Bücher zum Thema

AK Rezension - Robert Kurz

Linksdeutsches Sektenwesen
Robert Kurz analysiert die "antideutsche" Ideologie


von Gerd Bedszent, in analyse und kritik 479

Während der großen Demonstrationen gegen den Afghanistan- und gegen den Irak-Krieg demonstrierten sogenannte „Antideutsche“ mit Israel- und USA-Fahnen, diffamierten KriegsgegnerInnen als „organisierten faschistischen Mob“ oder provozierten mit Parolen wie „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder!“. Die Eskalation der Auseinandersetzung zwischen dieser kleinen, aber lautstarken Strömung und den verbliebenen Linken war für den bekannten Krisentheoretiker Robert Kurz letzter Anlass für eine längst überfällige Auseinandersetzung mit den ideologischen Grundlagen der „antideutschen“ Bewegung.

Im Verlaufe der neunziger Jahre entfernten sich die „Antideutschen“ mehr und mehr von ihren ursprünglich antifaschistischen Ansätzen und wandten sich der Bekämpfung linker Gruppen zu, die ihre theoretischen Auffassungen nicht teilten. Antisemitische Klischees wie das vom „raffenden Juden“ wurden von ihnen nicht bekämpft, sondern aufgegriffen. Kapitalismuskritik galt den „Antideutschen“ daher bald vom Grundsatz her als antisemitisch. In den letzten Jahren wurde von ihnen als „Hauptfeind“ die als „völkisch“ und demzufolge zwangsläufig „antisemitisch“ charakterisierte globalisierungskritische Bewegung ausgemacht. Im Widerstand gegen die extreme Rechte spielten „antideutsche“ Gruppen jedoch bald kaum noch eine Rolle.
Die Argumente für den geschilderten Frontwechsel ehemals radikaler Systemgegner überraschen sowohl in ihrer erstaunlichen Dürftigkeit und Kurzschlüssigkeit als auch dadurch, dass sie es tatsächlich schafften, eine immer absurdere Debatte in die Reihen der Linken hineinzutragen: Deutschland böse, also USA gut; Hitler gegen USA, Attac gegen USA, also GlobalisierungsgegnerInnen Nazis; USA gut, KriegsgegnerInnen Nazis, Krieg ist gleich antifaschistischer Kampf.

Oft erwiesen sich die „Antideutschen“ ihren WidersacherInnen überlegen – nicht infolge besserer Argumente, sondern weil ihre GegnerInnen von ihnen sofort als „Nazis“ denunziert wurden. Den „Antideutschen“ gelang es zwar nicht, sich eine Massenbasis zu schaffen - mehr und mehr linke Projekte gerieten jedoch in den Strudel der Paranoia und wurden von Anhängern der „Antideutschen“ okkupiert. Mehrere der bedeutendsten linken Zeitschriften wie „Konkret“ oder „Jungle World“ befinden mittlerweile in der Hand „antideutscher“ Redaktionen, und es ist gegenwärtig praktisch unmöglich, dort einen USA-kritischen Artikel zu veröffentlichen.

Robert Kurz hat es - nach eigenem Eingeständnis - einige Überwindung gekostet, dieses Buch zu schreiben. Tatsächlich ist es eine Zumutung, sich in die widersprüchliche Gedankenwelt „antideutscher“ Vordenker hineinzuarbeiten, zumal diese konsequent sämtliche Fakten ausblenden, die ihren Denkansätzen widersprechen. Immerhin gelang es ihm, einige theoretische Ansätze prominenter „Antideutscher“ wie Joachim Bruhn und Justus Wertmüller zurückzuverfolgen bis zu dem bürgerlichen Philosophen Manfred Dahlmann oder dem späten Horkheimer. Auch die Totalitarismustheorie der jüdischen Philosophin Hannah Ahrend wurde in stark vulgarisierter Form in die „antideutsche“ Ideologie einbezogen. Konsequent ausgeblendet blieben jedoch sämtliche Ansätze der marxistischen Ökonomiekritik. Kurz charakterisiert dies treffend, dass man „in der antideutschen Wahnwelt (...) nicht von Brötchen (lebt), sondern von bürgerlicher Geschichtsphilosophie“. Wenn beispielsweise die rechtsradikalen „Republikaner“ nach dem Motto „Deutsche zuerst“ sich gegen Zahnersatz für AsylbewerberInnen aussprechen, so folgern die „Antideutschen“ daraus, dass sozialer Widerstand gegen medizinische Restriktionen vom Grundsatz her völkisch und antisemitisch sei.

Die völlig kritiklose Befürwortung der „westlichen Zivilisation“ und die Leugnung bzw. Verharmlosung der im Verlaufe der Durchsetzungsgeschichte eben dieser „Zivilisation“ begangenen Gräuel hat von Seiten der „Antideutschen“ auch auf dem Gebiet der Außen- und Militärpolitik die absonderlichsten Konstrukte zur Folge. Da man in der Gegenwart selbst mit dem besten Willen keine durch Europa ziehenden SS-Divisionen herbeihalluzinieren konnte, traten islamische Staaten an die Stelle des deutschen Faschismus der dreißiger und vierziger Jahre. Nach dem Motto „Nazis gegen Juden, Araber gegen Israel, also Araber gleich Nazis“ wurde eine völlig ahistorische Gleichsetzung des Terrors islamistischer Gruppen gegen die israelische Bevölkerung mit dem planmäßigen Massenmord von Auschwitz und Treblinka betrieben, wobei die gesamte Bevölkerung arabischer Staaten als faschistisch eingestuft wird. Der unkritische Schulterschluß mit den rechtsgerichteten Regierungen der USA und Israels hatte dann logischerweise zur Folge, dass israelische und die US-amerikanische Linke im „antideutschen“ Weltbild nicht vorkommen und dass Friedensdemonstranten in Washington und Tel Aviv als Handlanger einer faschistoiden Terrorzentrale erscheinen.

Als Fazit seinen Buches charakterisiert Robert Kurz die „Antideutschen“ als spätes Zerfallsprodukt der sogenannten „Neuen Linken“ und vertritt die Auffassung, dass sie weder gewillt sind noch jemals in der Lage sein werden, nennenswerte Bevölkerungsgruppen für irgendein gesellschaftliches Ziel zu mobilisieren. Die Provokationen der „antideutschen“ Gruppen würden demzufolge über kurz oder lang in einer Reihe spektakulärer Eklats enden.

Für den harten Kern der „Antideutschen“ mag dies zutreffen. Die von ihnen propagierte Gleichsetzung von faschistoider Hetze mit Friedenskampf und sozialem Protest hat – wenn auch in gemilderter Form – jedoch schon längst Eingang in den medialem Mainstream gefunden. Insofern dürften die Friedensbewegung und die soziale Protestbewegung noch lange mit der „antideutschen Ideologie“ zu kämpfen haben.

ausführliche Informationen zum Titel:
Robert Kurz - DIE ANTIDEUTSCHE IDEOLOGIE