Queer Identity in der Festung Europa
Auszug aus: Fatima El-Tayeb: Begrenzte Horizonte.
Queer Identity in der Festung Europa. In: Hito Steyerl / Encarnatión Gutiérrez Rodríguez (Hg.):
Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Unrast-Verlag. Münster 2003. ISBN 3-89771-425-6
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Zu den Erkenntnissen von
postcolonial studies und
queer theory, die sich im letzten Jahrzehnt nahezu als Gemeinplatz durchgesetzt haben, gehört jene von der Interdependenz der Konzepte von ›Rasse‹ und Geschlecht, der Unmöglichkeit, das eine ohne das andere adäquat zu analysieren. (1) Auch im deutschen akademischen Diskurs wird dieser Ansatz weitgehend anerkannt – mit einer wichtigen Ausnahme: der Analyse der deutschen Gesellschaft selbst. Hier dominiert nach wie vor die Überzeugung, ›Rasse‹ sei ein Konzept, das im deutschen Kontext – mit Ausnahme der Jahre 1933-45 – irrelevant sei und so guten Gewissens außer Acht gelassen werden könne. Dieser Aufsatz will anhand des Beispiels
queer identity aufzeigen, dass diese Annahme höchst problematisch ist und im Gegenteil eine Analyse der auch für deutsche Verhältnisse determinierenden Verbindung von Sexualität,
gender und
race . Voraussetzung dafür ist, dass in Deutschland innovative Beiträge zu
queer theory und
postcolonial studies geleistet und deren Ansätze fruchtbar auf die deutsche politische Praxis angewandt werden können. Eine Praxis, die sich im Falle der
queer identity immer ausschließlicher auf Assimilation von weißen Lesben und Schwulen an ein europäisches System richtet, dessen Ausgrenzungspraktiken wiederum immer deutlicher auf ›rassischen‹ Kriterien beruhen.
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Queer als Oberbegriff marginalisierter Sexualitäten trägt einerseits der Tatsache Rechnung, dass diese immer auch stark durch ›Rasse‹ und Klasse – bestimmt wurden, andererseits wird die konstituierende Rolle dieser Konzepte für den westlichen Sexualitätsdiskurs in der Analyse zu oft vernachlässigt (2). Trotz des einschließenden, grenzüberschreitenden Anspruchs wird insbesondere
whiteness (
Weißsein) zu oft als unhinterfragte Norm gesetzt, statt als ›Kopie ohne Original‹, das ebenso wie die Heterosexualität, immer wieder neu konstruiert werden muss und ›ethnische Identitätsmodelle‹ entwickelt, die für ethnische Minderheiten ebenso problematisch sind wie für Lesben und Schwule. (3)
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Anmerkungen (1) Es geht mir hier um ›Rasse‹ als wissenschaftliches und politisches Konstrukt von immensem Einfluss, nicht um ›Rasse‹ als biologische Realität. Die Erkenntnis, das letztere nicht existiert, kann jedoch nicht allein durch die Vermeidung jeder Referenz auf Rassenkonzepte zum Allgemeingut werden. Denn so werden einerseits die enormen politischen und ökonomischen Ungleichheiten, die die soziale Wirksamkeit der Rassenhierarchie mit sich brachte und noch bringt, ignoriert, d.h. struktureller Rassismus kann nicht adäquat analysiert werden. Andererseits wird das Widerstandspotenzial sozialer Gruppenidentitäten, die sich als Reaktion auf rassische Zuschreibungen bildeten, negiert.
(2) Ebenfalls problematisch ist die Abgrenzung vom Feminismus, die mit einer Vernachlässigung feministischer Analysen zur sozialen Funktion von Geschlechts- aber auch ethnischer Identität einhergeht und so wieder zu einer a-historischen Abstrahierung sozialer Konstrukte beiträgt. Eine Prozess, der insbesondere für diejenigen, die auf mehr als eine Art marginalisiert sind, große Gefahren birgt.
(3) Gleichzeitig kommt es im Zuge der Institutionalisierung von
queer studies zu einer Marginalisierung von
queers of color, die von akademischen Netzwerken noch weitgehend ausgeschlossen sind (Gutiérrez Rodriguéz, in Gelbin 1999). Die Arbeiten insbesondere schwarzer Theoretikerinnen zur Interaktion von
race, class und
gender werden auch von der queer theory genutzt, ohne dass es jedoch zu einer entsprechenden Einbindung nicht-weißer AkademikerInnen kommt.
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Hito Steyerl / Encarnatión Gutiérrez Rodríguez (Hg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik