Gazi Caglar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. KRIEGSSZENARIEN FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT.

Auszug aus: Gazi Caglar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen.

Sensationelle Voraussagen von Kriegen, Atombombenabwürfen, Schlachten, Erdbeben, Kometenabstürzen, Umweltkatastrophen, dem ›Untergang des Abendlandes‹ oder gar vom Untergang der Erde wurden je nach Möglichkeit der vorausgesagten Gefahr immer schon getroffen.1 Manche von ihnen haben sich aufgrund praktischer Realisierbarkeit und voraussagbarer Entwicklungstendenzen realer gesellschaftlicher Prozesse bewahrheitet. Die meisten gehören in den zumeist religiös verbrämten und konservativen Abfall von Endzeiterwartungen. Wenn auch sensationelle Voraussagen nicht in das Aufgabenfeld von Sozialwissenschaften gehören, so ist es doch der Anspruch von rationaler Wissenschaft überhaupt, auch Voraussagen zu treffen.2 Sonst wäre jegliche Wissenschaft bloß die Beschreibung dessen, was ist, bzw. dessen, »wie es wirklich gewesen«.3 Die immer währende Suche vieler Wissenschaftler in den Sozialwissenschaften nach die ›Naturgesetze‹ imitierenden Gesetzmäßigkeiten mit Anspruch auf universelle Gültigkeit ist zugleich die Suche nach Möglichkeiten relativ gesicherter Voraussagen.

So verhält es sich auch seit dem fast geräusch- und klanglosen Zusammenbruch des »real existierenden« sozialistischen Blocks mit gesellschafts- und weltpolitischen Prognosen. Namhafte Wissenschaftler und viele politische Literaten wagen immer mehr Prognosen und Prophetien in bezug auf das kommende Jahrhundert, nachdem sie zumeist eine von den Mythen des »Kalten Krieges« durchsetzte Gegenwartsdiagnose ausmalen. Sie lesen sich zumeist wie gezielte Politikberatung, sind es in vielen Fällen sicherlich auch.

Eines der Lieblingsthemen der auf sehr wackeligen Beinen stehenden Prophetien in bezug auf das kommende Jahrhundert bezieht sich auf die internationale Politik und die Veränderungen und Verschiebungen in den internationalen Machtverhältnissen. Das zumeist durchklingende Motiv ist eine vermeintliche Bedrohung für den Westen und die westliche ›Wertegemeinschaft‹4. Dieses Motiv der höchsten Gefährdung durchzieht neben vielen Arbeiten mit wissenschaftlichem Anspruch5 auch viele Diskussionen und Artikel in der Presse.6 Getrieben von der mythosstarken Überzeugung der höchsten Bedrohung versucht dieser Diskurs7 den Westen aufzurütteln, ja zu alarmieren. Dabei ist die Sprache dieses Diskurses dem der Bedrohung und der Angst aufs Genaueste angepaßt.8

Peter Scholl-Latour zeichnete schon 1990 das Bild des neuen Feindes: »Das Erwachen des Islam ist kein lokal begrenztes Problem. Über den Staat Israel sind die Amerikaner unmittelbar tangiert. (…) Europa hat längst aufgehört, das Mittelmeer zu beherrschen. (…) Von Süden her ist eine Immigrationswelle in Gang gekommen, die einer Völkerwanderung gleicht.«9 Und natürlich droht vom neuen Feind auch das Schrecklichste: »Heute ist aller Welt offenkundig, daß die gleichen Trägerwaffen, die aus Europa entfernt wurden, sich im Nahen und Mittleren Orient, auch in Teilen Nordafrikas, ungewöhnlich vermehrt haben und sehr bald ihre drohende Ladung auf das Abendland richten könnten.«10 Seitdem reißt die Literatur zur Verteidigung des Westens nicht ab.

Die Wissenschaftler und »FAZ«- und »Zeit« – Autoren Richard Herzinger und Hannes Stein schreiben sogleich ein ganzes Buch über die »Offensive der Antiwestler«11, das sie dem Positivisten Karl Popper widmen. Der Westen, »den wir verteidigen wollen« und der nicht als »das Bild, sondern der Rahmen«12 definiert wird, sei gefährdet. Gegen »die Offensive der Antiwestler«, die sie sowohl im Westen13 als auch überall auf der Welt14 »wüten« sehen, sei die westliche Politik fast blind: »Daß unsere politische Klasse in ihrer Bunkermentalität verharrt, beweist aber noch lange nicht, daß der Westen gescheitert ist. Es zeigt nur, daß der Westen im Begriff ist, sich selbst aufzugeben.«15 Das Kapitel über die russischen ›Antiwestler‹ überschreiben sie mit den Worten: »Ex Oriente Teneber«. Man braucht nicht lange nach der Ursache der ›Finsternis‹ zu suchen: Die Finsternis kommt aus dem Orient!

Andere Wissenschaftler wählen nicht die lateinische Sprache, sie sprechen für alle verständlich gleich Deutsch und sagen unverblümt: Nicht nur ›der Westen‹, auch der einzelne abendländische Mensch ist bedroht. Angesprochen auf die Gefahren für den abendländischen Menschen antwortet Irenäus Eibl-Eibesfeldt: »Der abendländische Mensch ist sehr dynamisch, findig, einfallsreich und neugierig, und er wird seine Probleme sicher meistern.«16 Der seit Jahren angesichts von Migrationsbewegungen die Alarmglocke läutende Biologe schlägt vor, den Begriff des Ausländers nicht durch den des Kulturfremden, sondern durch den Begriff des »Kulturfernen«17 zu ersetzen. Überzeugt davon, daß die »Kulturfernen« keine Bereicherung für die Europäer sind, z.B. Türken und Deutsche sich »gegenseitig fürchten«18 müssen und Europäer, »wie alle Organismen, in einer langen Stammesgeschichte daraufhin selektiert wurden, in eigenen Nachkommen zu überleben«, wundert er sich, daß es angesichts »der stillen Landnahme über Immigration« keinen »furchtbaren Krach« gibt, den es ja geben würde, »wenn jemand den Grenzpfahl in Europa nur um zehn Meter verschieben würde«.19 Zum Überleben des abendländischen Menschen sei es zwingend notwendig, »daß sich Europa unter Einbeziehung Osteuropas großräumig abschottet und die Armutsländer der Dritten Welt durch Hilfen allmählich im Niveau hebt«. Nachdem er dann betont, daß er »die kulturelle Buntheit (liebe)«, äußert er sein Verständnis für das »europäische Eigeninteresse«: »Man muß nicht notwendiger Weise seine eigene Verdrängung begrüßen.«20

Wenn auch Eibl-Eibesfeldt ein ausgewiesener Rassist ist, so spricht dies nicht dagegen, daß er denselben Diskurs »The West versus the Rest«21, allerdings von rechts außen, führt, wie ihn auch andere führen. Hanspeter Mattes z.B. sieht ein globales Netz (man achte auf die Reihenfolge) von »Umwelt-, Migrations- und Drogenproblemen«.22 Nicht nur die Wissenschaftler, auch führende Politiker führen diesen Diskurs. Helmut Kohl schreibt anläßlich der doch ansonsten ›harmlosen‹ Übernahme der Präsidentenschaft in der Europäischen Union durch Deutschland: »Europa: Jetzt sind wir dran! (…) Die Bekämpfung des internationalen Verbrechens, des Terrorismus sowie der Drogenmafia ist längst nicht mehr allein auf nationalstaatlicher Ebene möglich. Hier – wie bei der Asyl- und Zuwanderungspolitik – brauchen wir eine gemeinsame Strategie«23 Europas. Festzuhalten ist jedoch, daß die alten Maximen der realen Politik mittlerweile auch zu Motiven von mancher wissenschaftlicher Beschäftigung geworden sind. Zumeist sind diese Wissenschaftler sogar in ihren Äußerungen temperamentvoller und extremistischer, da sie nicht durch die Gewißheit der Macht beschwichtigt werden wie manche Politiker.

Die überaus häufig geäußerte Prognose dieses Diskurses für das 21. Jahrhundert ist Krieg. Die Protagonisten dieses Diskurses unterscheiden sich zumeist nur in ihrer Antwort auf die Frage, wie und zwischen wem die Fronten laufen werden.
Hans Magnus Enzensberger diagnostiziert ein Zeitalter »molekularer Bürgerkriege«. Diese sind ihm zufolge nicht mehr von externen Mächten verursacht. Die Bürgerkriege zeigen seit dem Ende des ›Kalten Krieges‹ ihr wahres Gesicht: Ideologien, wirtschaftliche Interessen, der wahre Glaube, die eigene Nation waren nichts weiter als Vorwände. Es geht heute zutage um bloßes Töten, um Mord an sich. Da eben nicht um Ziele, Projekte und Überzeugungen, um die Durchsetzung politischer und wirtschaftlicher Interessen gekämpft wird, sind moderne Bürgerkriege nicht mit den gängigen politischen und soziologischen Theorien erklärbar. Sie sind grundsätzlich irrational und deswegen ›molekulare Bürgerkriege‹, weil sie zumeist von einer Minderheit ausgehen. Sie toben auch schon jetzt in westlichen Großstädten. Bei molekularen Bürgerkriegen handelt es sich um ein Versagen des Selbsterhaltungstriebes, um einen »kollektiven Amoklauf«.24 Das eigentliche Ziel dieser Kriege ist die »kollektive Selbstverstümmelung«.25

In ähnlich generalisierender Art behauptet Robert Kaplan, daß es ein allgemeines, universell wirkendes Muster des sozialen Zusammenbruchs gebe, der einen durch Migrationsbewegungen verstärkten Bevölkerungsdruck und den ökologischen Kollaps zur Triebkraft habe. Die westlichen Industrieländer trieben in eine Zukunft, wie sie gegenwärtig in Westafrika bestehe: Kriminelle Banden würden jegliches zusammenhängendes politisches Handeln unmöglich machen.26 Ähnlich wie bei Enzensberger geht es also auch bei Kaplan um die Vision eines überall aufbrechenden Krieges, der nicht mehr die Geordnetheit und Planbarkeit von Kriegen zwischen Nationalstaaten aufweist.27

Francis Fukuyama, der in dem vermeintlichen Sieg des kapitalistischen Westens über den zusammengebrochenen Osten schon einmal »das Ende der Geschichte«28 erblicken wollte, nach gerade erfolgter Überwindung der ›Ost-West-Konfrontation‹ gleich jedoch die Welt in zwei teilte, »in einen posthistorischen Teil und einen Teil (in dem sich das Erdöl konzentriert, G.C.), der immer noch in den Lauf der Geschichte eingebunden ist«29, vertritt die These, daß die Menschheit bald Zeuge von bisher unvergleichbar gefährlichen Kriegen zwischen den industriellen Demokratien und der nichtdemokratischen, überaus großen Welt werde. Als potentielle Kriegsgegner der demokratischen Welt in der bisher größten kriegerischen Auseinandersetzung identifiziert er Rußland und China, beide Wortführer der antidemokratischen Welt.30
Sogar der kritische Theoretiker Dan Diner sieht die ›Orientalische Frage‹ wiederkehren. Er sagt: »Der mit der Orientalischen Frage verbundene Raum war der reale wie symbolische Ort, an dem sich die Zivilisationen der westlichen und östlichen Christenheit und des Islam aneinander rieben und sich im Verhältnis zueinander definierten.«31 Nach dieser Definition der Orientalischen Frage behauptet er, daß auf dem Balkan und im Kaukasus die Konfliktlinien des 19. Jahrhunderts erneut aufbrechen würden. Diese Konfliktlinien würden zwischen »westlicher und östlicher Christenheit, Orthodoxie und Islam, West und Ost«32 verlaufen. Tahar Ben Jelloun geht viel weiter: »Unversöhnlich stehen sich zwei Vorstellungen vom Leben, zwei Existenzphilosophien gegenüber.«33

Als wichtiger Teil dieses Diskurses wurde der »Krieg der Zivilisationen« systematisiert. Samuel Huntington und Bassam Tibi bemühen sich um eine ›wissenschaftliche Begründung‹ der seit dem Zusammenbruch der Ost-West-Dichotomie massenfach produzierten neuen Weltbilder und Mythen. Da sie aber, wie noch zu zeigen sein wird, keinesfalls neu sind, entfalten sie die Aura beängstigender und bedrohlicher Gespenster. Als solche wirken sie dann auch in der internationalen Politik.

Allen diesen Kriegsszenarien für das 21. Jahrhundert ist gemeinsam, daß sie die zukünftige Weltordnung als eine des Chaos und Krieges vorstellen und in diesem Krieg den ›Westen‹ in einer sich immer barbarischer und wilder gebärdenden Welt bedroht sehen. Auch wenn die Akteure gegen den Westen unterschiedlich bestimmt werden, tun sie doch alle eines: Bedrohung des Westens. Das bisher am globalsten gezeichnete Bedrohungsszenario bildet das »Zivilisationsparadigma« von Huntington und Tibi, welches im folgenden vorgestellt werden soll.

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Gazi Caglar
Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen
Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel P. Huntingtons Kampf der Kulturen.
Unrast Verlag
2. überarbeitet und ergänzte Aufl. 2002
ISBN-10: 3-89771-414-0
ISBN-13: 978-3897714144