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Cover in groß "Im Bauch der Bestie"
Hein Grosskopf

Im Bauch der Bestie

unrast roman 9

Übersetzung aus dem südafrikanischen Englisch von Jörg W. Rademacher

ISBN: 3-928300-76-8
Ausstattung: ebr., 212 Seiten
Preis: 16.00 Euro

„Spannungsorientierter und gesellschaftskritischer Politthriller“
ekz-Informationsdienst.


Paul Mandelson, weißer Südafrikaner, vor 15 Jahren aus der Armee dessertiert, nachdem er einen Leutnant erschossen hatte, und mittlerweile Manager eines Supermarktes in England wird eines Morgens beim Zeitungslesen plötzlich mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Ein Unbekannter spielt ihm geheime Militärakten zu und bedroht ihn fortan. Paul flieht mit seiner Freundin Anthea quer durch England, Polizei und Verfolger im Nacken, bis es nach 14 Tagen in der einsamen Schneelandschaft von Nord Yorkshire zum spektakulären Showdown kommt.
Ein spannungsgeladener Thriller über die schwere Last der Schuld und die Unmöglichkeit, der eigenen Biographie zu entkommen.

Leseprobe

Freitag, 6. Dezember
Mr. Fredericks, ich weiß, Sie haben über Paul und mich immer Bescheid gewußt, na ja, ich bekomme jetzt sein Baby. Als ich ihm gestern abend davon erzählt habe, hat er etwas zuviel getrunken und ist auf der Treppe gestürzt. Den Kopf hat er sich ziemlich schlimm ramponiert, und ich glaube, den Knöchel gebrochen. … Ja, ich rufe jetzt von seiner Wohnung an. Ich bring ihn gleich zum Arzt. … Ja, natürlich lasse ich Sie wissen, was er sagt.
Mir … na ja, Sie wissen, wie das bei Frauen ist, Mr. Fredericks, im Moment fühle ich mich schrecklich krank, muß die Morgenübelkeit sein. Ich dachte, meine Periode sei sehr spät und bekam dann diese furchtbare Übelkeit im Magen … ja, natürlich, ich werde es den Laden wissen lassen. … Oh, ein Ersatz ist, glaube ich, nicht nötig. Der junge Mark Sheridan kam anscheinend ganz gut klar, als ich letztes Jahr im Urlaub war. Allzu lange dürfte es nicht dauern, offensichtlich dauert es bei den meisten Frauen nur ein paar Wochen. … Aber sicher, dankeschön, Mr. Fredericks, das werde ich tun, und ich werde Paul von Ihnen grüßen. …
Na ja, er hat mich noch nicht gefragt, Mr. Fredericks, und in der Hinsicht bin ich wirklich recht altmodisch. … Ja, natürlich, und vielen Dank für Ihr Verständnis, Mr. Fredericks.«
»Hast du den Verstand verloren, verdammt!? Ist dir klar, was zum Teufel du da tust?«
»Ein einfaches Dankeschön hätte genügt. Schau her, mein Freund, du brauchst einen Grund, warum du nicht arbeitest, und ich hab dir eben einen verschafft. … Wenn das alles hier vorbei ist, brauchst du trotzdem noch einen Job.«
Paul sprang auf und begann herumzuhüpfen. Es passierte zu viel, er kam nicht mehr mit. Sein Verstand zog ihn erst in die eine Richtung, dann die andere, erfaßte Gedankenfetzen, die, halb durchdacht, schon von neuen gejagt wurden, die nach seiner Aufmerksamkeit schrien.
»Du bist nicht wirklich …, oder?«
»Was? Schwanger? … Nein. So viel ich weiß nicht. Fällig bin ich Ende nächster Woche, dann sind wir schlauer.«
»Wie … wie hast du es geschafft, das alles zu erfinden? Ich meine, … wie hast du gewußt, was du sagen mußtest, wo kam das alles her?«
»Ich weiß nicht. Bevor ich kam, hab ich gewußt, daß ich wahrscheinlich irgendwie rumlügen müßte, um dich zu decken – oder besser, ich hab gehofft, daß ich müßte. … Und Fredericks ist so ein alter Waschlappen, all die Frauen, die um ihn rumschwirren und auf ihre Frauenprobleme anspielen. Braucht man bloß eine Periode zu erwähnen, und schon wird er weich.«
Obwohl sie fast sicher wußte, daß sie in Lebensgefahr schwebten, war Anthea sehr mit sich zufrieden. Sie hielt das Täuschungsmanöver für besonders gut gelungen und begriff, es würde ihnen bis zu einem Monat Zeit geben, und bis dahin wäre diese Angelegenheit bestimmt geregelt. Sie hatte sich sehr gut geschlagen, bedachte man, wie sie innerhalb weniger Stunden damit hatte zurechtkommen müssen, daß der Mann, den sie zu kennen und lieben meinte, das Leben eines anderen auf dem Gewissen hatte, von einem Mörder bedroht wurde und sie darüber hinaus fast umgebracht hatte. Der Gedanke erinnerte sie daran, daß sie bis jetzt nicht wußte, worum es bei dieser Angelegenheit ging. Ihre Neugier würde auf einen sicheren Moment warten müssen.
»Komm schon, wir müssen los.«
»He, wovon redest du?«
»Paul, einer versucht, dich umzubringen, ja? Hast du vor, hier zu warten, bis er kommt und es tut, oder möchtest du lieber am Leben bleiben?«
»Aber wir können nicht einfach gehen … wo können wir hin?«
»Mit dem Arzt fangen wir an. Dein Fuß muß untersucht werden, und es wäre besser, wenn jemand nachsieht. … Du rufst an, bittest um einen Termin – denk dran zu sagen, daß du dir den Kopf gestoßen hast, dann kommst du schneller dran – während ich ein bißchen Ordnung schaffe.«
»Aber ich habe mir nicht den Kopf gestoßen.«
»Natürlich nicht, um Gottes willen, und ich bin nicht schwanger. … Schau, streite nicht mit mir, tu's einfach.«
Sie konnte den Kühlschrank nicht hochheben, und als sie darüber stieg, nachdem sie in der Küche aufgeräumt hatte, war Paul bereits im Schlafzimmer, stopfte Kleider in eine Tasche.
»Schlag dir das aus dem Kopf. Du gehst hier nicht mit einer Tasche raus. … Denk nach, Paul, wahrscheinlich beobachtet er uns. Wir gehen hier einfach raus und zum Arzt, und dann werden wir sehen. … Wann ist der Termin?«
»Sie meinte sofort. Sie werden mich dazwischennehmen.«
»Na ja, dann komm schon.« Als sie sich bückte, um die Blätter in die Handtasche zu stecken, bemerkte sie, wie Paul hinter die Hifi-Anlage nach dem Stoffbeutel griff. Einen Moment lang wollte sie ihn zur Rede stellen, sah ihm aber stattdessen in die Augen, als er ihn in die Innentasche der Jacke steckte. Er mißachtete ihre ausgestreckte Hand und humpelte gequält zur Tür.
***
»Paul, was ist passiert?«
»Was ist wann passiert? … Oh, … nicht jetzt, bitte.«
Anthea wandte sich ab, um die Enttäuschung in ihrem Gesicht zu verbergen. Sie stand am Fenster des Hotelzimmers, schaute nach draußen auf die Straße, wie sie es in Filmen gesehen hatte, durch die winzige Ritze mit klarem Licht, die den Spitzenvorhang von der Wand trennte. Auf der Autobahn war sie sehr langsam gefahren, hatte, sooft sie konnte, in den Rückspiegel geschaut, wußte aber, daß sie niemals herausfinden würde, ob man sie verfolgte. Das Hotel lag 200 Yards abseits der vielbefahrenen A 61 zwischen Leeds und Wakefield. Früher war es das bevorzugte Quartier für Aufsichtsratsmitglieder auf der Durchreise gewesen, aber jetzt auf dem absteigenden Ast, und die meisten Autos auf dem Parkplatz waren firmeneigene Vauxhall Cavaliers und Ford Escorts wie ihr eigener.
Es hatte sie eine Menge Überzeugungsarbeit gekostet, die Ärztin davon abzuhalten, Paul zu Röntgenaufnahmen an Kopf und Fuß ins örtliche Krankenhaus zu überweisen. Sie hatte den Bluterguß am Fuß bandagiert, gute Arbeit geleistet, aber jetzt war er zu einem pulsierenden Ballon angeschwollen. Statt die ihm verschriebenen starken Schmerztöter zu nehmen, lag Paul auf dem Doppelbett, den Fuß auf vier Kopf- und beide Stuhlkissen gestützt, rauchte einen Joint. Anthea hatte mit ihm gestritten, mußte dann aber zustimmen, daß das Dihydrocodein ihm die Gedanken noch mehr durcheinandergewürfelt hätte.
»Anth, ich versuche nicht, dich rauszuhalten, es ist nur … es ist nur, wir sollten darauf achten, was zum Teufel jetzt passiert. Wenn wir Zeit haben, erzähl ich dir alles, nur jetzt nicht, bitte.
Schau, du hast mir schon verdammt viel geholfen, und dafür bin ich dir wirklich dankbar, aber es ist Zeit, daß du verschwindest. Dieser Typ versucht, mich umzubringen, nicht dich, also verschwinde, solange du kannst. … Das ist nicht dein Kampf, das hat mit dir nichts zu tun.«
»Was mein Kampf ist, bestimme ich. … Schau dich nur an, liegst da, ziehst dir den Kopf zu, und ein Bein ist so dick wie ein Fußball. Beinlos auf jede erdenkliche Art. Was willst du tun, da liegen und Dope rauchen und dir Essen vom Zimmerservice bringen lassen, bis er anklopft? Sei nicht so verdammt dumm! … Paul, das ist mein Kampf, weil ich es sage. Vielleicht paßt es dir nicht, Mr. Regional Manager Paul Mandelson, aber meine Hilfe brauchst du trotzdem. Und selbst wenn nicht, dann wäre ich trotzdem da, also kannst du sie genausogut annehmen.«
»Anthea, das ist mein Ernst, um Gottes willen! Das ist nicht The Bill, sondern ein realer Kampf auf Leben und Tod, kein Spiel!«
»Du hast recht.«
Paul wollte sie anstarren, einschüchtern, mußte schließlich aber als erster den Blick abwenden. »Was also schlägst du jetzt vor?«
»Ich weiß nicht. Du bist der Soldat, nicht ich. Oder warst der Soldat. … Ich weiß nur, allein hast du keine Chance. Denk nur daran, wie ich dich heute morgen gefunden habe. Du lagst auf dem Sofa, total zu, die Tür offen … ich hätte dich hundertmal umbringen können.«
»Die Tür. … Ja, die Tür war offen, oder? Warum hat er mich dann nicht umgebracht? Vorgestern hat er mir eine Notiz geschrieben, sie bei den Fotokopien hinterlassen. … Ich soll wissen, er kann in meinem Leben kommen und gehen, wie es ihm gefällt. Warum? Worauf will er hinaus? Er hätte mich umbringen können, hätte es sofort tun, statt der Papiere eine Bombe in die Zeitung legen können. … Ich soll es wissen, das will er. Ich soll wissen, daß er es weiß, und soll leiden, wahnsinnig werden, das will er.
Wen die Götter zerstören wollen, den treiben sie zuerst zum Wahnsinn. Heißt nicht die Redensart so? Das macht er doch. Er will mit mir spielen, wie die Katze mit der Maus. … Verdammt, ich soll fliehen, das will er, ich soll fliehen, das will er, damit er mit mir spielen kann, so ist das. … Ich soll wissen, warum er mich umbringt, soll nicht nur sterben, er will auch noch sicher sein – genießen –, daß ich weiß warum. … Vielleicht hat er nicht mal vor, mich umzubringen, will mir nur das Leben zur Hölle machen. Na ja, das hat er schon verdammt gut geschafft. … DU BASTARD!!!«
Von der Gewalttätigkeit, der Qual des Schreis war sie benommen. Sein Gesicht war so stark verzerrt, sie hatte Angst, er könnte den Kiefer schädigen. Die Lippen verschwanden in einer dünnen weißen Linie, und die Nasenlöcher blähten sich, als ob er den Wind auf die Fährte des Feindes hin überprüfte. Am schlimmsten waren die Augen; winzige, glühende Scheiben, an der Oberfläche brodelten Haßbläschen, die Augen eines Mannes, mit der Fähigkeit, das zu tun, wovon sie in den fotokopierten Dokumenten gelesen hatte.
Als er wieder sprach, klang die normale Stimme unangemessen, außerstande, an sich selber zu glauben in dieser Atmosphäre: noch immer beherrscht von den schockartigen Nachwirkungen seines Schreis. »Er hätte mich umbringen können, hat es aber nicht getan. Wir wissen nicht, ob er mich überhaupt umbringen will. Aber er muß es wollen, warum sonst hätte er den ganzen Aufwand getrieben? Wenn er nur mein Leben vermasseln, mit meinem Verstand spielen wollte, hätte er die Papiere leicht mit der Post schicken können oder an eine Lokalzeitung. Das hätte den Zweck genausogut erfüllt, wenn nicht besser. Er hätte mich ruinieren können, aber nein, er kommt her, geht eine ganze Menge Risiken ein, um herzukommen. … Wenn er nur mit mir hätte spielen wollen, hätte er es besser und leichter haben können, ohne überhaupt Risiken einzugehen, also muß er mich umbringen wollen, zu guter Letzt.«
»Wie wäre es, wenn er dich nur leiden sehen will – hier –, wo alles passiert? Wenn du leiden sollst, er dich leiden lassen will, dann will er dich bestimmt dabei auch sehen können, oder?«
»Ja, und was wäre, wenn der Himmel einstürzte? Dann würden wir alle blaue Hütchen tragen. … Was wenn können wir noch spielen, bis wir schwarz werden. Wir können ihn nur fragen, und eine Telefonnummer hat er nicht hinterlassen.«
Sie nahm auf dem Doppelbett Platz, ihm den Rücken zugekehrt, um den Schmerz in ihren Augen und an den Mundwinkeln zu verbergen. Ohne ein Wort holte sie den Stoffbeutel unter seinem Kopfkissen hervor und rollte sich einen Joint. Nach ein paar Momenten kickte sie die Schuhe weg und legte sich neben ihn. Sie blies eine lange, dünne Rauchfahne gegen die Decke, reichte den Bomber dann weiter, ohne seine ausgestreckten Finger zu berühren.

Freitag, 6. Dezember
Die Nachtruhe hatte Pauls Stimmung nicht verbessert. Der Fuß hatte ihm nur wenig Schlaf gegönnt, unangenehme Stunden, angefüllt mit unbekannten Ängsten und grausigen Vorahnungen. Im Mund ein Pelz, Nachwirkung des Koffeins und Nikotins von gestern, hielt den Luftstrom auf, beschwerte die schale Mischung, die die Lungen erreichte, mit seinem pudrigen Eigengewicht. Wenn er die Lungen leerte, entdeckte die Nase einen Geruch, der dem übelschmeckenden Mund entgangen war: Er brachte die Fäulnis der Verwesung aus den Eingeweiden nach oben.
Eine furchtbare Wut wuchs in seiner Brust und erfüllte ihn. Die gleiche Wut, die, gegen ihn gerichtet, so viele Momente seines Schlafs beherrscht hatte. Er konnte sie nicht kontrollieren und bekam Angst, weil er von ihr besessen war. Die geballten Fäuste sandten dringende Botschaften der Qual aus: die Arme entlang, bis es sich so anfühlte, als zitterte ihm jeder Muskel im Körper: gebadet in beißendem Schweiß. Hinter den zusammengekniffenen Lidern sah er eine Welt in Rot, hell erleuchtet von blütenweißen Blitzen, als eine Wolke des Nichts – die Öffnung eines schwarzen Lochs – sogar die nadelstichigen Lichter in einer Welt der totalen Leere verdeckte.
»BASTAAAAAARD!!!«
Als Anthea den Schock so weit verarbeitet hatte, daß sie an sein Wohlbefinden denken konnte, und die Nachttischlampe angeknipst hatte, war sein Gesicht schweißüberströmt, die Augen standen wild hervor, während er mit jedem Funken Energie etwas an der Decke fixierte. Ihre Hand wollte herüberfassen, zögernd, um das angespannte, haßerfüllte Raubtier zu streicheln.
»Du Bastard, du scheiß Bastard.« Pauls Züge bewahrten die Vehemenz der größten Wut etwas länger, bis sein Gehirn das Wimmern erkannte: Es kam von irgendwo jenseits des Denkens, einem Wesen, dessen Existenz sogar der Kopf einfach akzeptieren mußte.
Sie sah das Gesicht auseinanderbrechen, noch vollständiger als ein Gebäude, wenn die Dynamitstöße die Statik zerfetzt haben. Hier gab es keine Trümmer, um einen Zuschauer daran zu erinnern, daß die zerbrochenen Backsteine einmal ein stolzes Wahrzeichen menschlichen Ehrgeizes gewesen waren, keine Größe in der Endgültigkeit seines Falls.
Schier überwältigt von der Nichtigkeit, die der Körper auszustrahlen schien, als sie ihn umarmte, galt ihr erster Gedanke dem Gefühl des Verlustes, das schwer auf ihrer Brust lastete.
Sekundenbruchteile nur ließ er es zu, daß sein Körper mit dem ihren verschmolz, und wich dann buchstäblich vor ihr zurück. Er besaß nicht einmal die Kraft, sie wegzustoßen, verschwand nur allmählich in sich selber, bis der Raum zwischen ihnen ein unüberbrückbarer Abgrund geworden war.
»Paul … Paul … «
»Nein, laß mich … laß mich nur allein … «
Anthea fühlte einen winzigen Funken Stolz in dieser mitleiderregenden Zurückweisung. Sie trat ins Leere und nahm ihn in die Arme, verschränkte die Handgelenke fest ineinander, um den schwachen Versuchen, sie wegzustoßen, zu widerstehen. Er wand die Schultern, als wolle er ihrem Halt entkommen, die schwachen Hände langten hinter sie, um ihren Griff aufzubrechen. Er war machtlos gegen ihre Entschlossenheit, den Bau der Mauer selbstgerechter Selbstzerstörung zu stoppen. Viele lange Minuten bekämpfte er sie mit dem Mittel des Rückzugs, bot ihrem Wunsch, ihm Halt und Trost zu spenden, nur die kalte, leblose Form seiner Leere. Aber allmählich drang ihre Wärme zu ihm vor, ließ ihn ihre Menschlichkeit fühlen, und die eigene. So langsam, daß keiner die Veränderung wahrnahm, bis sie plötzlich nur noch feststellten, die Lücke hatte sich geschlossen. Paul klammerte sich an sie, als wolle er ihr unter die Haut kriechen, sich vollkommen in der Wärme, die ihn umgab, verlieren, und verschwand langsam in einem sicheren, traumlosen Kokon des Schlafes, die Nase unter ihrem Arm vergraben.
Diesmal erwachte Anthea als erste, aus Pauls Armen geschleudert durch die grausige Vision eines Paul in Rambogestalt, der den Kommandanten in den Rücken schoß, das Gesicht zu einem üblen Grinsen verzerrt. In der relativen Sicherheit des Wohlfahrtsstaats der Nachkriegszeit aufgewachsen, hatte sie keine Vorstellung davon, was Menschen dazu trieb, einander umzubringen. Den Luxus einer Atempause, um für bestimmte Ziele zu kämpfen, kannte sie, wie die meisten ihrer Freunde, nur vom Hörensagen. Mit 16 stand es außer Frage, daß sie die Schule verließ, und in den neun harten Jahren, in denen sie von der Verkaufstheke zum Managersessel aufgestiegen war, hatte sie dauernd über die Schulter blicken müssen, um sicherzugehen, daß sie noch vorne war. Sie hatte keine Zeit gehabt, um auf die Straße zu gehen oder auch nur herauszufinden, warum die Leute auf die Straße gingen. Mit der Poll Tax war sie nicht einverstanden gewesen, hatte mit den übrigen in der Kantine gestöhnt, sie aber bezahlt, wie die meisten in der Kantine. Ihre Menschlichkeit war nicht von Ideologien und Gemeinplätzen eingegrenzt, und auch wenn sie daher verstand, warum manche zu Dieben und andere straffällig wurden, fehlte ihr im Leben wie im Verstand jeder Anhaltspunkt, um sich die totale Zerstörung auch nur vorzustellen.
Auf Pauls Gesicht erschien ein zusammengepreßtes Runzeln, und die Hand begann, nach ihr Ausschau zu halten. Sie zog sich zurück, voller Schrecken vor dem Ding, das da nach ihr griff. Den Mund zu einer Grimasse der Abscheu verzogen, richtete sie den gesenkten Blick langsam auf sein Gesicht. Dessen Furchen wurden immer tiefer, und aus dem Mund hörte sie das schwache Brummen einer Mischmaschine. Seine Hand fand sie, und Anthea widerstand weder ihm noch sich selbst. Trotz des Schweißes, der ihm nun übers Gesicht herunterzurinnen begann, war sie schockiert von dessen Kälte. Es schien zahllosen unsichtbaren Stricken ausgeliefert, von den Teufeln aus der Hölle in unzählige Richtungen gezogen. Der ganze Körper begann, sich zu bewegen, zu vibrieren, als ob unter der Oberfläche ein Bauteil aus den Fugengeraten wäre – die Hand, mit der er sie hielt, öffnete und schloß sich wie der Arm eines verrückt gewordenen Roboters.


der Autor
Hein Grosskopf
ist Südafrikaner, geboren 1965 in Johannesburg. 1986 entschied er sich nach abgebrochenem Studium und Ausbildung zum Krankenpfleger, sein Land zu verlassen, um sich in Zambia dem ANC anzuschließen. Er machte es sich zur Aufgabe, das weiße Terrorregime in seiner Heimat als Militanter des Umkhonto We Sizwe (Speer der Nation) zu bekämpfen. In Zambia avanciert er zum Führungskader und wird nach einer Attacke auf eine Militärkaserne, die von den südafrikanischen Behörden seinem Kommando zugeschrieben wird, mit großem Aufwand steckbrieflich gesucht.
1990 verläßt er den militärischen Arm des ANC und arbeitet im Repatriierungskommittee des ANC in Zambia, dessen Aufgaben ein Jahr später allerdings von der UNHCR übernommen werden.
Sein Aufenthalt in Zambia wurde immer schwieriger, da er von den Südafrikanischen Militärs immer wieder zum Vorwand benutzt wurde, um tief auf zambisches Territorium vorzudringen.
Mit Hilfe des britischen Auslandsgeheimdienstes MI5 und dem diplomatischen Einsatz zambischer Behörden, gelingt es ihm, nach Großbritannien zu exilieren und dort Asyl gewährt zu bekommen. Mindestens einmal wurden ihm Auftragskiller nach Europa hinterhergeschickt, zweimal wurde er vom britischen Geheimdienst aufgefordert, seinen Wohnort aus Sicherheitsgründen zu wechseln.
Nach dem Ende des Apartheidregimes entschied sich Hein Grosskopf in England zu bleiben, weil er bis heute keine Möglichkeit sieht, in Südafrika zu leben, ohne sein Leben zu gefährden. Er studiert Sozialarbeit und arbeitet in einem Knastprojekt.
Im Unrast Verlag erschienen seine zwei bisher geschriebenen Thriller in deutscher Übersetzung, in denen Grosskopf äußerst spannend einen Teil seiner Geschichte und der Geschichte seines Landes verarbeitet.
Im Auftrag der Freiheit (Unrast, 1995) schildert in realistischer Spannung, den Kampf eines Widerstandskämpfers gegen das Apartheidregime. Sein gerade erschienener Thriller Im Bauch der Bestie (Unrast, 1998) handelt von der Unfähigkeit der Vergangenheitsbewältigung eines fiktiven südafrikanischen Militärs in britischem Exil.


Bücher von Hein Grosskopf im Überblick
Hein Grosskopf – Im Auftrag der Freiheit
Hein Grosskopf – Im Bauch der Bestie