Ein packender Roman über einen jungen kanadischen Okanagan und seinen Weg des politischen Widerstands innerhalb der Red Power Bewegung.

Tommy Kelasket – Spitzname Slash – und Jimmy sind zwei indianische Jugendliche, die gemeinsam im Reservat aufwachsen. Beide erleben den Rassismus der kanadischen Gesellschaft, die Verachtung und Diskriminierung, die traditionellen IndianerInnen entgegenschlägt.
Als junger Erwachsener verläßt Tommy das Reservat und geht in die Stadt, wo er mit dem Schicksal vieler indigener Menschen in der Stadt konfrontiert wird, die in einem Zyklus von Armut, Gewalt und Drogen gefangen sind. Dort begegnet er schließlich der Sozialarbeiterin und engagierten Kämpferin Mardi, gelangt durch sie auf den Weg des politischen Widerstandes ...
"Jeannette Armstrongs Roman Slash ist die bewegende Story über das Erwachsenwerden eines jungen Okanagan Indianers. Armstrong schreibt überzeugend über das Leben im Reservat, über Slashs frühe Jahre und seine politische Entwicklung [...] Dieser Roman ist sehr geradlinig geschrieben- lesenswert!"
The Vancouver Sun
Leseprobe Ich wachte mit einem fremden Mädchen neben mir im Krankenhaus auf. Sie sagte: »Hi, wie läuft's, Slash? Mein Name ist Mardi. Ich bin vom Freundschaftszentrum. Wir müssen deinen Namen und deine Reservatsanmeldenummer haben, bevor diese Ärzte dich rausschmeißen. Christus, ich hab noch nie gesehen, wie jemand zehn Bullen flachlegt. Du weißt, dir steht noch ganz schön was bevor. Aber du bist ziemlich zugerichtet, also mußt du eine Weile hier bleiben. In der Zwischenzeit wird jemand versuchen rauszukriegen, ob wir sie dazu kriegen können einige Anklagepunkte fallen zu lassen. Wo kommst du her?«
Ich lag da und fühlte mich, als hätte sich jemand die Zeit genommen, jeden einzelnen Teil von mir mit einer großen Zange zu zwicken. Meine Schulter pochte und schickte langsame, heiße Fäden wie Würmer den Arm hinunter. Ich sah sie an: »Wo bin ich? Was zur Hölle ist passiert? Wo ist Johnny?«
»Welcher Johnny?« wollte sie wissen. »Was glaubst du, was passiert ist? Alles, was ich weiß, ist daß du im Turkey Toms warst und daß dir dort jemand ein paar Linien in die Schulter ritzen wollte. Ich war da. Ich hab' nur gesehen, wie die Klotür aufflog und diese zwei Typen mit zerfetzten Hemden rausstolperten und du um dich gestochen und geschrien hast: 'Ich schneide jedem die Eier weg, der das noch mal probiert!' Scheiße, Mann, so wie du aussahst, hat gereicht, um jedem, der in dem Laden rumhing, Angst zu machen. Die Bullen kamen rein und versuchten dich zu stoppen. Nachdem ein paar von ihnen auf dem Boden gelandet waren, brauchten sie einige Schlagstöcke, um dich runter zu holen. Und hier bist du, Slash. Also, erzähle mir, was ich wissen muß, und ich komme dich heute abend wieder besuchen.«
Ich erzählte ihr meinen Namen und die anderen Dinge, die sie wissen wollte. Dann ging sie weg. Später sprachen einige Bullen mit mir. Ich wurde anscheinend wegen Körperverletzung und Widerstandes gegen die Staatsgewalt angeklagt. Ich fragte nach den anderen Typen, die, die angefangen hätten, und sie sagten, daß sie auch Ärger hatten, aber daß ihre Anklagepunkte nicht so schwer sein würden. Ich fragte sie nicht, was mit meinem Päckchen und seinem Inhalt passiert war. Ich nehme an, daß jemand Glück hatte und es mitnahm. Wahrscheinlich der Abnehmer, der mir das Zeichen für die Falle gegeben hatte.
Mardi kam tatsächlich zurück. Sie war super de luxe. Tough mit harten Augen und langem schwarzen Haar, das ihr bis auf die Hüften hing. Mir war klar, daß sie sich auskannte. Niemand konnte sie reinlegen. Sie kam häufig vorbei, bis ich bereit war für meinen Prozeß. Sie setzte sich und erzählte was los war. Von ihr hörte sich alles aufregend an. So als würde bald was passieren. Sie erzählte mir über die Treffen junger Indianer. Dort wurde Klartext darüber geredet, wie man etwas verändern kann. Sie fragte, wo ich herkam und erzählte mir einige Dinge darüber, was gerade zu Hause los war. Sie brachte mir verschiedene indianische Nachrichtenbulletins und solche Dinge zum Lesen vorbei.
Das Krankenhaus war wahrscheinlich der langweiligste Ort auf der Welt. Die Schwestern und Ärzte fummelten an mir herum und sprachen miteinander, als wäre ich taubstumm. Sie wirkten nicht wie Menschen. Sie müssen sehr lange studiert haben, um so entfremdet zu werden. Der Geruch war schlimmer als in jeder indianischen Kneipe. Ich mußte also etwas tun, um mir die Zeit zu vertreiben. Also las ich viel.
(...)
Als ich aus dem Krankenhaus kam, wurde ich unter Mardis Obhut gestellt. Sie mußte zusehen, daß ich da blieb, bis ein Prozeßtermin feststand. Diese paar Wochen waren die besten, die ich je erlebt habe, schätze ich, selbst wenn ich noch schwach und krank von meinen Verletzungen war, und obwohl ich möglicherweise in den Knast mußte.
Ich hatte viele Freundinnen gehabt, seit ich fünfzehn war, aber keine hatte mir einfach mit einem Lächeln ein solch warmes Gefühl gegeben. In diesen Wochen sorgte sie für mich. Süße Fürsorge. Ich verliebte mich ganz schrecklich in sie. Ich wollte jede mögliche Minute bei ihr sein und ihren süßen Geruch einatmen. Sie roch wie Salbei und Zeder und ihre Haut war gleichmäßig braun und glatt wie die Berge im Okanagan.
Ich schmiedete alle möglichen Pläne, um nach Hause zurückzukehren. Ich schrieb nach Hause und erzählte meiner Schwester Josie, daß ich für immer zurückkommen würde.
Ich schrieb ihr, daß ich überlegte zu heiraten und fragte sie ob sie einen guten Platz für eine kleine Holzhütte kannte. Ich wußte, daß sie es Dad und den anderen erzählen würde. Meinen Prozeß und die Verletzungen erwähnte ich nicht.
Eines morgens sehr früh saßen wir am Fenster im kleinen Souterrain, in dem Mardi wohnte. Es war früh und draußen sangen eine Menge verschiedener Vögel. Grüne Zweige bedeckten fast das ganze Fenster. Das Fenster war geöffnet und das Sonnenlicht und eine warme Brise strömten durch die Blätter. Die Blätter flüsterten und schienen zu beben, einfach voll grünem Leben strotzend. Ein Rotkehlchen kam, setzte sich auf ein Zweig und sah uns einfach an. Alles schien sich zu verlangsamen. Für einen Moment schien ich in einer schimmernden Zeitlosigkeit zu hängen, angefüllt mit strotzendem grünem Leben und Vogelgesang. Als das Rotkehlchen mich mit seinem glänzenden Auge immerzu ansah, fühlte ich fast ein Tosen in den Ohren. Ich wollte die Arme ausstrecken und das ganze in meine Händen schließen. Ich wollte es festhalten, damit ich die Hände ab und zu aufmachen und es anschauen konnte. Das Rotkehlchen öffnete den Schnabel und pfiff, dann war es weg.
An diesem Tag ging ich zum Prozeß. Mardi tat wohl, was sie konnte, aber die Tatsachen blieben, wie sie waren. Ich war ein Indianer und ich hatte einer Festnahme widerstanden und mich mit einer lebensgefährlichen Waffe verteidigt und danach anscheinend einige Cops lächerlich gemacht. Niemand schien sich dafür zu interessieren, daß ich den Kampf nicht angezettelt hatte, daß das Messer den anderen Typen gehörte und daß ich es war der sich nur wehrte und dabei ernsthaft verletzt wurde.
Mein Anwalt sagte immer wieder, daß diese Dinge irrelevant seien und daß ich mich so höflich wie möglich verhalten sollte und so oft wie möglich 'Ja, euer Ehren' sagen sollte. Er sagte, ich sollte wegen der Körperverletzung schuldig plädieren, aber ich versuchte ihm zu erklären, daß ich dafür nicht-schuldig plädieren wollte, weil es Notwehr war und schlug vor, nur wegen Widerstand auf schuldig zu plädieren. Er sagte, das könnten wir nicht machen, ich wäre entweder schuldig oder nicht-schuldig, aber nicht beides und außerdem würde ich besser davon kommen, wenn ich schuldig plädierte. Er hatte mir gesagt, ich sollte mir die Haare kurz schneiden und ein weißes Hemd mit Krawatte tragen.
Ich fühlte mich echt wie ein Idiot mit meinen kurzen Haaren und diesen Honky-Klamotten. Es gefiel mir nicht, daß mich Mardi so sah und ich verstand nicht, wie ich damit vor Gericht eine faire Chance bekommen sollte. Es war sowieso alles umsonst. Ich sagte: »Schuldig, euer Ehren«, wie der Anwalt es mir geraten hatte. Der sprach dann eine Weile darüber, daß ich zum ersten Mal angeklagt wurde. Ich schätze, der Richter war in Eile oder vielleicht waren sie's alle. Aber das war's, das Urteil wurde verkündet. Ich bekam achtzehn Monate.
Es fühlte sich wie ein Tritt in den Magen an. Alles schien so leer. Das einzige, woran ich denke konnte, war 'Mardi, was ist mit ihr? Ich kann nicht ohne sie leben'. Ich wurde achtzehn in diesem Jahr.
Man kann vieles über das Gefängnis erzählen, nur sehr wenig davon ist gut. Eine ganze reale Sache ist, daß du nicht frei bist. Du triffst kaum selbständige Entscheidungen. Nicht mal in bezug auf Dinge, die sonst selbstverständlich sind.
Der Moment, in dem es für dich zur Wirklichkeit wird, ist, wenn du durch diese Tore gehst und sie hinter dir ins Schloß fallen und du all diese bewaffneten Schweine oben in den Türmen siehst. Es ging den anderen Typen genauso, die direkt vom Polizeigewahrsam mit einem Bus hingefahren wurden. Man merkte an ihrer Art zu reden, daß die meisten schon mal da gewesen waren. Aber als sie zum Tor kamen, war es als ging ihnen die Luft aus. Man konnte es in ihren Augen sehen.
Da drin mußtest du schnell lernen. Es war, als mußte jeder irgendwo reinpassen. Es ist keine Frage des Wollens. Du mußt es halt tun. Du mußt ihr Spiel spielen. Du mußt eine neue Einstellung finden. Du mußt oder du wirst weggefegt.
Eines fiel mir auf. Es gab wirklich eine Menge Indianer dort. Ich konnte es nicht fassen. Fast als wären die Hälfte der Leute da indianisch. Eine andere Sache, die mir aufging, war, daß die Diskriminierung irgendwie drinnen andersherum lief, zumindest was die Schweine betraf. Wir Indianer wurden etwas besser behandelt, als die weißen Gefangenen. Es war als ob sie von uns eh nichts anderes erwarteten, als im Knast zu sein. Ihre eigenen Leute verachteten sie aber, wenn sie sie drinnen sahen, also wurden sie ziemlich schlecht behandelt. Im allgemeinen wurden wir aber alle wie Hunde behandelt.
Du mußtest dich einfach darauf einstellen, damit zu leben. Auf eine Art tat ich das und auf eine andere nicht. Du mußtest das hinnehmen, was ausgeteilt wurde, und die kleinen Freiheiten, die du hattest, schützen. Irgendwie wurden Kleinigkeiten immer wichtiger. Ich schätze, ich funktionierte ganz in Ordnung, aber ungefähr vom ersten Monat an war ich nicht in einer besonders guten geistigen Verfassung. Schmerz, Wut und Scham fraßen wie ein Haufen Maden an meinem Inneren. Das kam hauptsächlich von der Scham, wegen der ganzen Scheiße, die du schlucken mußtest und die sie austeilten, um dich zu demütigen. Ich glaube, sie müssen dafür speziell ausgebildete Leute eingestellt haben. Es machte dich Stück für Stück kaputt, bis du nicht mehr sicher warst, ob das, was übrigblieb noch menschlich war. Dadurch waren meine Tage hart und die Nächte lang.
Manchmal hatte ich das Gefühl, eng in Frischhaltefolie eingewickelt zu sein und daß sie durch die kleinste falsche Bewegung aufplatzen würde und sich die Maden über den ganzen Boden und auf alles um mich herum ergießen würden.
Einigen von den Schweinen gefiel es, dreckiges, rassistisches Zeug zu verbreiten und andere Dinge zu tun, um dich zu provozieren. Ganz zu Anfang, als ich gerade angekommen war, war ich bereits dran. Es passierte während wir uns aufstellten, um auf den Hof zu gehen. Wir mußten einer nach dem anderen durch ein vergittertes Tor treten. Dieses Schwein stand direkt daneben und rief unsere Namen auf, während wir durchgingen. Als ich an der Reihe war, versuchte er mir ein Bein zu stellen. Ich wäre beinahe gestolpert, aber ich war noch stark genug, um mich zu drehen und mein Gleichgewicht wiederzugewinnen, bevor er mich mit seinem Fuß umstoßen konnte. Sein Knie schnellte hoch und traf mich in die Eier: »Versuche mich nie auf den Arm zu nehmen, Geronimo, sonst zeige ich dir, was skalpieren heißt.«
Ich sackte auf dem Boden zusammen und schluckte die Kotze runter, und wenn ich nicht so schwach gewesen wäre, hätte ich wohl versucht zu kämpfen, egal welche Konsequenzen es gehabt hätte. Er trat mich und brüllte: »Zur Hölle steh auf. Es ist nicht Sonntag und ich bin nicht Gott«, und er lachte, während er mich durch das Tor schob. Diese Dinge füllten dich mit einer solchen Scham, weil diese hilflose Wut nicht raus kann.
Der Teil von dir, der ein Mann ist, müßte sie aber rauslassen.
Es war immer besonders schlimm nachdem Mardi zu Besuch war. Ich dachte nicht, daß ich es schaffen würde. Ich füllte die langen Nachtstunden damit, mir vorzustellen, wie ich aussehen würde, wenn ich mich erhängte. Ich stellte mir vor wie meine Augen aus dem Kopf traten und meine Zunge ganz schwarz heraushing, wie bei einer Kuh, die wir schlachteten und aufhingen. Ich verbrachte Stunde um Stunde damit zu überlegen, wie ich es machen könnte, ohne so auszusehen. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, wenn ich wegen der Maden, die einen Weg aus meinem Bauch heraus zu fressen versuchten, nicht schlafen konnte.
Ich versuchte, nicht an diese Dinge zu denken. Ich versuchte, überhaupt nicht zu denken, aber zu viele Dinge passieren drinnen und du konntest nicht anders. Ich meine nicht nur Dinge, die dir selber passierten, sondern auch anderen Gefangenen. Das kriegst du ganz sicher mit. Vor allem die Bandenaktivitäten und die Typen, die ihrem Image als Großkriminelle gerecht wurden. Du bekamst vieles mit, wie Drogendealerei und Tauschgeschäfte für alles mögliche. Du sahst junge, hübsche Jungen, die auf eine Art mißhandelt und mißbraucht wurden, die unvorstellbar ist, bis du es gesehen hast. Und sie mußten mitmachen, sie hatten keine Wahl. Einige benutzten es auch zu ihrem Vorteil. Irgendwie war das schlimmer als alles andere.
Ich mußte da irgendwo reinpassen. Ich konnte mich nicht entziehen. Alles, was dort passiert, macht dich innerlich krank. Du wurdest gezwungen eine Position zu beziehen, die für dich funktionierte, um zu überleben. Da habe ich das meiste über die Menschen gelernt. Du mußtest in der Lage sein, alle zu lesen. Du mußtest ihre Einstellung kennen, dann wußtest du wie du dich ihnen gegenüber verhalten konntest. Du machtest keine Fehler, weil die Schweine auch mit diesem System arbeiteten. Es gab niemanden, bei dem du Schutz suchen konntest, wenn du was vermasselt hast. Aber du mußtest zu vielen Dingen zuwiderhandeln, von denen du als Kind gelernt hattest, sie zu respektieren. Das ist etwas, das dich innerlich verhärtet. Es durfte dir nichts ausmachen, sonst kamen die Maden, die überall in deinem Innere rumkrabbelten. Dann hattest du das Gefühl, daß sie vielleicht ein größeres Recht zu leben hatten, als du.
Das war der Grund, weshalb es schwer fiel, Mardi bei Besuchen zu sehen. Wenn sie da war, hörte ich ihr zu und es schien, als würde sie von einer Welt reden, die weit weg war, an einem anderen Ort. Eine glänzende, leuchtende Welt mit wirklichen Menschen, die sich um andere kümmerten. Sie sprach viel über die Dinge, in die sie involviert war. Manchmal saß ich einfach da und starrte sie an, als wäre sie nicht real. Ich konnte meine Hand nicht ausstrecken, um sie zu berühren. Das einzige, was ich konnte, war, sie anzusehen.
Gegen Ende des zweiten Monats kam ich in den Besuchsraum und sah sie da sitzen. So schön und so frei. Ich hatte das Gefühl etwas hartes, brennendes zappelte in meiner Brust und versuchte herauszuplatzen. Ich ging zu ihr rüber und sagte schroff: Hau hier ab! Ich will dich hier nicht wieder sehen. Komm nicht wieder!« Ich drehte mich um und ging fort, aber ich konnte mich an den verletzten Blick in ihren Augen erinnern, als sagte sie: Was hab' ich gemacht?« Ich konnte es ihr nicht erklären. Selbst wenn ich's versucht hätte, hatte ich das Gefühl in Stücke zu zerbrechen.
Eines Abends, nach einem langen Tag, fiel mir auf dem Weg zurück in die Zellen blitzartig ein, wie ich leise sterben könnte, ohne grotesk auszusehen. Ich wußte, daß es leicht sein würde. Ich spürte schon eine bestimmte Kälte, die vom Inneren meiner Brust nach außen kroch. Ich warte einfach bis alle schlafen«, dachte ich.
Es ging eine Ewigkeit vorbei, bis wir alle in unseren Zellen waren und ich saß wartend auf meinem Bett.
Ich sah hoch und konnte durch die vergitterten Fenster über mir weit entfernt den neuen Schnee auf den Bergspitzen sehen. Die Sonne war lodernd untergegangen und ließ den Schnee orange und rosa mit einem Hauch dunkelblau leuchten. Ich konnte den neuen Schnee beinahe fühlen, wie er sanft und gedämpft meine Schuhe streifte, und den scharfen, nassen Biß der Tannen- und Kieferndüfte in der frischen Luft spüren. In dem Schnee wären die Spuren der Hirsche leicht zu verfolgen. Heute Nacht, dachte ich, werde ich zu diesen Bergen nach Hause zurückkehren.
Ich wußte, zu Hause nahte die Zeit des Wintertanzes. Dad und mein Bruder würden auf der Jagd sein, damit es frisches Fleisch für das Festmahl gab. Ich konnte die frisch gebratenen Hirschsteaks einfach riechen. Alle würden reden und lachen, während sie Pfannenbrot mit viel Butter und alle möglichen Torten und Kuchen aßen. Ich dachte daran. Ich hielt es in meinen Gedanken fest, ich wollte mich an jedes Detail erinnern. Ich mußte es tun, um die Geschichte durchzuziehen. Ich wußte, daß ich bereit war.
Als das letzte Licht erlosch, machte ich die Augen zu und die frühe Winternacht zog ihren Vorhang über mein Fenster. Im Geiste hörte ich die Lieder und roch den Rauch des Feuers in dem großen Raum, wo die Tänze stattfanden.
Ich hörte Hirschhufrasseln, die immer lauter und lauter schlugen, und ein sanftes tosendes Geräusch schien in meinen Ohren zu sein, fast so, als würden viele Menschen um mich herum tanzen, ihre Füße stampfend, die Augen geschlossen und mit schwitzenden Körpern. Das Lied vibrierte in jeder Faser meines Körpers, wie eine sanfte Berührung von Flügeln, und der harte Knoten in meiner Brust schien zu schmelzen und sich wie ein warmer Dunst in meiner Brust nach außen und durch meinen Körper auszubreiten.
Ich spürte warme, echte Tränen, die mein Gesicht benetzten, und ich hörte jemand Onkel Joes Tanzlied singen. Plötzlich fragte mein Zellengenosse leise: Bist du in Ordnung, Tom?« und ich merkte, daß ich das Lied sang.
Ich konnte lange Zeit nicht aufhören. Ich sang einfach, bis es keine Tränen mehr gab, und das Lied glücklich und leicht wurde. Etwa so, wie es Onkel Joe geht, wenn die Tanzstimmung über ihn kommt und es alle im Wintertanz mit ihm fühlen können und alle art tanzen und rufen, um das Glücksgefühl herauszulassen.
Das tat ich. Ich rief laut und wußte, daß es alle in diesem Trakt gehört und gefühlt hatten. Ich wußte auch, daß sie hörten, wie ich Onkel Joes Lied sang. Es war mir egal. Ich fühlte mich zum ersten Mal seit etwa drei oder vier Jahren okay. Selbst die Schweine hörten es, weil einer rüber kam, vor meiner Zelle stand und rein schaute. Ich wußte, daß sie mich beobachtet hatten. Ich schätze, daß sie die Anzeichen kennen, wenn es ein Mann nicht mehr schafft.
"SLASH" - über die Red Power Bewegung in Kanada Es ist der erste Roman einer indigenen Autorin in Kanada, und er wurde ein Bestseller. Jeannette Armstrong ist Orkanagan. Sie spricht und unterrichtet Orkanagan. Das versteht sie als Teil ihres politischen Engagements für die indigenen Völker. Sie wurde im Reservat in Penticton, Kanada, geboren. Dort hat sie auch die meiste Zeit ihres Lebens verbracht.
SLASH - das bedeutet "Schmiß", und es ist zugleich der Spitzname eines der beiden Protagonisten: Tommy, der im Verlauf der Handlung wegen seiner Narbe am Oberarm so gerufen wird. Bereits 1985 erschien der Roman erstmals auf dem kanadischen Buchmarkt. In überarbeiteter Fassung wurde er 1990 noch einmal neu verlegt. Audrey Huntley übersetzte ihn im vergangenen Jahr für den UNRAST-Verlag ins Deutsche.
Die politischen Aktivitäten der indigenen Bevölkerung Kanadas in den späten 60er und 70er Jahren bilden die Folie, vor der sich die Handlung entwickelt. Tommy und Jimmy, zwei jugendliche Okanagan Indianer, sind gemeinsam in einem Reservat aufgewachsen. Sie verbindet eine tiefe Freundschaft. In ihrer Reaktion auf die sozialen und ökonomischen Probleme der Indianer durch die ethnische Benachteiligung in der kanadischen Gesellschaft trennen sie jedoch Welten voneinander. Jimmy wählt für sich den Weg der Assimilation an die weiße Lebenskultur und Wertegesellschaft. Seine Leitbilder findet er im Fernsehen. "Weißt Du, was ich machen werde?", fragt der bierselige Jimmy seinen Freund Tommy. "Ich werde zur Schule gehen und anders sein. Ich werde in die Stadt ziehen, wenn ich fertig bin und eine echt gute Arbeit finden und alles bekommen, was ich will und genau wie die Leute im Fernsehen sein."
Früh entwickelt Jimmy einen Haß auf seine indigene Herkunft und damit auf sich selbst. Tommy hingegen hält an den überlieferten Traditionen und Werten seines Volkes fest. Erst als junger Erwachsener verläßt er das Reservat, um in der Stadt zu leben. Er wird mit dem Schicksal vieler Indianer konfrontiert, die in einem nicht selten tödlich endenden Kreislauf aus Armut und Gewalt gefangen sind. Die Bekanntschaft mit Mardi, einer engagierten Kämpferin in der American Indian Movement eröffnet ihm eine Alternative zu Anpassung oder Untergang in der Gesellschaft: Den Weg des politischen Widerstands in der Red Power Bewegung.
Jeannette Armstrong schreibt geradlinig und überzeugend über das Leben im Reservat und über das Erwachsenwerden eines jungen Okanagan Indianers. Ihr Buch ist zugleich ein wichtiges Stück Gesellschaftsgeschichte Kanadas. (ps)
Kulturinformationen 10/98
Die Autorin Jeannette Armstron ist Okanagan, geboren im Reservat bei Penticton, Kanada, wo sie auch die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte hat. International ist sie durch ihre Menschenrechtsarbeit und ihr Engagement in Umweltinitiativen und Antiglobalisierungs-Organisationen hervorgetreten.
Jeannette Armstrong war neben vielen – außerhalb Kanadas eher unbeachteten – Aktionen auch als Organisatorin an dem Mowhawk-Aufstand 1990 in Quebec beteiligt. Darüber hinaus arbeitet sie aktiv an der Vernetzung indigener Kämpfe von Chiapas bis Neuseeland.
Sie ist die erste indigene Romanschriftstellerin Kanadas und Gründerin des indigenen Informations- und Bildungszentrum En' Owkin Centre, in dem sie heute die Internationale School of Writing leitet.
Ihr Romandebüt Slash wurde in Kanada zum Bestseller, der bereits in der 5. Auflage ausgeliefert wird.