unrast news, 17.12.2008
Der Bundesparteitag der CDU forderte Anfang Dezember 2008, den Artikel 22 des GG um den Satz zu ergänzen: »Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch«.
Alfred Schobert deckte in seiner Kritik an Martin Walsers Paulskirchenrede von 1998 bereits 1999 auf, was dahintersteckt: Aus: Alfred Schobert:
Wunschgeschichte der Nation. In: Adi Grewenig / Margret Jäger (Hg.): Medien in Konflikten, Duisburg 1999, 49-67.
<h3>Die Friedenspreis-Rede (Martin Walsers) im Kontext </h3>
Häufiger schon seit Ende der siebziger Jahre hatte Walser nicht nur die Lippen gespitzt, sondern tatsächlich für die deutsche Nation gepfiffen; dies ging, wie im folgenden exemplarisch an einigen Texten und zentralen Motiven gezeigt werden wird, weit über die simple und in diesem Kontext höchst suggestive und demagogische Gegenüberstellung von geteilter Nation als Wahn und geeinter Nation als Normalität hinaus.1
Walsers »Geschichtsgefühl« (Walser 1997, 432) artikuliert sich als Wunsch nach Geschichte. Der Schriftsteller fundiert die Möglichkeit (und vorgebliche Notwendigkeit) jener gewünschten Geschichte der Nation in der Grundlage seines Metiers, der Sprache, genauer der Muttersprache. Walsers mehr oder minder feierlichen Gelegenheiten sich verdankende Beiträge zur Geschichte der deutschen Nation gehen über Literaturgeschichte hinaus und widmen sich so grundverschiedenen Gestalten wie Albert Leo Schlageter und Victor Klemperer. Diese werden in einer Wunschgeschichte zusammengebracht.
Im Schoß der Mutter Sprache Ein häufig wiederkehrendes Bekenntnis in Walsers Reden und Essays ist sein »Vertrauen in die Sprache«2 , dem er auch im Schlussteil der Frankfurter Rede Ausdruck verlieh. Dort fügte er an, er »liefere« sich »der Sprache aus, überlasse ihr die Zügel, egal, wohin sie« ihn »führe«. Auch Johann, Walsers Alter ego im Roman »Ein springender Brunnen«, ist am Ende der Geschichte von Pubertät und Nazismus so weit, »sich einfach der Sprache an[zu]vertrauen«.3 Das »Sprachwerk«, so fuhr Walser in der Paulskirche fort, sei »nicht verwertbar«, die »literarische Sprache« wolle – und darin sieht Walser ihre Besonderheit – »nichts verkaufen«, daher gelte: »Nichts macht so frei wie die Sprache der Literatur.«4 Die wiederum ist verwurzelt in der »Muttersprache«; »ganz sicher«, so Walser in einem Gespräch,
»ganz sicher wird ein Schriftsteller von der ersten Sprache, die er hört und aufnimmt und lernt und spricht, geprägt. Also ich bin ganz sicher von meiner Muttersprache geprägt worden. Meine eigene Mutter hat nie in ihrem Leben einen hochdeutschen Satz gesagt und hat hochdeutsche Wörter benutzt, wie wir sie nie benutzen würden. Sie hat das Hochdeutsche immer in einem gequälten Alemannisch ausgesprochen, und da hab ich schon die Differenz zwischen Hochsprache und Muttersprache gemerkt, also das hat sicher eine Rolle gespielt. Ich glaube, daß eine Freude an der abhängigen Redeweise vom Alemannischen kommt, das ja eine Konjunktivkultur hat, gegen die das Hochdeutsche ein leeres Fußballfeld ist, und meine Konjunktivbesessenheit verdanke ich liebend gerne der alemannischen Mundart« (Walser 1998b, 24f.).
Das ist keine nur zufällige und nebensächliche Interviewauskunft; mehrfach hat Walser seine »Muttersprache« ausdrücklich gefeiert, oft ergänzt um emphatische Charakterisierungen des Dialekts.5 Mit »Muttersprache« ist mehr gemeint, als im landläufigen Gebrauch des Wortes bedacht wird. Vom Wort her bezeichnet »Muttersprache« die Sprache der Mutter. Gemeint ist diejenige Sprache, in der ein Kind aufwächst, die Sprache der Umgebung, in der es lebt, noch genauer: die eine Sprache, in der es aufwächst. Stillschweigend werden hier Abstammung und Ansässigkeit zusammengedacht. Theoretisch-konzeptionell, also in der erforderlichen Allgemeingültigkeit, war diese Identifizierung von Abstammung und Ansässigkeit nie überzeugend, denn Mobilität, Wanderung (aus welchen Motiven und unter welchen Zwängen auch immer) ist kein Phänomen erst unserer Zeit. In der Realität von Einwanderungsgesellschaften verliert diese Identifizierung auch zunehmend ihre Plausibilität erzeugende Verankerung in den vorherrschenden Verhältnissen.
Ungeachtet dessen berührt dieses kurzschlüssige abstammungsgemeinschaftliche Verständnis von »Muttersprache« auch ihre wissenschaftliche Thematisierung, so – je nach den Zeitläuften mehr oder minder – deutlich beim in der Germanistik nach wie vor einflussreichen Leo Weisgerber. In seinen Arbeiten während der Nazi-Zeit verstand Weisgerber »Muttersprache« so:
»Die Muttersprache bahnt den Weg, auf dem ein Volk sich seiner selbst bewusst wird, die in den Bindungen des Blutes und des Lebensbodens angelegte Gemeinsamkeit zur geschichtlich wirksamen Gemeinschaft des Denkens und Handelns ausbaut und durch das Schaffen bleibender, allen lebenden und künftigen Volksgliedern zu gute kommender Werte krönt.«6
Dies wirkte, terminologisch entschlackt, nach 1945 fort. Weisgerber vertrat weiterhin die Kernthesen zur Bedeutung der Muttersprache als »volkhafte« und »volkbildende« Kraft. Den Gedanken von der »Schädlichkeit« der Mehrsprachigkeit rettete Weisgerber über die militärische Niederlage des Nazismus hinaus7 , und er präsentierte seine auf Konfrontation hinauslaufenden Vorstellungen von Sprach- und Volkstumsgrenzen bis in die siebziger Jahre öffentlich (vgl. Lerchenmüller 1996, 67).
In diesem im gesellschaftlichen Diskurs, im Alltagsdiskurs wie auch (mit Abstrichen) im Wissenschaftsdiskurs vorherrschenden Sprach-Verständnis steht offenbar Walsers Feier der »Muttersprache«. In »Der unterirdische Himmel«, der Rede zum 25jährigen Bestehen des Deutschen Literaturarchivs in Marbach 1980 (Walser 1988, 32-39), rühmt Walser das schwäbisch-alemannische Land, denn es eigne sich besonders, »der Nation den Archivar zu spielen«. Auf Geschichte, der das Archiv diene, sei die deutsche Nation »mehr als andere […] verwiesen«, da »die konvulsivische Nation nun zerstört« sei »in einem Ausmaß, das eine Nation allein überhaupt nicht verschulden könne«. Walser bindet die Zukunft der Nation an ihre Vergangenheit, an
Geschichte: »Nur wenn wir eine Nation waren, werden wir wieder eine sein.« Daraus resultiert eine kollektive Aufgabe für die Gegenwart, zu der Walser sich und seine Landsleute autorisiert: »Und das regelt keiner außer uns selbst.« Vorneweg läuft der Schriftsteller, der mittels Sprache Geschichte entstehen lassen könne:
»Wenn man mit Sprache zu tun hat, möchte man Geschichte für möglich halten. Ich verstehe Becketts Sinnlosigkeitspropaganda als eine verhältnismäßige Reaktion auf ein Leben in einer Fremdsprache. Nachfolger, die, mitten in ihrer Muttersprache lebend, eine ähnliche Geschichtsöde ausbilden wollen, kommen mir vor wie Kinder, die, weil sie keine wirkliche Pistole haben, Peng-Peng machen müssen. Ich gebe zu, daß ich ein bestimmtes Vertrauen zur Sprache habe. Es stammt aus der Erfahrung, daß das Schlimmste, das einem passiert, am meisten nach Sprache schreit. […] Indem die Sprache auf das Schlimmste antwortet, hebt sie es auf. Es ist aber die Muttersprache, in der man da aufhebt. Man beklagt sich also noch einmal bei der großen Beschützerin über das, was einem passiert. Das Schlimme zur Sprache bringen heißt, es vergleichen mit dem, was in der Sprache schon vorhanden ist. So entstünde Geschichte.« (Walser 1988, 32f.)
Auf vertrackte Weise sind hier mehrere Argumentationsfäden verknüpft: Die eine Sprache als die »Muttersprache«, Nation und Geschichte werden in ein gegenseitiges Bedingungsverhältnis gerückt. »Muttersprache« wird emotional aufgeladen als »große Beschützerin« genannt, an kindliche Schutzsuche und Symbiosewünsche appellierend. Die psychische Regressionswünsche anrufende Vorstellung von Sprache als »Beschützerin« wird nach vorwärts gewandt in eine tröstende, wenn nicht gar rettende »Aufhebung«8 des »Schlimmsten«, als Schaffung von »Sinn«.
Anmerkungen 1 So sagte Walser in einem Interview: »Deutschland war der Austragungsort für eine weltweite Anormalität. Und was weltweit anormal ist, das kann doch nicht vernünftig gemacht werden. Deswegen war es auf jedem Niveau – vom privatesten Briefwechsel bis hinauf zur Weltpolitik – Wahnsinn« (Walser 1998b, 15). Zum Stellenwert der »Normalität« in der Paulskirchen-Rede vgl. Schobert 1999, 9f.
2 Vgl. auch den Schluss seiner Laudatio auf Victor Klemperer: »Es ist zwar kein Trost, aber eine Art Ermutigung, daß das Medium, in dem dieses Zeugnis erscheinen kann, die Sprache ist. ›Gegen die Wahrheit der Sprache gibt es kein Mittel‹, hatte Klemperer im März 42 notiert« (Walser 1997, 591).
3 Walser 1998a, 404. Daher rührt auch der an Nietzsches »Also sprach Zarathustra« angelehnte Romantitel: »Er hatte gezielt, statt sich anzuvertrauen. Er mußte sich das Zielen abgewöhnen. Sich den Sätzen anvertrauen. Der Sprache. […] Was durch die Sprache, also von selbst aufs Papier gekommen wäre, müßte von ihm nur noch gelesen werden. Die Sprache, dachte Johann, ist ein springender Brunnen« (ebd., 405f.).
4 Vgl. dazu Brumlik 1999, 21.
5 Das geht über den Gebrauch von Dialekt in den Dialogen der Romane, bspw. des Ostpreußischen in »Seelenarbeit« (Walser 1979), hinaus; vgl. Walsers 1977 veröffentlichten Essay »Zweierlei Füß. Über Hochdeutsch und Dialekt« (Walser 1986b, 28-35), das »Vorwort als Nachwort« in Walser 1998a, 409-413 u. zur Kritik Köhler 1999, 112.
6 Leo Weisgerber: Die volkhaften Kräfte der Muttersprache. 2. Auflage Frankfurt 1942, 83; hier zit. nach Lerchenmüller 1996, 67.
7 »Kenntnis mehrerer Sprachen gibt es in gewissen Grenzen; gleichwertige Sprachen nebeneinander erscheinen als fragwürdiger Reichtum [Hrvh. AS] (es sei erinnert an die Ergebnisse des Luxemburger Zweisprachigkeitskongresses von 1928 oder an H. Schuchards Wort: ›Wenn es vorkommt, daß einer, um mit Ennius zu reden, drei Herzen besitzt und diese wirklich gleich groß sind, so werden sie an sich ziemlich klein sein‹); zwei Muttersprachen nebeneinander sind nur unter ganz seltenen Ausnahmebedingungen anzutreffen« (Weisgerber 1949, 20). So – und unter Berufung auf den Tagungsband der Luxemburger Konferenz »Le bilinguisme et l’éducation« (1928) – argumentierte auch Fritz Stroh in seiner 1933 vorgelegten Habilitationsschrift und sah die »Schädlichkeit« der Mehrsprachigkeit »für die Geistesentwicklung und die Persönlichkeitsentfaltung« als »heute erwiesen« an, was »außerordentlich bedeutsame[.] volkspolitische[.] Folgerungen« (Stroh 1933, 81) nach sich ziehe. Der VDA-Funktionär Hans Steinacher (1933 Reichsführer des VDA) stieß 1954 in der Festschrift für Karl Maßmann ins selbe Horn: »Nur aus gesunden volklichen Bausteinen werden dauerhafte großräumige und übernationale Staatengebilde entstehen, niemals aus Nomadentum und wurzellosen Polyglotten [Hrvh. AS], aus volklichen Zwischenschichten oder aus zerstörten Volkheiten. Die Deutschen, welche die Gedanken des Volkstums und volklichen Denkens am umfassendsten und tiefsten gedacht haben, tragen ein verpflichtendes Erbe für Europa und die Welt« (zit. nach von Goldendach/Minow 1994, 262). – Vehement gegen die eine Sprache als »Muttersprache« und die daraus abgeleitete Vorstellung, der »sprachlich unzentrierte Mensch« sei sich selbst ein Fremder, argumentiert George Steiner, der mehrsprachig aufgewachsen ist und ins Exil gezwungen wurde (vgl. Steiner 1999, 105-135); bei ihm steht dies allerdings im Kontext einer theologischen und theoretisch reaktionären Sprachkonzeption (vgl. Steiner 1990 u. zur Kritik Lange 1993 u. Schobert 1995, 67f.). Vgl. auch die erfahrungsgesättigte indirekte Attacke auf die Ideologie der Muttersprache und der einen eigenen Sprache in Derrida 1996.
8 Nicht nur konstativ privilegiert Walser hier seine Muttersprache, er performiert dies zugleich, indem er hier gleich zweimal auf das Verb »aufheben« zurückgreift. Das hat Tradition. Hegel schrieb in der »Wissenschaft der Logik« über Aufheben als »eine[n] der wichtigsten philosophischen Begriffe«: »Die […] zwei Bestimmungen des Aufhebens können lexikalisch als zwei Bedeutungen dieses Wortes aufgeführt werden. Auffallend müßte es aber dabei sein, daß eine Sprache dazu gekommen ist, ein und dasselbe Wort für zwei entgegengesetzte Bestimmungen zu gebrauchen. Für das spekulative Denken ist es erfreulich, in der Sprache Wörter zu finden, welche eine spekulative Bedeutung an ihnen selbst haben; die deutsche Sprache hat mehrere dergleichen« (Hegel 1812, 113f.). In der »Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften« schreibt Hegel über die »gedoppelte Bedeutung unseres deutschen Ausdrucks aufheben«: »Dieser sprachgebräuchliche Doppelsinn […] darf nicht als zufällig angesehen noch etwa gar der Sprache zum Vorwurf gemacht werden, als zu Verwirrung Veranlassung gebend, sondern es ist darin
der über das bloß verständige Entweder-Oder hinausschreitende spekulative Geist unserer Sprache zu erkennen« (Hegel 1830, 204f.; Hrvh. AS.). Hegel setzt der deutschen Muttersprachlerei aber Grenzen, wenn er festhält, »daß die philosophische Kunstsprache für reflektiertere Bestimmungen lateinische Ausdrücke gebraucht, entweder weil die Muttersprache keine Ausdrücke dafür hat oder, wenn sie deren hat […], weil ihr Ausdruck mehr an das Unmittelbare, die fremde Sprache aber mehr an das Reflektierte erinnert« (Hegel 1812, 114f.). Das hallt bei Adorno wider, wenn er schreibt, im bedachten Gebrauch des Fremdwortes stecke »das Wissen, daß Unmittelbares nicht unmittelbar zu sagen, sondern nur durch alle Reflexion und Vermittlung hindurch auszudrücken sei« (Adorno 1981, 221).
Ankündigung Alfred Schobert
MesserscharfAnalysen und Essays zu Geschichtspolitik, Antisemitismus, völkischem Nationalismus und Poststrukturalismus
Herausgebeben von: Martin Dietzsch, Siegfried Jäger, Moshe Zuckermann
Edition Diss Band: 21
ca. 500 Seiten, ca. 32 EUR [D]
ISBN 978-3-89771-750-3
Erscheint ca. April 2009
Der Band enthält die wichtigsten wissenschaftlichen und journalistischen
Veröffentlichungen und eine Reihe bisher nicht publizierter Vorträge von
Alfred Schobert, ausgewählt von Martin Dietzsch, Siegfried Jäger und
Moshe Zuckermann, zu den folgenden zentralen Themenbereichen:
Geschichtspolitik, extreme Rechte (Insbesondere zur neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit und zu dem auch in Deutschland einflussreichen französischen neurechten Publizisten Alain de Benoist) und zu Poststrukturalismus/Dekonstruktivismus. Als Schüler des französisch-algerischen Philosophen Jacques Derrida war Alfred Schobert einer der schärfsten Kritiker »Deutscher« und »Französischer Zustände« sowie der oftmals unsinnigen Debatten innerhalb der Deutschen Linken (Anti-Deutsche, Anti-Imps). Die in diesem Band versammelten Texte laden zum selbstständigen Denken ein und sind geeignet, den Debatten der deutschen Linken eine Vielzahl wichtiger kritischer Anregungen zu vermitteln.
Alfred Schobert, Jahrgang 1965, war ein politikwissenschaftlich exzellent ausgewiesener Intellektueller. Seit 1993 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach und Sozialforschung (DISS) und entwickelte eine vielfältige wissenschaftliche und publizistische Tätigkeit: Sein Oeuvre umfasst mehr als 500 Artikel, von denen nun ca. 50 veröffentlicht werden. Er starb Ende 2006 im Alter von 43 Jahren.