Auszug aus:
Gazi Caglar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Samuel P. Huntington, Professor an der Universität Harvard, schrieb 1993 in der Zeitschrift »Foreign Affairs« einen längeren Artikel mit dem Titel »The Clash of Civilizations?«34, in dem er als das neue Paradigma der Weltpolitik und der politischen Wissenschaft der internationalen Beziehungen das Zivilisationsparadigma bestimmte, welches seither eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Die Bemühungen der Intellektuellen, die neuen internationalen politischen Beziehungen, Kräfteverhältnisse und Kooperationen nach dem Ende des ›Kalten Krieges‹ zu analysieren und zu deuten, die Hauptursachen der Konflikte in der gegenwärtigen Welt nach dem Ende der Konfrontation zwischen den »Ideologien (…) Kommunismus (und) Kapitalismus«35 zu erforschen und zu bestimmen, findet Huntington unzureichend, da sie immer nur Teilaspekte der Realität erfassen würden. Das neue Zivilisationsparadigma ermögliche aber ein exakteres Verständnis der internationalen Lage:
»It is my hypothesis that the fundamental source of conflict in this new world will not be primarily ideological or primarily economic. The great divisions among humankind and the dominating source of conflict will be cultural. (…) the principal conflicts of global politics will occur between nations and groups of different civilizations. The clash of civilizations will dominate global politics. The fault lines between civilizations will be the battle lines of the future.«36
In dieser zentralen Aussage Huntingtons sind zugleich die Kernannahmen seines Zivilisationsparadigmas aufgeführt: 1. Es gibt Zivilisationen, 2. der Zusammenprall der Zivilisationen ist die neue Konfliktform, 3. sie ist kulturell bestimmt, 4. die Frontlinien zwischen den Zivilisationen sind die Schlachtlinien der Zukunft.
Huntington unterscheidet mehrere Konfliktphasen in der Geschichte: Waren die Konflikte früher zunächst solche zwischen Königen und Prinzen, zwischen absoluten und konstitutionellen Monarchien, dann, nach der französischen Revolution, zwischen Nationalstaaten und schließlich, nach der Russischen Revolution, zwischen Ideologien, so werden sie in der neuen Welt Konflikte zwischen Zivilisationen sein. Diese Konfliktphase ist dann auch die letzte in der Geschichte der »modernen Welt«: »Conflict between civilizations will be the latest phase in the evolution of conflict in the modern world.«37
Die bisherigen Konflikte vor der neuen Konfliktform waren vorwiegend innerwestliche Konflikte: »These conflicts between princes, nation states and ideologies were primarily conflicts within Western civilization (…).«38 Mit dem Ende des ›Kalten Krieges‹ aber haben sich die Konflikte ebenso wie das Zentrum der internationalen Politik ins Feld der Interaktionen »zwischen dem Westen und nicht-westlichen Zivilisationen«39 verlagert. Und die nicht-westlichen Zivilisationen wollen nunmehr an dem Verlauf und der Gestaltung der Geschichte mitwirken.
Der Zusammenprall der Zivilisationen erfolgt auf zwei Ebenen: Auf der Mikro-Ebene bekämpfen sich Gruppen an den Scheidelinien der Zivilisationen. Auf der Makro-Ebene findet der Konflikt zwischen Staaten statt, die unterschiedlichen Zivilisationen angehören.
DIE NATUR DER ZIVILISATIONEN Die Aufteilung der Welt in die Erste, Zweite und Dritte Welt während der Phase des ›Kalten Krieges‹ ist nunmehr nicht mehr relevant. Es gibt nicht mehr die Erste oder Dritte Welt, sondern nur noch Zivilisationen. Die Zivilisationen sind »the natural successors to the three worlds of the Cold War«40 und haben auch eine »nature«.41 Die Natur einer Zivilisation ist – und hier verrät Huntington seinen kulturalistischen Determinismus-, daß sie »a cultural entity« ist.42 Dörfer, Regionen, ethnische Gruppen, Nationalitäten, religiöse Gruppen, sie alle haben unterschiedliche Kulturen, die auf unterschiedlichen »levels« der kulturellen Heterogenität angesiedelt sind.
Die Zivilisation jedoch ist nicht nur eine kulturelle Größe, sie ist »the highest cultural grouping of people«.43 Zivilisationen können auch Subzivilisationen haben. Die Zivilisationen sind real und haben wie jedes andere natürliche Leben auch einen Anfang und ein Ende: »Civilizations are nonetheless meaningful entities, and while the lines between them are seldom sharp, they are real. Civilizations are dynamic; they rise and fall; (…). And (…) civilizations disappear and are buried in the sands of time.«44
Die Zivilisationen sind definiert durch »objective elements« wie Sprache, Geschichte, Religion und Institutionen. Jedoch ist die Religion das wichtigste Kriterium: »In the modern world, religion is a central, perhaps the central, force (…).«45 Entsprechend diesen Kriterien unterscheidet sich jede Zivilisation von der anderen. Das wichtigste Unterscheidungskriterium ist jedoch die Religion. Die Zivilisationen haben auch ein Zivilisationsbewußtsein, dessen Ausprägung durch die zunehmenden Interaktionen zwischen den Zivilisationen in der immer kleiner werdenden Welt begünstigt und verstärkt wird.46 Die Zivilisationen bieten auch eine sichere Identität für Menschen, die in Folge der ökonomischen Modernisierung und des sozialen Wandels aus ihren traditionellen und lokalen Identitäten gerissen werden.47 Kulturelle Charakteristika und Differenzen sind schwer zu verändern. Da die Kultur aber wesentlich durch Religion bestimmt ist, »even more than ethnicity, religion discriminates sharply and exclusively among people«.48 Schließlich werden die Zivilisationen durch den ökonomischen Regionalismus genährt.49
DER ZUSAMMENPRALL DER ZIVILISATIONEN Es gibt in der »neuen« Welt »seven or eight major civilizations. These include Western, Confucian, Japanese, Islamic, Hindu, Slavic-Orthodox, Latin American and possibly African civilization.«50 Huntington ist sich nicht sicher, ob Afrika überhaupt eine eigene Zivilisation hat. Eventuell sei sie auch keine.
Huntington zufolge sind also fast alle Zivilisationen religiös definiert. Der Westen hingegen ist durch »westliche Ideen« definiert: durch »individualism, liberalism, constitutionalism, human rights, equality, liberty, the rule of law, democracy, free markets, the seperation of church and state«.51 Huntington spricht der »nichtwestlichen« Menschheit diese »Ideen« ab und verweigert sie ihnen, indem er sie zu westlichen deklariert. Dadurch wird die Menschheit außerhalb Westeuropas und Nordamerikas vor die Scheinalternative gestellt, entweder westlich zu sein und in den Genuß dieser Ideen (auch der »Idee« von »free markets«) zu kommen, oder sie sind es nicht und müssen gegen z.B. Demokratie und Menschenrechte opponieren. Auf jeden Fall ist es nur ein Zeugnis »westlicher« Arroganz, Demokratie und Menschenrechte zu westlichen Werten zu erklären, nur weil sie in Westeuropa und Nordamerika zum ersten Mal in der gegenwärtigen Fassung aufs Papier gebracht wurden.
Huntington zeichnet ein dichotomisches Weltbild, das ein Ergebnis von kulturalistischem Rassismus ist. Der Westen hat alle hohen Werte, der Rest hauptsächlich Familie, Blut, Glauben… Das ist das Bild von Huntington, das seine ganze »Analyse« vorbestimmt. In der Konfrontation des Anderen bekämpft Huntington symbolisch das Vor-Moderne im Westen, jedoch nicht im Westen selbst, sondern im Anderen. Mit dem Anspruch des Alleinbesitzes der Modernität und aller zu ihr gezählten Werte wird das Vor-Moderne verlagert ins Andere.
Jedenfalls gebe es zwischen den von Huntington aufgezählten Zivilisationen einen Zusammenprall, dessen Hauptfrontstellung die des Nichtwestens gegen den Westen sei. Dieser Zusammenprall werde auch durch die Migration nach Europa verstärkt: »The spectacular population growth in Arab countries, particularly in North Africa, has led to increased migration to Western Europe.«52
Der Islam z.B. führe einen Zivilisationskrieg an vier Fronten: An seiner westlichen Grenze gebe es eine Konfrontation mit dem Westen, an der südlichen Grenze eine mit den animistischen und christlichen Afrikanern, an der nördlichen Grenze seien die orthodoxen Christen von dieser Konfrontation betroffen, während der Konflikt an der östlichen Grenze »a historic clash between Muslim and Hindu« sei.53 Aus diesem Grunde weiß Huntington zu sagen: »Islam has bloody borders.«54
Ein weiteres Kernstück Huntingtonscher Paradigmenbildung ist die Hypothese, daß »the kin-country syndrome is replacing political ideology and traditional balance of power considerations as the principal basis for cooperation and coalitions«.55 Dieses Syndrom sei dann auch das Hauptmotiv der internen Zivilisationsmobilisierung. Mit dem »kin-country syndrome« habe Irak im Golfkrieg die Unterstützung der arabischen Massen mobilisieren können. Auch in der ehemaligen Sowjetunion sei das »kin-contry syndrome« in dem Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan schon zum Zuge gekommen, um in Bosnien Herzegowina voll zur Entfaltung zu gelangen. »Die kin-countries muß man sich wohl als ethnisch-völkisch bzw. religiös-konfessionell ausgerichtete ›Sippenstaaten‹ vorstellen, deren Zusammenhalt (…) auf Verwandtenaltruismus und sozial-emotionaler Reziprozität beruht.«56
Der Mobilisierung der Zivilisationen seien kaum Grenzen gesetzt: »Civilizations rallying to date has been limited, but it has been growing, and it clearly has the potential to spread much further.«57 Aus diesem Grunde könne man die Gefahr nicht hoch genug einschätzen. In dem Zivilisationskrieg »the west versus the rest«58 sei die Stellung des Westens zunächst einmal gut gesichert. Der Westen habe kaum einen ernstzunehmenden militärischen oder ökonomischen Rivalen. Unter den weiter oben aufgeführten Zivilisationen sei höchstens Japan ökonomisch mit dem Westen vergleichbar: »The West in effect is using international institutions, military power and economic resources to run the world in ways that will maintain Western predominance, protect Western interests and promote Western political and economic values.«59
Für den Zusammenprall zwischen »dem Westen und dem Rest« gebe es zwei Ursachen. Die eine sei ökonomische, militärische und institutionelle Interessendurchsetzung. Die zweite Ursache jedoch seien Differenzen in der Kultur, »that is basic values and beliefs«.60 Diese zwei Ursachen, wobei die zweite die entscheidende ist, würden bewirken, daß die zentrale Achse der Weltpolitik der Zukunft der Kampf zwischen »the West and the Rest« sein werde.61
Huntington folgt dem traditionsgeheiligten, aber nichtsdestoweniger vorurteilshaften Schema Orient gegen Okzident und stellt folgende ideologische Konstruktion auf: Der Westen sei zwar, wie oben schon angemerkt, relativ gesichert, jedoch gebe es eine neue »Verbindung« in dem Zusammenprall »the West versus the Rest«, die repräsentativ für den »Rest« der Welt und für den Westen enorm gefährlich sei, insbesondere wenn sie mit der »erosion of Western Culture«62 zusammentreffe: »The Confucian-Islamic connection«.63 Huntington erwähnt überhaupt nicht, daß die Kriege innerhalb Europas bisher häufiger und blutiger waren als die Kriege zwischen dem »Islam« und dem Westen. Für ihn ist die erwähnte »connection« ein alarmierendes Beispiel für die Kooperation des »Rests« untereinander: »The most prominent form of this cooperation is the Confucian-Islamic connection that has emerged to challenge Western interests, values and power.«64 Daher müsse die Aufmerksamkeit des Westens »natürlich« auf Nationen gerichtet sein, »that are actually or potentially hostile to the West«.65 Die Aufmerksamkeit reiche jedoch nicht aus. Der Westen müsse auch Konsequenzen aus dem Zusammenprall »the West versus the Rest« ziehen und kurz- und langfristige Maßnahmen treffen, um siegreich der »Entwestlichung« (de-Westernization) und der »Entamerikanisierung« (de-Americanization) begegnen zu können.66 Der Westen müsse sich mit dem Wissen wappnen, daß der nächste Weltkrieg ein Weltkrieg zwischen den Zivilisationen sein würde.67
Die kurz- und langfristigen Maßnahmen, die der Westen ergreifen solle, führt Huntington schließlich zum Schluß seines Aufsatzes auf. Die wichtigsten unter den kurzfristigen Maßnahmen sind die Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen den Subzivilisationen des Westens (Amerika und Westeuropa), die Lateinamerika und Osteuropa auch an sich binden sollen, und die Begrenzung der »expansion of the military strength of Confucian and Islamic states«.68 Unter den langfristig von Huntington vorgeschlagenen Maßnahmen ist die folgende die wichtigste: »This will require the West to maintain the economic and military power necessary to protect its interests in relation to these civilizations.«69
Mit diesen Maßnahmen, die Huntington vorschlägt, offenbart er die politische Absicht des Zivilisations-Paradigmas: es soll massenpsychologisch suggestiv und für die Militärhaushalte des Westens bereichernd wirken. Der Zusammenprall der Zivilisationen dient offensichtlich dazu, für die Aufrechterhaltung und den weiteren Ausbau der Rüstungsausgaben nach dem Zerfall der Sowjetunion politisches Verständnis und Unterstützung zu mobilisieren.70
Sollte der Westen jedoch die Huntingtonschen Maßnahmen nicht ergreifen, werde folgendes eintreffen: »The decline of Western power will be followed, and is beginning to be followed, by the retreat of Western culture.«71 Und: »Culture is to die for.«72 Die politischen, ökonomischen oder ideologischen Interessen seien für die Menschen und »Völker« nicht mehr wichtig. Wichtig sei dies, was auch den Inhalt der Kultur der Anderen ausmache: »Faith and family, blood and belief, are what people identify with and what they will fight and die for.«73
Der Kulturbegriff Huntingtons ist ein neodarwinistisch instrumenteller Kulturbegriff, dessen Bedeutung bei der Konstruktion des Zivilisationsparadigmas besonders deutlich wird, wenn Huntingtons Definition der Zivilisation als eine Art Mega-Lebewesen aufgefaßt wird. In der Tat definiert Huntington Zivilisationen mit Merkmalen biologischen Lebens: Die Zivilisationen – selbstverständlich die der Anderen – haben eine Kultur, die durch Verwandschaftsaltruismus, Glauben und Blut definiert ist, einen Anfang und ein Ende, ein Wachstum und eine Erosion. Das ist purer Biologismus in der Tradition der Kreislauftheorien, der das darwinistische Modell biologischer Evolution auf die Gesellschaftsgeschichte bruchlos überträgt.
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Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel P. Huntingtons Kampf der Kulturen.
Unrast Verlag
2. überarbeitet und ergänzte Aufl. 2002
ISBN-10: 3-89771-414-0
ISBN-13: 978-3897714144