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Über die Gegenwart der Geschichte der Startbahnbewegung

Wolf Wetzel im Interview mit Gitta Düperthal/Junge Welt vom 17.6.2008

Umweltaktivisten halten seit der Nacht vom 27. auf den 28. Juni den Kelsterbacher Wald besetzt, um gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens zu protestieren. Sie haben sich in Baumhäusern eingerichtet, wo für die Landebahn Nord-West gerodet werden soll. In ihrem Buch haben Sie die harten Auseinandersetzungen um die Startbahn-West in den 80er Jahren beschrieben. Geht der Kampf einfach mit einer neuen Generation weiter?
Nein, da gibt es keine Kontinuität. Denn die Auseinandersetzungen endeten 1987 mit tödlichen Schüssen. Es geschah am sechsten Jahrestag der Hüttendorfräumung: Damals war es ein eingeübtes Ritual, abends in einer Demo an die Startbahn zu ziehen, um weiterhin gegen den Bau der Startbahn zu protestieren, obgleich diese bereits 1984 in Betrieb genommen worden war. Im Zuge dieser nächtlichen Demo kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, die Spezialeinheiten im Wald positioniert hatte. Damals fielen die Schüsse, die zur Folge hatten, dass zwei Polizisten ums Leben kamen und mehrere verletzt wurden. Bis heute kursieren die verschiedensten bis abstrusesten Interpretationen über das, was geschehen ist - obgleich Fakten spezielle Interpretationen ausschließen. Das verweist eher auf ein Traumata, als auf eine Analyse. Genau aus diesem Grund geht es auch nicht einfach so weiter. Es gibt keine Reflektion über die Geschichte. Die meisten der heutigen Bürgerinitiativen haben bis zur Platzbesetzung den Rechtsweg beschritten, weil das ihrer Art des Protestes entspricht. Nicht etwa, weil sie Konsequenzen aus der Geschichte der Startbahnbewegung gezogen hätten.

Hat der Widerstand heute einen anderen Tenor als damals?
Vergleicht man ihn mit den Anfängen der Startbahnbewegung in den 60er und 70er Jahren, dann waren wohl beide zu Beginn hochgradig rechtsgläubig. Auch damals war man der Meinung, wenn man überzeugende Argumente hat, dann werden diese in einem Rechtsstaat den Ausschlag geben. Andererseits gibt es ein Grundgefühl, das aus den Erfahrungen der letzten Jahre resultiert: Was traut man sich zu? Heute stehen linke Bewegungen einem Polizeiapparat gegenüber, der jeden Protest aussichtslos erscheine läßt. Ein Beispiel: Als 30.000 StartbahngegnerInnen gegen die Räumung des Hüttendorfes 1981 demonstrierten, waren ca. 3.000 Polizisten im Einsatz. Als am 7.7.2007 fünfhundert Neonazis geschützt werden sollten, wurden 8.000 Polizeibeamte aufgeboten, ganze Stadtteile abgeriegelt.
Die Leute, die heute den Wald besetzen, kommen aus verschiedenen Umweltinitiativen, aus der ganzen Bundesrepublik. 1981 wurde der Beginn des Hüttendorfs hingegen von der BI Walldorf-Mörfelden selbst beschlossen und gemeinsam umgesetzt.

Inwiefern zieht der heutige Protest Schlüsse aus der einstigen Bewegung?
Dazu gibt es wenig Bereitschaft. Der Grund: Alle langwierigen, aufwändigen und gutgläubigen Versuche auf dem Rechtsweg die Startbahn West zu verhindern, sind kläglich gescheitert – bis hin zum Volksbegehren, das von über 200 000 Unterschriften getragen war. Zudem hatte der Hessische Staatsgerichtshof Kafka neu aufgelegt und die Durchführung eines Volksentscheides (der in der hessischen Verfassung verankert ist) für verfassungswidrig erklärt.

Was sagen Sie zum Argument, viele übten heute bloß Widerstand, um ihr kleines Vorgärtchen zu retten?
Das ist eines der schlechtesten Argumente. Jeder Protest entwickelt sich aus dem entsprechenden gesellschaftlichen Milieu. Erst einmal geht es um die Verteidigung persönlicher Interessen - heute wie damals. Was auch legitim ist, wenn diese sich einer gesellschaftlichen Debatte stellen.

Der Widerstand gegen den Flughafen soll gewaltfrei sein, denn man kann keine herrschaftsfreie Gesellschaft aufbauen, wenn man Gewalt ausübt, sagen heutige Besetzer…
In der Geschichte der Startbahnbewegung war die Debatte um Militanz oder Gegengewalt gelegentlich eine Bekenntnisfrage. In den entscheidenden Phasen war es jedoch eine Machtfrage: Will man sich der Polizeigewalt beugen oder nicht. Argumentiert man historisch und nicht ideologisch, steht eines fest: Wenn Bürgerinitiativen oder soziale Bewegungen große Projekte angreifen, hinter denen Politik und Kapital steht, dann haben sie nur etwas erreichen können, wenn sich Menschen diesen Projekten konkret in den Weg gestellt haben. Und noch etwas: Wenn du dich im Kelsterbacher Wald festsetzen willst, bedeutet das den eigenen Alltag auf den Kopf zu stellen, aus einem regulierten und repressiven Arbeitsalltag auszubrechen. Das Hüttendorf 1980/81 war ein Versuch, aus dem, was für privat gehalten wurde, auszuscheren. Damals war es Zeitgeist, heute nicht!

Man muß sich den Projekten in den Weg stellen ‹, jW vom 17.6.2008 (leicht gekürzte Fassung)

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Wolf Wetzel
Tödliche Schüsse
Eine dokumentarische Erzählung
ISBN 978-3-89771-649-0 | 296 Seiten | 18 Euro