Bei unrast:

Wie kam es zu dieser Geschichte

Diese kleine Geschichte ist aus Anlass des Kommunismuskongresses enstanden, der im November 2003 in Frankfurt stattfand, und hätte eigentlich eine wissenschaftlich-theoretische Annäherung an den Marxschen Kommunismusbegriff werden sollen. Ausgangspunkt war die Überlegung, die im Marxschen Textkorpus – vor allem der Frühschriften – verstreuten und mehrdeutigen Äußerungen zu Sozialismus, Communismus, Aufhebung der Wertvergesellschaftung, zu bündeln, um1. der weitverbreiteten Auffassung entgegenzutreten, Marx hätte in voller und kritischer Absicht auf eine positive Bestimmung der »Negation der Negation« verzichtet und 2. zu untersuchen, inwiefern sich die hauptsächlich aus der Kritik utopischer Sozialismen gewonnenen Konkretisierungen »des Kommunismus« für eine Auseinandersetzung mit staatssozialistischen aber auch anarchistischen Modellen fruchtbar machen lässt.
Diese Vorhaben stieß rasch auf Widerstände. War es wirklich möglich an 150 Jahren kommunistischer Bewegungen, realsozialistischer Versuche und national-sozialdemokratischer Korrumpierungen vorbei, gewissermaßen über die Geschichte hinweg, einen unverfälschten, »reinen« Zugriff auf die Marxsche Konzeption eines »Endes der Vorgeschichte« zu gewinnen? War es nicht hoffnungslos naiv, unter den Bedingungen eines postmodernen Wissensregimes, eine Rekonstruktion des »wahren«, des »wissenschaftlichen Communismus« zu unternehmen? Und sollte ein solches Unterfangen nicht notwendig dazu verdammt sein, sich in den Fallstricken des Utopismus zu verfangen? Hatte die Kritische Theorie also nicht zu Recht gegen die Bebilderung des »ganz Anderen« auf der Errichtung eines Bilderverbotes bestanden, um einer Verdinglichung, Fetischisierung entgegenzutreten, welche unweigerlich das gegenwärtig Herrschende reproduzieren und die Ankunft des Ereignisses verstellen müsste? Aber gleichzeitig: war es nicht an der Zeit, einen Schritt aus der Verbissenheit der Negation zu wagen und der theoretischen Kritik des falschen Ganzen wieder ein kommunistisches Begehren an die Seite zu stellen? Sollte sich der Kommunismus denn darauf beschränken, das Werk schlechtgelaunter Marxexegeten zu sein, ohne Lust, ohne Traum, ohne jeden Sexappeal? Ist der Kommunismus denn nicht auch das ganz Einfache, das Schöne?
Gerade unter dem Bann des Post89er Traumas schien es mir nötig, anders über den Kommunismus zu schreiben. Insofern der gesellschaftliche Diskurs nicht länger durch einen aggressiven Antikommunismus beherrscht wird, schien das vorrangige Ziel nicht länger darin zu bestehen den Sozialismus/Kommunismus als das bessere, sozialere, als das funktionierende Wirtschaftsmodell auszuweisen. Stattdessen müsste es vor alledem und noch vor dem Nachweis seiner Machbarkeit um die Ermöglichung seiner Denkbarkeit mehr noch: seiner Vorstellbarkeit gehen. Aber: Wie sollte es unter der Bedingung der herrschenden Ohnmacht und der Abwesenheit beinahe jeder »realen kommunistischen Bewegung«, auf die es doch laut »Deutscher Ideologie« hauptsächlich ankommt, möglich sein über den Kommunismus als das Schöne, das Wünschenswerte zu schreiben, ohne in peinliche Schwärmerei, Romantizismus, in den Anachronismus beispielsweise der Ton Steine Scherben zu verfallen – ohne sich also lächerlich zu machen? Welche Form sollte unter den gegenwärtigen historischen Bedingungen, den erdrückenden Kräfteverhältnissen diesem Inhalt angemessen sein, welcher Darstellung sollte es gelingen, wenn schon nicht die Widersprüche aufzuheben so doch wenigstens sich an ihnen vorbeizumogeln?
An diesem Punkt der theoretischen Arbeit begannen die wissenschaftlichen Widersprüche sich als psychische Widerstände zu manifestieren, ich erlag einer manifesten und hartnäckigen Schreibblockade.
Unzählige Zigarettenpäckchen und vor kahlem Bildschirm durchwachte Nächte später, an einem kühlen Oktobermorgen gegen 7:28 Uhr zerplatzte die Blase der theoretischen Spekulation: ein Kindertext, eine Kindersprache, ein Kommunismus für Kinder müsste es werden! Nur in diesem Genre sollte es möglich sein, beispielsweise an Engels didaktisch-agitatorische Schrift »Was ist der Kommunismus« anzuknüpfen, ohne dessen Verkürzungen die Möglichkeit einzuräumen ihre Effekte voll zu entwickeln. Nur in diesem Genre könnte es gelingen einen Raum des halbironischen Schmunzelns zu öffnen, der sich dem Verdikt, der von der eigenen Ohnmacht erzwungenen Härte entziehen könnte, ohne sich der mit dieser Offenheit einhergehenden Naivität und Beschämung auszuliefern.
Ich stürzte aus dem Bett und an den Computer und schrieb die erste Version des Textes innerhalb von drei ungewöhnlich lustvollen Sitzungen nieder. Die Schwierigkeit bestand nun darin, ein möglichst hohes Maß an Anschaulichkeit, Bildhaftigkeit zu erlangen, ohne die Fehler der Konkretisierung und Personalisierung zu wiederholen, welche vergleichbare Versuche orthodoxer Marxistinnen begangen hatten, die die Arbeiter als liebenswürdige Zwerge und die Kapitalisten als zigarrenrauchende Riesen, Bösewichte darstellten (so in verschiedenen DDR-Büchern aber auch in der alternativen Kinder- und Jugendbuchliteratur der siebziger Jahre). Ich habe diese Problem dadurch gelöst, dass ich die Kategorie Verdinglichung ins Zentrum der Darstellung gerückt habe – auf Kosten der Thematisierung der Klasse, des Klassenkampfes. Zudem ist Bestimmung des Kommunismus als Negation des Kapitalismus und der von ihm verursachten Übel – nicht aber als Allheilmittel – die provisorische Formel, die darauf verweist, dass es in dem von mir gewählten Rahmen nicht möglich ist, andere Herrschaftsverhältnisse als die des Kapitals angemessen zu thematisieren. Lediglich das Geschlechterverhältnis wird in der durchgängigen Verwendung der weiblichen Form implizit – nämlich auf der Folie des Wissens der Leserin, dass es sich hierbei um eine strategische, irritierende Lüge handelt – thematisiert.
Damit sind die zwei Kritiken, die dem Text gegenüber angebracht worden sind, benannt. Meine vorherrschende Erfahrung ist aber, dass der Text über die momentan eher ungewöhnliche Eigenschaft verfügt, fraktionenübergreifend positiv angenommen zu werden. In Labels: Sowohl Pop- und Kulturlinke als auch adornitische Wertkritiker und sogar orthodoxe Marxistinnen halten den Text beinahe durchgängig für gelungen. Einige jüngere Linke haben mir gesagt, dass sie zum ersten Mal richtig kapiert haben, um was es bei diesem verflixten Fetischkapitel geht. Und zwei Leute haben nach der letzten Lesung sogar zum ersten Mal damit angefangen sich theoretisch mit Kapitalismuskritik zu beschäftigen. Vor allem aber spiegelt sich in den Reaktionen der Zuhörerinnen (Leserinnen) fast immer der Spaß, den ich auch beim Schreiben hatte. Beim Kommunismuskongress ebbte das Lachen nach dem ersten Auftritt der Fabrik überhaupt nicht mehr ab (davon hat Andreas vielleicht berichtet). Dementsprechend haben wir von ziemlich unterschiedlichen Scenes und Projekten Anfragen für Lesungen (aber das habe ich Dir ja schon erzählt).
Für die Veröffentlichung stelle ich mir ein kleines, quadratisches Büchlein vor, mit süßen Krikel-Krakel-Illustrationen, von denen bereits die ersten Skizzen existieren.

Einen schönen Kommunismus wünscht
Bini Adamczak