Im rechten Grenzraum des Verfassungsbogens Einleitung zu: Martin Dietzsch/Siegfried Jäger/Helmut Kellershohn/Alfred Schobert
Nation statt Demokratie - Sein und Design der »Jungen Freiheit« Edition DISS Bd. 4
ISBN 3-89771-733-6
Wer an einem Bahnhofskiosk nach Lektüre für die Zugfahrt sucht, findet in der Abteilung der Wochenzeitungen den „Freitag“ und den „Rheinischen Merkur“. Und heutzutage häufig auch, das Alphabet macht's möglich, ausgerechnet neben der „Jüdischen Allgemeinen“ die „Junge Freiheit“.
Das war nicht immer so in der Geschichte der Zeitung, die seit 1994 wöchentlich erscheint. Als sich das 1986 gegründete Blatt mit der Umstellung auf wöchentliches Erscheinen mühsam ins Gespräch brachte, war der Versuch, es käuflich zu erwerben, vielerorts mit kleineren Komplikationen verbunden. Aufmerksamkeit im Mediendiskurs fand die „Junge Freiheit“ nämlich fast durchweg nur um den Preis, dass zugleich auf ihre feste Verankerung in der extremen Rechten hingewiesen wurde. Daher musste im Kiosk erst eine Schublade geöffnet werden, in der neben Vorratsexemplaren seriöser Zeitungen auch die „Junge Freiheit“ in einem Stapel verborgen war – gemeinsam mit der „Deutschen National Zeitung“ und der „Deutschen Wochenzeitung“.
Jenen beiden Blätter des DVU-Anführers Gerhard Frey nutzte die Fusion zur „National Zeitung“ (NaZe) nicht zum Aufstieg ans Tageslicht. Immer noch liegt die NaZe in vielen Kiosken zumeist im Dunkel geschlossener Schubladen. Oder sie wird nur 'unter dem Ladentisch' gehandelt. Anders die „Junge Freiheit“. Seit es im Mediendiskurs ruhiger um sie geworden ist, ist sie ganz offen Ware neben Ware. Während also die NaZe von Kioskbetreibern, die auf diesen Umsatzposten denn doch nicht verzichten wollen, immerhin noch als hinreichend suspekt angesehen wird, hat die „Junge Freiheit“ den Sprung geschafft, als 'irgendwie unbedenklich' und als Teil des akzeptierten politischen Spektrums zu gelten.
„Konservativ“ oder „rechtsextrem“? Manche gelegentliche Leser des Blattes sehen das ähnlich. Dies schließen wir aus einigen Reaktionen, wenn wir auf der Grundlage eines vor fast einem Jahrzehnt durchgeführten Projektes zur „Jungen Freiheit“ und seitheriger weiterer, gelegentlich sehr intensiver, ’Beobachtung’ des Blattes in Vorträgen und Interviews die „Junge Freiheit“ dem völkischen Nationalismus und der extremen Rechten zuordnen. Da regen sich mitunter nicht nur notorische Querulanten und die Eiferer-Fraktion der üblichen Verdächtigen, an deren Beschimpfungen und Schmähungen wir uns längst gewöhnen mussten. Auch Menschen, die glaubwürdig versichern, selbst nichts mit der extremen Rechten zu schaffen zu haben, beteuern, sie könnten sich aufgrund ihrer gelegentlichen Lektüre des Blattes unserer Einschätzung der „Jungen Freiheit“ nicht anschließen.
„Ziemlich konservativ“, das sei die „Junge Freiheit“, „aber doch nicht rechtsextrem“, hört man - übrigens insbesondere von jungen Leuten, von Schülern, Auszubildenden und Studierenden.
Offenkundig entspricht die „Junge Freiheit“ nicht der gängigen Vorstellung oder auch der Klischee-Vorstellung, die viele von einer Zeitung der extremen Rechten haben. Und das, obwohl der Verfassungsschutz des Landes Nordrhein-Westfalen seit seinem Bericht über das Jahr 1994 und der Verfassungsschutz des Landes Baden-Württemberg seit dem Bericht über das Jahr 2000 die „Junge Freiheit“ regelmäßig im Kapitel „Rechtsextremismus“ aufführen.
Eine systematische Langzeituntersuchung Wir haben diese Erfahrung zum Anlass genommen, uns ein weiteres Mal intensiv mit der „Jungen Freiheit“ zu beschäftigen. Schon 1994 veröffentlichten wir unter dem Titel „Das Plagiat“ eine umfangreiche Studie zum völkischen Nationalismus der „Jungen Freiheit“. Diese ist zwar in ihren Grundzügen immer noch aktuell; eine Beurteilung der Zeitung muß allerdings ihrer seitherigen Entwicklung Rechnung tragen.
Der Ausgangspunkt unserer Untersuchung war die Frage, wie es der „Jungen Freiheit“ gelingt, sich in der individuellen Wahrnehmung von Menschen und vielleicht sogar in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung zunehmend vom Ruch des völkischen Nationalismus zu befreien.
Der erste Befund war, dass jene Leser die „Junge Freiheit“ zumeist nur sporadisch und – dies gilt auch bei einigermaßen regelmäßiger Lektüre – vor allem nur mit der gewöhnlichen Aufmerksamkeit lesen, die man bei der Zeitungslektüre aufbringt. Dabei fallen gewiss einige ’Duftmarken’ auf, also Passagen, in denen ’Klartext geredet’ wird. Doch entgeht dieser Lektüre, dass es sich dabei nicht um Ausrutscher, um vereinzelte schrille Töne handelt. Auch fällt dieser Lektüre nicht auf, dass viele der JF-Autoren auch in anderen politischen und publizistischen Zusammenhängen tätig sind, wo sie ihre Zunge weniger zügeln. Oder auch offen die Strategie formulieren, nach der sie in der „Jungen Freiheit“ arbeiten, nämlich mit Verstellung und Mimikry.
Um dies nachzuweisen, bedarf es der systematischen Lektüre über einen längeren Zeitraum. Dann erkennt man, wie sich die einzelnen schrillen Töne in der „Jungen Freiheit“ zu einer schaurigen Melodie fügen. Um es diskurstheoretisch zu formulieren: der einzelne Text bzw. das einzelne Diskursfragment entfaltet nicht isoliert seine Wirkung, sondern im Zusammenspiel mit anderen Diskursfragmenten, durch Wiederholung und Variation.
Für das vorliegende Buch haben wir die „Junge Freiheit“ erneut über einen längeren Zeitraum untersucht, nämlich die Zeitschriftenjahrgänge 2001 und 2002 (mit einigen Rückblicken auf 2000). Die Darstellung konzentriert sich allerdings, um im überbordenden Analyse-Material nicht unterzugehen, auf Texte nach dem 11. September 2001.
Unsere Ausgangsfrage setzt logisch voraus, dass die „Junge Freiheit“ nach wie vor in der Tradition des völkischen Nationalismus verwurzelt ist. Um dies nicht einfach wie ein unhinterfragbares Dogma zu postulieren, wurde zunächst noch einmal grundsätzlich der Nachweis erbracht, dass die „Junge Freiheit“ nach wie vor in dieser Tradition steht.
Zu den einzelnen Kapiteln So beginnen wir mit einer Einführung in den völkischen Nationalismus der „Jungen Freiheit“. Sie stellt anhand wichtiger Grundsatztexte von Karlheinz Weißmann, der als konzeptiver Ideologe der „Jungen Freiheit“ gelten kann, das dort vertretene Verständnis der Nation vor und ordnet es in die Tradition des völkischen Nationalismus ein. Dabei werden die sieben Kernideologeme des völkischen Nationalismus herausgearbeitet. Die Nation als mythisch überhöhte Abstammungsgemeinschaft wird in der „Jungen Freiheit“ gegen das neuzeitliche Verständnis von Demokratie mobil gemacht - ’Nation statt Demokratie’ ist das unausgesprochene Motto. Bevorzugt recycelt man Reststoffe aus der „Konservativen Revolution“ der 20er und 30er Jahre. Weißmann propagiert eine „konstitutonelle Rechte“, legt sich allerdings das Verfassungsgemäße sehr großzügig zurecht, um der Bundesrepublik Deutschland ein ideologisches Reinigungsbad zu verschreiben. Was die politische Durchsetzung angeht, so zielt Weißmann strategisch auf den etablierten Konservatismus.
Dem schließt sich eine Darstellung des Blattes und des Milieus, in dem es gedeiht, an. Der Ausgangspunkt ist Material, dem bei gewöhnlicher Zeitungslektüre meist nur wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, erst recht keine systematische. Die (übrigens spärlichen) Anzeigen in der „Jungen Freiheit“ sind ein guter Indikator für die Kennzeichnung des Milieus, in dem sich die Macher des Blattes bewegen.
Das Design der Zeitung lässt sich mit einer Mogelpackung vergleichen. Hinter der optischen Gediegenheit und vordergründigen Seriosität steckt, um einen alten Slogan aufzugreifen, der Muff von tausend Jahren. Die Stoßrichtung der – zumeist politischen – Anzeigen ist, wie die Analyse herausarbeitet, durchaus gut inhaltlich eingebunden, Anzeigen und redaktionelles Umfeld ergänzen sich. Da folgen der Bildunterschrift auf der Titelseite, die vor dem „Volkstod“ der Deutschen warnt, einträchtig Anzeigen, die eine – gelinde gesagt – reaktionäre Familienpolitik propagieren, und ein Kommentar des Chefredakteurs, der zur Geburt seines ersten Kindes allen Ernstes Zeugungsakt und Geburt zu konservativ-revolutionären Taten erklärt. (Dürfen wir an dieser Stelle die Bemerkung einschieben, dass uns ein Kind, das nicht um seiner selbst willen geliebt, sondern offenkundig als biopolitisches Projekt für das deutsche Volk betrachtet wird, Leid tut?)
Ergänzt wird diese Darstellung der Zeitung und ihres Umfeldes durch eine kurze Chronik der Geschichte der „Jungen Freiheit“, die die 1994 in „Das Plagiat“ vorgelegte Chronik aufgreift und fortschreibt.
Vertieft wird dies mit der Untersuchung des gildenschaftlichen Netzwerkes, in dem die „Junge Freiheit“ agiert – neben dem Blatt werden hier das Institut für Staatspolitik und der Verlag Edition Antaios porträtiert. Nach einem einschlägigen Vorbild der 20er und 30er Jahre leisten sie gemeinsam Aufrüstung wider den Zeitgeist.
Wie die „Junge Freiheit“ völkischen Nationalismus dosiert, wird im folgenden Kapitel herausgearbeitet. Hier wird insbesondere anhand der Interviews gezeigt, wie die „Junge Freiheit“ in abgestufter Dosierung ihre Ideologie transportiert und es schafft, sowohl eine Anbindung an das demokratische politische Establishment herzustellen, als auch Signale an die extreme Rechte zu senden, um die Kameraden bei der Stange zu halten. Betont wird in diesem Kapitel auch der Rückbezug der „Jungen Freiheit“ auf die Tradition der Konservativen Revolution und da insbesondere die Jungkonservativen – hier dargestellt anhand des ständigen Rekurses auf den als Staatsrechtler berühmten und (nicht nur als „Kronjuristen des Dritten Reiches“) berüchtigten Carl Schmitt. Dem Kopf der französischen Nouvelle Droite und ständigen Mitarbeiter der „Jungen Freiheit“, Alain de Benoist, kommt dabei eine besondere Rolle zu. Er formuliert die hausinterne politische Alternative zur Linie Weißmanns und orientiert das Blatt auf einen heidnisch gefassten europäischen „Großraum“ als Gegenmacht zu den verhassten USA. Mit der Zuspitzung dieser Linie anlässlich des Krieges gegen den Irak verstieg sich de Benoist zu einer veritablen Kriegs- und Terror-Erklärung. Kein Zufall, dass er - wie am Schluss dieses Kapitels gezeigt wird - viel Beifall von der richtigen Seite bekam, nämlich von Hardlinern der extremen Rechten.
Dem „Kampf um Begriffe“ als politische Strategie und publizistische Methode geht das sechste Kapitel in einer diskurstheoretisch grundierten exemplarischen Feinanalyse nach. Es zeigt, wie die „Junge Freiheit“ versucht, den etablierten demokratischen Konservatismus von rechts unter Druck zu setzen. Der Autor des untersuchten Textes, nicht zufällig langjähriger Funktionär der REPs und Vielschreiber im Parteiblatt „Der Republikaner“ und in der „Jungen Freiheit“, betreibt Diskurspiraterie. Er kapert zentrale Begriffe und Formeln des politischen Diskurses, um sie (weiter) völkisch-nationalistisch aufzuladen. Die minutiöse Analyse entschlüsselt die Vielzahl von bisweilen subtilen Anspielungen, aber auch recht eindeutigen Duftnoten und erlaubt so, dem „konservativen Revolutionär“ bei der Schreibtisch-Arbeit sozusagen über die Schulter zu schauen.
Abgerundet wird die Studie durch Stichworte zu einigen JF-Autoren. Wie der Titel schon sagt, wird hier keine Vollständigkeit angestrebt. Auch handelt es sich nicht um Autorenporträts, in denen nachzuzeichnen wäre, welchen thematischen Schwerpunkten sich die Autoren verschrieben haben und welche strategische Option sie verfolgen. Vielmehr geht es hier darum zu zeigen, wie dicht eine Vielzahl der Autoren der „Jungen Freiheit“ in das Organisationsgeflecht der Rechten eingebunden ist. Ein erheblicher Teil des Personals der Zeitung entstammt einem Milieu, das im amtlichen Sprachgebrauch „rechtsextremistisch“ genannt wird. Diese Tatsache entgeht dem unbefangenen Leser der Zeitung, der sie liest, wie man gewöhnlich eben eine Zeitung liest; sie ist aber für eine politische Einordnung der „Jungen Freiheit“ alles andere als irrelevant. Ergänzt werden die Stichworte zu Autoren durch ein Glossar zu einigen Publikationen und Organisationen, um unsere Leser durch das Dickicht der hier genannten Gruppierungen zu lotsen.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich die „Junge Freiheit“ mal getarnt, mal mit offenem Visier im rechten Grenzraum des Verfassungsbogens und bisweilen auch jenseits davon bewegt. So betreibt sie Woche für Woche intellektuelle Aufrüstung wider die moderne demokratische Gesellschaft, die als „dekadente Spaßgesellschaft“ abqualifiziert wird; daher unser Buchtitel Nation statt Demokratie.
Für diejenigen, die sich zu Zwecken politischer Bildung an die Lektüre von Texten der „Jungen Freiheit“ und ihres Umfeldes machen wollen, liefert der Anhang eine Anleitung zur Analyse, die insbesondere auf das Herausarbeiten völkisch-nationalistischer Diskurselemente abstellt
Unser Buch richtet sich an politisch Interessierte und nicht primär an ein wissenschaftliches Fachpublikum. Entsprechend zurückhaltend ist der Apparat gestaltet: die Literaturangaben in den Fußnoten beschränken sich auf Quellenangaben und Tipps für weitere Orientierung; auf Hinweise auf wissenschaftliche Detailkontroversen und ähnliches mehr haben wir verzichtet. Dennoch sind wir davon überzeugt, dass unsere Studie als Beitrag zur empirischen Erforschung der extremen Rechten dem kritischen Blick der wissenschaftlichen Leser standhalten wird.
Die Studie und ihre Publikation wurde durch finanzielle Unterstützung des Bündnisses für Demokratie und Toleranz ermöglicht. Den Verantwortlichen gilt der Dank der Autoren
Martin Dietzsch
Siegfried Jäger
Helmut Kellershohn
Alfred Schobert
Zum Titel: Martin Dietzsch/Siegfried Jäger/Helmut Kellershohn/Alfred Schobert
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