Es gibt Bücher, die Neuland erschließen, die einem den Blick auf bisher Unbekanntes eröffnen. Und es gibt Bücher, die bieten einen abschließenden Überblick und ermöglichen somit eine Bewertung. RechtsRock gehört sicherlich zu der zweiten Kategorie.
Enough is enough Nr. 18

Auf Grund eines Verfahrens war der Verkauf kurzzeitig eingestellt. Der Titel - um zwei strittig Stellen geschwärzt - ist nun wieder lieferbar und kann hier bestellt werden.
Unrast 30.9.2004
Klappentext >RechtsRock< nimmt erstmals die wissenschaftliche Einordnung des Phänomens RechtsRock aus verschiedenen Perspektiven vor. Die AutorInnen zeichnen die Geschichte der rechtsradikalen Musikszene nach, analysieren die aktuellen Entwicklungen, werten die Musiktexte und Fanzines aus, beleuchten die Bedeutung von Internet, gehen der Frage nach, welche Rolle Frauen spielen, und stellen einen internationalen Vergleich an. Im zweiten Teil werden Ideen und Konzepte gegen die Verbreitung rechtsradikaler Inhalte vorgestellt.
Rezensionen: "Wer sich mit dem Rechsrock künftig ernsthaft befassen möchte, wird an dem Band und seiner Informationsfülle nicht vorbeikommen."
Thomas Pfeiffer, blick nach rechts Nr. 8, April 2003
"Der 'RechtsRock' ist zu einem wichtigen Ideologieträger der extremen Rechten geworden. (...) Ein informatives, kritisches Standardwerk über rechte Musik, rechte Alltagskultur und rechten Lifestyle."
Auszug aus der Rezension von Klaus Perlbach, ekz-Informationsdienst
socialnet.de: "In diesem Buch wurde eine bisher nicht gekannte, unglaubliche Fülle von Daten und Materialien zum Thema Rechtsrock zusammen getragen und hervorragend dokumentiert. Mit seinem praxisbezogenen dritten Teil hat das Buch Handbuchcharakter und gehört in jede Einrichtung, in der mit Jugendlichen gearbeitet wird. Es stellt einen wesentlichen Baustein in der Rechtsextremismusforschung dar und setzt im Bezug auf die Qualität der Recherche Maßstäbe." (Auszug)
Prof. Dr. Hubert Minkenberg
ROCKMAGAZIN: eclipsed "'RechtsRock' ist die wohl umfangreichste Publikation zu dieser Thematik, die in Deutschland erschiene ist. Die Vielzahl von Autoren, jede(r) ein Spezialist des von ihm abgehandelten Sachbereichs, bieten eine Vielzahl an Informationen." Alan Tepper
Enough is enough Nr. 18: Es gibt Bücher, die Neuland erschließen, die einem den Blick auf bisher Unbekanntes eröffnen. Und es gibt Bücher, die bieten einen abschließenden Überblick und ermöglichen somit eine Bewertung. RechtsRock gehört sicherlich zu der zweiten Kategorie.
Warum sollten sich Menschen, soweit sie nicht in der lokalen Antifa organisiert sind oder sich als Lehrer, Sozialarbeiter oder Staatsanwälte mit Skinheads auseinanderzusetzen zu haben ein Buch lesen, in dem auf mehr als fünfhundert Seiten das Thema RechtsRock von allen Seiten erläutert und zerpflückt wird? Wer den RechtsRock als schlecht gespielte Musik politischer Wirrköpfe abtut, die gegebenenfalls kriminalisiert werden müssen, der kann sich die Zeit, die Mühe und das Geld sparen. Wer aber Interesse daran hat zu erfahren, in welche Richtung sich Teile unserer Gesellschaft entwickeln, für den ist die Lektüre dieses Buches unverzichtbar. Die Shell-Studie hat festgestellt, dass der größte Teil der deutschen Jugend die in dieser Gesellschaft verwirklichten Werte akzeptiert und versucht diese für sich persönlich umzusetzen; junge Frauen sind heute deutlich selbstsicherer, junge Männer kompensieren die hierdurch bei ihnen entstehende Unsicherheit in zunehmendem Maße durch die aggressive Abwehr vermeintlich Schwächerer. Parallel hierzu hat sich in den letzten 15 Jahren in Deutschland eine Musikszene entwickelt, die stark von extrem rechter Ideologie geprägt ist. Diese Szene hat längst den Kern der militanten neofaschistischen Skinhead-Szene verlassen und Einfluss auf einen großen Teil der Jugendlichen gewonnen. Naturgemäß verflachen bei einer solchen Verbreiterung die ursprünglichen Erscheinungsformen und Inhalte innerhalb der Modeentwicklung, bleiben jedoch rudimentär erhalten. Nicht nur modische Details, die ursprünglich der Skinhead-Szene entsprangen finden sich heute daher als feste Bestandteile der Jugendmode, auch inhaltlich bestehen heute kaum klare Abgrenzungen der mehrheitlichen Jugendlichen, gegenüber extrem rechten Positionen. Hierbei ist insbesondere zu beachten, dass trotz subkultureller Erscheinungsformen der RechtsRock-Szene, wie beispielsweise der Skinhead- oder Darkwave-Mode, diese den zentralen Werten der Gesellschaft nicht entgegenläuft. Statt dessen werden diese Werte aufgenommen und auf die Spitze getrieben.
Im Gegensatz zur Punk-Szene oder den Autonomen löst diese Bewegung daher auf dieser Ebene keine Abwehrreaktion aus. Abgelehnt wird höchstens die subkulturelle Erscheinungsform. Wenn die »Jungs« daher um im Bild zu bleiben, mit Texten oder Verhalten »übers Ziel hinausschießen« bleiben sie dennoch Teil der Gesellschaft und ernten dementsprechen das Verständnis ihrer Umgebung. Nur auf dieser Basis lässt sich die überwiegende Nichtreaktion der Gesellschaft auf rassistische, völkische und antisemitische »Exzesse« erklären (dass der kurze »Antifa-Sommer« der Republik hier keine Kehrtwende eingeleitet hat ist deutlich zu erkennen).
Darüber hinaus führt die weitere Verbreiterung des RechtsRock auch dazu, dass die subkulturellen Elemente, die zur Entwicklung der Szene absolut notwendig waren, nun mehr und mehr an Bedeutung verlieren. So lange die Szene sehr klein und isoliert war, wurden das grelle Outfit und die laute Provokation als Identifikationsmittel benötigt. Aus der Abgrenzung entstanden die engen Freundeskreise, das Gefühl etwas besonderes zu sein. Mit der Verbreitung der Szene zur (Jugend-)Bewegung ist diese Abgrenzung nicht mehr notwendig, nein zum Teil sogar unerwünscht. Uns so lauschen nun auch Jugendliche, die nur durch winzige Accessoires ihre Zugehörigkeit zur Szene zur Schau stellen genauso zu Landser-Songs und Hetzballaden während dies vor einigen Jahren noch ausschließlich »Glatzen« vorbehalten war.
Die selbe Tendenz führt dazu, dass auf dem letztjährigen Heß-Marsch in Wunsiedel nunmehr ein großer Teil der anwesenden Jugendlichen vom ersten äußerlichen Erscheinungsbild her überhaupt nicht als Nazis zu erkennen waren, ihre Gesinnung aber um so deutlicher durch Entsprechende T-Shirt-Aufdrucke wie »Masterrace«, »Walküre« oder »Braune Musik Fraktion« zum Ausdruck brachten. Und so gibt die Entwicklung der RechtsRock-Szene Hinweise auf die Entwicklung der bundesdeutschen Gesellschaft: während die rassistische, völkisch-nazistische Ideologie dieser Musik vor einigen Jahren noch unter dem Deckmantel einer Subkultur auftreten musste, und sich so, getarnt als Jugendprotest kleine Freiräume erkämpfte, ist sie mittlerweile zum modischschicken Accessoires derjenigen Jugendlichen geworden, die die Werte dieser Gesellschaft vollständig verinnerlicht haben. Als wir vor zwei Jahren zusammen mit dem Antifaschistischen Infoblatt und dem internationalen antifaschistischen Magazin Searchlight das Buchprojekt White Noise vorlegten, konnten wir in weiten Teilen eine klare Struktur der deutschen und internationalen RechtsRock-Szene darstellen. Insbesondere die personellen Verbindungen aber auch die gesellschaftspolitische Bedeutung des Phänomens RechtsRock vermochten wir klar einzuordnen und zu belegen. Wir stellten fest, dass es sich beim RechtsRock um einen Bestandteil der Erlebniswelt eines sich von einer rassistischen extrem rechten Szene zu einer Bewegung veränderten Teils der Gesellschaft handelt.
In anderen Bereichen, wie der genauen zahlenmäßigen Festlegung der RechtsRock-Produktionen, Auflagen, der Bedeutung einzelner Vertriebswege etc. blieben wir damals zwangsläufig vage und ungenau – die Recherche war noch nicht so weit, als dass wir hier klare Aussagen hätten treffen können. Auch mussten wir bestimmte Fragestellungen ausblenden. Zu einer ideologiekritische Bewertung der Texte der RechtsRock-Produktionen, aber auch für eine hinreichende Bewertung der Darkwave- und Black-Metal-Szene fehlte uns zu diesem Zeitpunkt sowohl die Materialdichte als auch die Kompetenz.
Mit dem nun vorgelegten Buch werden diese Lücken geschlossen und die Kernaussagen weiterentwickelt. Neben einer Bestandsaufnahme der bestehenden RechtsRock-Szene werden Überlegungen für Gegenstrategien dargestellt und diskutiert und mit einem umfangreichen Verzeichnis- und Registerteil sowohl die Recherchebedürfnisse von Spezialisten befriedigt als auch Grundinformationen für diejenigen an die Hand gegeben, die sich hilflos einer ihnen völlig unbekannten Flut von Sprach- und Kleidungscodes ausgesetzt sehen, sobald sie in Kontakt mit den subkulturell erscheinenden Elementen der RechtsRock-Szene kommen.
Das Buch gibt zunächst einen nahezu vollständigen Überblick über die bundesdeutsche, und soweit in Bezug zu dieser stehend, die internationale RechtsRock-Szene. In den Jahren 1984 bis 1989 erschienen pro Jahr durchschnittlich 4 LPs bzw. CDs auf denen überwiegend deutsche RechtsRock-Bands vertreten waren. Von 1990 bis 1998 steigerte sich diese Zahl auf jährlich 140 Veröffentlichungen und fiel bis 2001 wieder auf 77 Veröffentlichungen ab. Die Höchstzeit der Tonträgerveröffentlichungen fiel also mit den Verboten militanter extremer rechter Organisationen wie der Nationalen Liste (HH), der Nationalistische Front, der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) und der Wiking Jugend und der darauf folgenden dezentralen Neuorganisation zusammen. Durch die staatliche Repression, die sich ausschließlich auf diese Organisationen richtete, wurde der Aufbau dieser dezentralen Strukturen begünstigt. Auch die staatliche Herangehensweise, die Auseinandersetzung mit dem Organisierten Neofaschismus vollständig zu entpolitisieren, begünstigte diese Entwicklung.
Im weiteren beschäftigt sich das Buch mit den Strukturelementen der RechtsRock-Bewegung. Ausführlich werden Fanzines, also mehr oder weniger professionell produzierte »Fan-Magazine« – zum Teil lediglich handkopiert, zum Teil aufwendig produziert mit zigtausender Auflage – Websites, Musikproduktionen und -vertriebe vor- und dargestellt. Dabei erfolgt nicht nur eine wertende und darstellende Beschreibung mit Erläuterungen und politischen Analysen im Hauptteil, die von zahlreichen Beispielen, also CD-Covers, Fanzine-Titeln und Fotos illustriert wird. Abgerundet und tatsächlich vervollständigt wird dieser Teil durch den 140 Seiten umfassenden Register- und Verzeichnisteil, der das Buch für alle Interessierten unverzichtbar macht. 78 der gebräuchlichsten Symbole, Slogans bzw. Schlüsselbegriffe – beginnend mit Zahlenkürzeln wie 14 words, 18, 88 bis zum Zahnrad des NS Reichsarbeitsdienstes, das heute beispielsweise bei den Hammerskins häufig in Gebrauch ist – werden ausführlich erläutert und anhand aktueller Verwendungsbeispiele dargestellt. Nach Namen sortiert werden über 500 Bands oder Einzelinerpreten mit Herkunftsort und ggf. Gründungsjahr vorgestellt, die sich entweder selbst als Teil der RechtsRock-Szene bezeichnen oder sich mit geringen Abgrenzung innerhalb dieser Szene bewegen. Die kaum überschaubare RechtsRock-Musikproduktion wird durch eine Kurzdarstellung von 70 Labels (aufgenommen wurden alle deutschen und international bedeutungsvolle Labels auf denen innerhalb der letzten 18 Jahren mehr als zwei CDs produziert wurden) politisch, personell und strukturell übersichtlich dargestellt. Ebenso vollständig werden die über 300 deutschsprachigen RechtsRock-Fanzines aufgelistet. Stand der Auflistung ist der 30.1. 2002, was bei der Dynamik der Szene für zukünftige Analysen zu berücksichtigen sein wird. Aufgrund der Umfassenden Auflistung dürfte trotz dieser Dynamik ein Umfassender Blick gewährleistet sein. Ausführlich dargestellt wird auch die Darkwave- und Black-Metal-Szene, in der extrem rechte Ideologien, überwiegend intellektuell verbrämt, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, vollständig akzeptiert von einer an die Hunderttausende reichende Szene maßgeblichen Einfluss gewonnen haben. Die öffentliche Gleichsetzung von Nazimusik mit Skinhead-Rock dazu, daß im Bereich des Darkwave Tabus praktisch nicht bestehen. So kommentiert das neonazistische Skinhead-Fanzine Der Lokalpatriot kommentiert daher ein Konzert zweier Darkwave-Bands im Jahr 1996 wie folgt: »Sehr nett waren die Fahnen anzusehen, die auf der Bühne gehisst bzw. über das Schlagzeug gelegt wurden, so was würde zur Erstürmung von jedem Blood and Honour-Konzert führen, ungerecht das.«
550 Seiten gegen den Sound des Hasses - Buchbesprechung
RechtsRock - Bestandsaufnahme und Gegenstrategie
von Dirk Seifert
Als eines der wichtigsten Instrumente zur Rekrutierung rechtsradikaler und neofaschistischer Sympathisanten ist vor allem seit Ende der 80er Jahre in der Folge der deutschen Wiedervereinigung der RechtsRock anzusehen. Im Zentrum steht dabei auch heute noch eine Skinhead-Szene, in deren Umfeld zahlreiche Bands entstanden sind. An Deutlichkeit lassen deren Texte keinen Zweifel: Gewaltverherrlichend, zutiefst rassistisch und sexistisch, antisemitisch ... In vielen - vor allem ländlichen - Regionen haben NeoNazis und Skins mit ihren musikalischen Aktivitäten durchaus so etwas wie eine kulturelle Hegemonie erreicht. Ein ausgefeiltes und überaus aktives Netz von Plattenfirmen, Vertrieben, Skinzines, Internetseiten unterstützt diese Bemühungen. Zahlreiche Klamottenläden sorgen dafür, dass eine Verbundenheit auch modisch erkennbar wird.
Auf fast 550 Seiten widmen sich Christian Dornbusch von der Arbeitsstelle Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf und Jan Raabe vom Verein Argumente und Kultur gegen Rechts aus Bielefeld als Herausgeber dem RechtsRock. Dabei geht es nicht nur um eine Bestandsaufnahme, sondern explizit werden auch Gegenstrategien vorgestellt und diskutiert. Und außerdem liefert das Buch in einer Art Lexikon ein umfassendes Verzeichnis von RechtsRock-Bands und davon nicht zu trennenden deutschsprachigen Fanzines. Allein dieses Verzeichnis - in denen mehrere hundert Bands und Zines erfasst sind - lässt ahnen, wie tief der RechtsRock bis heute in einer jugendkulturellen Szene verbreitet und verankert ist.
Die Recherchen im Bereich Bestandsaufnahme bewegen sich allesamt auf hohem Niveau und inhaltlich decken die AutorInnen eine breite Palette von Fragestellungen ab. Umfang und Kompetenz der AutorInnen machen das in der Reihe antifaschistischer Texte beim Unrast-Verlag erschienene Buch zu einen unverzichtbaren Standardwerk.
Die Entwicklung und Herausbildung des RechtsRock über den Zeitraum der letzten 20 Jahre werden von den Herausgebern detailliert dargestellt. In seinem Beitrag unter dem Titel Deutschland im September zeichnet Michael Weiss zahlreiche Aktivitäten im Zusammenhang mit RechtsRock-Konzerten nach. Dazu nimmt er sich den September 1999 vor und berichtet fast tagesweise über Konzerte und damit verbundene Naziaufmärsche, die kreuz und quer in der Bundesrepublik stattgefunden haben (und stattfinden). Dabei stellt er immer auch wieder Zusammenhänge zwischen derartigen Konzerten bzw. dem Konsum von RechtsRock-Bands und im Anschluß stattgefunden Überfällen von Skins und Neonazis heraus. Z.B. wenn er berichtet, dass die drei Angeklagten im sogenannten Guben-Prozeß kurz bevor sie drei Flüchtlinge per Auto durch die Nacht jagten, die CD Republik der Strolche von der inzwischen verbotenen Nazi-Band Landser (die sich selbst gern als Braune Musik Fraktion bezeichnete) gehört und sich richtig in Stimmung gebracht hatten. Einer der Flüchtlinge bezahlte das mit seinem Leben.
Immer wieder verweisen die Autoren auf die Bedeutung des RechtsRock für das anwachsen rechtsradikaler Gruppen und Organisationen, vor allem unter Jugendlichen. Dabei wird der „Sound des Hasses“ durchaus strategisch eingesetzt, um über die Musik leichteren Zugang zu Jugendlichen zu finden und diese dann mit rechtsradikalen und neofaschistischen Positionen ansprechbar zu machen. Zeitungen, wie die Nation Europa widmeten dieser politischen Ausrichtung der organisierten Rechten schon Ende der 80er Jahre ganze Ausgaben. Zahlreich sind die personellen Verflechtungen zwischen Kadern rechter Organisationen und der Skin- bzw. RechtsRock-Szene. Von zentraler Bedeutung war das in England gegründete und später in Deutschland äußerst aktive Netzwerk Blood and Honour, dass direkt aus der Skinszene entstand. „Es ist eine politisch militante Organisation, die sich kulturell definiert und deshalb im Spektrum der Jugendkultur starke Authentizität hat. So ist es Blood and Honour möglich, sein Umfeld beständig zu ideologisieren und schrittweise an die militanten politischen Strukturen heranzuführen.“ (S. 77) Damit stellte dieses Netzwerk eine Art Scharnier zwischen anpolitisierten und meist unorganisierten RechtsRock-Fans und Organisationen wie der NPD oder den Freien Nationalisten dar. Ein Großteil der RechtsRock-Aktivitäten lief bis zum Verbot im September 2000 über dieses Netzwerk.
Unterstützt wird diese Strategie in vielen Regionen durch weitgehend fehlende alternative kulturelle Angebote, so dass RechtsRock-Konzerte in vielen kleineren Städten als einzige Unterbrechung eines grauen Alltages wahr- und angenommen werden. Immer wieder machen die AutorInnen dabei auch klar, dass die Akzeptanz unter Jugendlichen ohne den Rassismus und den Nationalismus aus der Mitte der Gesellschaft kaum denkbar wäre. Nicht zufällig fällt das starke Anwachsen der Nazi-Sympathisanten, eine sprunghafte Neugründung von RechtsRock-Bands und Ereignisse wie Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen oder Solingen in die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung. Die aus der Mitte geführte Debatte um „Asylbetrug“ und der zunehmende Nationalismus der Mitte liefern sozusagen die Steilvorlage für die Aktivitäten im Umfeld von RechtsRock und Neonazis.
Ein Drittel Nazifrauen
Ein ganzes Kapitel widmen die Herausgeber auch den Frauen und Frauenbildern in der RechtsRock-Szene. Kirsten Döhring und Renate Feldmann stellen erstmal fest, dass immerhin ein Drittel der RechtsRock-Szene Frauen sind. Eine Tatsache, die bis heute immer noch weitgehend nicht wahrgenommen wird und sicherlich auch darin begründet ist, dass das in der Öffentlichkeit verbreitete Bild von den Skins und Neonazis immer noch mit dem eines voll getrunkenen, glatzköpfigen und gröllenden Schlägers mit Bomberjacke, Fliegerstiefeln und Baseballschläger ist. Tatsächlich sind Frauen nur zu fünf Prozent an rechtsextremistischen Straftaten beteiligt.
Die beiden Autorinnen weisen darauf hin, dass sich innerhalb der extremen Rechten seit einiger Zeit vermehrt Frauen in eigenständigen Frauengruppen und - organisationen zusammenschließen. In der Skinszene hat sich z.B. der Skingirl Freundeskreis Deutschland herausgebildet und selbst in der NPD sind Frauenstammtische auf dem Vormarsch.
Im Musikbereich stellen die Frauen aber - wie in den vielen anderen Bereichen des RechtsRock (Label, Fanzines, Konzertorganisatoren etc.) - eine noch absolute Minderheit da. Lediglich vier Frauenbands haben die Autorinnen seit Anfang der 90er Jahre ermitteln können, deren Selbstverständnis in der Skinszene sie ausführlich und mit Zitaten darstellen. Auch wenn die Texte dieser Frauenbands weniger Blutrünstig daher kommen, stellen die Autorinnen fest: Extrem rechte Musikerinnen malen in ihren Texten ein Bild von „selbstbewussten, für nationalsozialistische Ideale kämpfenden Frauen“ (S.198) und stehen damit ihren männlichen Kameraden in der Verbreitung rassistischer und nationalsozialistischer Ideologien in nichts nach. Das wird auch deutlich, wenn von Frauen gemachte Fanzines vorgestellt werden,
In weiteren Kapiteln werden die Präsens und Vertriebswege für den RechtsRock im Internet untersucht und dargestellt. Ausführlich werden die internationalen Strukturen der RechtsRock-Szene behandelt und über die Situation in zahlreichen Ländern berichtet. Ein weiterer Beitrag befasst sich mit der politisch-soziologischen Einordnung der Skinheads und des RechtsRock entlang der Begriffe Szene, Stil, Subkultur oder Bewegung. Kenntnisreich befasst Liane M. Dubowy mit den zahlreichen Fanzines, stellt diese vor und betrachtet dabei insbesondere das Verhältnis dieser meist über Freundeskreise und rechten Platten- und Klamottenläden vertriebenen Zeitungen zwischen Subkultur und Politik.
Johannes Lohmann (Mitherausgeber von Fear of a Kanak Planet) und Hans Wanders gehen in ihrem Aufsatz auf die Entwicklung extrem rechter Ideologien in der Dark-Wave und Black-Metal-Szene ein, stellen wichtige Bands und Texte dieser Genres vor und skizzieren die Labels und Strukturen der Szene. (Empfehlenswert dazu auch das von Andreas Speit herausgegebene Buch: Ästhetische Mobilmachung, Dark-Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien) In diesen Musikszenen sind die Verbindungen zwischen rechten Ideologien und organisierter extremer Rechter kaum ausgeprägt. Während für die Skinszene Gewalt integraler Bestandteil ist, lehnen vor allem die Dark Waver physische Gewalt komplett ab. Kriegs- und Heldenverehrungen, Ästhetisierung von Gewalt, Mythen von Helden und Eliten und ein ausgeprägter Antimodernismus in Verbindung mit starken Bezügen zum Heidentum und zum Germanischen prägen diese Stilrichtungen und ihre Fangemeinden. Die Autoren sind zwar der Meinung, dass Dark Waver Rassismus und Antisemitismus nicht offen propagieren, aber angesichts der Verquickung mit rechten Ideologien fordern sie eine intensive szeneinterne Auseinandersetzung.
Für eine nicht-rechte Jugendkultur
In ihrem Aufsatz RechtsRock vor Ort vergleicht Heike Kleffner die Entwicklung und Strukturen in zwei unterschiedlich geprägten Regionen. Zum einen zeigt sie die Entwicklung der RechtsRock-Szene in dem ländlich geprägten Klein Bünzow, nördlich von Berlin gelegen in der Nähe von Anklam und Prenzlau. Die andere Region ist der Landkreis Lüneburg, in dessen Mitte die stark bürgerlich geprägte Universitäts- und Verwaltungsstadt Lüneburg liegt. Hier gibt es eine aktive und lebendige links-alternative Jugendszene, die auch immer wieder zu Gegenaktivitäten mobilisiert. Während im Stadtgebiet RechtsRock- und Nazi-Szene bislang wenig Fuß fassen konnten, haben sich in den umliegenden Dörfern rechte Kader eingelebt und „sind Teil der Dorfgemeinschaft“ (S.230). Hier sieht Kleffner kaum Unterschiede zur Situation im mecklenburgisch-vorpommerischen Umkreis von Anklam. Kleffner fordert daher verstärkte Bemühungen für eine nicht-rechte Jugendkultur. Eine Forderung, die sich sicherlich nicht nur an staatliche Stellen richtet, die verstärkt auch finanzielle Mittel für diese Aufgabe bereitstellen müssten. Es könnte auch eine Aufforderung an die Linke sein, auch mit kulturellen Mitteln verstärkt in den ländlichen Räumen Präsenz zu zeigen und dem RechtsRock eine emanzipatorische Alternative entgegenzustellen.
Gegenstrategien
Ausführlich werden in dem Buch RechtsRock auch Gegenstrategien vorgestellt. In jeweils eigenen Kapiteln werden verschiedene Projekte und Konzepte in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen aufgegriffen. Rolf Schulz betrachtet den Rechtsextremismus als Herausforderung für Schule und Unterricht, Claudia Hauck berichtet über Erfahrungen aus der außerschulischen politischen Bildung; ein ausführliches Interview mit dem HipHop-Projekt Brothers & Sisters Keepers ist ebenso enthalten wie die Auseinandersetzung um Konzepte und Netzwerke für eine Zivilgesellschaft. Auch über gewerkschaftliche Aktivitäten und Strategien gegen rechts wird berichtet. Wichtig ist auch, dass das Modell der
akzeptierenden Jugendarbeit mit Skins und Neonazis umfänglich diskutiert wird, ist dieses Instrument doch für viele kommunal Verantwortlichen immer noch die zentrale Antwort auf die Frage, was sie gegen deren - häufig auch tödlichen - Aktivitäten unternehmen.
Für die Herausgeber Dornbusch und Raabe ist dabei klar, dass es die eine, große Gegenstrategie nicht gibt, sondern das „viele kleine, verschiedene Wege“ (S.318) gegangen werden müssen und das es Patentrezepte nicht gibt. Wichtig ist den Herausgebern der Zusammenhang von Rechtsextremismus und den Diskursen der Mitte, in denen Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Flüchtlinge als „Schamrotzer“ dargestellt werden, die immer mehr zu einer Entsolidarisierung der Gesellschaft führen und soziales Denken diskreditieren. Erfolgreich können Strategien gegen neonazistische Strukturen daher nur sein, wenn sie sich auch gegen den sich ausbreitenden latenten Rassismus und Antisemitismus im Zentrum der Gesellschaft wenden. Vor diesem Hintergrund, so die Herausgeber, wird auch klar, dass es sich beim RechtsRock nicht (nur) um eine problematische Jugendkultur handelt, sondern als gesellschaftliches Problem begriffen werden muß.
Dirk Seifert
ak-analyse&kritik Nr.468, Dezember 2002,
www.akweb.de
www.rock-links.de
Soundtrack für den Volksempfänger Münstersche Zeitung, 15. April 2003
Von Frank Schuster
In den Swinging Sixties schwebte der Pop noch im siebten Himmel. Da konnten Bands wie „The Who“ ganz ungeniert ihre Hymne „My Generation“ anstimmen und singen: „The Kids are alright.“ Jungsein war Rebellion gegen das Spießertum der Erwachsenen. Teens und Twens gaben frech die Parole aus: „Traue keinem über dreißig“ und aus Protest gegen den rechten Muff der Elterngeneration bewegte man sich vorzugsweise am linken Rand des politischen Spektrums.
Das hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Immer wieder war seit den frühen Achtzigern der so genannte Rechtsrock in die Schlagzeilen geraten. Bands wie „Störkraft“, „Kahlkopf“ oder „Böhse Onkelz“ waren plötzlich in aller Munde. Als die Asylbewerberheime in Rostock und Hoyerswerda brannten, überschrieb Musikjournalist Diedrich Diederichsen einen berühmt gewordenen Spex-Artikel mit: „The kids are not alright.“ Einer von vielen traurigen Höhepunkten aus einer ganzen Kette von Vorfällen, in denen Neonazis Jagd auf Menschen machten, die nicht in ihr Weltbild passten: Am 12. Juni 2000 ermordete eine Gruppe Jugendlicher in Dessau den Afrodeutschen Adriano Alberto. Sie hatten sich zuvor mit der Musik der Band „Landser“ hochgeputscht
Nachzulesen ist dies alles in dem Buch „RechtsRock - Bestandsaufnahme und Gegenstrategien“, das jetzt im münsterschen Unrast-Verlag erschienen ist. Und alle Achtung: Ein so umfangreiches Werk über das Phänomen Nazirock hat es bisher auf dem deutschen Markt noch nicht gegeben. Die beiden Herausgeber Christian Dornbusch und Jan Raabe haben zusammen mit ihren Co-Autoren eine so stattliche Materialfülle zusammengetragen, dass der Band mit über 500 Seiten auf Katalogdicke angewachsen ist.
Alle wichtigen Aspekte des Rechtsrocks werden darin behandelt. Insgesamt 20 Aufsätze zeichnen in detaillierter wie anschaulicher Weise Entstehung, Geschichte, Hintergründe und Spielarten der Rechtsradikalen-Musik nach. Zudem werden verschiedene Gegenstrategien vorgestellt - bis hin zu pädagogischen Maßnahmen für Schule und Unterricht. Abgerundet wird das Ganze mit einem umfangreichen Verzeichnis am Ende des Buches, das Musikgruppen, Fanzines und geheime Codes aus dem rechten Milieu auflistet. Eine wahre Großleistung auf dem Gebiet - der Band gehört in jedes Bücherregal!
antifa – west : Neues Handbuch zum RechtsRock
"RechtsRock - Bestandsaufnahme und Gegenstrategien". Hinter dem schlichten Titel, der fast an eine Diplomarbeit denken lässt, verbirgt sich ein 550 Seiten starkes Standardwerk zur neonazistischen Musikszene.
RechtsRock muss nicht notwendigerweise von der ersten bis zur letzten Seite gelesen werden. Man kann einfach bei Michael Weiss Beitrag "Deutschland im September" beginnen. Der Aufsatz beschreibt beispielhaft und schlaglichtartig die Aktivitäten der Rechtsrockszene in einem Monat des Jahres 1999. Allein am 4. September verzeichnet er ein Großkonzert bei Dessau, an dem 2000 neonazistische Skins teilnehmen, eine Party mit Livemusik in Neumünster, Konzerte in Düsseldorf und im Westerwald. Der 14. September: Ein Tag des Hetzjagdprozesses in Guben. Mehrere Neonazis waren mit Autos durch die Stadt geprescht und hatten eine CD der Szenekultband "Landser" gehört, als sie auf drei Algerier trafen. Aufgeputscht durch die neonazistischen Texte, jagten sie die Migranten durch die Stadt. Omar Ben Noui überlebte den Tag nicht.
Mehr als ein Nachschlagewerk
RechtsRock beschreibt und analysiert diese Begleitmusik zu Mord und Totschlag: Die Ideologie, Produzenten und Konsumenten, die Rolle der Frauen, Aktivitäten im Internet, Zeitschriften oder Ausdrucksformen, Codes und Outfit der Szene. Allein rund 100 Seiten enthalten umfangreiche Register und Verzeichnisse: Kürzel, Codes und Klamotten, Rechtsrock-Bands, Rechtsrocklabels und die deutschsprachigen Fanzines. Somit ist das wohl bislang umfangreichste Handbuch zum Thema entstanden. Es bietet eine schnelle und präzise Orientierung für die Praxis.
Die Veröffentlichung ist jedoch mehr als ein Nachschlagewerk. Sie analysiert neue Entwicklungen der Rechts-Rock-Szene und verschiedene Aspekte der Musik. Rechtsrock bildet nicht nur den musikalischen Rahmen für extrem rechte Veranstaltungen. Die Szene ist längst zu einer eigenständigen Bewegung mit eigenem Lifestyle gewachsen, die sich nicht unbedingt von NPD und Freien Kameradschaften vereinnahmen läßt. Gleichwohl ist die Schnittmenge groß und organisierte Neonazis, vor allem aus der mittlerweile verbotenen Organisation "Blood & Honour", Freien Kameradschaften oder Hammerskins sind die Drahtzieher im Hintergrund.
Die zitierten Texte der Neonazibands und die zahlreichen Abbildungen aus Booklets und Fanzines vermögen schon beim Durchblättern des Bandes Abscheu zu erregen. Ablehnung reicht jedoch nicht aus, um auch Gegenstrategien zu entwickeln. Darum arbeiten die Herausgeber Christian Dornbusch und Jan Raabe vor allem die Faszination und identitätsstiftende Funktion für Jugendliche heraus, die die Erlebniswelt des Rechts-Rock auszeichnet. Obwohl aus antifaschistischer Perspektive geschrieben, gelingt ihnen dies mit dem notwendigen Abstand zum Thema. Sie verweisen darauf, dass der rechte Sound für seine Hörer authentisch ist und sich nicht auf eine besonders perfide Form politischer Suggestion reduzieren läßt.
Gegenstrategien
Die Herausgeber wollten ein praktisches Buch machen, für diejenigen, die sich gegen Rassimus und Nationalismus engagieren. Ein umfangreicher Teil ist darum den Gegenstrategien gewidmet. Wer allerdings Patentrezepte erwartet, wird enttäuscht sein. Die AutorInnen setzen auf viele kleine Wege und Anregungen. Sie problematisieren Konzepte der Jugendarbeit ebenso wie die Verbotspolitik oder antifaschistische Vorgehensweisen und zeigen anhand zahlreicher Projekte Lösungsansätze auf. Ein Interview mit der Gruppe Brothers & Sisters Keepers beleuchtet etwa die selbstorganisierte Initiative afro-deutscher Hiphop-Musiker. Am Beispiel des Vereins "Miteinander" werden Projekte und Netzwerkarbeit gegen Fremdenfeindlichkeit in Sachsen-Anhalt beschrieben. Schulische und außerschulische Bildungsarbeit findet ebenso Berücksichtigung wie die Möglichkeiten und Perspektiven einer antifaschistischen Zeitschrift, dem Antifaschistischen Info Blatt. Zuletzt gibt eine oberflächlich geratene Adressenlisten gegen Rassimus und Rechtsextremismus Hinweise für konkretes Engagement.
Das Buch ist allen zu empfehlen, die mit Rechts-Rock konfrontiert sind und sich darüber informieren wollen. Wer sich dagegen engagieren will, findet hier das Handwerkszeug.
http://www.antifa-west.org/x01aktuelles/rrbuch
weitere Bücher zum Thema:
Andreas Speit (Hg.) - Ästhetische Mobilmachung Dark-Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien
White Noise Rechts-Rock, Skinhead-Musik, Blood & Honour - Einblicke in die internationale Neonazi-Musik-Szene
alle Bücher der:
reihe antifaschistischer texte