Auszug aus:
Susan Arndt und Antje Hornscheidt (Hg.): Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. … Andere Neologismen bauen auf der überholten Annahme auf, dass Menschen in „Rassen“ unterteilt werden können. Dazu gehören etwa Termini wie „Neger/in“, „Schwarzafrika“, „Mulatte“ und g „Mischling“. So wird ein/e Schwarze/r Deutsche/r, nicht aber ein Kind aus einer Weißen französisch-deutschen Beziehung als „Mischling“ bezeichnet.
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Häufig wird argumentiert, dass Begriffe wie etwa „Mohr“ historische Zeugnisse seien und deswegen auch ihren Platz in der deutschen Sprache behalten sollten. Diese Argumentation ist insofern problematisch, als man/frau sich vergegenwärtigen muss, dass die kolonial konzipierten Begriffe die deutsche Kolonialgeschichte und deren Ideologie transportieren und festigen. Wörter wie „Neger“, „Mohr“ oder „Mischling“ beispielsweise zementieren die Weiße Vorstellung von biologistischen Gruppeneinteilungen, -zugehörigkeiten und -kategorisierungen als wissenschaftlich fundiert und dienen damit auch zur Pseudolegitimation des biologistischen Konstruktes „Rasse“. Und wenn Afrikaner und Afrikanerinnen als „Eingeborene“, „Wilde“ „Jäger und Sammler/innen“ und ihre Religionen mit Wörtern wie „Naturreligion“, „Animismus“ oder „Fetischismus“ umschrieben werden, verfestigt sich nur der Irrglaube von der „Primitivität“ und Unterlegenheit von Afrikaner/inn/en im Weißen Bewusstsein. Das zeigt sich exemplarisch darin, dass analoge Konzeptionen auch in aktuelle Wortschöpfungen wie etwa „Entwicklungsland“ und „Bananenrepublik“ Eingang finden. Vor diesem Hintergrund ergibt sich die Notwendigkeit, in einer kritischen Aufarbeitung des Kolonialismus, begriffsgeschichtliche Zeugnisse dieser Zeit nur gebrochen zu verwenden.
Eine andere Argumentationslinie ist, dass Wörter „nicht so wichtig“ seien. So wird Sprache oft dem Handeln und „inhaltlichen Diskussionen“ gegenüber gestellt und diese so implizit als „Nicht-Handlung“ und „inhaltslos“ hingestellt. Sprache wird auf diese Weise zum neutralen Medium stilisiert, als würde sie einfach nur Informationen transportieren und die Wirklichkeit beschreiben sowie „unschuldig“ sein. So werden Sichtweisen und Kategorisierungen als „gegeben“ und „normal“ dargestellt und unreflektiert hin- und angenommen. Dadurch wird negiert, dass Sprache machtvolles Handeln darstellt. Sprachgebrauch wird als jenseits der eigenen Sprachmacht und -verantwortung stehend charakterisiert. In logischer Konsequenz wird auch die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichem sowie dem eigenen sprachlichen Handeln ignoriert.
Zu der Auffassung, Sprache sei nicht so wichtig und „neutral“, gesellt sich oft das Argument, dass die Forderung nach dem Verzicht auf bestimmte Wörter haarspalterische political correctness sei und eine künstliche Sprache erzwinge. Schließlich gäbe es ja (leider) keine anderen Begriffe – gemeint sind dann oft gängige Wörter –, man/frau müsse sich ja aber schließlich irgendwie ausdrücken. In logischer Konsequenz wird den Kritik Äußernden auch mit dem Argument begegnet, übertrieben empfindlich zu reagieren.
Das zeigt sich exemplarisch in einem Brief der Firma Dr. Oetker von 1992 an die Elterngruppe Schwarzer Kinder. Auf deren Kritik, eine Eissorte mit „14 Schwarze Negerlein“ – die Tautologie spricht für sich -, zu benennen, antwortete die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit, dass Kinder fast ausnahmslos Sympathiewerte mit dem Eis assoziieren würden, damit also viel unkomplizierter als Erwachsene auf diese Begriffe reagieren würden. Diese „kindliche Reaktion“ wird als Beleg der Wertneutralität dieses Begriffes gedeutet, wobei impliziert wird, dass nur die komplizierte Denkweise mancher Erwachsener dazu führe, diesen als rassistisch wahrzunehmen. Sprache wird hier als von den Sprechenden abtrennbar stilisiert, wobei suggeriert wird, dass der konventionalisierte Sprachgebrauch nichts damit zu tun habe, wenn einige Menschen bestimmte Begriffe als rassistisch wahrnehmen.
Ein weiteres Argument ist, dass ein Insistieren auf das Vermeiden rassistischer Wörter auch deswegen unsinnig sei, weil sich dadurch ohnehin nichts ändere bzw. dass sich zunächst die „Wirklichkeit“ ändern müsse, Sprache sich dann schon „automatisch“ an eine veränderte Wirklichkeit anpassen würde. So antwortete etwa noch 1992 die Sprachberatungsstelle der Duden-Redaktion der Elterngruppe Schwarzer Kinder auf die Anfrage, warum im Duden „Rechtschreibung“ die rassistische Verwendung des Begriffes „Neger“ nicht verzeichnet ist, dass „ ... es übrigens naiv [ist] anzunehmen, dass man nur die Sprache zu ändern, ein Wort zu stigmatisieren oder auszumerzen braucht, wenn man das Bewusstsein der Menschen und die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern will.“ Der Vorschlag der Elterngruppe Schwarzer Kinder an die Duden-Redaktion, sich kritisch mit der Begrifflichkeit, die sie verwenden, auseinander zu setzen, wird in der Antwort der Sprachberatungsstelle so dargestellt, als würde die Elterngruppe dies als die einzige notwendige Strategie ansehen. Doch tatsächlich gab die Elterngruppe das an keiner Stelle ihres Briefes zu verstehen. Entsprechend der Aufgabe und Funktion der Duden-Redaktion ist es aber nur logisch und konsequent, in einer schriftlichen Kommunikation mit dieser genau diesen Aspekt – die sprachlichen Benennungen – zu thematisieren. Zusätzlich zu dieser Unterstellung wertet die Duden-Redaktion das Anliegen der Elterngruppe auch noch dadurch ab, dass sie in diesem Zusammenhang die negativ konnotierten Begrifflichkeiten „ausmerzen“ und „stigmatisieren“ verwendet sowie dass sie das formulierte Anliegen als „naiv“ verwirft.
Das alltäglich oftmals zu beobachtende Argumentationsmuster, gesellschaftliche Veränderungen besäßen Vorrang vor sprachlichen, wird hier ausgerechnet von den „Fachleuten“ der deutschen Sprache reproduziert und somit autorisiert. Damit versuchen sie nicht nur ihre ignorante (und im Übrigen nun wirklich naive) Haltung zu rechtfertigen. Zudem kehren sie die notwendige Auseinandersetzung mit dem Thema – gerade von einer Wörterbuch-Redaktion mit Deutungshoheit – vom Tisch.
Zuweilen wird auch entgegnet, man/frau hätte nicht gewusst, dass das Wort abwertend sei. Schließlich sagten es doch alle und schon immer so. Selbst in Bezug auf das Wort „Neger“ wird oft behauptet, dass es „früher“ jedenfalls nicht diskriminierend gewesen sei. Eng mit einer solchen Verkennung sprachgeschichtlicher Kontexte und kolonialistischer Begriffs- und Konventionalisierungsgeschichte verbunden ist die Reaktion, man/frau würde das Wort ja nicht rassistisch meinen.
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„Ich habe es doch nicht so gemeint.“
Rassistisches Sprechen und Weiße Strategien
der Verweigerung …
Wichtig in diesem Zusammenhang ist zum einen, dass rassistische Begriffe stereotypisierend und normierend wirken, Schwarze in Stress versetzen und verletzen. Rassistisches Sprechen, von vielen Schwarzen als psychische Gewalt empfunden, verlangt ihnen – wie auch alle andere Formen von rassistischen Handlungen – unaufhörlich resistenzbildende Energien ab. Das geschieht unabhängig davon, ob sie mit einem Wort direkt angesprochen werden oder ob es ihnen in Äußerungen begegnet, die nicht direkt an konkrete Menschen adressiert sind (etwa Redewendungen); es ist dabei egal, ob der Sprecher oder die Sprecherin nun direkt anwesend ist oder Schwarze Menschen vermittelt durch Medien wie etwa Fernsehen erreicht. Unabhängig davon, ob eine Schwarze Person sich von entsprechenden Anreden oder Ausdrucksweisen explizit distanziert oder nicht, muss sie sich permanent zu ihnen verhalten und positionieren, wozu auch Schweigen und Übergehen sowie Ignorieren zu rechnen sind.
Zum anderen werden auch Weiße durch rassistische Begriffe sozialisiert und beständig als Weiße reproduziert. Die Auswirkungen von Sprache auf Schwarze und Weiße Erfahrungs- und Verhaltensmuster ist Weißen in der Regel nicht bewusst.
Werden sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie gerade einen kolonialistisch geprägten und/oder rassistischen Begriff verwendet haben, so formulieren sie in der Regel Widerstand, der oft aggressiv geäußert wird. In diesem Kontext kommt es zu zusätzlichen Verletzungen von Schwarzen, etwa wenn ihnen unterstellt wird, „schwierig“, ein/e „Nervensäge“ oder ein/e „Querulant/in“ zu sein und mit ihrer „Empfindlichkeit“ zu „übertreiben“. … . Auch ein reflektierter Umgang mit nationalsozialistischem Vokabular steht nicht selten einer Ignoranz kolonialistisch geprägter Sprache gegenüber.
Zur Verteidigung der vertrauten rassistischen Begriffe werden in der Regel nicht Argumente bemüht, die konkret die Notwendigkeit belegen sollen oder können, dass dieses oder jenes Wort gebraucht werden müsse oder kann. Vielmehr wird auf einer eher allgemeinen Ebene versucht, die Notwendigkeit einer solchen Kritik und Reflexionsarbeit an sich in Frage zu stellen.
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Neger/ Negerin Zum Wort selbst – Auszüge:
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Ursprünglich bezieht sich der Begriff „N.“ auf die Hautfarbe von Menschen und konstruiert damit Identität über Pigmentierung. Dabei werden aber im Hautfarbenspektrum Grenzen gezogen, die keiner natürlich gegebenen Linie, sondern Weißen Machtmanifestationen folgen. Weder alle Europäer/innen noch alle Afrikaner/innen haben den gleichen Hautfarbton. Manche als Weiß konstruierten Europäer/innen haben einen dunkleren Teint als Afrikaner/innen. Erst durch den Rassismus wurde das Farbspektrum von Hautfarben auf eine Dichotomie von „weiß“ auf der einen Seite und „schwarz“ auf der anderen reduziert und dabei als gesellschaftlich relevant hergestellt und bewertet. Dabei galt Weiß-Sein als Norm, während das „Nicht-Weiße“ zum Anderen, „Un-Normalen“ opponierte. Im Kontext pseudowissenschaftlicher Rassentheorien wurde die Hautfarbe zum einen mit anderen visuell sichtbaren Körpermerkmalen vernetzt. Komposita wie etwa „N.krause“ und „N.lippen“ rekurrieren auf solche biologistischen Konstruktionen. Zum anderen wurden in der Verwendung des Begriffs „N.“ von Anfang an körperliche Merkmale mit geistig-kulturellen Eigenschaften wie etwa Faulheit, Feigheit, Triebhaftigkeit, Grausamkeit und Kulturunfähigkeit verbunden.
Als sprachliche Schöpfung von Sklaverei und Kolonialismus, die zu keinem Zeitpunkt in einer breiteren Öffentlichkeit debattiert wurde, beinhaltet der Begriff in seiner Verwendung bis heute die ideologischen Vorstellungen, Denkmuster und Hierarchien dieser Zeit. Sein konventioneller und traditioneller Gebrauch im Deutschen ist diskriminierend und rassistisch.
Die koloniale Konnotation zeigt sich exemplarisch in der Verwendung des „N-Wortes“ in Komposita und Redewendungen. Wenn beispielsweise „N.schweiß“ schlechter Kaffee ist, dann kommt dem „N-Wort“ zweifelsfrei eine abwertende Konnotation zu. Und durch die Redewendung „Dann stehst du da wie der letzte ›N.‹“ lässt sich im Wort „N.“ die Konnotation erkennen, dass den so bezeichneten Personen ein niedriger Status zugeschrieben wird und sie in den Augen von Weißen keinen Respekt verdienen. Die Dienerfunktion ist eine andere Konzeptualisierung, die Zusammensetzungen mit dem „N-Wort“ (zum Beispiel „Ich bin doch nicht dein ›N.‹“) nahe legen. In „angeben wie zehn nackte ›N.‹“ schlägt sich zum einen das Bild des „nackten“ = „primitiven“ „Wilden“ nieder, was vordergründig in Kontrast zu der gleichzeitig in dem Sprichwort zum Ausdruck gebrachten Prahlerei steht. Leicht lässt sich aber interpretieren: Hier bildet sich jemand etwas ein, der sich eigentlich – aus Weißer Perspektive – auf nichts etwas einzubilden habe. Auch auf Armut („N. sein“) und das Stereotyp der vermeintlichen Zähigkeit des „N.s“ wird in feststehenden Redewendungen angespielt (zum Beispiel: „Das haut den stärksten ›N.‹ um“). Die abwertende Sexualisierung von Schwarzen Männern spiegelt sich in dem Wort „N.pimmel“ für eine Wurstsorte.
Die zahlreichen Redewendungen und Sprichwörter, die es bis heute im Deutschen mit dem Begriff „N.“ gibt, zeugen davon, wie wichtig diese abwertende Konzeptualisierung von Menschen im deutschen Selbstverständnis war und bis heute ist.
Seit den 1970er Jahren – angestoßen durch die Schwarze Bürgerrechtsbewegung in Nordamerika – beginnt die Erkenntnis vom abwertenden Charakter des „N-Wortes“ in der bundesdeutschen Gesellschaft Fuß zu fassen. In der DDR setzte dieser Prozess sogar erst in den 1980er Jahren ein und entwickelte sich noch weitaus langsamer als in der Bundesrepublik. Es kam in beiden deutschen Gesellschaften zu keiner kritischen inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Wort. Das schlägt sich heute u.a. noch darin nieder, dass in den Begriffen „negrid“ und „Negride“, die gemeinhin unkritisch Verwendung finden, die gleichen rassistischen Konzeptualisierungen hergestellt und transportiert werden. Die fehlende öffentliche Auseinandersetzung schuf zudem den Raum dafür, dass auch in der Gegenwart, wie etwa im oben zitierten Wörterbuch von Paul, die Meinung vertreten wird, dass nur „Nigger“ ein Schimpfwort sei und der Begriff „N.“ eine Rehabilitierung erfahren habe oder zumindest erfahren könne.
Deshalb kann „N.“ sowohl als eigenständiger Begriff als auch in Wortzusammensetzungen und Redewendungen noch immer breite Verwendung finden. Auch für polemische Zusammenhänge und in der Kunst („10 kleine N.lein“) wird es gern herangezogen. In der Lebensmittelbranche wird der Begriff sogar häufig verwendet. Schwarze fungieren hier nicht nur als Konsumobjekte, sie werden essentialisiert, weil sie auf ihre Hautfarbe reduziert werden. Die Kombination von Essentialisierung und Abwertung schlägt sich beispielsweise in dem ordinären Ausdruck „einen ›N.‹ abseilen“ nieder. Wie stark die beschriebenen Konnotationen bewusst angewendet werden, zeigt folgendes Beispiel, dem gleich eine ganze Reihe rassistischer Grundannahmen innewohnen
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Susan Arndt und Antje Hornscheidt (Hg.): Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk.