Auszug aus:
Gazi Caglar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Kaum ist die »kommunistische Gefahr« gebannt und die ›Ost-West-Konfrontation‹ in Folge der geräuschlosen Selbstauflösung des Warschauer Paktes beendet, erzittert das Abendland wieder einmal. Die kurzlebige Selbstgewißheit kapitalistischer Metropolen, ›das Ende der Geschichte‹ sei erreicht, die Hegemonie des ›Westens‹ habe sich ein für alle Mal weltweit durchgesetzt, macht auf eine paradoxe Art und Weise neuen, größtenteils ideologisch selbst konstruierten Ungewißheiten Platz, die Angst erzeugen: Neue Feindbilder werden geschaffen, es blüht der Diskurs der Dekadenz und der Rettungsmaßnahmen.
Mit der dem hauptsächlich aufgrund innerer Widersprüche erfolgten Zerfall des »Realsozialismus« geschuldeten, daher mehr oder weniger wirklichkeitsfremden Selbstgewißheit ›des Westens‹ korrespondierte die Hypothese, die Zeit der Großtheorien und Totalperspektiven sei zu Ende. Diese nach 1990 nicht nur in den Wissenschaftsbetrieben favorisierte Annahme meinte selbstverständlich nicht das generelle Ende von Großtheorien. Sie konstatierte in erster Linie, daß real machbare Utopien mit theoretischem Anspruch, die alle Bereiche bürgerlicher Gesellschaftsformation alternierend analysieren und kritische Transformationsmöglichkeiten und -perspektiven aufzeigen, ihr historisches Pensum erfüllt hätten.
Einige wenige Jahre nach der ›Beendigung‹ der größten Konfrontation unseres Jahrhunderts und dem so laut wie möglich formulierten Hegemonieanspruch des ›Westens‹ tauchten wieder Großtheorien auf, die den Ehrgeiz für sich in Anspruch nehmen, die Ursachen der weltweiten Konflikte erklären zu können. Sie tauchten just in dem Moment auf, wo der ›Westen‹ glaubte, den ›Rest‹ endlich zu »Einer Welt« zusammengefaßt zu haben, um diese »Eine Welt« schon wieder zu teilen: Samuel P. Huntington stellte 1993 die These auf, daß die Achse der Weltpolitik kurz vor dem Ende des 20. Jahrhunderts und vielleicht sogar im ganzen 21. Jahrhundert durch den Zusammenprall der Zivilisationen bestimmt sein werde. Andere Wissenschaftler und Journalisten griffen diese These rasch auf, um mannigfaltige Gefahrenszenarien vor allem und ausschließlich für die ›westliche Zivilisation‹ zu entwerfen, die vom ›Rest‹ bedroht werde. Bassam Tibi schrieb ein Buch, das er höchst affektiv mit dem Titel »Krieg der Zivilisationen« versah.
Das neue Zivilisationsparadigma, zu dessen ›Begründung‹ wortreiche mythopoetische Exkurse bemüht werden, erzeugt bei näherer Beschäftigung ein Déja-vu-Erlebnis: Es basiert auf Annahmen zyklischer Geschichtstheoriebildung, den grundlegenden Bildern des Eurozentrismus und des kulturalistischen Rassismus über das Eigene und das Fremde, und der politischen Ambitionierung mit den geopolitischen, geomilitärischen, geowirtschaflichen Interessen gegenwärtiger Zentren der Weltpolitik und -ökonomie mit Vorzugsstellung des europäischen und US-amerikanischen.
Nimmt man die neue Großtheorie vom Zivilisationsparadigma ernst, scheint sich die ganze Welt verschworen zu haben gegen Westeuropa und USA. Das Zivilisationsparadigma ist neben den oben erwähnten Implikationen auch eine Konspirationstheorie. Als solche hat es seine Feindbilder, die selbstverständlich varieren können. Manchmal sind es die islamischen ›Fundamentalisten‹, manchmal ganze Zivilisationen, die religiös definiert werden, z.B. die islamisch-konfuzianische Zivilisationskooperation. »Die wunderbare Sache einer Konspirationstheorie ist, daß sie einem erlaubt, alles perfekt zu verstehen. Sie verrät dir, daß alles Böse in der Welt auf eine einzige Ursache zurückgeht, und diese Ursache sind SIE, wer immer das jeweils sein mag.«1
Das Zivilisationsparadigma bildet den Höhepunkt von Kriegsszenarien, die für das Ende des 20. und das 21. Jahrhundert gezeichnet werden. Getrieben von der Suche eines erkennbaren Sinnes in der Geschichte, der zumeist hineininterpretiert wird, werden Prognosen und Prophetien zur Entwicklung der Welt im dritten Jahrtausend aufgestellt. Diese Prognosen und Prophetien, die Teile größerer Kriegsszenarien sind, werden im zweiten Kapitel der vorliegenden Arbeit erläutert, wobei das Zivilisationsparadigma den Schwerpunkt bildet.
Das Zivilisationsparadigma von S. P. Huntington und Bassam Tibi ist keineswegs so neu, wie es behauptet wird. Die geschichtstheoretischen Grundlagen dieses Paradigmas sind zu finden in den zyklischen Geschichtsphilosophien, deren Exponaten Oswald Spengler, Arnold Toynbee und Nikolaj Danilevskij im letzten und diesem Jahrhundert waren. Die geschichtsphilosophische Tradition dieser Denker, die politisch immer nur rechts bis rechtsaußen agierte, wird im ›neuen‹ Zivilisationsparadigma ohne Brüche aufgenommen und in einer Weise reformuliert, die terminologisch den Gepflogenheiten am Ende des 20. Jahrhunderts entspricht. Der geschichtsphilosophische Hintergrund wird im dritten und vierten Kapitel nachgezeichnet.
Die Suche nach verborgenen Strukturen des pluralistischen Ganges der Weltgeschichte wird von S.Huntington und B. Tibi auf der Grundlage des Cartesianischen Weltbildes betrieben, das entscheidend die dichotomische Struktur des Zivilisationsparadigmas prägt. Der scharfe Dualismus von Descartes, der auch die Denk- und Wissenschaftstradition bis heute beeinflußt, wird im fünften Kapitel kritisch skizziert, um dessen Einflüsse auf das zivilisationsparadigmatische Denken hervorzuheben.
Das Zivilisationsparadigma scheint nach einem Motto zu funktioneren, das in Umwandlung eines Satzes bei Nietzsche etwa so lauten würde: Schafft Euch den Begriff einer »Zivilisation«: den könnt ihr nie edel und hoch genug denken.2 Der Begriff der Zivilisation ist so stark, daß sogar Nichteuropäer bemüht sind, nachzuweisen, daß sie »einen wichtigen Beitrag zur europäischen Zivilisation geleistet«3 haben. Dabei läßt sich bei näherem Hinsehen mit einigem Recht behaupten, daß der Zivilisationsbegriff ein Mythos ist. Der Zivilisationsbegriff als eine der tragenden Säulen des zivilisationsparadigmatischen Denkens bildet den Mittelpunkt des Interesses im sechsten Kapitel.
Ein weiteres Diktum des Zivilisationsparadigmas ist das Selbstbild der ›Moderne‹. Die Definition des Eigenen als Moderne setzt in der Denktradition des Zivilisationsparadigmas die Qualifizierung des Fremden als das Vormoderne voraus. Das im Zivilisationsparadigma nochmals zur Schau gestellte Selbstbild der ›Moderne‹ soll im siebten Kapitel untersucht werden.
Abschließend wird thesenhaft betont, daß das Zivilisationsparadigma eine Fortführung des »Kampfes der Ideologien« ist, der nach 1990 unzählige Male totgesagt wurde. Darin und in der politisch-psychologischen Aufrüstung und Vorbereitung des ›Westens‹ auf die neuen Verteilungskämpfe in der ›neuen Weltordnung‹ liegt die Hauptfunktion des Zivilisationsparadigmas.
Anmerkungen 1 Michael Barkun, zitiert nach: G. S. Freyermuth, Im Netz der Verschwörer, in: Die Zeit Nr. 26, 21. Juni 1996, S. 66
2 »Schafft Euch den Begriff eines ›Volkes‹: den könnt ihr nie edel und hoch genug denken.« heißt es bei Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, München 1996, S. 80
3 Ömer Erzeren, Istanbul, und Theo Pischke, Lissabon: Ist Europas Rand Europas Kern?, in: Die Tageszeitung, 21. Mai 1996, S. 14
Zurück zum Titel: Gazi Caglar
Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel P. Huntingtons Kampf der Kulturen.
Unrast Verlag
2. überarbeitet und ergänzte Aufl. 2002
ISBN-10: 3-89771-414-0
ISBN-13: 978-3897714144