Linie auf staatliche Verfolgung und Vertreibung. Im Exil kehrt sich die kollektive Zuschreibung des politisch, ethnisch, religiös, sexuell oder aus anderen Gründen Verfolgten in eine individuelle Subjektposition um, so dass sich die Frage nach der spezifischen sozialen Situation im Exil stellt. Eine kritische Theorie muss dabei den Fluchtlinien des Exils in allen ihren Erfahrungen, Verwerfungen und Überlagerungen nachgehen. So stellt sich die Frage, was mit einer Theorie wie derjenigen der »permanenten Revolution« geschieht, die von ihrer eigenen Revolution ins Exil getrieben wird: Ist sie dann immer noch revolutionär oder nur noch Theorie? Und warum hat z.B. Fanon in seiner Revolutionstheorie sein Migrantendasein nie reflektiert? Lässt sich das Exil als Desertion verstehen, die die Mobilität des Exils in eine politische Haltung verwandelt und sich als revolutionäre Strategie mit anderen Fluchlinien aus dem Elend dieser Welt verbindet? Bewegungen wie die PKK, die Bewegung der Sikhs oder auch die Black Panthers, welche oft unter dem Signum der nationalen Befreiung antraten, haben in der Diaspora an Kraft gewonnen. Einige formulieren gerade aus dieser Situation der »Ferne« heraus Programme, die eine imaginäre Heimat beschwören und sich auf ein völkisches Kollektivsubjekt berufen. Das Exil verkehrt sich dann in einen Diaspora-Nationalismus mit verheerenden Konsequenzen. Die jüdische Bevölkerung war in vielen Ländern assimiliert, ohne dass die seit der Aufklärung grassierende antisemitische Denunziation der Juden als »Staat im Staat« nachgelassen hätte. Die Zionisten reagierten auf die Verweigerung der Emanzipation, indem sie sich selbst als Exilanten definierten und dieses Exil durch die Gründung eines eigenen Staates zu beenden suchten. Im biopolitischen Zirkel produziert die Ökonomie Flüchtlinge, die der Staat gleichzeitig kriminalisiert. Wie können die Staatenlosen eine neoliberale Staatsform los werden, die sie an einem anderen Ort auf dem Globus vertrieben hat? Gibt es ein Entkommen aus dem Zirkel von drohender Vertreibung und anerkennender Beherrschung? Und was bedeutet dieser Zirkel für die noch nicht Vertriebenen, sondern nur Beherrschten? Die Aufsätze in diesem Band geben keine abschließenden Antworten auf diese Fragen, deuten jedoch an, wo sich staatskritische Fluchtlinien einer solidarischen Politik des Exils abzeichnen. Die beiden ersten Beiträge schlagen vor, einen Exilbegriff, der sich vor allem auf politische Verfolgung und Flucht bezieht, zu erweitern, um vor dem Hintergrund der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in den Blick zu bekommen. In der Gegenwart finden gesellschaftliche Umwälzungen statt, die den Staatsbürgern Flexibilität und Mobilität als Ausweis ihrer Existenzberechtigung abverlangen. Diese Imperative treiben die Staatsbürger zunehmend in ein innerstaatliches Exil und konfrontieren sie mit grenzüberschreitenden Fluchtbewegungen. Die Verlusterfahrungen von Flüchtlingen, Migranten und Staatsbürgern erzeugen eine Melancholie, die sich nicht in einer Geschichte des Fortschritts aufheben lässt, sondern zum Ausgangspunkt eines gemeinsamen Widerstands gegen die Zumutungen staatlicher Identitätspolitik werden kann (Bernhard Jensen). Wenn der Staat heute seinen Bürgern die Aufnahme von Flüchtlingen verbietet und damit Gastfreundschaft unter Strafe stellt, zerstört er ebenso wie die modernen Techniken der Videoüberwachung und Telekommunikation die Stadt als einen Ort des Wohnens. Die Kontrolle des Privaten dekonstruiert jenes »Zuhause«, das zugleich Identität verbürgen soll. Im Stillstand der Kontrollgesellschaften markiert die Ankunft der sans papiers ein unabsehbares Ereignis, das bereits begonnen hat, zu einer grenzenlosen Bewegung zu werden (Olivier Morel). Dem intellektuellen und politischen Exil während des Nationalsozialismus gehen die beiden folgenden Beiträge nach. Bei Walter Benjamin und Theodor W. Adorno hat die Erfahrung des Exils deutliche Spuren in ihrem Werk hinterlassen. Die Ungleichzeitigkeit ihrer Emigration, die verschiedenen Zufluchtsorte und nicht zuletzt die materiellen Lebensbedingungen ihres Exils verweisen auf signifikante Differenzen ihrer theoretischen und politischen Praxis. Während für Benjamin die Lebensbedingungen in seinem Pariser Exil immer unerträglicher wurden und seine Flucht schließlich im Tod endete, erkannte Adorno erst in den USA das konkrete Vernichtungspotential des Nationalsozialismus. Seine Minima Moralia können als ein Zeugnis der Exilerfahrungen Benjamins gelesen werden, der bereits in den dreißiger Jahren verzweifelt nach neuen politischen Bündnissen gegen den Faschismus in Europa gesucht hatte (Enzo Traverso). Neben Paris war London ein weiteres Zentrum der politischen Emigration während des Nationalsozialismus. Hier haben Dissidenten der Sozialdemokratie ihre Kritik an der unter Emigranten beliebten Parole vom »anderen Deutschland« entwickelt. Mit ihrer Polemik gegen die These vom deutschen Volk als Opfer der NS-Diktatur, die von weiten Kreisen der deutschen Sozialdemokratie vertreten wurde, suchten sie die Nähe des konservativen Lord Robert Vansittart, der die lange Tradition des Nationalismus und Militarismus in der deutschen Geschichte und Kultur geißelte (Jörg Später). Im Kontext der Debatten um Kolonialismus und Postkolonialismus beschäftigen sich die nächsten beiden Beiträge mit literarischen Darstellungen des Lebens in der Diaspora. In seinem vor hundert Jahren erschienenen Roman Nostromo zeichnet Joseph Conrad das Bild einer von imperialistischer Modernisierung und »materiellen Interessen« beherrschten Gesellschaft in Südamerika. Die Protagonisten des Romans stehen im Bann einer Silbermine, die die sozialen Beziehungen verkümmern lässt und den Akteuren ihre eigene Geschichte entwendet. Während das männliche Subjekt aus sich selbst heraus in ein geistiges Exil des Unglaubens treibt, verharren die marginalisierten Frauenfiguren in der Melancholie eines sozialen Exils. In der kulturkonservativen Perspektive Conrads verspricht dieses Verharren die Rückkehr einer ihrer selbst mächtigen Subjektivität (Udo Wolter). Die australisch-aborigene Schriftstellerin Doris Pilkington gestaltet in ihrem Roman Rabbit Proof Fence, dessen Verfilmung hierzulande unter dem Titel Long Walk Home in den Kinos lief, anhand der Lebensgeschichte ihrer Mutter den Widerspruch zwischen sentimentaler Ursprungsfixierung und emanzipatorischer Fluchtbewegung. Gegen die rassistische Siedlungs- und Assimilationspolitik der australischen Regierung entwickeln die in ihrem eigenen Land vertriebenen und in Reservaten eingesperrten Aborigenes Überlebensstrategien, die neue Wege der Erfahrung und Erinnerung hervorbringen, so dass sich die Herkunft in einen widerständigen Ort der Selbstbestimmung verwandeln kann (Encarnación Gutiérrez Rodríguez). Die beiden letzten Beiträge markieren thematische Kontrapunkte, insofern sie ihren Fokus auf Erfahrungen richten, die weniger mit politischer Repression und individuellem Leid als mit lustvollen Selbstexperimenten und exzessiven Rauschzuständen assoziiert sind. Die nordafrikanischen Schriftsteller Assia Djebar und Abdelkebir Khatibi stellen ihre Erfahrung des Reisens als eine Bewegung dar, die unverbundene Räume durchquert, um sich den offenen und nicht übersetzten Differenzen verschiedener Kulturen anzuvertrauen. Während sie in ihren Heimatländern die Folgen kolonialistischer Entortung erfahren, verwirklicht sich in ihrer Lust des ziellosen Umherwanderns eine grenzüberschreitende Zugehörigkeit zur Welt, die für viele andere eine unvorstellbare Utopie bleibt (Allison Rice). Exile on Main Street nannten die Rolling Stones das Album, das sie zu Beginn der siebziger Jahre im Zeichen von Drogen und Dekadenz in Südfrankreich aufgenommen haben. Der selbstironische Titel markiert einen Einschnitt in der Geschichte dieser Band, die wie kaum eine andere den Soundtrack für den weltweiten Protest der 68er-Bewegung lieferte. Das Album reflektiert das Scheitern der Bestrebung, die antiautoritäre Rebellion in eine politische Bewegung münden zu lassen (Michael T. Koltan). Zurück zum Titel: |