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Werner Imhof: Fortsetzung des Kommunismus. Versuch Nr. 6 – Wie es weitergeht.

So wird's gemacht, denken die Menschen, in der Annahme, daß sie ihre Geschichte jetzt selbst in der Hand haben. Doch zu ihrem Leidwesen müssen sie bald feststellen, daß sie sich auch diesmal wieder getäuscht haben. Die ersten Befremdlichkeiten erleben sie auf demMarktplatz. Denn einige Menschen wollen Bügeleisen, Butter und Bikinis mit nach Hause nehmen, ohne sie zu bezahlen. Damit sind die Herstellerinnen aber nun gar nicht einverstanden. "Moment mal", sagen sie, "die Dinge haben schließlich Arbeit und Material gekostet. Da könnt ihr euch doch nicht einfach bedienen, ohne uns diese Kosten zu ersetzen. Oder glaubt ihr, wir arbeiten umsonst und kriegen unser Material geschenkt?"
"Wieso redet ihr von 'Kosten' und dazu noch von euren? Und was heißt hier 'umsonst' und 'geschenkt'?", erwidern die anderen. "Wir wollten doch alle zusammenarbeiten. Da muß doch auch das, was wir zusammen herstellen, allen zusammen gehören und jede sich davon nehmen können, was sie zum Leben braucht." "Selbstverständlich wollen wir alle zusammenarbeiten", sagen die Herstellerinnen, "aber dazu gehört doch wohl auch ein gerechter Tausch. Oder wie stellt ihr euch sonst eine faire Zusammenarbeit vor?"
"Ihr mit eurem Tausch- und Gerechtigkeitsfimmel!", sagen darauf die anderen, und ihre Stimmen werden ein wenig laut und ungehalten: "Wir dachten, darüber wären wir hinweg. In der Fabrik und zu Hause tauschen wir ja auch nicht. Und als wir die Maschinen so weit hatten, daß sie uns die Arbeit abnehmen konnten, da war doch auch Schluß mit dem ewigen Tausch, und das Geld wurde überflüssig. Die Maschinen haben sich untereinander mit dem beliefert, was sie zum Arbeiten brauchten, ohne irgendwelche 'Kosten' zu berechnen. Und wir bekamen die Bügeleisen und Brathähnchen ebenfalls, ohne einen Cent dafür zu bezahlen."
"Aber wir sind doch keine Maschinen!", protestieren die Herstellerinnen. "Wir sind Menschen, die ein persönliches Interesse an der Arbeit brauchen und sehen wollen, daß sich die Arbeit lohnt. Warum haben wir denn den Versuch mit der Maschinenarbeit abgebrochen? Weil wir faul und ungesellig wurden. Und warum wurden wir faul und ungesellig? Weil alle ohne Arbeit das Gleiche bekamen. Darüber waren wir uns schließlich einig."
"Ganz und gar nicht", widerspricht eine der Frauen, die eigentlich nur gekommen war, sich ein Bügeleisen zu holen. "Wir sind nicht ungesellig geworden, wir waren es schon vorher, weil jede nur an sich selbst gedacht hat. Wie sonst hätten wir auf die Schnapsidee kommen können, alle Arbeit mit anderen Menschen für andere Menschen auf die Maschinen abzuwälzen? Wir waren ja so verblendet, nicht einmal zu merken, daß wir dazu den Kapitalismus abschaffen mußten und gleichzeitig eine wahnsinnige Plünderung unserer Naturressourcen veranstaltet haben. Und aus welchem Grund haben denn alle das Gleiche bekommen? Doch nicht, weil die Maschinen zu wenig Dinge hergestellt hätten und deren Verteilung deshalb rationiert werden mußte. Nein, es war die pure Mißgunst, die daran Schuld war, weil keine der anderen mehr Dinge gegönnt hat, als sie selbst verbrauchen konnte. Und pure Mißgunst war auch der Grund, weshalb wir im nächsten Versuch die Zuteilung der Dinge an die Arbeitsleistung koppeln wollten. Denn diejenigen, die geschickter und schneller arbeiten können als andere, mochten sich nicht damit abfinden, daß diese anderen weiter das Gleiche bekommen sollten wie sie. Daß wir alle faul geworden wären, war doch nur ein Vorwand. Denn die Maschinen hatten uns ja sowieso alle Arbeit abgenommen."
"Nun hört euch diese Schlaumeierin an", sagen da die Herstellerinnen, und auch ihre Stimmen klingen jetzt lauter. "Wenn du die Menschen so gut durchschaust, warum hast du dich dann nicht schon früher zu Wort gemeldet? Zum Beispiel bevor wir die Dinge kaputt gehauen haben? Das hätte uns eine Menge Frust und Hunger ersparen können."

"Ich hab's ja versucht", verteidigt sich die Kundin mit dem Bügeleisen unterm Arm, "aber wie soll frau sich Gehör verschaffen, wenn die meisten Menschen gar keine Lust haben, über ihr eigenes Verhalten nachzudenken, und Fehler immer nur woanders suchen, bei den Chefmenschen, bei den Topfmenschen oder bei den Dingen? Das fing doch schon bei unserem zweiten Versuch an..."
"Halt, stop", wird sie von den Umstehenden (denn inzwischen hat sich eine ganze Traube von Zuhörerinnen gebildet) unterbrochen: "Du willst uns doch wohl jetzt nicht mit diesen alten Kamellen kommen. Das ist Schnee von gestern. Wir sind inzwischen beim sechsten Versuch und haben aus der Geschichte gelernt."
"Eben das bezweifle ich", antwortet die Frau mit dem Bügeleisen. "Und da wir abgemacht haben, über alles zu diskutieren, muß es wohl auch erlaubt sein, über vergangene Fehler zu reden, um daraus zu lernen. Also: Als wir die Arbeit in den Fabriken gemeinsam ohne Chefmenschen organisierten, waren wir doch schon ziemlich glücklich – wenn uns nicht die Konkurrenz auf dem Marktplatz den Spaß an der Arbeit verdorben hätte. Aber haben wir ernsthaft darüber diskutiert, woher unsere Konkurrenz eigentlich kommt und was für eine eigentümliche Veranstaltung der Marktplatz überhaupt ist? Nein, wir haben die Konkurrenz dem Zufall in die Schuhe geschoben, den Marktplatz als bloßes Informationsproblem behandelt und dessen Lösung den Topfmenschen übertragen. Und als wir merkten, daß die Topfmenschen damit hoffnungslos überfordert waren, gleichzeitig aber anfingen, sich wie Prinzessinnen aufzuführen, haben wir da etwa überlegt, wie wir selbst auf andere Art und Weise unsere Arbeit mit unseren Bedürfnissen in Einklang bringen könnten? Nein, wir haben uns diese Frage nicht einmal gestellt, statt dessen kurzerhand die Arbeit überhaupt zum Buhmann erklärt und darauf gebaut, daß die Maschinen uns mit der Arbeit auch deren vernünftige Organisation abnehmen, zu der wir selbst nicht imstande waren. Das hätte ja auch beinahe geklappt – wenn wir uns nicht wieder selbst im Wege gestanden hätten. Den meisten Menschen fiel doch nicht einmal auf, daß wir mit der Arbeit so ganz nebenbei auch den Kapitalismus abgeschafft hatten. Und wer kam schon auf die Idee, daß wir von den Maschinen hätten lernen können, wie vernünftige technische Zusammenarbeit ohne Tausch funktioniert? Niemand, es waren doch alle damit beschäftigt, ihre Nachbarinnen zu kontrollieren, damit auch nur ja keine mehr bekäme als die andere. Das gefiel uns zwar auch nicht, weil wir gar nicht mehr dazu kamen, etwas gemeinsam zu machen. Und immerhin haben wir daraus die Konsequenz gezogen, wieder selbst zu arbeiten. Aber dann? Dann hatten wir nichts Eiligeres zu tun, als die Verteilung der Dinge einem Prinzip zu unterwerfen, das sich einige ganz schlaue Leute ausgedacht hatten: Alle sollten gerade so viele Dinge bekommen, wie sie selbst hergestellt hatten. Über das Motiv seiner Erfinderinnen habe ich ja schon geredet, aber noch nicht über das Fiasko, in dem es geendet ist und das in der offiziellen Geschichtsschreibung leider verdreht wird."
"Nun komm aber langsam mal zum Schluß!", tönt es aus den Reihen der Zuhörerinnen. "Und laß die Fremdwörter und die langen Sätze! Bei uns sollen auch die Kinder zuhören und mitreden können."
"Kinder sind oft verständiger als die kindische Redeweise, die bei uns so in Mode ist", entgegnet die Frau, "aber ich werde mich bemühen. Also zurück zu unserem famosen Verteilungsprinzip. Was bedeutete es praktisch? Klar war zunächst nur, daß es um einen Vergleich verschiedener Dinge ging, und natürlich nicht darum, daß alle die Dinge, die sie herstellen, auch selbst behalten. Vielmehr sollten alle für die Dinge, die sie herstellen, eine gleiche Menge anderer Dinge bekommen. Aber wie lassen sich verschiedene Dinge überhaupt vergleichen? Zum Beispiel Autobahnen mit Kartoffeln? Oder Schrauben mit Busfahren? Denn wir stellen ja nicht nur Dinge her, wir leisten auch Dienste. Wir haben einige Zeit gebraucht, um zu merken, daß die verschiedenen Dinge sich mengenmäßig gar nicht sinnvoll vergleichen lassen, sondern nur die Arbeitszeiten, die sie kosten. Nach allem Bisherigen konnte die Sache also nur auf einen Tausch auf der Basis gleicher Arbeitszeiten hinauslaufen. Das Zählen und Berechnen der individuellen Arbeit pro Ding ging ja noch relativ einfach, aber der direkte Austausch der verschiedenen Dinge war dann doch sehr umständlich. Wer Bügeleisen gegen Äpfel tauschen wollte, mußte lange suchen, um jemanden zu finden, die gerade Äpfel gegen Bügeleisen tauschen wollte. Bis einige den Vorschlag machten, Stundenzettel als Tauschmittel einzuführen, die dann noch durch Minuten- und Sekundenzettel ergänzt wurden. Doch gerade als der Tausch halbwegs zu funktionieren begann – brach er zusammen und mit ihm die ganze Herstellung von Dingen.
Was war geschehen? Wir hatten völlig vergessen, daß die hergestellten Dinge nicht nur auf unserer eigenen Arbeit beruhen, sondern auch auf fremder Arbeit, die ihrerseits wieder von fremder Arbeit abhängig ist usw. Jede Herstellerin war aber nur daran interessiert, ihre eigene Arbeitszeit gegen Dinge ihres persönlichen Bedarfs zu tauschen, ohne sich darum zu kümmern, wie die verbrauchten Arbeitsmittel und -gegenstände zu ersetzen wären. So kam es, daß die einen auf all ihren Schrauben und Blechen sitzen blieben, während die anderen nicht mal die Hälfte ihrer Bügeleisen tauschen konnten. Ihnen allen fehlte nicht nur jeder Nachschub zum Arbeiten, sie hatten auch zu wenig bis gar nichts zum Leben. Der Tausch funktioniert offenbar nur, wenn die in den Dingen enthaltene Gesamtarbeit berücksichtigt wird. So begann nun überall ein großes Zählen und Rechnen, um auch noch den letzten Anteil fremder Arbeitszeit an den hergestellten Dingen zu erfassen.
Daß gleichartige Dinge ganz ungleiche Arbeitszeiten kosten können, war uns ja schon vorher aufgefallen. Es war deshalb keine Überraschung, daß dies bei den Anteilen fremder Arbeit nicht anders war. Dennoch war das besonders ärgerlich, weil dieser Anteil bei den meisten Dingen größer war als der Eigenanteil der jeweiligen Herstellerinnen. Das heißt, es gab überhaupt keine zuverlässige Beziehung mehr zwischen der geleisteten eigenen Arbeit und der Menge an Stundenzetteln, die frau dafür eintauschen konnte, dafür um so mehr Streit und Gefeilsche darum. Denn natürlich ließen sich von gleichartigen Dingen, Bügeleisen etwa, diejenigen am besten tauschen, die die geringste Gesamtarbeit gekostet hatten. Überraschenderweise enthielten solche Bügeleisen aber auch den geringsten Eigenanteil der Herstellerinnen. Das lag einfach an den schnelleren Maschinen, die diese benutzten. Die anderen Bügeleisenherstellerinnen mochten sich noch so anstrengen, sie konnten das langsamere Tempo ihrer eigenen Maschinen nicht wettmachen. Sie mußten beim Tausch deshalb auf einen Teil ihrer geleisteten Arbeitszeit verzichten, um ihre Bügeleisen überhaupt loszuwerden. Und sie konnten die wenigen erworbenen Stundenzettel noch nicht einmal alle selbst nutzen, weil sie einen Teil davon für den Tausch gegen bessere Maschinen ansparen mußten. Zu allem Übel kamen dann auch noch die Feuerwehrleute, die Alten, die Kranken und andere Menschen, die einen Anteil an den Stundenzetteln und die Wiedereinsetzung der Topfmenschen forderten, weil sie, wie sie sagten, selbst nichts herstellen und tauschen könnten. Der Traum vom ungekürzten Arbeitsertrag, von dem manche vorher geschwärmt hatten, war damit endgültig geplatzt.
Das war es, was viele Menschen erboste, daß ihre eigene Arbeit so wenig zählte, weil sie von fremder Arbeit abhängig war, und zugleich fremde Ansprüche bedienen sollte. Das Gezeter über die Ungerechtigkeit, daß die einen mehr bekämen als die anderen, war doch wieder nur eine vorgeschobene Kritik. Denn aus keinem anderen Grund war die Geschichte ja eingeführt worden, angeblich um die Faulheit zu bekämpfen. Sie hatte nur ganz anders funktioniert, als die meisten sich das gedacht hatten. Tatsächlich waren wir wieder beim Kapitalismus gelandet und auf das Niveau unseres zweiten Versuchs zurückgefallen. Daß wir dann vor lauter Wut die Dinge kaputt gehauen haben, war im Grunde nichts anderes als eine Kapitulation vor unserer eigenen Ungeselligkeit. Und ihr wollt jetzt einfach weitermachen, als wäre nichts gewesen? Na, dann gut' Nacht, Matthes!"
"Das war ja eine richtige Philippika", meint eine Bügeleisenherstellerin, die nicht weiß, ob sie betreten oder verärgert sein soll. "Und eine reichlich lange obendrein", ergänzt eine andere. "Aber Recht hat sie", sagen die Kundinnen, die wegen Butter und Bikinis auf den Marktplatz gekommen waren. "Wenn wir für die Dinge bezahlen müssen, die wir brauchen, dann sind wir wieder beim Kapitalismus, und die Topfmenschen haben wir auch wieder im Nacken."
Eine Bikiniherstellerin protestiert: "Das leuchtet mir überhaupt nicht ein. Wenn wir vernünftig miteinander reden und vorher vereinbaren, wer was herstellt, dann muß das doch nicht zum Kapitalismus führen, nur weil wir uns gegenseitig den Aufwand ersetzen. Und außerdem ist die ganze Kritik ziemlich unfair und inkonsequent, selbst wenn ihr Recht hättet. Denn wie könnt ihr davon ausgehen, daß die Zusammenarbeit ohne Tausch und Geld vor sich gehen soll, wenn bisher davon mit keinem Wort die Rede war? Wir waren uns einig, daß wir uns nicht mehr von den Dingen beherrschen lassen wollen, nicht von der Fabrik, nicht von den Bügeleisen, nicht vom Marktplatz und nicht von den Kinokarten. Aber daß wir deshalb auf den Marktplatz verzichten müßten, hat ebensowenig jemand gefordert wie die Abschaffung der Fabriken oder der Kinokarten. Und eine Kritik unserer vergangenen Fehler, wie sie die werte Kundin mit dem Bügeleisen vorgetragen hat, habe ich heute auch zum ersten Mal gehört. Über all das muß doch erst mal richtig diskutiert werden, und zwar mit allen Menschen auf der Welt, damit wir auch alle zusammen entscheiden können, wie unsere Zusammenarbeit konkret aussehen soll!"
Einige Herstellerinnen klatschen Beifall, und auch die anderen Menschen müssen zugeben: "Wo sie Recht hat, hat sie Recht." Und so setzen sich mal wieder an ihre Telefone und Computer, um in aller Ruhe mit allen Menschen auf der Welt zu diskutieren, ob Tausch und Geld für die Zusammenarbeit nun überflüssig oder gar hinderlich sind oder nicht. Wie nicht anders zu erwarten, überwiegen die Bedenken gegen die Abschaffung des Tausches.
"Wer gibt mir dann die Sicherheit", ist die häufigste Frage, "daß ich die Dinge auch bekomme, die ich brauche und die mir zustehen?" "Und wer garantiert uns", fragt eine Bügeleisenherstellerin, "die Belieferung mit Blechen und Schrauben, wenn wir kein Geld haben, sie notfalls zu kaufen? Und warum sollten wir selbst wildfremden Leute unsere Bügeleisen kostenlos überlassen, wenn wir nicht wissen, was sie für uns herstellen und ob überhaupt?" "Wenn das Geld wegfällt, entfällt auch der Zwang zu arbeiten", meint eine andere. "Was machen wir dann mit Blaumacherinnen? Und was machen wir, wenn alle Menschen plötzlich nur noch Champagner trinken, dicke Autos fahren, Pelzmäntel tragen und um die Welt reisen wollen, weil das ja alles nichts mehr kostet?"
Ja, die Menschen sind sich ganz und gar nicht einig. Aber das wußten sie schon vorher, und deshalb macht es ihnen auch nichts aus. Im Gegenteil, die Menschen können ganz gut damit umgehen, weil es ihnen wenigstens nicht langweilig wird. Aber weil sie sich nicht einig sind, können sie vorerst auch nicht auf das Geld verzichten. Denn darin immerhin sind sie sich einig, daß sie ihrer Uneinigkeit nicht mit Gewalt beikommen und niemanden zu ihrem Glück zwingen können. Weil die Menschen nun aber am Tausch festhalten, müssen einige von ihnen auch weiterhin Topfmenschen spielen. Denn sie brauchen ein überparteilichches Gremium, das darüber wacht, daß keine die andere übers Ohr haut, daß nicht zuwenig, aber auch nicht zuviel Tauschmittel im Verkehr sind und daß auch die Menschen genug davon abbekommen, die nichts tauschen können, wie die Feuerwehrleute, die Alten oder die Topfmenschen selbst.

*

Während die Menschen noch darüber diskutieren, ob sie auf Tausch und Topf verzichten können oder nicht, bahnen sich ungeahnte andere Probleme an. Exemplarisch dafür wird das sogenannte Schraubendesaster. Die Menschen in den Schraubenfabriken sind es verständlicherweise leid, immer nur Schrauben herzustellen. Sie wollen Abwechslung in ihre Arbeit bringen, auch andere nützliche und hübsche Dinge herstellen, z.B. Wunderkerzen, Schlüsselanhänger oder Teelöffel, und daher ihre Schraubenproduktion halbieren. Also beraten sie sich mit allen möglichen anderen Menschen und stellen ihren Plan auch ins Internet, damit sich jedefrau an der Diskussion darüber beteiligen kann. Denn schließlich haben sie ja vereinbart, über alles gemeinsam zu entscheiden. In der Diskussion stellt sich zwar heraus, daß es einige Bedenkenträgerinnen gibt, u.a. in einer Bügeleisenfabrik, aber die meisten Menschen finden es doch doof, den ganzen Tag nur Schrauben zu fabrizieren, und heißen den Plan deshalb gut.
Ehrlich gesagt, sind die Bedenken auch nicht besonders gründlich diskutiert worden, und viele Menschen haben in die Diskussion sowieso nur kurz reingehört, ohne sich daran zu beteiligen. Denn ähnliche Pläne wie in der Schraubenfabrik gibt es auch in fast allen anderen Fabriken, weil die Menschen auch dort unter der eintönigen Arbeit leiden oder ihre Arbeitszeit verkürzen wollen. Die Busfahrerinnen z.B. möchten einen Teil ihrer Zeit im Krankenhaus arbeiten und das Operieren lernen. Die Menschen in einer Fabrik für Hydraulikventile möchten ihre Produktion auf Kinderspielzeug umstellen. Und die Kraftwerksmenschen etwa haben ihre vielen Nachtschichten satt und möchten statt dessen öfter mal tagsüber Theater spielen. Es gibt so viele Vorhaben zu diskutieren und zu entscheiden, daß die Menschen wochenlang kaum zum Arbeiten kommen. Dabei geht es zum großen Teil um Dinge, deren Zweck den meisten gar nicht bekannt ist, die sie oft nicht einmal vom Hörensagen kennen, wie Hydraulikventile, BE-Schalter, HyperX-Dimms, Hydroxypropyltrimoniumchlorid und andere unaussprechliche Chemikalien. Denn es handelt sich um Dinge, die man nicht essen oder zu Hause gebrauchen kann, sondern die selbst wieder nur als Zutaten und Hilfsmittel für die Herstellung anderer Dinge dienen. Aber das schreckt die Menschen nicht ab, über all die vielen, vielen Projekte und Vorschläge zu diskutieren und abzustimmen. Sie sind guten Mutes, weil sie sich sagen: "Die ganzen Dinge sind ja ein Teil von uns. Also könnnen wir sie auch jederzeit ändern. So oft wir wollen. Also entscheiden wir erst mal alle gemeinsam, und dann gucken wir, welche Bedürfnisse sich so befriedigen lassen." Und so wird's gemacht.
Die ersten Warnsignale kommen aus einer Bügeleisenfabrik. Weil der Vorrat an Schrauben zur Neige geht, muß die Produktion gedrosselt werden. Nachbestellungen bei der Schraubenfabrik bleiben unerfüllt. "Wir haben mit großer Mehrheit eine Entscheidung getroffen", sagen die dort arbeitenden Menschen, "die wir nicht wegen einem vereinzelten Engpaß umstoßen können. Außerdem haben wir in der Vergangenheit so viele Schrauben hergestellt, daß für eure paar Bügeleisen irgendwo bestimmt noch genug davon übrig sind." Also behelfen sich die Bügeleisenmenschen, indem sie Beschaffungstrupps losschicken, die in anderen Fabriken und in privaten Kellern passende Schrauben organisieren, was gar nicht so einfach ist, weil es so viele verschiedene Sorten davon gibt. Deshalb lassen sie bei der Herstellung der Bügeleisen einfach ein paar Schrauben weg. Aber das ist auch keine gute Lösung, weil die Bügeleisen nun schnell kaputt gehen und einige sogar Kurzschlüsse und Stromschläge verursachen. Inzwischen macht sich der Schraubenmangel auch schon in anderen Fabriken bemerkbar, zuerst in den Computerfabriken, dann in den Fahrradfabriken, und schließlich gibt es keine Fabrik, die nicht über Produktionsstörungen und -stillstände wegen fehlendem Nachschub an Schrauben klagt. Die Menschen staunen, wie wichtig diese kleinen unscheinbaren Dinger doch an allen Ecken und Enden sind. Und nicht nur Schrauben fehlen, auch Hydraulikventile und BE-Schalter werden rar. Und zu allem Überfluß gibt es allmorgendliche Stromausfälle, weil mangels nächtlicher Aufsicht und Wartung zu wenig Kraftwerke funktionieren, während sich in den Krankenhäusern die postoperativen Komplikationen und Todesfälle häufen. Gar nicht zu reden von den unverkäuflichen Wunderkerzen, Schlüsselanhängern und Teelöffeln, den explodierenden Preisen bei Schrauben, Hydraulikventilen und BE-Schaltern, den Absatzeinbrüchen und Lohneinbußen in der Computer- und der Fahrradbranche, der allgemein verfallenden Zahlungsmoral und der Lawine von Schadenersatzklagen gegen Krankenhäuser, Kraftwerke und Bügeleisenfabriken.
Schließlich bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als sich erneut alle miteinander zu beraten. "Es war wohl doch nicht besonders klug", sagen einige, "erst zu entscheiden, wer was herstellt, und dann zu gucken, welche Bedürfnisse sich so befriedigen lassen. Offenbar müssen wir umgekehrt verfahren und erst entscheiden, welche Sachen wir brauchen, bevor wir gucken, wer was herstellt." "Genau", sagen andere. "Aber diesmal dürfen wir unsere Wunschzettel nicht den Topfmenschen überlassen wie beim dritten Versuch. Diesmal müssen wir alle darüber diskutieren und zusammen entscheiden, welche Sachen wir brauchen und wieviele." "Sehr richtig", sagen die meisten, während die Topfmenschen beleidigt schweigen. Doch noch bevor die Menschen anfangen können, ihre Wunschzettel vollzuschreiben, meldet sich eine Bügeleisenherstellerin zu Wort: "Habt ihr schon wieder die Hälfte von dem vergessen, was wir gerade erlebt haben? Wir müssen doch nicht nur über die Dinge entscheiden, die wir zum Leben brauchen, sondern auch über die, die wir zum Arbeiten brauchen. Das Malheur mit den Schrauben war uns doch wohl Lehre genug." "Das stimmt nun auch wieder", sagen die anderen. "Aber wie sollen wir das anstellen?", fragt eine Bikiniherstellerin. "Woher soll ich wissen, was alles für Sachen in einer Bügeleisenfabrik gebraucht werden?" "Und wie überhaupt", fragt eine andere, "sollen wir entscheiden, welche Dinge wir zum Arbeiten brauchen, wenn wir noch gar nicht entschieden haben, welche Dinge wir zum Leben brauchen?" Das ist eine wirklich schwere Frage, denken die Menschen, und einen Moment lang herrscht Ratlosigkeit.
"Ist doch ganz einfach", sagt plötzlich jemand. "Wir entscheiden zuerst alle zusammen, welche Dinge wir zum Leben brauchen. Und dann schreiben die Herstellerinnen dieser Dinge neue Wunschzettel mit den Sachen, die sie dazu zum Arbeiten brauchen. Darüber können wir dann wieder alle zusammen diskutieren und entscheiden." "Eine ausgezeichnete Idee", meinen einige. "Aber nicht zu Ende gedacht", wirft eine Schraubenherstellerin ein. "Es reicht doch nicht zu entscheiden, wieviele welcher Schrauben die Bügeleisen-, Fahrrad- und Computerherstellerinnen brauchen. Wir müssen auch entscheiden, wieviel Schraubenmaschinen und wieviel Vormaterial wir brauchen, um diese Schrauben herstellen zu können. Und welche Sachen wiederum nötig sind, um die Schraubenmaschinen und das Vormaterial herzustellen usw. usf. Ich fürchte, die Aufzählung würde überhaupt kein Ende nehmen." "Bestimmt nicht, wenn wir ewig so weiter diskutieren!", ruft jemand dazwischen. "Laßt uns doch überhaupt erst mal anfangen mit den Wunschzetteln! Wir werden dann schon sehen, wohin das führt. Hauptsache, wir entscheiden alle gemeinsam." Und so wird's gemacht. Oder vielmehr: So wird's versucht. Denn tatsächlich bringen die Menschen nicht eine einzige gemeinsame Entscheidung über die zum Leben und Arbeiten nötigen Dinge zustande.

*

Schon die ersten Wunschzettel, die im Internet veröffentlicht werden, bringen einige Überraschungen. Einige Menschen führen anscheinend regelmäßig Haushaltsbücher, denn ihre Wunschzettel sind ellenlange Listen mit sämtlichen Dingen, die frau täglich, wöchentlich, monatlich, jährlich und irgendwann sonst im Leben braucht. Eine dieser Listen enthält allerdings den Vermerk "provisorisch" und eine andere den Zusatz "vorbehaltlich unvorhersehbarer Änderungen der Lebensumstände, der persönlichen Neigungen und des Angebots an Dingen". Dann gibt es aber auch Wunschzettel, auf denen nur ganz wenige Dinge zu finden sind. Ein Mensch beispielsweise wünscht sich weiter nichts als ein Gartenlokal in seiner Nachbarschaft und ein Schwimmbad für sein Stadtviertel. Was eine Bügeleisenherstellerin zu der Frage veranlaßt, ob er denn sonst nichts zum Leben brauche, ein Bügeleisen etwa, und ob er denn die gemeinsame Entscheidung aller Menschen über die zum Leben nötigen Dinge boykottieren wolle? Seine Antwort sorgt für einige Unruhe. "Wozu", fragt der Mensch zurück, "soll ich Dinge aufzählen, die ich jederzeit problemlos kaufen kann, wenn ich sie brauche, die also sowieso schon in genügender Zahl hergestellt werden? Und aus welchem schlichten Grunde sollte ich alle Welt mit der Frage behelligen und um Erlaubnis fragen, ob ich sie brauchen darf?" Das finden viele Menschen ganz schön frech. "Wie kann sich ein einzelner Mensch für klüger halten als alle anderen Menschen zusammen?", fragen sie entrüstet.
Aber es gibt auch Zustimmung. "Umgekehrt wird ein Schuh daraus", meint jemand. "Die Anmaßung liegt in der fixen Idee, daß alle Menschen auf der Welt gemeinsam und unmittelbar über alle Dinge entscheiden müßten, die wir zum Leben brauchen. Das mag zwar in manchen Ohren superdemokratisch klingen, heißt aber, daß kein Mensch, auch keine Gruppe von Menschen, frei und kompetent wäre, selbständig über den eigenen Bedarf zu entscheiden, gleichzeitig aber so kompetent sein soll, über den Bedarf aller anderen Menschen mitzubestimmen. Und wozu diese widersinnige Konstruktion? Sind denn alle Menschen unmündig oder asoziale Wesen, die unmündig gehalten werden müssen, weil sie sonst ohne Rücksicht auf andere nur ihren eigenen Vorteil suchen? Wenn dem so wäre, dann bräuchten wir vorläufig vom Kommunismus nicht mehr zu reden. Dann bringt es uns auch kein bißchen weiter, wenn wir so tun, als könnten alle Menschen über alles gemeinsam entscheiden. Denn das ist sowieso nicht machbar und die so verstandene Demokratie nur eine totale, um nicht zu sagen: totalitäre, Illusion. Kein Mensch könnte und würde sich ernsthaft mit sämtlichen Wünschen von Abermillionen Menschen beschäftigen und ein verantwortliches Urteil über sie bilden wollen. Die Sache würde also bestenfalls darauf hinauslaufen, daß die meisten Wunschzettel ungeprüft abgesegnet werden, wie wir es gerade bei der Umverteilung der Arbeit erlebt haben, während über die anderen von zufälligen, imkompetenten und mißgünstigen Mehrheiten entschieden wird. Nicht anders würde es anschließend den Wunschzetteln der Herstellerinnen ergehen, die außer ihnen selbst sowieso die wenigsten beurteilen könnten. Und dann? Dann säßen wir vor einem Rattenschwanz von Wunschzetteln, um feststellen zu müssen, daß sie allesamt Makulatur sind, weil kein Mensch bisher die Wünsche mit den vorhandenen Mitteln ihrer Realisierung abgeglichen hat. Alles Wünschen und Planen von Dingen aber hängt in der Luft, wenn es nicht von den gegebenen sachlichen und persönlichen Bedingungen für ihre Herstellung ausgeht. Und wenn es nicht den Herstellerinnen selbst gelingt, diese Bedingungen den berechtigten Wünschen aller Menschen anzupassen, dann – ja, dann wird der ganze Entscheidungsprozeß über kurz oder lang von irgendwelchen Wunschzettelgenehmigungsexperten beherrscht werden und ein bürokratisches Zuteilungsregime in der Hand der Topfmenschen hervorbringen, die dann mehr schlecht als recht auch die Herstellung der Dinge organisieren müßten, wie wir es schon im dritten Versuch erlebt haben. Ist es das etwa, was ihr wollt?"
"Wieder so eine Schlaumeierin wie neulich die auf dem Marktplatz", meint jemand abfällig. Doch schon sind die Menschen wieder mittendrin in der Diskussion, die sie eigentlich hatten beenden wollen. Einige Herstellerinnen fühlen sich völlig mißverstanden. "Natürlich wollen wir niemandem die Freiheit nehmen, sich die zum Leben nötigen Dinge selbst auszusuchen", beteuern sie. "Wir brauchen die Wunschzettel doch nur, um unsere eigenen Wunschzettel für die Herstellung der Dinge ausfüllen zu können." "Warum seid ihr mit einem Mal so kleinlaut?", widersprechen andere. "Selbstverständlich muß die freie Auswahl der Dinge auch Grenzen haben, die wir gemeinsam festlegen müssen. Auch die Schlaumeierin eben sprach ja von berechtigten Wünschen. Also muß es wohl auch unberechtigte Wünsche geben. Oder seid ihr dafür, daß alle Menschen unbegrenzt Atomstrom, Treibhausgase und Schnaps verbrauchen können?" "Aber das ist doch nicht unser Thema", wenden wieder andere ein. "Daß wir vereinbaren können und müssen, bestimmte Dinge zu begrenzen oder abzuschaffen, steht hier gar nicht zur Debatte, auch nicht, welche Vereinbarungen auf globaler und welche besser auf lokaler Ebene zu treffen sind. Hier geht es nicht um Entscheidungen über irgendwelche Einzeldinge, sondern um den Sinn oder Unsinn globaler Entscheidungen über alle, auch die selbstverständlichen und unstrittigen Dinge, die wir zum Leben und Arbeiten brauchen."
"Sehr richtig", stimmt der Mensch zu, dessen Wunschzettel die ganze Debatte ausgelöst hat. "Und mein Verdacht ist, daß die manische Vorstellung, alle Welt müsse über alles gemeinsam entscheiden, auf einem alten Aberglauben beruht. So wie viele Menschen sich die belebte Natur nur als Werk eines allmächtigen Schöpfers erklären können und nicht als Selbstorganisation von Materie und Energie, so können sie sich wohl auch das organisierte Zusammenarbeiten aller Menschen nur als Werk einer höheren Intelligenz vorstellen. Und nachdem sich gezeigt hat, daß die Topfmenschen und auch gewisse Buchmenschen diese Rolle nicht ausfüllen können, suchen viele Menschen nun nach einer Ersatzintelligenz, die den großen Überblick hat und den einzelnen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben. Die gemeinsame Entscheidung aller Menschen auf der Welt soll nun diese Ersatzintelligenz generieren. Dabei ist sie nur eine demokratische Variante des alten Aberglaubens und dieser selbst nur Ausdruck mangelnden Vertrauens der Menschen zueinander und zu sich selbst."
"Wie abgeschmackt, unsere praktischen Probleme mit Begriffen der Religion und der Psychologie erklären zu wollen!", ereifert sich eine Schraubenherstellerin. "Wir plagen uns ab mit der Frage, wie wir die Entscheidung über das, was wir brauchen, mit der Entscheidung darüber, wer was herstellt, auf die Reihe kriegen, und Du erzählst uns was von mangelndem Vertrauen und vom Glauben an ein höheres Wesen. Unerhört!"
"Warum denn gleich in die Luft gehen?", versucht sie ein anderer Mensch zu besänftigen. "Das allgemeine Mißtrauen der Menschen untereinander ist doch eine Tatsache, ganz wörtlich gemeint, und mit Händen zu greifen – im Geld. Denn was tun wir eigentlich, wenn wir alle Dinge gegen Geld tauschen? Einerseits zeigt sich darin, daß jeder Mensch für andere arbeitet und selbst auf die Arbeit anderer angewiesen ist. Andererseits aber mag sich kein Mensch auf die anderen verlassen und überläßt ihnen die doch für sie bestimmten Dinge nur gegen ein gleichwertiges Pfand, das er selbst überall gegen andere Dinge einlösen kann. Dem Pfand vertrauen alle, aber ohne Pfand sich auf andere Menschen verlassen möchte kaum jemand. Hat sich das nicht erst kürzlich wieder gezeigt, als wir über die Abschaffung des Tausches diskutierten?" "Aber wenn jeder Mensch dem Pfand vertraut, weil alle anderen Menschen ebenfalls dem Pfand vertrauen, warum können sich die Menschen dann nicht gleich gegenseitig vertrauen, wo doch sowieso alle zusammenarbeiten wollen?", fragt ein Kind dazwischen. Das ist keine schlechte Frage, denken viele Erwachsene und überlegen angestrengt, was sie darauf antworten könnten.
"Na ja", beginnt nach einer Weile eine von ihnen und räuspert sich. "Ich denke, das bloße Bekenntnis zur Zusammenarbeit reicht eben nicht aus, das nötige Vertrauen zu stiften. Vertrauen wächst ja nur aus Erfahrung. Und die Erfahrung zeigt nun einmal, daß viele Menschen zwar über zu wenig Pfand in der eigenen Tasche klagen, aber die Pfandpflicht als solche nicht missen mögen. Es gibt ja auch noch Menschen, die in der Zusammenarbeit einen persönlichen Vorteil auf Kosten anderer suchen, aber kein persönliches Interesse an nützlicher Arbeit für andere aufbringen. Und schließlich hat das Pfand, an dem viele so hängen, nach wie vor die eigentümliche Begabung, sich durch Fabrikarbeit zu vermehren, auch wenn die Chefmenschen nicht mehr im Amt sind. Und davon profitieren halt manche Menschen mehr als andere, gar nicht zu reden von denen, die dabei ganz auf der Strecke bleiben."
"Das ist aber ziemlich unfair, was du dem Kind da erzählst", widerspricht eine andere Erwachsene. "So rückständig, wie du uns darstellst, sind wir wirklich nicht mehr. Kein Mensch ist mehr bereit, sich mit den Übeln des Kapitalismus abzufinden, nur weil er selbst noch den einen oder anderen Vorteil verbuchen kann. Das Pfandsystem ist uns einfach nur so in Fleisch und Blut übergegangen, daß wir uns eine andere Form der Zusammenarbeit schwer vorstellen können. Das ist alles." "Das ist eben nicht alles", antwortet die Vorrednerin. "Du sprichst von den Übeln des Kapitalismus – aber was ist mit dem Kapitalismus selbst? Und was mit dem Pfandsystem? Hat nicht das eine mit dem anderen zu tun? Du nennst das Pfandsystem eine Form der Zusammenarbeit. Aber es ist der äußerliche Zusammenhang getrennter Teilarbeiterinnen, deren Arbeit sich in Privateigentum verwandeln und sich als Privateigentum vermehren muß, um als gesellschaftliche Arbeit zu gelten. Ein Zusammenhang, der selbst eine Form des Gegeneinanders und der Ausschließung ist und das Zusammenwirken der Teilarbeiten permanent stört und blockiert. Die Übel des Kapitalismus sind nichts anderes als die Folgen dieser getrennten und trennenden Form unserer Zusammenarbeit. Und solange diese Form nicht selbst als Übel gilt, als Ärgernis, das wir überwinden müssen, solange muß natürlich auch eine andere Form der Zusammenarbeit schwer vorstellbar bleiben, und die Menschen werden sich lieber auf die Autorität des Pfandes oder einer anderen Macht verlassen als aufeinander." "Und solange die Leute so geschwollen und unverständlich daherreden wie du, wird sich daran sicher auch wenig ändern", giftet die Schraubenherstellerin, die sich zuvor schon so ereifert hat.
"Was ist denn daran so schwer zu begreifen?", mischt sich ein anderer Mensch ein. "Wir haben doch gerade erst erlebt, wie die Trennungen des Pfandsystems noch auf die Spitze getrieben wurden. Du selbst warst doch mitverantwortlich für das Schraubendesaster, das so viele Fabriken lahmgelegt und den ganzen Pfandkreislauf durcheinandergebracht hat. Ihr habt die Schraubenherstellung einfach halbiert, ohne euch um die Folgen zu kümmern. Die Bedenken aus der Bügeleisenfabrik habt ihr nicht ernst genommen. Sogar als dort die Produktion zurückgefahren werden mußte, habt ihr euch noch auf die ach so demokratische Mehrheitsentscheidung berufen – und seelenruhig höhere Preise kassiert. Und gleichzeitig habt ihr euch gewundert, daß ihr auf Dingen sitzen bliebt, die ihr nur hergestellt habt, weil es euch so beliebte, aber nicht weil andere sie brauchten. Selbst unter dem Kommando der Chefmenschen, denen es nur ums Verkaufen ging, hätte es mehr Rücksicht auf fremde Bedürfnisse gegeben! Und jetzt? Jetzt ist eure Sorge auch wieder nur, die Verantwortung für den Nutzen eurer Arbeit von euch abzuwälzen. Alle Welt soll euch die Entscheidung darüber abnehmen, wieviele welcher Schrauben gebraucht werden. Aber wer um Himmels willen soll das besser beurteilen können als ihr selbst, die Schraubenherstellerinnen? Wenn ihr euch aber nicht sicher seid oder der Bedarf schwankt, dann kümmert euch gefälligst um eine bessere Kommunikation mit den abnehmenden Fabriken und lernt, flexibler zu produzieren. Und wenn ihr es doof findet, immer nur Schrauben herzustellen, dann setzt euch mit den Teelöffel- oder anderen Herstellerinnen zusammen und organisiert eine sinnvolle Arbeitsteilung. Hauptsache, ihr beweist Verantwortungsbewußtsein gegenüber denen, die eure Dinge brauchen, und verschanzt euch nicht hinter den Zwängen des Pfandsystems oder hinter höheren Instanzen. Nur so läßt sich das nötige Vertrauen und Selbstvertrauen entwickeln, das es uns erlaubt, die Zusammenarbeit eines Tages auch ohne Pfandpflicht zu organisieren. Und wenn ihr meint, daß einige der Schrauben für unnütze oder schädliche Dinge mißbraucht werden, dann laßt uns darüber diskutieren, aber verschont uns mit der Frage, wieviel Schrauben die Bügeleisenfabrik bekommen darf."
Ja, es geht hoch her in der Diskussion, denn die Menschen sind sich noch lange nicht einig. Doch ohne daß sie es richtig gewahr werden, hat sich an ihrer Diskussion etwas verändert. Die Menschen reden jetzt nicht mehr soviel über ihr Verhältnis zu den Dingen, sondern mehr über ihr Verhältnis zueinander. Und auch die Wunschzettel, die ja weiter laufend veröffentlicht werden, ändern sich. Sie enthalten kaum noch konkrete Dinge oder gar ganze Listen von Dingen, dafür mehr allgemein gehaltene Wünsche, wie Wohnraum für alle, Bildung statt Waffen oder auch Slowfood statt Fastfood. Allerdings gibt es auch immer noch Menschen, die es sich leicht machen und einfach nur mehr Geld möchten. Daneben aber tauchen zunehmend Wünsche nach veränderten gesellschaftlichen Beziehungen auf. Viele Menschen wünschen sich zum Beispiel mehr Kollegialität und weniger Streß bei der Arbeit, andere das Ende der unwürdigen Kasernierung von Alten und Pflegebedürftigen. Von Menschenwürde, Respekt und Anerkennung ist überhaupt sehr oft die Rede. Ein Mensch wünscht sich, daß alle Herstellerinnen so gewissenhaft arbeiten, als täten sie es für sich selbst. Ja, und ein Zettel ist sogar dabei, mit dem sich jemand die Erfüllung eines Märchens aus alten Zeiten wünscht. "Es wird einmal", so beginnt das Märchen, "ein Verein freier Menschen sein, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben." "Und wenn sie noch nicht geboren sind", so endet das Märchen, "dann werden sie wohl morgen leben." Merkwürdig, denkt so mancher Mensch, mir ist, als hätte ich das irgendwann auch schon einmal gelesen.
All die verschiedenartigen Wunschzettel bereiten vielen Menschen wachsendes Kopfzerbrechen. "Wie sollen wir auf dieser chaotischen Grundlage jemals handfeste Entscheidungen treffen über die Dinge, die wir zum Leben brauchen?", klagen sie. "Oder gar über die Dinge, die wir zum Arbeiten brauchen? Wirklich eine verfahrene Situation." "Endlich begreift ihr, daß es so nicht geht", sagen andere. "Es wird Zeit, die Illusion zu begraben, wir könnten unsere Arbeit mit unseren Wünschen in Einklang bringen, wenn nur alle Menschen gemeinsam darüber entscheiden. Das führt, wie sich gezeigt hat, nur zu organisierter Verantwortungslosigkeit, und mag es noch so demokratisch dabei zugehen." "Ganz genau", stimmen weitere zu, "denn der Widersinn ist ja, daß jeder einzelne Mensch nur deshalb mitverantwortlich sein soll für sämtliche Bedürfnisse und sämtliche Arbeiten auf der Welt, weil gleichzeitig keinem einzigen Menschen zugetraut wird, verantwortlich mit den eigenen Bedürfnissen und der eigenen Arbeit umzugehen. Und um diesen Widersinn zu organisieren, haben wir gleich noch einen weiteren folgen lassen. Erst haben wir die Arbeit von den Bedürfnissen, denen sie dienen soll, getrennt und unsere Gesamtarbeit so behandelt, wie sie uns im Pfandsystem erscheint: als Ansammlung unabhängiger, einander gleichgültiger Privatarbeiten. Dann haben wir das Verhältnis nur umgekehrt und versucht, über die Bedürfnisse getrennt von den vorhandenen Arbeitsbedingungen zu entscheiden. Nur gut, daß das schon im Ansatz gescheitert ist!"
Viele Menschen sind darüber allerdings gar nicht froh. "Wie sollen wir denn nun weitermachen?", fragen sie bedrückt. "Irgendwie muß unsere Arbeit doch geplant werden, wenn sie allein der Befriedigung unserer Bedürfnisse dienen soll und wir den Kapitalismus überwinden wollen. Und wenn es nicht machbar ist, daß diese Planung von allen Menschen gemeinsam entschieden wird, von wem dann? Sollen wir sie etwa irgendwelchen Experten überlassen, wie früher den Topfmenschen?" "Merkt ihr nicht", antworten andere, "daß ihr das Pferd vom Schwanz aufzäumen wollt? Und immer noch trennt, was zusammengehört? Ihr sagt, die Arbeit müsse geplant werden, damit der Kapitalismus überwunden werden kann. Wir sagen, der Kapitalismus muß überwunden werden, damit die Arbeit geplant werden kann. Der Unterschied liegt darin, daß ihr die Planung der Arbeit von ihrer Ausführung trennt und nicht auf die Idee kommt, daß die Arbeit am besten von denen geplant werden kann, die sie auch ausführen, den Herstellerinnen selbst – vorausgesetzt, sie sind imstande, ihre Beziehungen zu denen, für die sie arbeiten, und zu denen, die für sie arbeiten, von der trennenden Pfandpflicht zu befreien." "Alles schön und gut", sagt eine Herstellerin, "aber davon sind wir offenbar noch ein gutes Stück entfernt. Denn dazu müßten wir uns alle einig sein, daß wir aus freien Stücken füreinander arbeiten und uns aufeinander verlassen können. Wie aber sollen wir jemals dahin kommen, wenn das Pfandsystem selbst ständig Mißtrauen und Mißgunst erzeugt?"
Ja, das ist eine ernste Frage, und es gibt niemanden, die darauf mit einem einfachen Rezept antworten möchte. "Vielleicht sollten wir unsere Autorin um Rat fragen", überlegt jemand. Aber dafür mag sich auch niemand erwärmen. "Die hat uns schon einmal aufs Glatteis geführt", wehrt ein anderer Mensch ab. "Mit Wunschdenken werden wir unsere Geschichte nie in den Griff kriegen. Ich meine, wir müssen mehr aus unseren Rückschlägen und Irrtümern lernen." Und ein dritter schlägt vor: "Laßt uns einfach eine Auszeit nehmen und eine Denkpause einlegen! Die ganzen Erfahrungen und Argumente der letzten Zeit wollen schließlich in Ruhe verarbeitet sein. Und danach treffen wir uns wieder, um zu besprechen, ob wir nicht einen neuen Versuch in Angriff nehmen können." "Das ist eigentlich keine schlechte Idee", sagen alle (oder doch fast alle). Und so wird's gemacht.

Werner Imhof
Essen, Ende Januar 2006

Kontakt über mail an Werner.Imhof (ät) arcor.de