Presseinformation 27.10.2009 | Amok verändert Gesellschaft

Presseinformation 27.10.2009
Amok verändert Gesellschaft
Neue Studie zum Fall Ernst August Wagner erschienen


Degerloch/Mühlhausen/Winnenden. Wie werden unfassbare Gewalttaten gesellschaftlich verarbeitet? Welche Konsequenzen soll man aus ihnen ziehen? Diese Fragen stehen nicht erst seit dem Amoklauf in Winnenden im März 2009 zur Debatte. Verschärfung des Waffenrechts, Ächtung von Killerspielen, Metalldetektoren an Schuleingängen – die Vorschläge sind so unterschiedlich wie diejenigen, die sie äußern. Eine Studie des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) hat jetzt die politisch-sozialen Langzeitfolgen einer amokähnlichen Tat unter die Lupe genommen.

Im September 1913 tötete der Lehrer Ernst August Wagner in Degerloch bei Stuttgart seine Frau und seine vier Kinder. Anschließend fuhr er ins Dorf Mühlhausen bei Vaihingen an der Enz und legte dort Feuer. Bis er überwältigt werden konnte, erschoss neun weitere Menschen und verletzte elf schwer. Aufgrund eines Gutachtens des Leiters der Tübinger Universitätspsychiatrie Robert Gaupp wurde Wagner nicht verurteilt, sondern fristete den Rest seines Lebens in der Nervenheilanstalt Winnenthal in Winnenden. Dort starb er im Jahr 1938.

„Die Folgen dieser schrecklichen Tat gehen weit über das Trauma der Betroffenen hinaus“, sagt der Literatur- und Sozialwissenschaftler Rolf van Raden. Für die jetzt veröffentlichte Studie hat er Schriftdokumente aus Presse, Politik und Wissenschaft der Jahre 1913 bis 2008 systematisch erfasst und untersucht. „Die Debatten, die sich an solche Taten anschließen, verändern die Gesellschaft dauerhaft. Das sollten wir berücksichtigen, wenn wir heute über die Konsequenzen reden, die aus Amokläufen gezogen werden müssen“, so van Raden weiter.

Eine unmittelbare Folge von Ernst Wagners Tat im Jahr 1913 war die Bewaffnung der württembergischen Polizei mit Schusswaffen. Psychiater forderten gleichzeitig die flächendeckende Erfassung und Überwachung von Geisteskranken, um die Gesellschaft vor ihren Taten zu schützen. In der öffentlichen Auseinandersetzung verschmolzen die Vorstellungen von Anormalität, Krankheit und Verbrechen – eine wichtige Voraussetzung für den politischen Aufstieg des Nationalsozialismus.

Das alles wirkt bis heute nach. Nach dem Überfall des 17jährigen Tim K. auf die Albertville-Realschule in Winnenden erklärten die Medien Wagner zum Prototyp des modernen Amokläufers. Bereits fünfzehn Jahre zuvor sorgte der Magdeburger Psychiatrieprofessor Bernhard Bogerts für Aufsehen, indem er verkündete, er habe Ernst Wagners konserviertes Gehirn wiederentdeckt. Aufgrund seiner Untersuchung behaupten heute einige Hirnforscher: Für Verbrechen gebe es grundsätzlich eine physiologische Ursache im Gehirn. Durch einen Vergleich der Gehirnstruktur Wagners mit der von Ulrike Meinhof spielt der Fall sogar eine Rolle für die Geschichtsschreibung in Bezug auf den RAF-Terrorismus.

„Anders als in vielen bisherigen Untersuchungen geht es uns nicht im Kern darum, das angeblich wahre Gesicht des Täters zu enthüllen“, sagt der Leiter der Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung Prof. Dr. Siegfried Jäger. „Wir haben untersucht, wie verschiedene Wissenssysteme den Fall interpretierten, und welche gesellschaftlichen Auswirkungen das bis heute hat. Durch die Analyse dessen, wie die Juristen, Journalisten, Politiker und Ärzte in den vergangenen 96 Jahren über den Fall geredet haben, können wir bemerkenswerte Aussagen darüber treffen, wie unterschiedliche Institutionen zu unterschiedlichen Zeiten auf eine mörderische Gewalttat reagieren.“

Weitere Informationen:

Gerne stellen wir den Kontakt zum Autor der Studie her. Rolf van Raden ist Literatur- und Sozialwissenschaftler an der Ruhr-University Research School, arbeitet als freier Journalist und ist seit 2008 Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Forschungsschwerpunkte: Biopolitik und Bio-Macht im transdisziplinären Kontext, Psychiatriegeschichte und psychiatrische Diskurse, Verschränkung von politisch-sozialen und literarischen Diskursen, Literatur und Macht-Wissen.
Das Buch „Patient Massenmörder“ ist ab sofort im Handel erhältlich. Für Anfragen nach Rezensionsexemplaren verwenden Sie bitte das anhängende Formular oder schreiben eine E-Mail an presse@unrast-Verlag.de. Gerne stellen wir Ihnen auch ein hochauflösends Bild des Buchcovers zur Verfügung:
http://www.unrast-verlag.de/unrast,6,1,314.html


Neuerscheinung:

Rolf van Raden
Patient Massenmörder
Der Fall Ernst Wagner und die biopolitischen Diskurse

ISBN: 978-389771-754-1
Ausstattung: br., 184 Seiten
Preis: 24.00 Euro

Edition DISS Band: 25

Hirnforschung, die Täter der RAF, Amokläufe in Schulen – in der Auseinandersetzung über solche Themen beziehen sich WissenschaftlerInnen und JournalistInnen bis heute auf einen Mordfall, der sich vor einem knappen Jahrhundert ereignete.

Ernst August Wagner, Hauptlehrer aus Degerloch bei Stuttgart, tötete in der Nacht vom 3. auf den 4. September 1913 seine Frau und seine vier Kinder. Anschließend erschoss er neun weitere Menschen und verletzte elf schwer. Bis 1938 fristete er sein Leben in einer psychiatrischen Anstalt. Immer wieder stellte er fest: Er bedauere nicht, seine Kinder getötet zu haben, da sein ganzes Geschlecht entartet sei.

Hier traf sich die Rede des Mörders mit der seines Arztes. Robert Gaupp, Leiter der Universitätsnervenklinik Tübingen, machte Ernst Wagner zu seinem Fall und entwickelte an ihm die Lehre von der echten Paranoia. Parallel dazu forderte der angesehene Mediziner als Befürworter von Eugenik, Rassenhygiene und Zwangssterilisation schon 1920 die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.

Die Studie untersucht das Geflecht biopolitischer Diskurse, in dem sich der Mörder und sein Arzt gemeinsam bewegten. Erstmals werden die den Fall bis heute begleitenden Schriftdokumente aus Presse, Politik und Wissenschaft erfasst und kritisch kommentiert. Ausgehend vom Fall Wagner weist der Autor nach, wie die Psychiatrie systematisch die Reichweite ihrer Diskurse ausdehnte, bis im Nationalsozialismus schließlich eliminatorische ärztliche Praktiken möglich wurden. Der Täter Ernst Wagner und seine Psychiater erscheinen somit als Referenzfiguren eines Jahrhunderts der Biopolitik, das keineswegs 1945 endete.

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