Todestransporte: Deutsche Bahn AG soll "Farbe bekennen"

- Dokumentation – 31.1.2005
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BERLIN/SIEGEN/SAARBRÜCKEN (Eigener Bericht) - Nach mehreren Medienberichten über das Bahnhofsgedenken vom vergangenen Donnerstag und steigendem Zuspruch für eine Unterschriftenliste an die Deutsche Bahn AG befindet sich das Unternehmen auf dem Rückzug. Die Konzernleitung hatte die Ausstellung von Fotos und Dokumenten über die Todestransporte von 11.000 französischen Kindern, die auf dem deutschen Schienennetz der Ermordung zugeführt worden waren, auf sämtlichen Personenbahnhöfen der Bundesrepublik untersagt. Gegen das Verbot protestieren inzwischen über 200 Personen und Organisationen in einem ,,Offenen Brief". In der deutschen Presse heißt es, das Verhalten der DB AG offenbare eine ,,armselige" Einstellung zur eigenen Geschichte. Das Unternehmen müsse ,,Farbe bekennen". Prof. em. Dr. Wolfgang Popp, einer der Initiatoren des ,,Offenen Briefes", fordert in einem Interview mit dieser Redaktion, die DB AG solle bis spätestens 8. Mai diesen Jahres ihre Bereitschaft zur bundesweiten Präsentation der Ausstellung über das Schicksal der 11.000 Kinder erklären.

Der 8. Mai sei ein beziehungsreiches Datum und deswegen geeignet, der DB AG die Dimension ihrer Entscheidung vor Augen zu führen, äußerte Dr. Popp in einem Pressegespräch mit german-foreign-policy.com.1) Sollte das Unternehmen bis zu diesem Zeitpunkt an seiner Weigerung festhalten, müsse es mit zahlreichen örtlichen Aktivitäten rechnen, wie sie bereits am 27. Januar, dem Auschwitz-Gedenktag, bundesweit stattfanden.2) Dr. Popp schlägt vor, die örtlichen Bürgerinitiativen, die das bisherige Bahnhofsgedenken mitgetragen haben, in die Ausstellungsvorbereitungen einzubeziehen. Dazu müsse die Bahn AG entsprechende Mittel bereitstellen, verlangt der emeritierte Professor der Universität Siegen. Ausstellungsorte könnten mehrere Durchgangsbahnhöfe der früheren Todestransporte sein, so u.a. Saarbrücken, Mannheim, Frankfurt am Main, Fulda, Apolda, Leipzig, Dresden und Görlitz. An ,,besonders prominenter Stelle" müssten die Fotos der Kinder, ihre Abschiedsbriefe und die begleitenden Dokumente in Berlin gezeigt werden.

Beschweigen
Der Forderung nach bundesweiter Information auf den Bahnhöfen der DB haben sich inzwischen über 200 Einzelpersönlichkeiten und Organisationen angeschlossen, darunter zahlreiche Zeichner aus dem Ausland, so Prof. Dr. Bernhelm Booss-Bavnbek (Roskilde/Dänemark); Duska Borovac-Knabe (Belgrad); Pavel Chabr (Praha); Dr. Roman Dietinger (Wien); Jean-Marc Dreyfus (Paris); Gérard Loiseaux (Mori?res/Frankreich); Dirk Michel (Jerusalem); Dr. Nima Mina (University of London); Heinz Moll (Prag); Helen Schwenken (La Jolla/USA); Prof. Therkel Straede (Odense/Dänemark) und Prof. Dr. Mark Webber (Co-Director, The Canadian Centre for German and European Studies, Toronto).3) Die komplette Namensliste wurde der DB AG in der vergangenen Woche zugestellt. Das Unternehmen habe es bis heute nicht für nötig gehalten, auf die am 14. Januar begonnene Korrespondenz zu reagieren, teilen die Initiatoren des ,,Offenen Briefes" mit.

Ungeeignet
In einem Bericht der Saarbrücker Zeitung heißt es, der Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, Richard Borg, verlange von der DB AG, sie ,,müsse sich offensiv mit ihrer geerbten Geschichte beschäftigen", statt die Ausstellung in einem Nürnberger Bahnmuseum ,,zu verstecken".4) Damit antwortet die Synagogengemeinde auf eine Behauptung der DB AG vom Vortag, wonach sich jüdische Repräsentanten den DB-Argumenten angeschlossen hätten und eine Ausstellung über das Schicksal der 11.000 Kinder auf den Publikumsbahnhöfen als ,,unwürdig" bezeichneten. Laut DB-Sprecher Klingberg sind Bahnhöfe nicht der geeignete ,,Rahmen, da die Dokumente im Umfeld von Konsum-Tempeln und Baustellen zu sehen wären".5) Die durchsichtige Schutzbehauptung der DB, dies sei auch die Meinung jüdischer Organisationen, erwies sich binnen 24 Stunden als unhaltbar.

"armselig"
Eine umgehende Recherche der Saarbrücker Zeitung ließ den Versuch der Inanspruchnahme israelitischer Repräsentanten scheitern. Am Samstag stellte sich heraus, dass die DB AG auf Rückendeckung nicht rechnen kann und offensichtlich wahrheitswidrig vorgegangen war. In einem Kommentar schreibt die Saarbrücker Zeitung, es sei ,,armselig, daß die Deutsche Bahn AG sogar Bahnhofsbaustellen als Entschuldigung anführt, nur um die Wanderausstellung von Fotos von Deportierten nicht an deutschen Bahnhöfen zeigen zu müssen". Das Unternehmen zeichne sich durch Feigheit aus, heißt es weiter. Wie das Blatt berichtet, habe sich inzwischen auch der Zentralrat der Juden in Deutschland der Forderung nach bundesweiter Öffentlichkeit angeschlossen und empfehle die Präsentation der Deportations-Dokumente auf den Publikumsbahnhöfen der DB.

Aktivitäten
Die Initiatoren des ,,Offenen Briefes", die das offensive Gedenken an die 11.000 ermordeten Kinder angestoßen hatten, bitten die örtlichen Initiativen in den früheren Durchgangsstädten der Todestransporte um Rückmeldung, damit die bevorstehenden Aktivitäten koordiniert werden können. Wo Initiativgruppen noch nicht bestehen oder Kontakte zu vermitteln sind, sollten sich Interessenten melden (Mail-Anfragen an die Initiatoren des ,,Offenen Briefes" unter elftausendkinder@web.de). Eine Zusammenfassung der bisherigen Nachrichten und Interviews über das Gedenken an die 11.000 Kinder bringt german-foreign-policy.com auf seiner ständig aktualisierten Sonderseite. (http://www.german-foreign-policy.com/elftausendkinder/index.html)
1) Interview mit Prof. em Dr. Wolfgang Popp hier
2) s. dazu Durchgesetzt (http://www.german-foreign-policy.com/de/news/article/1106877226.php)
3) Liste der Zeichner hier (http://www.german-foreign-policy.com/elftausendkinder/unterzeichnende.html)
4) Zentralrat der Juden kritisiert Bahn AG; Saarbrücker Zeitung 28.01.2005
5) Bahn will Auschwitz-Ausstellung in Nürnberg zeigen; Saarbrücker Zeitung 27.01.2005
Interview mit Wolfgang Popp
KÖLN/SIEGEN - Prof. em. Dr. Wolfgang Popp ist Projektleiter im Siegener ,,Zentrum für Friedenskultur" (ZFK). ZFK-Geschäftsführer ist der Träger des Aachener Friedenspreises, Bernhard Nolz. Das ZFK ist eine Einrichtung der Gesellschaft für Friedenserziehung e.V., der Initiative Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) und des Forschungsgebiets Friedenserziehung der Universität-Gesamthochschule Siegen. Prof. em. Dr. Wolfgang Popp gehört zum Initiatorenkreis, der den ,,Offenen Brief" an die Deutsche Bahn AG gezeichnet hat.
german-foreign-policy.com: Die Deutsche Bahn AG lässt den ,,Offenen Brief" mehrerer hundert Einzelpersönlichkeiten und Organisationen bis heute unbeantwortet. Ist das Unternehmen unfähig, die Folgen einzuschätzen?
Prof. em. Dr. Wolfgang Popp: Das Gedenken an die 11.000 Kinder hat ja in der vergangenen Woche, am Auschwitz-Gedenktag, trotz der Bahnhofsverbote stattgefunden. Die Menschen haben sich von diesen Verboten nicht beeindrucken lassen. Auf mehreren Bahnhöfen sind stundenlang Fotos und Dokumente gezeigt worden, die Teil der geforderten Ausstellung sind. Die Unternehmensleitung um Herrn Mehdorn sollte erkennen, dass sie das nicht ignorieren kann. Die Forderungen bleiben bestehen: Ausstellungen in den Bahnhöfen und keine Abschiebung in ein Museum. Eine bundesweite Öffentlichkeit ist angemessen. Das entspricht auch der Würde, die diesen Kindern zurückgegeben werden muss.
german-foreign-policy.com: In Frankreich wurde die Ausstellung auf 18 Bahnhöfen gezeigt. Welche Bahnhöfe schlagen Sie in der Bundesrepublik vor?
Prof. em. Dr. Wolfgang Popp: Deportationen haben ja auf fast sämtlichen Bahnhöfen im damaligen NS-Reichsgebiet stattgefunden. Zum Beispiel auch hier in Siegen, wo die Verhafteten von der ,,Deutschen Reichsbahn" übernommen und dann ,,Richtung Osten" abtransportiert wurden, wie es euphemistisch hieß. Ich kann Initiativen, die daran erinnern, nur ermutigen, egal in welchen Städten sie arbeiten... Im konkreten Fall der Ausstellung über den letzten Weg der 11.000 Kinder bietet es sich an, in den damaligen Durchgangsbahnhöfen zu informieren, also u.a. in Saarbrücken, Mannheim, Frankfurt am Main, Fulda, Apolda, Leipzig, Dresden und Görlitz. Darüber hinaus sollte die Ausstellung an besonders prominenter Stelle in Berlin gezeigt werden - so wie sie in Paris, auf dem Gare du Nord, gezeigt worden ist.
german-foreign-policy.com: Eine solche Wanderausstellung zu organisieren, braucht Zeit. Welchen Zeitrahmen schlagen Sie vor?
Prof. em. Dr. Wolfgang Popp: Die Ausstellung existiert ja bereits und steht in Paris. Abgesehen von den deutschen Übersetzungen, ist sie einsatzbereit... Es ist richtig, dass die Vorbereitungen nicht übers Knie gebrochen werden können; dabei muss aber berücksichtigt werden, dass nur noch wenige Zeitzeugen leben. Sie werden bald nicht mehr berichten können. Es gibt ja, leider sehr wenige, Überlebende dieser Transporte. Es gibt die Söhne und Töchter der Deportierten. Man kann damit nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag warten. Am 8. Mai jährt sich der 60. Jahrestag der Befreiung. Vielleicht sollte man der DB bis zu diesem Zeitpunkt Zeit lassen, sich zu erklären. Spätestens am 8. Mai sollte die Deutsche Bahn verbindlich mitgeteilt haben, ob sie die Ausstellung zumindest auf den Durchgangsbahnhöfen zeigen will oder nicht. Am besten sollten die Gespräche darüber sofort beginnen. BRBgerman-foreign-policy.comBUndwennnicht, wenn das Unternehmen ablehnt?
Prof. em. Dr. Wolfgang Popp: Ich habe weiter die Hoffnung, dass man dort aus den Bahnhofsdemonstrationen am Auschwitz-Gedenktag die richtigen Schlüsse zieht. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die Deutsche Bahn AG bis zum 8. Mai Vorbereitungen getroffen haben könnte, um die Ausstellung in der zweiten Jahreshälfte 2005 oder etwas später auf den Bahnhöfen zu präsentieren... Das damit verbundene Gedenken wird auch gar nicht zu verhindern sein. Die lokalen Initiativen in den bereits genannten Städten, zwischen Saarbrücken und Görlitz, drängen ja bereits jetzt darauf, das Gedenken vor Ort fortzusetzen. Diese Initiativen müssen in die Vorbereitungen eingebunden werden. Sie können der Deutschen Bahn eine Hilfe sein, das Gedenken vor Ort zu praktizieren. Die DB AG muss diesen Initiativen Mittel bereit stellen. Die Unterschriftenliste, die auch im Ausland kursiert, wird immer länger. Man kann das Gedenken an die Überlebenden der damaligen Todestransporte nicht verbieten, hat Frau Klarsfeld in einem Interview gesagt. Es ist unmöglich, die Menschen durch Bahnhofsverbote zwingen zu wollen, ihre Empörung und Trauer zu unterdrücken. Das wird auf keinen Fall gelingen.

www.german-foreign-policy.com 31.01.05