Bei unrast:
Die Ernte einbringenRicardo Flores Magon
Am Wegesrand treffe ich auf einen Mann mit verweinten Augen und zerzaustem schwarzen Haar, der auf einige Disteln zu seinen Füßen blickt. „Warum weinst du?“ frage ich ihn, und er antwortet mir: „Ich weine, weil ich meinem Nächsten nur Gutes getan habe, ich habe meine Parzelle mit allem Eifer bestellt, so wie ein Mann es tut, der etwas auf sich hält. Doch diejenigen, denen ich Gutes tat, machten mich leiden. Und auf meiner Parzelle sind aus Wassermangel nur diese Disteln gewachsen, weil die Reichen mir das Wasser weggenommen haben.“
Eine schlechte Ernte, die die Guten einfahren, sage ich zu mir und setze meinen Weg fort. Ein wenig weiter stolpere ich über einen alten Mann, der hinfällt und sich wieder aufrafft, sein Rücken ist gekrümmt und sein Blick ziellos. „Warum bist du traurig?“ frage ich ihn, und er antwortet mir: „Ich bin traurig, weil ich seit meinem siebten Lebensjahr gearbeitet habe. Ich war immer zuverlässig; doch heute Morgen sagte mir mein Herr: ‚Du bist zu alt, Juan. Es gibt keine Arbeit mehr, die du ausführen könntest’, und er hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen.“ Was für eine Ernte nach Jahren und Jahren ehrlicher Arbeit! sage ich mir und setze meinen Weg fort. Ein noch sehr junger Mann, dem ein Bein fehlt, kommt mir entgegen, und mit dem Hut in der Hand bittet er um eine „milde Gabe im Namen Gottes“, wie er selber seufzend sagt. „Warum seufzt du?“ frage ich ihn, und er antwortet: „Madero hat uns gesagt, wir könnten frei und glücklich leben, unter der Bedingung, dass wir ihm helfen, die Präsidentschaft der Republik zu erlangen. Alle meine Brüder und sogar mein Vater sind im Krieg gestorben; ich habe mein Bein und meine Gesundheit verloren. Und unsere Familien müssen um ein Stück Brot betteln.“ Das ist die Ernte derjenigen, die kämpfen um Tyrannen zu stützen und das kapitalistische System abzusichern, sage ich mir und setze meinen Weg fort. Wenig weiter treffe ich auf eine Gruppe von Männern, mühsamen Schrittes, mit müdem Blick, hängenden Schultern, in ihren Gesichtern ist Mutlosigkeit, Angst aber auch Wut zu lesen. „Woher rührt euer Unmut?“ frage ich sie, und sie antworten: „Wir kommen aus der Fabrik, und nach zehn Stunden Arbeit haben wir gerade genug Geld für ein armseliges Bohnengericht.“ Nicht diese Männer holen die Ernte ein, sondern ihre Herren, sage ich mir und setze meinen Weg fort. Es ist schon Nacht. Die Grillen singen in Erdspalten ihre Liebeslieder. Mein aufmerksames Ohr hört Festgeräusche. Ich wende mich in Richtung dieser fröhlichen Töne und sehe mich vor einem prachtvollen Palast. „Wer lebt hier?“ frage ich einen Lakaien. „Er gehört dem Besitzer des Landes, das uns umgibt, und außerdem ist er Herr des Wassers, mit dem dieses Land bewässert wird.“ Mir wird klar, dass ich vor dem Wohnsitz des Banditen stehe, der dafür sorgte, dass auf dem Feld des Armen nur Disteln wachsen. Und während ich dem prachtvollen Palast meine Faust zeige, denke ich: „Deine nächste Ernte wirst du Taugenichts mit deinen eigenen Händen einbringen müssen, denn du musst wissen, dass die Sklaven aufwachen...“ Und ich setze meinen Weg in Gedanken versunken fort und träume. Ich denke an den heroischen Entschluss dieser Entrechteten, die den Mut haben, sich das Land zu nehmen, das nach dem Gesetz den Reichen, aber nach der Gerechtigkeit und der Vernunft allen Menschen gehört. Ich träume von der Freude, die nach der Enteignung in die bescheidenen Hütten einzieht, von den Männern und Frauen, die sich nun wirklich als menschliche Wesen fühlen, von den Kindern, die spielen, lachen und genießen, weil ihre kleinen Bäuche voll guter Lebensmittel sind. Die Rebellion wird uns die beste Ernte einbringen: Brot, Land und Freiheit für alle. (aus Regeneración, Nr. 69, vom 23. Dezember 1911) Leseprobe aus: |