Cover in groß "Alte Herren - Neue Rechte"
Studentischer Sprecherrat der Universität München (Hg.)

Alte Herren - Neue Rechte

Rechte Normalität in Hochschule und Wissenschaft


ISBN: 3-89771-415-9
Ausstattung: br., 256 Seiten
Preis: 14.00 Euro

Der intellektuelle Rechtsextremismus an den deutschen Hochschulen stellt eine große Gefahr dar. Dieser Band fragt nach den Ursachen und Ausprägungen des und der Rechten an den Universitäten. Anhand einiger Wissenschaftsdiszipli-nen wird untersucht, wie weit rechtes Gedankengut in den deutschen Wissen-schaftsdiskurs hineinreicht. Weitere Themen sind der die politische Einstellung der Studierenden, die Rolle der Burschenschaften sowie mögliche Gegenstrategien.

Inhalt
Vorwort

Samuel Salzborn
Heimat ohne Holocaust? "Vertreibung" versus Vertreibung

Alfred Schobert
Von Walser zu Finkelstein. Neue Etappen der Geschichtspolitik

Claudia Barth
Von der leitkulturellen Tauglichkeit der Esoterik. Irrationalismus - Esoterik - Antisemitismus

Anna Bergmann
Wissenschaftlicher Rassismus in der Geschichte der Rassenhygiene, Humangenetik und Gynäkologie

Stephan Lippels
Soziobiologie...?

Alex Demirovic
Studierende und rechtes Gedankengut

Dietrich Heither
Burschenschaften und Rechtsextremismus

Tino Dinev
Rechtes Gedankengut an Berufsschulen - eine pädagogische Herausforderung

Florian Beck
Pädagogenausbildung und rechte Schüler

Wolfram P. Kastner
Staatlich beschränktes Gedenken
Aus den Augen - aus dem Sinn.

Ulrich Grochtmann
"Gegen Volksverdummung, Diktatur und Krieg" durch Vermittlung von "Geschichte aus der Nähe"

Rückentext:
Braune Schlägertrupps trifft man an den Hochschulen wohl eher selten. Dagegen stellen rechte Thesen und Propaganda in Wissenschaft und Hochschule eine weitaus größere Gefahr dar. In vielen Fachrichtungen verbreiten Professoren in ihren Vorlesungen rechtes Gedankengut. Nicht nur Ewiggestrige akzeptieren deren rechte Theorien wie Sozialdarwinismus in den Naturwissenschaften oder Geschichtsrevisionismus - bis zur offenen Verharmlosung des Holocaust. Universitäten stellen sich schützend vor Burschenschaften und pflegen Kontakte zu Vertriebenenverbänden, während antifaschistisches und emanzipatorisches Engagement konsequent behindert wird. Im Verbund mit dem Credo der "Objektivität der Wissenschaft" verhindert die Aushöhlung der Demokratie an den Hochschulen und die Kriminalisierung von ASten, die das Politische Mandat wahrnehmen, dass kritische Stimmen gehört werden.
Professoren und Burschenschaftler, die "zu deutlich" geworden sind, werden meist als "Ausreißer" aus der liberalen Normalität dargestellt. Doch die Universität erfüllt ihre gesellschaftliche Funktion gerade durch Elitenbildung und die Entwicklung von Ideologien, die das herrschende System in seiner aktuellen Form untermauern. In der Diskussion um den neoliberalen Umbau der Universitäten zeigen Schlagworte wie "Humankapital" und "Standort Deutschland", wohin der Weg führt - zu einer noch kleineren, noch konservativeren Elite: der "Neuen" Rechten der Berliner Republik.
Dieser Band dokumentiert die Ergebnisse eines Kongress des AStA der Universität München über Ursachen und Ausprägungen des und der Rechten an den Universitäten. Anhand einiger Wissenschaftsdisziplinen wird untersucht, wie verwurzelt rechtes Gedankengut in den deutschen Wissenschaftsdiskurs ist. Der Zusammenhang von Wissenschaft und Nationalismus sowie die politische Einstellung der Studierenden und die Rolle der Burschenschaften werden ebenso beleuchtet wie mögliche Gegenstrategien.

Rezension

Alte Herren - Neue Rechte
„Braune Schlägertrupps trifft man an den Hochschulen wohl eher selten", so beginnt das Buch «Alte Herren - Neue Rechte. Rechte Normalität in Hochschulen und Wissenschaft» vom studentischen Sprecherrat der Uni München. Das ist sicherlich richtig. Umso schlimmer sind rechte Thesen und Propaganda in Wissenschaft und Lehre. Professoren verbreiten in ihren Vorlesungen rechtes Gedankengut, verharmlosen den Holocaust oder wollen die Geschichte im "rechten" Sinne neu schreiben. Universitäten stellen sich schützend vor Burschenschaften und pflegen Kontakte zu Vertriebenenverbänden, während antifaschistisches und emanzipatorisches Engagement konsequent behindert wird. Dies zeigt eine Ausstellung des AStA der Uni München über die Bereicherung Deutscher an der Arisierung in der NS-Zeit. Sie musste aus dem Lichthof weichen, da die Sudetendeutsche Landsmannschaft Druck auf die Uni-Leitung ausgeübt hatte. Ihrerseits konnte die Landsmannschaft an der Uni, protegiert vom bayerischen Landtagspräsidenten (CSU) und trotz massiver Proteste der Studierenden, eine revanchistische Ausstellung präsentieren. Der AStA-Semesterkalender, der einen kritischen Artikel über Burschenschaften enthielt, wurde von der Uni-Leitung verboten. Den Lichthof "ziert" eine Tafel auf der steht: "FROMMER ERINNERUNG DENKMAL DEN TOTEN GEWEIHT DREIER KRIEGE DIE IHREM SCHICKSAL NICHT UMSONST ERLEGEN SIND. 1959". Mit den drei Kriegen sind der Deutsch-Französische Krieg und die beiden Weltkriege gemeint. Diese Tafel wurde 1959 auf Wunsch von Burschenschaften angebracht. Die Studierenden verlangten die Entfernung. Der Tafel gegenüber ist das Denkmal für die "Weiße Rose" installiert. Die Uni, die offiziell "Ludwig-Maximilians-Universität" heißt, trägt inoffiziell den Namen "Geschwister-Scholl-Universität", und somit einen großen Namen. Eigentlich ist schon dieser Name Verpflichtung genug für die Uni-Leitung.

Auf dem Kongress, der der den gleichen Titel wie das Buch hatte, wurden einige Fragestellungen behandelt, die sich mehr oder weniger mit dem Schulischen befassen. Neben Themen wie z.B. Esoterik und Antisemitismus, dem wissenschaftlichen Rassismus oder dem Problem von Lehrern mit rechten Schülern möchte ich zwei Punkte herausheben: Zum einen die Vertriebenen und ihre Funktionäre, zum anderen Burschenschaften, Verbindungen und Korporationen.
Als einer der Referenten widmet sich Samuel Salzborn in dem Buch den Funktionären der Vertriebenenverbände und deren Wirken. Sie versuchen, Hitler und das NS-Regime dadurch zu relativeren, dass sie sagen, dass schließlich die Sowjets und Tschechen (auch) Verbrechen gegen die Deutschen begangen hätten. Salzborn zitiert die Erwiderung vom Thüringer SPD-Fraktionsvorsitzenden, Heiko Gentzel, auf Äußerungen des Vize-Präsidenten des Bundes der Vertriebenen (BdV), Paul Latussek: Es ist ein „Nährboden für Handlungen (…) wie wir sie (…) mit dem Brandanschlag auf die Synagoge in Erfurt ertragen mussten." Latussek bewegt sich schon lange nicht mehr im Grenzbereich zum Neofaschismus. Ein Paradebeispiel vom wissenschaftlichen Rechtsausleger ist Prof. Dr. Hans-Hellmuth Knütter. Über uns Antifas sagte er im "Ostpreußenblatt": „Der Antifaschismus dient als Volkskitt. (…) die wirren Gefühlssozialisten und kriminellen Antifaschisten (…) wittern angesichts der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krise Morgenluft." Dass Leute wie er das "Krisenfeuer" am Brennen halten, wird er wohl wissen.

Dr. Dietrich Heither referierte über ein weiteres Thema, das auch in unserer Stadt nicht unbekannt ist: Die unheilvolle Tätigkeit von Burschenschaften an Unis und Hochschulen. Auch in Bremen haben wir das Problem, dass sie sich nur sehr ungern in die Karten schauen lassen. Sie nutzen jede Möglichkeit den AStA zu diskreditieren. Schon dass der AStA sich mit den Strukturen der studentischen Verbindungen, Korporationen und Burschenschaften beschäftigt und die Ergebnisse publiziert, gilt als unrechtmäßiges Wahrnehmen des politischen Mandats. Beim VDSt ist vor allem die nationalsozialistische Tradition anzuprangern. Germania, Frankonia, Teutonia, Allemania oder Danubia hingegen gelten klar als neofaschistisch. Fast alle derartigen Gruppierungen sind nationalistisch, antisemitisch, frauen- und fremdenfeindlich eingestellt. Professoren, Wissenschaftler, Unternehmer und Politiker, die aus ihnen hervorgegangen sind, bleiben den Vereinigungen für gewöhnlich Zeit ihres Lebens treu. Das schafft die berüchtigten Seilschaften.

Dass viele Wissenschaftler und Professoren ihre NS-Karrieren in der Nachkriegsdemokratie weiterführen konnten, ist bekannt. Dass sehr viele der Schüler und Studenten diese Ideologien übernahmen, merken wir heute noch schmerzlich, wenn wir z.B. die Urteile gegen Neonazis betrachten. Auch wurden die so genannten "Zigeunerdateien" direkt von der Polizei übernommen und die Ethnologie hat auf deren Basis ‚weitergearbeitet'. Erfahrungen der NS-Ärzte werden noch heute in Medizin und Forschung (Kälte-, Unter- oder Überdruckversuche) benutzt.

Gerold (VVN-BdA Bremen)
In "Der Bremer Antifaschist" November 11/2002


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