Junge Welt, 17.06.2002
Das Interview führte Thomas Binger
Islamismus und bürgerliche Demokratie: Zwei Seiten einer Medaille? junge Welt sprach mit Gazi Caglar*
* Cazi Caglar ist Politik-, Geschichts- und Religionswissenschaftler mit Lehrauftrag an der Universität Hannover. 1980 floh er nach dem Militärputsch aus der Türkei und war in der BRD u.a. als Herausgeber der Türkei-Informationen aktiv. Zuletzt erschien von ihm »Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Der Westen gegen den Rest der Welt«, eine Replik auf Samuel P. Huntingtons »Kampf der Kulturen«
F: Huntingtons »Kampf der Kulturen« steht nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hoch im Kurs. Welche Bedeutung haben die Thesen des Havard-Professors für die amerikanische Außenpolitik nach dem 11. September?
Die Thesen sind zu einem Zeitpunkt entstanden, als die USA für ihre Außenpolitik nach einem neuen Feindbild gesucht haben. In dieser Phase hat Huntington im Zusammenhang mit seiner Beratertätigkeit für die amerikanische Regierung seine Thesen entwickelt. Sie haben für die Außenpolitik der USA in der heißen Phase nach dem 11. September als Erklärungsmuster eine gewisse Rolle gespielt. Die Tatsache, daß die USA auf die Allianz mit einigen islamischen Regierungen angewiesen war, um in Afghanistan eine Militäroperation durchführen zu können, hat seine Thesen etwas in den Hintergrund treten lassen. Dennoch hat Huntingtons Behauptung einer gegenüber dem Westen prinzipiell feindseligen Einstellung der islamischen Zivilisation in den außenpolitischen Eliten der USA immer noch große Wirkungskraft.
F: Huntington selbst hat nach dem 11. September vor einer Interpretation der Anschläge nach dem Kulturkampfschema gewarnt. Er sprach vielmehr davon, daß das World Trade Center als Symbol des Kapitalismus und das Pentagon als Symbol der amerikanischen Militärmacht angegriffen wurden. Warum diese Relativierung?
Huntington wollte dem Versuch der USA, in der islamischen Welt Bündnispartner zu finden, keine Steine in den Weg legen. Außerdem sind die Anschläge von einer derart neuen Qualität, daß auch Huntington nicht damit gerechnet hat. Er hat letztendlich seine Thesen nicht relativiert, sondern hat die Attentäter und ihre Motive den Motiven von Barbaren gleichgestellt.
F: Angesichts islamistischen Terrors beziehen sich in der BRD auch viele Linke positiv auf die kapitalistische Moderne. Kann man von einer Huntington-Linken sprechen?
Ich finde diesen Begriff witzig und zutreffend. Diese Linke sieht einfach nicht, daß die Vormoderne - deren Protagonisten die islamistischen Bewegungen sein sollen - keine Vormoderne ist, sondern integraler Bestandteil der kapitalistischen Moderne. Das heißt, selbst die Taliban-Gesetze in Afghanistan sind durch die kapitalistische Moderne vermittelt worden. Die Linke, die meint, sich gegenüber solchen Ausbrüchen von Gewalt auf die Errungenschaften der kapitalistischen Moderne, also auf bestimmte demokratische Grundregeln, Menschenrechte und kulturelle Freiheiten, zurückziehen zu müssen, unterstütze ich in ihrem Bestreben. Aber um die sogenannten Errungenschaften der bürgerlichen Ära für sich zu reklamieren, muß man sich nicht unbedingt auf die Seite der kapitalistischen Moderne schlagen. Die Alternative ist heute nicht Islamismus/Fundamentalismus auf der einen und bürgerlich-demokratisch verfaßte kapitalistische Ordnung auf der anderen Seite. Die Alternative besteht nach wie vor darin, gegen diese kapitalistische für eine sozial gerechte Weltordnung zu kämpfen - gerade im Bewußtsein dessen, daß die islamistischen Bewegungen auch ein Produkt dieser kapitalistischen Moderne sind.
F: Die Alternative Sozialismus oder Barbarei bleibt also aktuell?
Auf jeden Fall. Diese Alternative wurde formuliert, weil dem Kapitalismus die Barbarei inhärent ist. Daran hat sich überhaupt nichts verändert.
Gazi Caglar bei Unrast:
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