Das Isolationszellensystem als wissenschaftliches Forschungsprojekt
Aus:Peter Nowak, Gülten Sesen, Martin Beckmann (Hg.)
Bei lebendigem Leib
Von Stammheim zu den F-Typ-Zellen. Gefängnissystem und Gefangenenwiderstand in der Türkei.
ISBN 3-89771-008-0
./index.php?option=com_virtuemart&view=productdetails&virtuemart_product_id=75
Die Entwicklung und Einführung der
Isolationshaft
Ilse Schwipper
Das Isolationszellensystem als wissenschaftliches Forschungsprojekt
»Die Technologie entschuldigt den Folterer, indem sie ihn in einen scheinbar wissenschaftlichen und objektiven Versuchsaufbau integriert und seine Verantwortung vermindert.« A. Bidermann
Als ich das erste Mal inhaftiert wurde, im Jahr 1971, war meine erste Erfahrung totale Isolation, ohne Post und Zeitungen, ohne Radio und Fernseher, und ohne Besuch. Das änderte sich nach sechs Wochen, als ein Kriminalbeamter des LKA Niedersachsen und eine Beamtin aus Wolfsburg bei mir auftauchten und den vergeblichen Versuch unternahmen, mich zu vernehmen. Ausführlicher zu den Methoden und Mitteln der Isolationsfolter komme ich im Laufe meines Beitrages, nur soviel vorab: Sie hatten – im wahrsten Sinne des Wortes – einen Koffer voller Überraschungen; von meinen Töchtern für mich zur Polizei gebrachte Wechselgarderobe und das Lieblingsspielzeug meiner damals siebenjährigen Tochter – schön drapiert, zu Tränen rührend.
Ich hielt das damals für perfide und dumm, aber im Laufe der Jahre habe ich begriffen, daß das erforschte Methoden sind, um Gefangene zu Geständnissen zu bringen, zur Verzweiflung zu treiben, ihr bisheriges Tun bis zur Verneinung in Frage zu stellen und sie letztendlich zu brechen. Wie wir heute wissen, sind diese Methoden und Mittel für viele Gefangene nicht ertragbar und haben weitreichende Folgen (z.B. Kronzeugen). Ab 1974 waren mir Materialien zu diesen Forschungen (hauptsächlich aus dem militärischen Bereich zur Aufstandsbekämpfung und der Psychiatrie) zugänglich.
Meine eigenen Erfahrungen und die Forschungen aus aller Welt zu und mit Gefangenen in den High-Tech-Gefängnissen – besser bekannt als Weiße Folter – will ich vermitteln, weil ich denke, daß das Verständnis für die vehementen Kämpfe auf Leben und Tod, die zur Zeit in der Türkei stattfinden, ansonsten nicht begreifbar werden. Vielleicht ebenso wenig wie die Frage, warum die Gefangenen aus Guerilla und Widerstand eher sterben wollen, als sich in den Isolationshochsicherheitsgefängnissen foltern zu lassen.
Soweit ich die Forschung zur Isolation zurückverfolgen konnte, beginnt das Ganze im Jahr 1821 mit der Erbauung eines Bußhauses im US-Staat Philadelphia. Dort wird erstmals Einzelisolationshaft eingeführt.
»Isolationshaft ist eine alte Form der Bestrafung. 1821 wurde in Philadelphia (USA) das Eastern State Penitentiary (pentientiary = Bußhaus) erbaut. Die Gefangenen wurden in strengste Isolation verbracht. Sie durften nicht arbeiten, und Besuch bekamen sie nur von Geistlichen. Die einzige Lektüre, die sie erhielten, war die Bibel. Im Auburn State Prison in New York verbrachten die Gefangenen nur die Nacht in Einzelzellen. Tagsüber mußten sie arbeiten, durften aber keinerlei Kontakt zu den anderen Gefangenen aufnehmen. Bei der geringsten Mimik oder Gestik wurden sie mit Peitschenhieben bestraft. In England wurde dieses Verfahren weiterentwickelt. In dem Londoner Gefängnis Pentonville wurde die Isolationshaft nur als erste Stufe eines ›progressive system‹ angewendet. Isolationshaft war höchstens für die ersten neun Monate vorgesehen. Insgesamt gab es drei Stufen mit Hafterleichterungen, auf denen die Gefangenen je nach ihrem Verhalten auf- oder absteigen konnten. Gefangene, die die oberste Stufe erreichten, wurden nach drei Viertel ihrer Haftzeit vorzeitig entlassen, schlimmstenfalls aber drohte die Rückverlegung in die Isolation.« (aus: Es geht die gesamte Gesellschaft an!)
Dieses Bußhaus wurde von Freidenkern und Quäkern befürwortet als Alternative zur Todesstrafe, Verstümmelung und körperlich blutiger Folter.
Architektonisch war das Bußhaus so gestaltet, daß eine optimale Überwachung möglich war. Die Überwachungszentrale war in der Mitte eines Rondells angebracht, von dem aus alle Stationen und Aufgänge überschaubar waren. Dieses Modell des Bußhausgefängnisses wurde sehr schnell auf anderen Kontinenten eingeführt (z.B. Europa, Asien, Südamerika). Bis heute gibt es diese Modelle, die aber als veraltet betrachtet werden. Schon 1842 verurteilte der englische Schriftsteller Charles Dickens die Isolationshaft und bezeichnetet Weiße Folter als wesentlich schlimmer als jegliche körperliche.
Die Erforschung der Isolationsfolter erfolgte auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln, aber alle hatten das gleiche Ziel. So ist es nicht verwunderlich, daß sich die zivile und militärische Forschung überschneidet und ergänzt. So erleben deutsche und internationale Forscher in den Psychiatrien vor und im Ersten Weltkrieg wahre Sternstunden der Technologie, und zwar unter anderem durch den Italiener Carletti, der durch Zufall in einem Schlachthof den Elektroschock entdeckt. Allerdings wird dieser durch Faradey übertroffen, der die entsprechenden Apparate erfindet (daher spricht man hierbei von Faradeyschen Strömen). Die bekannteste Veröffentlichung dazu ist von Peter Riedesser im argument-Sonderband 4/74 mit dem Titel ›Militär und Medizin‹ zu finden. Aber zurück zur Historie.
Das ehemalige Militärstraflager ALCATRAZ wird 1934 umgewandelt in ein ziviles Gefängnis mit einer Hochsicherheitsisolationsabteilung, in der Ausbruchspezialisten und sogenannte Unruhestifter konzentriert werden. Der berühmteste Gefangene von Alcatraz und ein Beispiel für das Brechen von Gefangenen war der Mafiaboss Al Capone in den 20er und 30er Jahren. Die Insel Alcatraz vor San Francisco ist wegen ihrer brutalen Methoden oft in die Schlagzeilen der Presse geraten und wurde 1963 von dem damaligen Justizminister Robert Kennedy geschlossen. Gleichzeitig wurde der – nach einer Gefangenenrevolte zum Hochsicherheitsisolationsgefängnis umgebaute und für den brutalen Umgang mit Gefangenen berüchtigte – Knast Marion im Bundesstaat Illinois eröffnet. Auf dieses Gefängnis komme ich später noch einmal zurück.
Bevor ich zu den Forschungen der 50er Jahre komme, will ich nicht unerwähnt lassen, daß vor und während des Zweiten Weltkriegs in den Konzentrationslagern der Nazis und in den Psychiatrien Menschenversuche gelaufen sind. Allerdings waren das in der Überzahl blutige Folterungen und medizinische Versuche. Es ist mir nichts bekannt über explizite Forschungsprogramme zur Weißen Folter. Ein anderer Forschungszweig erlebte hingegen seine Intensivierung: die Psychochirurgie.
Bekannt geworden ist ein Dr. Monitz, der für eine 1935 ausgeführte Gehirnoperation an einer Prostituierten im Jahr 1949 den Nobelpreis erhielt. Er hatte der Frau Löcher in den Schädel gebohrt, Alkohol in das Stirnhirn gespritzt und drang dann mit einem Spachtel mehrere Zentimeter tief in das Gehirn ein und hob es an. Der Zweck war die Zerstörung von möglichst viel Stirnhirn, das man damals für den Sitz der Aggression hielt. Ein gewisser Fiamberti verfeinert diese Technik, und so werden in Verbindung mit Elektroschocks bis zur Unmenschlichkeit zerstörte Menschen produziert.
1947 wurde eine weitere Methode entwickelt, die Stereotyxie, die von Chirurgen als besseres und entwicklungsfähigeres Mittel angesehen wird als beispielsweise Elektroschock, Komatherapie oder die neuen Psychopharmaka. In den USA sind bis 1954 40–50.000 (!) Menschen mit diesen Methoden gequält worden, weltweit bis dahin ca. 100 Tausend. Die Forscher wollten in erster Linie die Kontrolle über die Gefühle der Menschen erlangen. Diese Forschungen haben die Nazis in den KZ’s und Psychiatrien intensiviert, aber auch nach dem Krieg in den 50er Jahren wurde diese Forschung weitergeführt:
»Ein ähnlich denkwürdiges Forschungsprogramm begannen V. Mark, W. Sweet und F. Erwin 1966 am Massachusetts General Hospital in Boston. Es ging um stereotaktische Eingriffe zur Behandlung ›unkontrollierbarer Aggressivität‹, und zwar um die Ausschaltung der Mandelkerne, einer Region, die für den Sitz der Aggression gehalten wurde. ›Terroristen, Flugzeugentführern, Schwerverbrechern, krankhaft renitenten Kindern und rabiaten Hausfrauen‹ wurden probehalber Elektroden eingepflanzt und gereizt; wenn sich Aggression elektrisch auslösen ließ, wurde operiert. (…)
Während der Jahre bis 1973 wurden ›Gewalttäter und Kriminelle‹ trotz öffentlicher Unruhen weiter operiert, wobei unbequeme Häftlinge politische Anstifter und Rädelsführer auf der Liste ganz oben standen.
Auch der Göttinger Neurochirurg Roeder plädierte Anfang der 70er Jahre für hirnchirurgische Operationen an Gewaltverbrechern. 1971 schrieb er: ›Beim Menschen läßt sich eine krankhafte Gewalttätigkeit, die immer wieder zum Verbrechen führt, durch geeignete Hirnoperationen steuern, vielleicht sogar beseitigen.‹
Und Koch berichtet weiter: ›Auch heute vertritt der Göttinger Neurologe diese Ansicht und schließt auch gewohnheitsmäßige Gewaltverbrecher oder Terroristen vom Schlag der Baader-Meinhof-Leute von seinen Überlegungen nicht aus‹.« (aus: Die neuen High-Tech-KZ’s)
Ich fand es wichtig, darauf einzugehen, weil in den 70er Jahren die Bundesanwaltschaft versuchte, mit Hilfe solcher Chirurgen an den Kopf von Ulrike Meinhof zu gelangen. Nicht nur, weil sie hofften, auf diese Art den Tod herbeizuführen; sondern auch um den Gehirnstrang zu finden, der verantwortlich ist für – wie sie es nennen – Terrorismus. Verhindert wurde das nur durch die Anwälte und eine große Gefängnisbewegung, die immense Öffentlichkeitsarbeit leisteten.
Diese perverse Gehirnforschung lief immer auch parallel zu den Forschungen über Gehirnwäsche und Isolation, die ihren ersten Höhepunkt in den 50er Jahren erfuhr.
Entsetzt mußten nämlich die Amerikaner während und nach dem Koreakrieg feststellen, daß ihre Soldaten massenhaft mit den Koreanern und Chinesen sowie den Russen zusammenarbeiteten und einige als Kommunisten aus den Gefangenenlagern nach Hause kamen. Das Pentagon und der CIA vermuteten daraufhin eine Maschine zur Gehirnwäsche in den Händen der Feinde.
Wie wichtig Militär und Geheimdiensten die Forschung war, kann daran abgelesen werden, daß sie bis 1964 Forscher in 80 Instituten, 44 Colleges und Universitäten, 15 Forschungsinstituten, 12 Hospitälern und drei Gefängnissen finanzierten. Die US-Administration unterstützte diese Forschungsversuche mit einem Gesetz, das 1951 als Artikel 31B von Maryland bekannt wurde. Dieses Gesetz liefert eine genaue Definition, was ein ›defecte delinquente‹ ist, und auf der Grundlage dieses Gesetzes entstand das Institut ›Patuxent-Institution‹. Dort eingewiesene Patienten unterliegen einem ausgeklügelten Psychoprogramm. Diese Institution besteht bis heute, allerdings als Klassenjustiz-Instrument bei modernen Psychiatern verrufen, weil Gefangene bei nicht Wohlverhalten über ihre Verurteilungszeit hinaus festgehalten werden, stets psychologisch begründet.
Aber nicht nur in den USA wird geforscht, auch in Kanada, in Montreal an der Gill-Universität, macht sich ein Dr. Cameron einen Namen. Er forscht noch mit Elektroschocks und Drogen, um Teile des Gehirns auszuschalten, und mit neuen Inhalten zu füttern. In Zeiträumen von 15 bis 65 Tagen verabreichte er zwei bis drei Elektroschocks täglich mit 150 Volt in 5 bis 9 Stromstößen. Die Folgen waren Desorientierung der Patienten durch ›Hirnentleerung‹. Dieser Cameron wurde zu einem der bekanntesten Psychiater seiner Zeit, war Präsident der American Psychiatrie Association und der World Psychiatric Organisation. Auch er wurde zum Teil von der CIA finanziert.
Der eigentliche Begründer der Deprivationsforschung ist ein D. Hebb. Er war der schärfste Kritiker und Gegner von Dr. Cameron, den er einen quälenden Scharlatan nannte. Die Versuchsreihe der Deprivationsforschung von Hebb wurde von der Rockefeller Foundation und dem kanadischen Verteidigungsministerium finanziert.
Daß Militär und Geheimdienste oftmals die Finanzierung solcher Forschungsprogramme übernahmen, hatte seinen Grund nicht nur in den Erkenntnissen aus dem Koreakrieg. Vielmehr hatte die Generalität festgestellt, daß Funker und Radarspezialisten sehr oft Dinge hörten oder sahen, diegar nichtexistierten. So zeigten Expeditionsteilnehmer oder Seefahrer Verhaltensänderungen, die eine Erforschung wert waren, um sie anderweitig verwenden zu können. 1955 wurde in den USA unter der Leitung von Wolffs, ebenfalls ein Gegner Camerons, das Institut Society for the Investigation of Human Ecology gegründet, später umbenannt in Human Ecology Fund.
Ein weiterer Meilenstein in der Deprivationsforschung zur Weißen Folter war 1961 ein Symposium unter Leitung von Bennet, das im Federal of Prison stattfand. Dort wurden in der Diskussion ausführlich Erfahrungen aus den Bereichen der Medizin, der Literatur (wie Abenteuerromanen der Seefahrt, Forschungsreisen) sowie Erfahrungsberichte von Kriegsgefangenen ausgewertet. Der Titel des Symposiums lautete: ›Der Mensch allein, sensorische Deprivation und Verhaltensänderung‹. Teilnehmer waren unter anderem Bernhard Kramer (Assistant Professor Of Preventive Medicine), P. Herbert Leidermann (Instructor In Psychiatry, Harvard Medical School in Boston) und ein Edgar H. Schein (Associate Professor Of Psychology School Of Industrial Magnatment, Massachusetts Institute Of Technologie in Boston). Dieser Schein wird uns noch näher beschäftigen, denn er ist der Entwickler der Thesen des Psychologieprogramms für die Verhaltensänderung von Gefangenen, welche auf Grundlage der Untersuchungen im Zusammenhang mit der ›Bolschewisierung‹ amerikanischer Kriegsgefangener während des Koreakriegs von ihm entwickelt wurden und als 24-Punkte-Programm in die Geschichte der neuzeitlichen Verhaltensforschung eingegangen sind. Dieses 24-Punkte-Programm ist der Anfang der ausgeklügelten Weißen Folter und es spiegelt sich beispielsweise in Deutschland in den Haftstatuten der Gefangenen aus Guerilla und Widerstand wider. Das Hauptreferat und die 24 Thesen wurden veröffentlicht im Journal Of Correctional Psychiatry and Social Therapy. Teilgenommen haben auch Psychologen der Skinner Schule, CIA-Technokraten, die in den 50er Jahren breite Feldstudien erstellten.
Die Skinner-Schule ist eine psychologische Richtung, die behauptet, daß Verhalten erlernbar und daher rein sachlich zu betrachten ist. Ihre psychiatrische Richtung nennt sich Behaviorismus.
Damit komme ich auf das Gefängnis Marion im Staate Illinois zurück, denn mit dem 24-Punkte-Programm – in dem alles enthalten ist, was bis dahin erforscht wurde –, ist es 1963 eröffnet worden. Dieser Gefängnistyp ist in den USA 1972 als das neue Standardgefängnis proklamiert worden.
Doch zuvor, in den Jahren 1968 bis 1969 wurde von einem Dr. Martin Groder das Programm von Schein vervollkommnet. Anlaß war der Widerstand des Gefangenen Jesse Lopez. Dieser verweigerte die Mitarbeit an dem Schein-Programm und damit der Vernichtung seiner Persönlichkeit. Als er daraufhin in Sonderisolation verbracht wurde, in die von Dr. Groder erfundene ›boxcar‹ (eine abgedunkelte Zelle von 2 Meter Breite und 2 ½ Meter Länge), treten 534 Gefangene in einen Arbeitsstreik.
»Diejenigen, die selbst in dem Trakt nicht aufhören, sich zu widersetzen oder die einfach eine ›schlechte Angewohnheit‹ haben, kommen dann aufgrund eines Berichts des Wärters in die sogenannten ›boxcar‹-Zellen oder ›Sensorische-Deprivationszellen‹(…) Diese Zellen haben besondere Stahltüren, durch die kein Geräusch hindurchdringt. Zwei kleine Fenster lassen nur 75 % des Sonnenlichts herein. Vor der Stahltür befindet sich noch eine Gittertür innerhalb der Zelle. Dazwischen ist eine 60 Wattbirne installiert, die 24 Stunden brennt. Eine flache Stahlplatte, bedeckt mit einer 2, 5 cm dicken Schaumstoffmatte und bezogen mit einfachem Plastik, ragt aus der Wand. Nach ein paar Tagen auf diesem ›Bett‹ wird der Körper total steif. Diese Erstarrung überträgt sich nach und nach auf das gesamte Nervensystem. Im Winter ist es extrem kalt in den Zellen und im Sommer fehlt der Ventilator. In den Duschräumen wird mit kaltem und heißem Wasser manipuliert. Dazu kommen Mißhandlungen mit der Chemischen Keule, Schlagstöcken, Fesselung an Bretter oder Unterbrechung des Blutkreislaufs mit anderen Mitteln.«
(aus: Neue High-Tech KZ’s)
Ab diesem Zeitpunkt gab es eine Koppelung des 24-Punkte-Programms und der boxcar-Isolation, erweitert durch neuere Erkenntnisse aus Medizin und Psychologie. Demnach bestand Dr. Groders Marion-Programm aus vier sich ergänzenden Techniken:
1. Dr. Edgar Scheins 24-Punkte-Programm zur Gehirnwäsche
2. Skinners Operantes Konditionieren (Bekräftigungslernen durch Privilegien)
3. Dr. Levinsons Konstruktion des Kontrollblocks (nach Erkenntnissen der Sensorischen Deprivationsforschung)
4. Chemo- und Drogentherapie
1971 wurde von dem Psychiater Philip Zimbardo an der Universität Stanfortauf der Basis der sogenannten Freiwilligkeit (gegen Bezahlung) ein Experiment durchgeführt. Die daran Beteiligten wurden in zwei Gruppen – Gefangene und Wärter – eingeteilt. Dieses Experiment mußte abgebrochen werden, nachdem es total außer Kontrolle geraten war, und wurde später verfilmt (dieser Film lief 2001 in den Kinos unter dem Titel ›Das Experiment‹).
1973 kam es beim CIA zu einem Machtwechsel, und fast alle Forschungsmaterialien, die mit Knast und Deprivationsforschung zu tun hatten, wurden vernichtet.
Im April 1978 wurde die boxcar-Isolation schließlich vom Bundesrichter Foreman verboten.
Bin ich bisher ausschließlich im Forschungsbereich der USA geblieben, wird es nun Zeit nach Europa zu wechseln, denn auch hier ist das Interesse groß, Gefangene zu disziplinieren, ohne die geächtete blutige Folter anwenden zu müssen, um Geständnisse zu erzwingen und Verräter zu produzieren, die auf längere Zeit mit Polizei, Justiz und Geheimdiensten zusammenarbeiten. Das alles betrifft hauptsächlich Gefangene aus Guerilla und Widerstandsbewegungen, wobei es dort auch um das Brechen von Persönlichkeit geht. Bei allen anderen Gefangenen wird neben den Erpressen von Geständnissen eher Wert darauf gelegt, daß sie Wohlverhalten im Sinne gesellschaftlicher Anforderungen an den Tag legen.
Die erste bekannte Forschungsarbeit in Europa kommt aus der ehemaligen Tschechoslowakei, wo in Prag ein Dr. Gross und ein Prof. Svab in Psychiatrien und zur Gerichtsmedizin forschten. 1967 erschien in Fachaufsätze Prag ein Bericht der beiden unter dem Titel ›Soziale Isolation und sensorische Deprivation und ihre gerichtspsychologischen Aspekte‹.
Dieser Dr. Gross tauchte Ende der 60er Jahre in Deutschland auf, genauer gesagt in Hamburg. In der psychiatrisch neurologischen Universitätsklinik begann er mit den Forschern Kempe und Buchard im Sonderforschungsbereich 115 (SFB 115) zur sensorischen Deprivation zu forschen. Das war ein Forschungsprojekt im Rahmen der Aggressionsforschung. Ihnen waren alle bis dahin erschienenen Veröffentlichungen zur sensorischen Deprivation aus den USA und Kanada bekannt, zudem wurden ihnen von den Geheimdiensten Materialien über China und die UdSSR ausgehändigt. 1974 gingen sie erstmals in Deutschland mit Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit, was in Fachzeitschriften Psychologie heute ausführlich besprochen wird. Bemäntelt wurde diese Forschung in der Öffentlichkeit mit der Notwendigkeit von Patientenisolation wie in den Herz-Lungen-Maschinen, in der Gelbsuchtquarantäne oder bei Lungenerkrankungen. Als Bundeswehrsoldaten zur Teilnahme an diesen Forschungen verpflichtet wurden (sie durften sich zwar freiwillig melden, wurden aber, wenn sie es nicht taten, gemäß einer ›Befehlsverweigerung‹ bestraft), erforschten sie verstärkt die Auswirkung der camera silence (ein schwingungsfrei aufgehangener, schalldichter und verdunkelter Faradeyscher Käfig), d.h. völliger Reizentzug als auch gezielte Reizarmut, sprich kontrollierte Reizgebung. In den Jahren 73/74 finanzierte die Deutsche Forschungsgesellschaft mit 2,8 Millionen DM dieses Projekt mit dem unverfänglichen Titel ›Psychosomatische, psychodiagnostische und therapeutische Aspekte der Aggressivität‹.
In diesem Zusammenhang wurden erstmals Foltervorwürfe öffentlich, und so mußte das SFB 115-Programm 1974 abgebrochen werden. Aber bereits im Jahre 1976 wird es unter Leitung von Dr. Peter Kempe fortgesetzt, der in Psychologie heute, Nummer 8/77 über seine Forschungen berichtete.
Diese ganzen Forschungen sind in Deutschland erstmals im Gefängnis Köln-Ossendorf architektonisch und psychologisch um- und eingesetzt worden, in dem Knast, wo Ulrike Meinhof und Astrid Proll inhaftiert waren. Unter ständiger Kontrolle konnte es kein besseres Forschungsfeld geben für die Bundesanwaltschaft und Ärzte. Den Versuch der Psychologisierung von Politik am Beispiel Ulrikes habe ich bereits erwähnt.
Die Methoden der Weißen Folter, die ich teilweise selbst erlebte, sind unter anderem:
- Schlafentzug: Jede Stunde wird das Licht in der Zelle eingeschaltet oder das Licht bleibt an,
- Lärm als Dauerberieselung mit Scheinbauarbeiten,
- Kontrollierte Bewegungen: Vorschriften beim Hofgang, wo und wie gelaufen wird,
- Sprachverbot: Zurufe an andere Gefangene werden bestraft,
- Kameraüberwachung und Monitore: Jede Lebensäußerung wird registriert,
- Zielfahndung und Erforschung von Verhalten,
- Spitzel als Gefangene einsetzen, damit Gefangene untereinander Mißtrauen hegen,
- Ständiger Zellenwechsel und Verlegungen, um sich nicht heimisch zu fühlen,
- Zellendurchsuchungen am frühen Morgen durch Staats- oder Verfassungsschutz, tagsüber durch Justizvollzugspersonal,
- Berührungsverbote: Bei Besuchen ist die Begrüßung per Handschlag verboten, erstrecht das Umarmen, auch bei Kindern,
- Observationen durch Beamte/innen,
- Erschrecken durch plötzliches Zellenöffnen.
Das, was mit all diesen Maßnahmen in deinem Gefühlshaushalt erreicht werden soll, ist folgendes: Angst, das Gefühl der ständigen Ohnmacht und des Ausgeliefertseins, Leere, Nutzlosigkeit, Trauer, Sinnlosigkeit des Lebens, Erschöpfungszustände und letztlich Todesangst. All diese Gefühlswelten habe ich im Laufe der 6 ½ Jahre Isolationshaft durchlebt. Einige Folgen dieser Haftbedingungen sind:
- Konzentrationsschwierigkeiten bis zum vollständigen Aussetzen der Konzentration,
- Schwächezustände bis hin zu Ohnmachts- und Übelkeitsanfällen,
- Niedriger Blutdruck, ständiges Frieren,
- Sehschwäche,
- Ohrengeräusche, besser bekannt als Tinitus,
- Magen- und Darmprobleme,
- Hautprobleme,
- Unregelmäßigkeit der Menstruation bis zum Ausbleiben,
- Herzrhythmusstörungen,
- Gleichgewichtsprobleme,
- Sprachschwierigkeiten bis hin zum Stottern,
- Gedanken suchen, um Gedachtes zu formulieren,
- Verlust von Zeit- und Raumgefühl.
Ich denke, nichts kann das besser beschreiben als der Brief von Ulrike Meinhof aus der Zelle in Köln-Ossendorf:
»das Gefühl, es explodiert einem der Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müßte eigentlich zerreißen, abplatzen) –
das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst,
das Gefühl, das Gehirn schrumpelte einem allmählich zusammen, wie Backobst z.B. –
das Gefühl, man stünde ununterbrochen, unmerklich, unter Strom, man würde ferngesteuert –
das Gefühl, die Assoziationen würden einem weggehackt –
das Gefühl, man pisste sich die Seele aus dem Leib, wenn man das Wasser nicht halten kann –
das Gefühl, die Zelle fährt. Man wacht auf, macht die Augen auf: die Zelle fährt; nachmittags, wenn die Sonne reinscheint, bleibt sie plötzlich stehen. Man kann das Gefühl des Fahrens nicht absetzen. Man kann nicht klären, ob man vor Fieber oder vor Kälte zittert –
man kann nicht klären, warum man zittert –
man friert.
Um in normaler Lautstärke zu sprechen, Anstrengungen, wie für lautes Sprechen, fast Brüllen –
das Gefühl, man verstummt –
man kann die Bedeutung von Worten nicht mehr identifizieren, nur noch raten –
der Gebrauch von Zisch–Lauten – s, ß, tz, z, sch – ist absolut unerträglich –
Wärter, Besuch, Hof erscheint einem wie aus Zelluloid –
Kopfschmerzen –
flashs –
Satzbau, Grammatik, Syntax – nicht mehr zu kontrollieren. Beim Schreiben: zwei Zeilen – man kann am Ende der zweiten Zeile den Anfang der ersten nicht behalten –
Das Gefühl, innerlich auszubrennen –
das Gefühl, wenn man sagen würde, was los ist, wenn man das rauslassen würde, das wäre, wie dem anderen kochendes Wasser ins Gesicht zischen, wie z.B. kochendes Tankwasser, das den lebenslänglich verbrüht, entstellt –
Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das Schlimmste. Klares Bewußtsein, daß man keine Überlebenschance hat; völliges Scheitern, das zu vermitteln; Besuche hinterlassen nichts. Eine halbe Stunde danach kann man nur noch mechanisch rekonstruieren, ob der Besuch heute oder vorige Woche war –
Einmal in der Woche baden dagegen bedeutet: einen Moment auftauen, erholen – hält auch für paar Stunden an –
Das Gefühl, Zeit und Raum sind ineinander verschachtelt –
das Gefühl, sich in einem Verzerrspiegel zu befinden –
torkeln –
Hinterher: fürchterliche Euphorie, daß man was hört – über den akustischen Tag-Nacht-Unterschied –
Das Gefühl, daß jetzt die Zeit abfließt, das Gehirn sich wieder ausdehnt, das Rückenmark wieder runtersackt –
über Wochen.
Das Gefühl, es sei einem die Haut abgezogen worden.«
Das Berliner Forensische Institut von Prof. Dr. Rasch und Dr. Cabanis hat von Gefangenen in Stammheim und Berlin – u.a. auch von mir – Gutachten erstellt, die eindeutig gegen diese Art der Haft Stellung beziehen. Allerdings war ihre Forderung, die Gefangenen in einer großen Gruppe von 15 Personen zusammenzulegen, meiner Meinung nach total systemkonform. Denn schon die Kleingruppenisolation von 4 bis 6 Personen hat gezeigt, daß das ständige Zusammensein derselben Personen zu Konflikten führt, die nicht gelöst werden können. Kleingruppenisolation ist, soweit das überhaupt je öffentlich geworden ist, aus rein militärischen Aspekten erforscht worden, nicht aus wissenschaftlichen Erfordernissen wie es bei Psychiatrie und im Strafvollzug der Fall ist.
Von daher sind zu Forschungszwecken die neuen High-Tech-Gefängnisse mit sogenanntem Wohngruppenvollzug von 15 bis 20 Personen ausgestattet, wo die ganze Kontroll- und Bestrafungs-/Belohnungsprozedur durchexerziert wird. Der Berliner Frauenknast Plötzensee und auch Weiterstadt sind solche Gefängnisse. In ihnen ist alles verwertet worden, was je erforscht wurde, von 1824 bis heute. Sie sind eine Mischung aus Erfahrungen der sensorischen Deprivationsforschung und der Erforschung der Kleingruppenisolation mit ihrer Gruppendynamik.
Anfang der 70er Jahre sind die Isolationshochsicherheitstrakts und -gefängnisse nach deutschem Vorbild nach Österreich, Spanien, Peru, Chile und Italien exportiert worden.
Gefangene der Tupamaros (Uruguay) hatten weniger Schwierigkeiten über die Auswirkungen der Haftbedingungen zu berichten, und von daher weiß ich zum Beispiel, daß es durchaus unter den Gefangenen Streitigkeiten gab, schlechte Laune nicht kompensiert werden konnte, schwere Depressionen aufkamen bis hin zur Melancholie. Es gab auch Gefangene, die im wahrsten Sinne des Wortes verrückt wurden oder sich das Leben nahmen.
Seit die Türkei sich bemüht, in die Europäische Union als Vollmitglied aufgenommen zu werden, ist auch sie aufgefordert, Isolationshochsicherheitsgefängnisse zu bauen und zu belegen. Was sie, um es vorweg zu nehmen, mit einem Massaker am 19. Dezember 2000 befolgte. Wie getreu die Türkei dieser Aufforderung nachkam ist daran zu sehen, daß sie im nationalen Sicherheitsrat am 28. Februar 1997 den Bau der sogenannten F-Typ-Hochsicherheitsisolations-Gefängnisse beschlossen hat. Auf der 12. Konferenz der Gefängnisdirektoren am 28. November 1997 stellte die Türkei ihr neues Konzept vor. Vorangegangen ist diesem Konzept eine Besichtigung des Stammheimer Gefängnisses mit seinem Isolationstrakt am 16. Mai 1990, was vom Staatsminister im Auswärtigem Amt, Christoph Zöpel, bestätigt wurde.
Ich bin davon überzeugt, daß das ganze Entmenschlichungsprogramm noch nicht zu Ende geführt ist, wie wir am Beispiel Türkei sehen können. Sicherlich werden noch andere Dinge, die wir noch nicht einmal denken können, ausprobiert und eingeführt. Wie seinerzeit im Marion-Gefängnis, wo ein Jahr nach dem Tod der Stammheimer, nämlich 1978, eine Umstrukturierung stattfand, die bis heute Gültigkeit hat. So gibt es dort einen Verbotskatalog von 63 Punkten, den Gefangene zu befolgen haben, was zu erniedrigendem Gehorsam führt.
zur Autorin Ilse Schwipper:
Jahrgang 1937, 1969 Eintritt in die SPD, Anfang 1970 Ausschluß aus der SPD wegen ›parteischädigendem Verhaltens‹; Juni 1971 erstmalige Verhaftung wegen militanten Aktionen gegen den Vietnam-Krieg, bis Ende 1973 Isolationshaft in Vechta; nach Haftentlassung erneute Inhaftierung im August 1974 wegen der Liquidierung des Berliner VS-Mitarbeiters Ullrich Schmücker durch das Kommando ›Schwarzer Juni‹ aus der ›Bewegung 2. Juni‹; der 17jährige ›Schmücker-Prozeß‹ endete im Januar 1991 mit einer Verfahrenseinstellung, die im November 1991 rechtskräftig wurde, vorzeitige Haftentlassung im Mai 1982 wegen Haftunfähigkeit, insgesamt hat sie 7 ¾ Jahre wegen dieser Anklage in Untersuchungshaft gesessen; heute lebt Ilse Schwipper in Berlin und arbeitet hauptsächlich in anarcha-feministischen Zusammenhängen
Literaturhinweise:
Autonomie Nr. 2 (1979): Die neuen Gefängnisse
Bunte Hilfe Darmstadt (1988): Die neuen High-Tech-KZ’s. Gehirnwäsche – Isolation als Normalvollzug
Hansen, Hartwig/Peinicke, Horst (1982): Reizentzug und Gehirnwäsche in der BRD, Verlag Libertäre Assoziation
Dr. Gross, Jan (o. J.): Arbeitspapiere der Projekte A8 und SFB 115 aus Hamburg-Eppendorf zur Erforschung der ›sensorischen Deprivation‹
ISKU (Hg.) (2000): ›Es ist die Angelegenheit der ganzen Gesellschaft …‹ Das Gefängnissystem in der Türkei und Nordwest-Kurdistan und der Widerstand gegen die Einführung der Isolationszellengefängnisse, Eigenverlag, Berlin


