Bei unrast:
Arbeit als Herrschaft. Vorwort
Holger Schatz
Die Krise des Leistungsprinzips und seine neoliberale Rekonstruktion. Vorwort Während jede Form des Realitätsprinzips ein beträchtliches Maß an unterdrückender Triebkontrolle erfordert, führen die spezifischen Interessen der Herrschaft zusätzliche Kontrollausübungen ein, die über jene hinausgehen, die für eine zivilisierte menschliche Gemeinschaft unerläßlich sind. Diese zusätzliche Lenkung und Machtausübung, die von den besonderen Institutionen der Herrschaft ausgehen, sind das, was wir zusätzliche Unterdrückung bezeichnen (Herbert Marcuse 1955). Wenn eine Gesellschaft wie die bürgerliche, die ihre Übereinkünfte dem Selbstverständnis nach eigentlich Nüchternheit und Pragmatismus schuldet, partout mit einem offensichtlich nicht zu lösenden „Problem“ ihren Frieden nicht schließen kann, lohnt es sich in der Regel genauer hinzusehen. Arbeitslosigkeit als Massenarbeitslosigkeit ist so ein „Problem“, das dringlichste gar. Das jedenfalls behauptet die Zeitdiagnose, die so allgegenwärtig ist, dass man kaum mehr in der Lage ist anzugeben, wo man zuletzt von ihr gehört hat. Man wird einwenden, das Problem lasse sich aber lösen. Der vordergründige Streit um die tauglichsten Mittel zur „Bekämpfung“ der Arbeitslosigkeit scheint dies jedenfalls zu implizieren. Auf dem Jahr„markt“ der Möglichkeiten lasse sich jedenfalls die Nachfrage nach „Arbeitskraft“ durchaus stimulieren, sei es, indem man ihre Anbieter dazu bringt, sie billiger zu verkaufen, sei es, indem man sie finanziell ermächtigt, via Konsumsteigerung eine erweiterte Produktion und damit die Nachfrage nach eben dieser Arbeitskraft zu induzieren. Und wer dem Markt zwar vieles zutraut, nur nicht sich zur Schaffung neuer Arbeitsplätze stimulieren zu lassen, der weitet schon mal kurzerhand den Arbeitsbegriff auf diejenigen ‚Tätigkeiten‘ aus, deren Bezahlung in der Betriebsanleitung des Kapitalismus nicht vorgesehen ist. Weil darin auch steht, dass der Zweck der Produktion „Mehrwert“ und nicht die Arbeit ist, diese also nur das Mittel darstellt, ist bereits auf der Ebene der Logik zu erkennen, warum das „Problem“ als kapitalistisches innerhalb des Kapitalismus nicht gelöst werden kann: „Arbeit“ ist - ökonomisch gesehen – eine zwar notwendige, aber doch nur abhängige Variable. Ob sie in Gang gesetzt, ob sie „nachgefragt“ wird, wie es im Reformdeutsch heißt, liegt weitestgehend außerhalb ihres Vermögens. In gewisser Weise teilt die Arbeit damit das Schicksal der Bedürfnissbefriedigung, auf die sich der Kapitalismus beruft, die aber lediglich der Kollateralnutzen ist, den Menschen im günstigen Falle erwarten können. Und doch trennen Bedürfnis und Arbeit Welten im gesellschaftlichen Diskurs. Was also – so ist endlich zu fragen – zeichnet die Arbeit aus, über was verfügt sie im Gegensatz zur Bedürfnisbefriedigung, was erklären könnte, das eine Gesellschaft unisono und unabläßlich ihr Schicksal als Arbeitslosigkeit bekämpft bzw. dies vorgibt zu tun. Grob vereinfacht kommen in der Regel zwei Antworten aus der Pistole geschossen, die gewöhnlich die Frage nach dem Warum der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und damit nach der Funktion von Arbeit in und für diese Gesellschaft im weitesten Sinne kaltstellen. Die eine behauptet schlicht Arbeit ist Bedürfnisbefriedigung, die andere, Arbeitslosigkeit sei zu teuer und nicht (mehr) zu finanzieren. Akzeptiert man die diesen Aussagen zugrunde liegenden Annahmen, dann erübrigt sich die Frage nach dem Warum. Betrachtet man die Bandbreite all dessen, was heute über Arbeitslosigkeit gesagt wird, dann scheint tatsächlich der Spielraum der Auseinandersetzung auf jenes Feld begrenzt zu sein, auf dem die Frage nach dem Wie der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit erörtert wird. Man mag einwenden, dass sehr wohl darüber gestritten wird, für wen Arbeitslosigkeit zu teuer ist, welches Geld denn nicht genug da ist und wer von der „Bekämpfung“ profitiert. Gerade weil aber in diesem Streit den Protagonisten der „Bekämpfung“ eine direkte ökonomische Rationalität unterstellt wird – ob diese nun gut geheißen oder als Profitgier gegeißelt wird – verhärtet sich die Unterbelichtung der Frage nach dem Warum. Diese Reduktion wird in unbefriedigender Weise auch von der Sozialwissenschaft, namentlich der (Arbeits-)Soziologie nachvollzogen. Unvorstellbar eigentlich, strotzen die öffentlich wahrnehmbaren Aussagen zur Arbeitslosigkeit doch vor Setzungen, von denen jeder auf Reputation schielende Gesellschaftstheoretiker weiß, dass solche grundsätzlich in Frage gestellt gehören. Merkwürdig erscheint die theoretische Sparsamkeit vor allen Dingen aber deshalb, weil die geläufigen Aussagen über das „Problem“ und mehr noch die Vorschläge zu dessen Behebung in sich widersprüchlich sind und nicht aufgehen. Ziel der vorliegenden Studie ist es, die Widersprüche und Paradoxien des Diskurses über die Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit in hochentwickelten Ländern am speziellen Beispiel Deutschland zum Ausgangspunkt und Anlass zu nehmen, die Frage auf das Warum auszuweiten. Es geht um eine Perspektive, welche die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit in den Kontext der ideologischen Absicherung der spezifischen Formen von Herrschaft, Ausbeutung und sozialer Kontrolle in bürgerlichen Gesellschaften stellt. Nicht primär um die Schaffung von Arbeitsplätzen geht es – so die These – sondern um eine Rekonstruktion jenes Leistungsprinzips, das nach dem obsolet Werden von vormodernen Begründungen alleine die Bürde trägt, soziale Ungleichheit zu legitimieren und damit eine Gesellschaft zu integrieren, deren soziökonomische Basis zwingend Disparitäten produziert. Notwendig geworden ist die Reartikulation des Prinzips „Jeder kriegt was er verdient, respektive erarbeitet“ als Behauptung, Forderung und durch „Reform“ hergestellten (Arte)Fakt deshalb, weil die Wirklichkeit es in doppelter Hinsicht als Ideologie zu entlarven droht. Zum einen, weil der Zusammenhang von einzelner (Arbeits-)Leistung und Ergebnis vollends unbestimmbarer wird, zum anderen weil die tendenzielle Abkoppelung von Reichtum und Arbeit, die sich gerade auch in der Arbeitslosigkeit ausdrückt auf die mögliche Aufhebung des Zwangszusammenhangs von Arbeit, Mangel, Angst und Herrschaft verweist. ![]() Holger Schatz Die Krise des Leistungsprinzips und seine neoliberale Rekonstruktion ISBN 3-89771-429-9 Weitere Bücher zu diesem Thema * * * * * * * * * * * |