Nach Auschwitz kann es keine Kritik der Gesellschaft ohne eine Theorie des Faschismus geben. Der Faschismus zwingt eine kritische Gesellschaftstheorie dazu, ihre eigenen Bedingungen zu reflektieren, und er zwingt ihr zugleich ihren zentralen Gegenstand auf: die Möglichkeit eines Umschlags der Zivilisation in die Barbarei. Vor diesem Hintergrund wird in diesem Band eine doppelte Frage diskutiert: Welche Konsequenzen haben kritische Gesellschaftstheorien aus dem Faschismus für das Schicksal der bürgerlichen Gesellschaft und für die heutige postfaschistische Epoche gezogen? Und wie sehen die Bedingungen der Möglichkeit kritischer Philosophie und Gesellschaftstheorie nach Auschwitz aus?
Rezension, Rosa Antifa Wien: §248 / Abs 31 - Wöchentliche Demozeitung :Faschismustheorie und Gesellschaftskritik
Die Protestbewegung gegen schwarz-blau ist auch ein Jahr nach der Machtübernahme einer Koalition unter Einschluß der FPÖ weitgehend jeder Beschäftigung mit Faschismus-theorien aus dem Weg gegangen. Mit dem Erscheinen eines zusammenfassenden Einführungswerkes aus dem Unrast-Verlag wird es nun jedoch auch "EinsteigerInnen" erleichtert, aus der Theorie des Faschismus eine Kritik der Gesellschaft zu formulieren, bzw. die Aktualität von Faschismustheorien für aktuelle Gesellschaftskritik zu erarbeiten.
Der Großteil der in diesem Band gesammelten Beiträge wurde im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der jour fixe initiative berlin als Referat in Berlin gehalten und stellt bewußt die behandelten Theorien so vor, daß sie ohne spezifische Vorkenntnis oder Lektüre der Originaltexte verständlich bleiben. In so fern stellt das Buch auch eine ideale Einführungslektüre für LeserInnen dar, die sich erstmals mit Faschismustheorien beschäftigen wollen.
Besonders interessant ist dabei für uns die Kurzdarstellung der Studien der Kritischen Theorie zum autoritären Charakter, die bereits in der Ära des Bewegungsfaschismus, der sich zumindest in Deutschland noch nicht an der Macht befand, enstanden sind, insbesondere von Theodor W. Adorno aber auch nach der Schoa weiter ausgebaut wurden. Adorno betrachtet faschistische Einstellungen dabei weniger als rationale Ideologie, sondern als Folge eines autoritären Charakters des einzelnen Faschisten. Für den autoritären Charakter eines schwachen Ichs wird dabei eine Radfahrernatur als charakteristisch gesehen, die aus Nach-oben-strampeln und Nach-unten-treten besteht. Zugleich existiert ein ausgeprägter Wunsch nach Unterwerfung, so wie Agression gegen Schwächere. Statt gegen die eigenen Autoritäten zu rebellieren, kompensiert das von der patriarchalen Familie geprägte schwache Ich seine Unfähigkeit, eine selbstbestimmte Persönlichkeit zu entwickeln, durch eine konformistische Rebellion und ein Aufgehen in einem bestimmenden Kollektiv, im Volk oder der Nation. Jeder "kleine Mann" kann sich so, sei er auch noch so klein, als Mitglied eines geschichtsmächtigen Kollektivs betrachten, das auch noch einen Schuldigen für alle negativen Entwicklungen, die über dieses Kollektiv hereinbrechen, findet. Das eigene geschichtsmächtige Kollektiv benötigt geradezu den Gegner, den Schuldigen, das Gegenkollektiv, um sich überhaupt zu konstituieren.
Der ambivalente Wunsch des autoritären Charakters, sich gleichzeitig einer Autorität unterwerfen zu können und dieser anzugehören, führt dazu, daß das schwache Ich seine Agressionen gegen Fremdgruppen richten muss, weil es nicht in der Lage ist, sie gegen Autoritäten der eigenen Gruppe zu richten. Adorno legt schließlich auch Wert darauf, daß die strukturellen Bedingungen, die Auschwitz ermöglicht haben, nicht aus der Welt geschafft wurden. Auschwitz wird im Allgemeinen als historischer Rückfall in die Barbarei gesehen. Adorno betont aber, daß diese Möglichkeit des Rückfalls in die Barbarei, da sie sich historisch zugetragen hat, als chronische Möglichkeit einer Wiederkehr nicht mehr wegzudenken wäre. Adorno spitzte dies im Satz "Deutschland denken heißt Auschwitz denken!" zu. Anti-nationale DonnerstagsdemonstrantInnen, die diesen Satz auch auf Österreich bezogen haben und ein Transparent mit der Aufschrift "Österreich denken heißt Auschwitz denken" mit sich trugen, wurde von vielen anderen DemonstrantInnen Unverständnis, teilweise sogar Agression entgegengebracht. Schließlich geht es vielen DonnerstagsdemonstrantInnen längst viel mehr um den Erhalt des Sozialstaates, denn um die Beteiligung einer Partei mit dem ideologischen Hintergrund der FPÖ.
Neben den Faschismustheorien der Frankfurter Schule werden im Sammelband "Theorie des Faschismus - Kritik der Gesellschaft" aber durchaus auch Theorien behandelt, die in vielem widersprüchlich sind und in der Linken auch auf Wider-spruch stoßen müssen. Stefan Vogt sucht in einem Beitrag nach einem "kritischen Totalitarismusbegriff" bei Hannah Arendt, Franz Neumann und Max Horkheimer. Elfriede Müller schreibt über Republikanischen Nationalismus und Faschismus in Frankreich und Jochen Baumann macht sich Gedanken über Produkti-vität und Vernichtung im National-sozialismus. Dazu ergänzen noch eine Reihe weiterer Aufsätze das gut lesbare, aber trotzdem anspruchsvolle Buch. Diese sind durchaus unterschiedlich und teilweise widersprüchlich, legen aber wert auf die aktuelle gesellschaftliche Relevanz der behandelten Faschismustheorien.
Gerade für die Protestbewegung, die seit Februar 2000 jede Woche auf die Straße geht, um ihre Ablehnung gegenüber dieser FPÖ kundzutun, wäre es von großem Interesse, sich einmal die in diesem Buch versammelten Aufsätze anzusehen. So heterogen diese Protestbewegung nämlich ist, so verschieden sind auch die darin vorgestellten und behandelten faschismustheoretischen Ansätze.
Mit Beiträgen von: Stefan Vogt: Gibt es einen kritischen Totalitarismusbegriff?
Enzo Traverso: Die Intellektuellen und der Antifaschismus. Für eine kritische Geschichtsschreibung
Jan Weyand: Zur Aktualität des autoritären Charakters
Moshe Zuckermann: Faschismus, autoritärer Charakter und Kulturindustrie
Udo Wolter: Postkolonialismus. Ein neues Paradigma kritischer Gesellschaftstheorie?
Ulrich Bröckling: Totalitätslehren der Zwischenkriegszeit. Die Doktrin des »totalen Krieges« zwischen 1918 und 1945
Jochen Baumann: Produktivität und Vernichtung. Die Transformation der Sozialpolitik im Nationalsozialismus
Elfriede Müller: Republikanischer Nationalismus und Faschismus in Frankreich
Klaus Holz: Die Verknüpfung von Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus in der Dritten Republik. Zum Beispiel Édouard Drumont
Alexander Ruoff: Science Fiction und bürgerliche Utopie. Zukunftsvorstellungen nach Auschwitz
Aus dem Vorwort Alle hier versammelten Aufsätze gehen der Frage nach, welchen Beitrag eine Theorie des Faschismus zur Kritik der heutigen Gesellschaft leisten kann. Sie stellen sich die Aufgabe, ein theoretisches und praktisch-politisches Problem anzugehen: wenn die Faschismen eine Transformation der bürgerlichen Gesellschaft darstellen, die im Nationalsozialismus so weitgehend war, daß von einem Bruch mit der bisherigen Geschichte gesprochen werden kann, dann muß eine aktuelle Kritik der Gesellschaft sich genau mit dieser Dialektik von Kontinuität und Bruch, die der Nationalsozialismus bewirkt hat, auseinandersetzen. Eine derartige Theorie des Faschismus ist eine Voraussetzung für die Kritik der Gesellschaft. Sie muß, will sie eine wirksame Kritik heutiger Vergesellschaftung leisten, Kontinuität und Differenz der bürgerlichen Gesellschaft zum Faschismus und zu seinen Nachfolgern analysieren können, ohne mit Begriffen zu hantieren, die wie »Faschisierung«, »Postfaschismus« oder »autoritärer Staat« bereits von vornherein die Logik des Verhältnisses von Geschichte und Gegenwart festlegen. Die hier veröffentlichten Beiträge stellen sich dieser Aufgabe. Sie wurden im Rahmen der gleichnamigen Veranstaltungsreihe der jour fixe initiative berlin vom November 1998 bis zum Mai 1999 als Vorträge gehalten.
Faschismustheorien scheinen seit einiger Zeit ziemlich aus der Mode gekommen zu sein. Sie gelten allgemein als Marotte der siebziger Jahre, der untergegangenen Arbeiterbewegung und der Epoche des Kalten Krieges zugehörig. Die seinerzeit dominanten Ansätze, die sich an der Faschismustheorie der III. Internationalen orientierten, waren in ihrer Erklärungskraft allerdings ziemlich begrenzt. In aller Regel subsumierten sie die einzelnen faschistischen Regime unter einem allgemeinen Faschismusbegriff und ignorierten damit den besonderen Charakter des Nationalsozialismus, den Hannah Arendt als Herrschaftsform sui generis bezeichnete. Die Faschismen und der Nationalsozialismus wurden von ihnen nur funktional als Werkzeug der kapitalistischen Herrschaft analysiert.
Mit diesen Ansätzen sind jedoch auch die wenigen kritischen Faschismustheorien verschwunden. Gerade aber die heutige Zeit, die diese Theorien überwunden zu haben glaubt, steht für ihre ungebrochene Aktualität. Die Elemente faschistischer Ideologie sind nach wie vor virulent. Dies zeigt nicht nur die Renaissance rechtsextremer Bewegungen in ganz Europa, sondern auch die zunehmende Verbreitung von Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus und Autoritarismus in weiten Teilen der Bevölkerungen. Insbesondere in Deutschland wird außerdem durch den diskursiven Bezug auf Auschwitz eine neue nationale Formierung betrieben, sei es in der Art Martin Walsers als Forderung nach einem Schlußstrich, sei es in der Art Joschka Fischers und Rudolf Scharpings als Legitimation für eine offensive und inzwischen auch wieder kriegerische deutsche Außenpolitik. (...)
Die AutorInnen untersuchen unterschiedliche theoretische Ansätze nach ihren kritischen Potentialen. Der Band versammelt deshalb einerseits Aufsätze, die die Aktualität kritischer Faschismustheorien beleuchten, und andererseits solche, die auf dieser Grundlage gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen untersuchen. Im Mittelpunkt stehen dabei Interpretationen, die sich auf die Kritische Theorie der »Frankfurter Schule« einerseits, die Theorien des Poststrukturalismus andererseits beziehen. In dieser Hinsicht knüpft der Band an die vorhergehende Reihe über »Kritische Theorie und Poststrukturalismus« an.1
Für die Kritische Theorie ist der Nationalsozialismus nicht allein ein fundamentaler Einschnitt in die Geschichte der Zivilisation, sondern auch in diejenige der Philosophie. Adorno zufolge stellt Auschwitz die Möglichkeit von Philosophie grundsätzlich in Frage und begründet gleichzeitig ihre ungebrochene Notwendigkeit. Daraus ergeben sich Konsequenzen für die Theorie des Geschichtsprozesses. Auch wenn man davon ausgeht, dass sich die bürgerliche Gesellschaft nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus weitgehend restauriert hat, so können die gesellschaftlichen Grundlagen nach 1945 nicht mehr dieselben sein wie davor. Tatsächlich hat der Nationalsozialismus eine autoritäre Modernisierung der deutschen Gesellschaft geleistet. Zwar wurde die kapitalistische Vergesellschaftung im Nationalsozialismus keineswegs außer Kraft gesetzt, doch schlug, der Kritischen Theorie zufolge, in der Vernichtung der Juden die ökonomische Rationalität in Irrationalität um. Damit stehen allerdings nicht allein die traditionellen Begriffe von Ökonomie, Politik oder Gesellschaft zur Disposition. Nach Auschwitz stellt sich die Frage, ob nicht die Kategorie der Totalität selbst totalitär ist. Denn wenn die bürgerliche gesellschaftliche Synthesis in reine Herrschaft aufgelöst ist, dann wäre auch die Totalität keine kritische, sondern nurmehr eine affirmative Kategorie. Die Kritische Theorie fordert deshalb dazu auf, die Begriffe der theoretischen Kritik auch gegen diese Begriffe selbst zu wenden.
Die TheoretikerInnen des Strukturalismus und des Poststrukturalismus ziehen aus dem Faschismus die Konsequenz, dass eine Geschichtsphilosophie nur noch affirmativ möglich sei und geben deshalb den Begriff der Totalität ganz auf: Gesellschaftskritik muß ohne sie auskommen. Statt dessen werden die konkreten Herrschaftstechniken analysiert, die dem Faschismus zugrunde liegen. Der Schwerpunkt verlagert sich dabei von der Ebene der Makromächte auf diejenige der Mikromächte. Im Zentrum stehen die Techniken der Disziplinierung und die diskursiven Praktiken der Herrschaft und deren Dekonstruktion. Gerade hier ergeben sich Möglichkeiten, mit einer diskursanalytischen Faschismustheorie zur Kritik gegenwärtiger Gesellschaft beizutragen.
1 jour-fixe-initiative berlin (Jochen Baumann, Elfriede Müller, Stefan Vogt) (Hrsg.): Kritische Theorie und Poststrukturalismus. Theoretische Lockerungsübungen, Berlin/Hamburg (Argument AS 271) 1999.
Die AutorInnen: Jochen Baumann, Soziologe, arbeitet als Journalist und Autor in Berlin und promoviert über Migration und Sozialpolitik in Deutschland.
Ulrich Bröckling, Soziologe, lebt in Freiburg und ist z.Zt. Wiss. Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich Literatur und Anthropologie der Universität Konstanz.
Klaus Holz, Soziologe, lebt in Berlin und habilitiert an der Universität Leipzig mit dem Thema »Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung«.
Elfriede Müller, Historikerin, lebt in Berlin und ist Beauftragte für Kunst im öffentlichen Raum des Berufsverbandes Bildender Künstler des Landes Berlin.
Alexander Ruoff, Historiker, lebt und arbeitet in Berlin.
Enzo Traverso, Historiker, lebt in Paris. Unterrichtet an der Universität der Picardie in Amiens und an der Ecoles des hautes études en sciences sociales in Paris.
Stefan Vogt, Historiker, lebt in Berlin und promoviert über die sozialdemokratische »Junge Rechte« zwischen der Weimarer Republik und der frühen Bundesrepublik.
Jan Weyand, Soziologe, lebt in Hamburg und promoviert über den Subjektbegriff bei Adorno.
Udo Wolter, Soziologe, lebt in Berlin und arbeitet als freier Autor und Dokumentar.
Moshe Zuckermann, Soziologe, lebt in Israel und lehrt seit 1990 am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas der Universität Tel-Aviv. Seit Februar 2000 leitet er das Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel-Aviv.
Die jour fixe initiative berlin sind: Isabell Armbrust, Jochen Baumann, Elfriede Müller, Alexander Ruoff, Gerhard Spaney, Stefan Vogt, Udo Wolter.
Teile der Initiative entspringen einem Konflikt und der anschließenden Abgrenzung von/aus der Redaktion bahamas. Wegen "unüberbrückbarer Differenzen über den Umgang mit unterschiedlichen Theorietraditionen in der Linken - eben Wertkritik/Kritische Theorie versus "Post"-Diskurse -, sowie auch mit linken Strömungen außerhalb des engeren eigenen Umfeldes kam es dann Mitte '97 zu einem Bruch und der Neuorientierung der jour fixe initiative als eigenständiger Gruppe.
Dieser zweite Band von jour fixe bringt zehn Beiträge zusammen, die im Rahmen der gleichnamigen Veranstaltungsreihe der initiative jour fixe als Vorträge gehalten wurden. Die Vortragsreihe erfreute sich, ebenso wie die vorhergehende zum Thema "Kritische Theorie und Poststrukturalismus" (erschienen im Argument Verlag), großen Zuspruchs.
Reaktionen: Die jour fixe-initiative berlin ist eine der wenigen Gruppen, die sich bei der linken Theoriebildung verdient gemacht haben.
CEE IEH #86: weitere Bücher der jour fixe initiative berlin:
Wie wird man fremd
Geschichte nach Auschwitz
Kunstwerk und Kritik
Fluchtlinen des Exils
Klassen und Kämpfe Exposee der jour fixe initiative berlin für die neue Veranstaltungsreihe ab Januar 2004
Projekte zum Thema im Internet Texte bei
Wikipedia :
Judenfeindlichkeit
Rechtsextremismus
Junge Freiheit Informationen des
IDGR Bücher der jour fixe initiative berlin:
Theorie des Faschismus – Kritik der Gesellschaft
Wie wird man fremd
Geschichte nach Auschwitz
Kunstwerk und Kritik
Fluchtlinien des Exils
Klassen und Kämpfe
Gespenst Subjekt